Kate­go­rien

Bologna-Bashing: Wie wichtig ist das Auslands­se­mester im Studium wirk­lich? Exper­ten­ge­spräch mit Dr. Eva Reich­mann

Published On: 26. August 2012Cate­go­ries: Führung, Mensch & Orga­ni­sa­tion

Letzte Woche war in diesem Blog von zu bunten Bachelor-Cock­­tails die Rede. Heute habe ich die Bildungs­expertin Eva Reich­mann zum Gespräch über das Thema Auslands­se­mester im Bachelor gebeten. Im Mittel­punkt steht einer der Haupt­kri­tik­punkte der Bologna-Kritiker: Die Tatsache, dass weniger Studie­rende ins Ausland gehen als es die Ziel­marken der Experten vorsahen.

Ist das wirk­lich  so schlimm?, Frau Reich­mann?

Ein Studi­en­auf­ent­halt im Ausland würde durch das neue System verhin­dert, heißt es. Dieser Mangel wird als erstes und am lautesten ange­pran­gert. Tatsache ist, dass noch nie so viele Studie­rende deut­scher Hoch­schulen ein Semester im Ausland absol­viert haben, wie heute. Von einer Verhin­de­rung kann also keine Rede sein — die Zahl der Studie­renden mit Auslands­se­mester ist seit Einfüh­rung der Studi­en­re­form konti­nu­ier­lich gestiegen. Aller­dings hatten eifrige Bildungs­experten von vorne­herein eine noch höhere Zahl erwartet — die eben (noch) nicht erreicht wurde. Das erin­nert ein wenig an Olympia: da wird auf guten Athleten herum­ge­hackt, nur weil die ange­peilte (und völlig unrea­lis­ti­sche) Gesamt­me­dail­len­zahl von über 80 Medaillen nicht erreicht worden ist. Jeder Projekt­ma­nager lernt in der Ausbil­dung, Ziele so zu formu­lieren, dass sie auch realis­tisch, das heißt, mit den zur Verfü­gung stehenden Mitteln und inner­halb der gege­benen Rahmen­be­din­gungen, erreichbar sind. Im Falle der Zahl der Studie­renden, die ins Ausland gehen wollen, hat man wohl genau an dieser Stelle gepatzt: die Zahl der Studie­renden, die ins Ausland gehen sollen, ist zu hoch ange­setzt.

Was ist denn die Ursache, dass viele dann doch zu Hause bleiben?
Das wesent­liche Problem ist, dass sich ein Student gar nicht so ohne weiteres an einer anderen Univer­sität im Ausland einglie­dern kann. Wir Deut­schen haben beson­ders rigide Vorschriften, halten unsere Inhalte für das einzig Wahre. Wenn Aufbau, Inhalt und Methoden eines auslän­di­schen Studi­en­gangs nicht exakt den Vorgaben der Heimat­hoch­schule entspre­chen, werden Studi­en­leis­tungen nicht aner­kannt — egal, ob sie an einer Elite­uni­ver­sität oder anderswo erworben wurden. Und oft ist es eine rein mathe­ma­ti­sche Ange­le­gen­heit: wenn in Deutsch­land 30 Arbeits­stunden für 1 Leis­tungs­punkt fest­ge­legt wurden, hat der gleiche Studi­en­gang mit nur 28 Stunden für 1 Leis­tungs­punkt eben keine Chance auf Anrech­nung.
Dabei ist es offen­sicht­lich, dass wir nicht die besten Absol­venten produ­zieren. Es fehlt an Kompa­ti­bi­lität von Studi­en­leis­tungen im In- und Ausland, Studi­en­leis­tungen im Ausland sind kaum vergleichbar und werden selten ange­rechnet.

Was sagen denn die Studenten selbst, warum sie nicht ins Ausland gehen?
Reich­mann: Ein Auslands­se­mester bedeutet, Gewohntes aufzu­geben, Freunde und Familie zu verlassen, Unsi­cher­heit in Kauf zu nehmen. Viel­leicht wollen viele Studie­rende das nicht — zumin­dest nicht im Bachelor. Viel­leicht nicht inner­halb der ersten drei Semester, wo man sich selbst erst an eine neue Situa­tion (Studium) gewöhnen muss. Viel­leicht nicht in den späteren Semes­tern, wo man soziale Kontakte aufge­baut hat, usw. Wenn Leis­tungen nicht vergleichbar sind, über­schreitet jede/r Studie­rende mit einem Auslands­se­mester die Regel­stu­di­en­zeit — jammern die Bologna-Kritiker.
Es gibt keine zuver­läs­sigen Zahlen darüber, wie viele Studie­rende für sich selbst ein Auslands­se­mester wünschen oder es zumin­dest für wichtig oder erstre­bens­wert halten. Es gibt nur Zahlen, die sich Bildungs­experten ausge­dacht haben…

Kann es nicht auch so sein: Auslands­se­mester bringt Lebens­er­fah­rung, nicht Studi­en­leis­tung? Könnte man nicht auch so mehr Studenten für den Gang ins Ausland gewinnen?
Reich­mann: Ein Auslands­se­mester dient nur in geringem Maß dem Erwerb von Studi­en­leis­tungen. Schaut man sich an, wo die meisten Erasmus-Studie­­renden ihr Auslands­se­mester verbringen, fällt auf, dass Univer­si­täten in Spanien oder Italien Spit­zen­reiter sind. Studie­rende wollen in die Sonne, ans Meer, in eine attrak­tive Stadt — kurz, sie wollen in einem eher urlaubs­mä­ßigen Ambi­ente den einen oder anderen Leis­tungs­punkt erwerben. Das ist meines Erach­tens völlig legitim — denn für eine spätere beruf­liche Tätig­keit ist es eher wichtig, durch Leben im Ausland inter­kul­tu­relle Kompe­tenz zu erwerben, als 30 Leis­tungs­punkte für ein x‑beliebiges Fach. In den aller­we­nigsten Fällen wird eine Hoch­schule für ein Auslands­se­mester nach der Anre­chungs­fä­hig­keit an der eigenen deut­schen Hoch­schule ausge­sucht.

Auslands­se­mester kosten auch Geld – auch das höre ich oft. Und das Geld hat nicht jeder
Reich­mann: Allein die Orga­ni­sa­ti­ons­ar­beit im Vorfeld — egal, ob man über ein Programm wie Erasmus oder selbst­or­ga­ni­siert an ein Semester an einer auslän­di­schen Hoch­schule studieren möchte — ist enorm. Die Aufnahme- und oft auch Auswahl­ver­fahren sind kompli­ziert und zeit­auf­wändig, viele Unter­lagen und Papiere (manche kosten­pflichtig) müssen besorgt werden usw. Wer in einem WG-Zimmer oder gar einer eigenen Wohnung wohnt, muss einen Nach- oder Zwischen­mieter orga­ni­sieren — oder die Wohnung kündigen und bei Rück­kehr eine neue suchen. Im Ausland wird eine Wohn­mög­lich­keit benö­tigt, oft braucht man Busti­ckets usw., die im Ausland nicht immer als Semes­ter­ti­cket erhält­lich sind, und so fort. Auch das schreckt viele Studie­rende mit Sicher­heit von einem Auslands­se­mester ab.
Und dann noch die deut­sche Büro­kratie bei der Rück­kehr … Und da wundern sich die Experten! Leichter ist, das Studi­en­system und mangelnde Vergleich­bar­keit verant­wort­lich zu machen für eine Entschei­dung dafür, in Deutsch­land zu bleiben — als offen zuzu­geben “Ich habe keine Lust auf die orga­ni­sa­to­ri­sche Arbeit”.

Wer muss was ändern — das Ausland?
Diese Frage sollte meines Erach­tens für die “Bildungs­experten” an erster Stelle stehen — denn sie ist die unan­ge­nehmste. Vertreter deut­scher Hoch­schulen neigen dazu, ihr eigenes System zum Maß aller Dinge zu machen. Kein Hoch­schul­lehrer in Deutsch­land hätte Probleme mit Bologna — würden sich alle auslän­di­schen Hoch­schulen brav an deut­sche Modul­pläne halten. Halt — hier muss man eine wich­tige Einschrän­kung machen: nicht an deut­sche Modul­pläne — denn die gibt es in der Form nicht — sondern an den Modul­plan der eigenen Hoch­schule … Mitt­ler­weile ist es in vielen Fächern nämlich leichter, ein Semester im Ausland zu absol­vieren, als zwischen den Semes­tern inner­halb von Deutsch­land die Hoch­schule zu wech­seln. Denn jede Hoch­schule kocht ihr eigenes, ganz indi­vi­du­elles, nicht vergleich­bares Süpp­chen … und darin liegt das eigent­liche Problem: es herrscht keine Vergleich­bar­keit inner­halb von Deutsch­land bei Studi­en­gängen glei­chen Namens. Das sind die wahren Probleme, die im derzei­tigen Sommer­­loch-Trend des Bologna-Bashings, voll­kommen unter den Tisch gekehrt werden.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

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… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

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