Kate­go­rien

Burnout: Auch mal Nein sagen! Multi­tas­king ade!

Published On: 29. Februar 2012Cate­go­ries: Karriere

Gestern habe ich das Antrei­ber­kon­zept vorge­stellt, eines von vielen mögli­chen Burnout-Gegen­­­giften. Heute freue mich mich den Top-Experten für Burnout im Inter­view zu haben, den geschätzten Kollegen Markus Väth. Er gibt Tipps und sagt: Zwischen Privat und Beruf trennen! 

Warum sind auch so viele recht junge Menschen von Burnout betroffen?

Schon junge Leute leiden heute unter Burnout. Sie kennen ihre Grenzen noch nicht und bringen einen hundert­pro­zen­tigen Einsatz, ohne viel zu hinter­fragen. Der rebel­li­sche Geist der 68er Jugend ist verschwunden, heute bringt man Leis­tung und wartet auf die Beloh­nung. Das geht schon im Studium oder in der Schule los. Immer mehr Studenten bringen sich auf Speed mit Beta­blo­ckern oder Ritalin. Früher hätte das Umfeld das Schlu­cken solcher Mittel als abwegig und negativ empfunden, heut­zu­tage gilt es als cool, seine eigene Leis­tungs­fä­hig­keit anzu­zapfen bis zur völligen Selbst­aus­beu­tung. Die Gesell­schaft trägt zu dieser Gesin­nung bei, weil sie in allen Lebens­be­rei­chen von den Menschen erwartet, dass sie super sind: äußerst leis­tungs­fähig im Beruf, im Privat­leben und im Sport. Leider kümmern sich die Menschen in dieser egozen­tri­schen Gesell­schaft oft nur noch um sich und sind nicht mehr bereit, soziale Verant­wor­tung zu über­nehmen.

Sie beschreiben den an Burnout Erkrankten als einen Süch­tigen. Können Sie das näher erläu­tern?

Der indi­vi­du­elle Burnout beginnt damit, dass der Mitar­beiter ange­fixt wird von Geld, Status, Titel. Der Arbeit­geber merkt schnell, worauf der Ange­stellte anspricht und der Ange­stellte leistet immer mehr, bis der Leis­tungs­hö­he­punkt erreicht ist und es nur noch ein Abwärts gibt. Das Ausbrennen ist auch eine Sucht­pro­ble­matik: ein Sich-Fest­­krallen auf einer Rutsche, auf der es unwie­der­bring­lich abwärts geht.

Inwie­fern trägt das Multi­tas­king zur Entste­hung von Burnout bei?

Der Sinn von Multi­tas­king wird in unserer Gesell­schaft zu wenig hinter­fragt. Die Neuro­logie belegt, dass der mensch­liche Geist nicht für Multi­tas­king gemacht ist. Er verträgt es nicht, viele Dinge parallel zu erle­digen. Multi­tas­king vermin­dert defi­nitiv die Leis­tungs­fä­hig­keit. Fatal ist zudem, dass sich das Gehirn an den perma­nenten Stress, der mit der Erle­di­gung unter­schied­li­cher Aufgaben zur selben Zeit verbunden ist, gewöhnt. Ist das Multi­tas­king zur Gewohn­heit geworden, ist es ganz schwer, wieder in einen Ruhe­zu­stand umzu­schalten.

Wie können wir uns in der digi­ta­li­sierten Arbeits­welt vor Reiz­über­flu­tung schützen?

Den Fluss der digi­talen Infor­ma­tionen selbst zu lenken, darum geht es. Man sollte sich auch fragen, wofür brauche ich diese Email­flut und warum muss ich mich ständig in den Social Media – Platt­formen bewegen? Fühle ich mich allein, wenn ich nicht im Netz inter­agiere und keine Mails oder SMS erhalte? Schon ein Tag ohne Internet kann bei vielen Menschen zu sozialen Entzugs­er­schei­nungen führen.

Machen Sie eine Bestands­auf­nahme! Welche Kommu­ni­ka­ti­ons­wege nutze ich — Telefon, Email, Twitter, Face­book? Wie kann ich die Infor­ma­ti­ons­flut, die auf mich einstürzt, intel­li­gent filtern? Indi­vi­du­elles Infor­ma­ti­ons­ma­nage­ment ist heut­zu­tage im Arbeits­pro­zess sehr wichtig geworden – es geht darum, den medialen Mix, der bei jedem unter­schied­lich ist, zu steuern und sich nicht über­fluten zu lassen, sondern gezielt die Infor­ma­tionen auszu­wählen, die man benö­tigt.

Was kann man weiterhin selbst tun, um nicht in eine stän­dige Über­for­de­rung zu geraten?

Das Bewusst­sein braucht sowohl Input von außen als auch Zeit, um sich mit inneren Gedan­ken­pro­zessen zu beschäf­tigen. Wer perma­nent Außen­reize aufnimmt, verlernt es, sich mit dem eigenen Inneren zu beschäf­tigen und kann ohne stän­dige Reiz­über­flu­tung von außen nicht mehr leben. Das mindert auch die Effi­zienz der geis­tigen Prozesse.

Den Kontakt zum eigenen Selbst wieder aufzu­nehmen, das fällt manchen Menschen sehr schwer. Dafür ist Acht­sam­keit wichtig – eben wahr­zu­nehmen, wann die Arbeit zu viel wird. Das ist ja typisch für an Burnout Erkrankte: sie bemerken nicht, wann sie in die Über­for­de­rung geraten und die perma­nente High Perfor­mance nicht mehr erbringen können.

Wichtig ist es selbst Prio­ri­täten zu setzen bei seiner Tätig­keit, und auszu­wählen, was nehme ich auf und was nicht. Das ist so, wie in einer Zeit­schrift zu blät­tern, jeden Artikel kurz zu über­fliegen und dann bewusst entscheiden, was man lesen möchte.

Wer im Arbeits­leben den Blick für die eigenen Grenzen verloren hat, ist poten­tiell vom Burnout bedroht. Wer den Leis­tungs­ge­danken über alles – auch über die eigenen Kapa­zi­täten und Ressourcen —  stellt, ist gefährdet.

Was verstehen Sie unter struk­tu­rellem Burnout?

Diese Faktoren bedingen einen struk­tu­rellen Burnout – also die Burnout fördernden Bedin­gungen in den Unter­nehmen: Multi­tas­king, über­for­derte Führungs­kräfte, eine falsche Ethik im Manage­ment und die Aufwei­chung der Grenzen zwischen Privat­leben und Beruf. Wer abends nach Hause kommt, um 19.00 Uhr noch Emails liest und um 20.00 mit dem Chef über eine Präsen­ta­tion spricht, verliert das Gefühl für sich als Privat­mensch.

Weiterhin ist falsches Zeit­ma­nage­ment zu nennen: Viele Unter­nehmen ticken nach der Devise: Immer mehr in immer weniger Zeit erle­digen. Um hier gegen­zu­steuern, sollte man eigene Prio­ri­täten setzen: Was ist wichtig, was unwichtig? Zum Beispiel ist es nicht mehr zeit­gemäß, zu viel Zeit in Meetings zu verbringen. Per Messenger oder Telefon können Abspra­chen effi­zi­enter erle­digt werden.

Wie können Unter­nehmen dem struk­tu­rellen Burnout ihrer Mitar­beiter entge­gen­wirken?

Führungs­kräfte sind selbst ein Teil des Systems, auch sie arbeiten häufig selbst­aus­beu­tend und haben so erreicht, was sie sind. Nicht wenige werden sich fragen: Warum soll ich mich ändern? Manager und Führungs­kräfte benö­tigen drin­gend Wissen darüber, wie man Burnout im Unter­nehmen verhin­dern kann.

Wichtig ist es außerdem, die Mitar­beiter für das Infor­ma­ti­ons­ma­nage­ment zu sensi­bi­li­sieren: Wie nutze ich Telefon und Email, welche Infor­ma­tion benö­tige ich und welche nicht? Die Mitar­beiter müssen selbst die Verant­wor­tung dafür zu über­nehmen, den Infor­ma­ti­ons­fluss selb­ständig zu steuern.

Firmen brau­chen außerdem feste Verein­ba­rungen, an die sich die Kollegen halten können wie: „In den Urlaub keinen Laptop mitnehmen und keine Emails beant­worten! Eben den „Infor­ma­tion Over­load“ zurück­zu­nehmen und auch die Privat­heit der Mitar­beiter am Feier­abend zu respek­tieren.

Sollte die Wirt­schaft nicht ein beson­deres Inter­esse daran haben, ihre Mitar­beiter gut zu behan­deln?

Die Unter­nehmen treiben Verän­de­rungen nicht aus huma­nis­ti­schen Erwä­gungen voran. Geld ist nun mal die einzige Sprache, die die Wirt­schaft versteht. In Zeiten des Fach­kräf­te­man­gels beginnen Unter­nehmen einzu­sehen, dass sie pfleg­li­cher mit ihrem „Human­ka­pital“ (das Wort allein spricht Bände) umgehen sollten: dass es kosten­spa­render ist, in Präven­tion zu inves­tieren statt in teure Nach­sorge. Burnout ist ja mitt­ler­weile ein hoher Kosten­faktor in Unter­nehmen. Erst wenn es so richtig weh tut, geht man zum Arzt. Erst wenn die Konse­quenzen unüber­sehbar sind, lernen die Unter­nehmen. Dass es humaner zugehen wird in Unter­nehmen, ist ein ange­nehmer Neben­ef­fekt der Burnout-Präven­­tion. in erster Linie geht es in der Wirt­schaft darum Kosten zu sparen, die mit Ausfall­zeiten und der Leis­tungs­min­de­rung von betrof­fenen Mitar­bei­tern einher­gehen.

Was glauben Sie? Sind die Arbeits­be­din­gungen in 10 Jahren mitar­bei­ter­freund­li­cher?

In zehn Jahren sitzen die jungen Menschen von heute an den Schalt­stellen der Wirt­schaft. Sie sind souve­räner im Umgang mit den modernen Medien und setzen dieses Knowhow auch in ihren Betrieben um. Wir stehen ja heut­zu­tage noch am Anfang der digi­ta­li­sierten Arbeits­welt. Unser Wissen darüber, wie sich ein Mensch best­mög­lich in die digi­tale Arbeits­welt inte­griert, ist noch unvoll­ständig. Wie gestaltet der Mensch sein Arbeits­leben, sodass es ihm gut geht und er seine Leis­tungs­fä­hig­keit erhält? Die Erfah­rungs­werte, die uns heute vorliegen, fließen ein in die Arbeits­pro­zesse von morgen. Sicher­lich werden die Unter­nehmen in zehn oder 15 Jahren mehr Wert auf das Wohl­be­finden der Mitar­beiter legen, davon bin ich über­zeugt. Sie haben gar keine andere Wahl.

Markus Väth betreibt den Blog Mensch und Chance, ist, Spra­cher der GSA, Karrie­re­ex­perte und Coach in Nürn­berg und hat das Buch “Feier­abend habe ich, wenn ich tot bin”, geschrieben, dass ich Ihnen persön­lich empfehle. Wer mehr über Burnout wissen möchte, findet auf der Website unseres Karrie­re­ex­perten Frank Schoofs ein kleines, sehr infor­ma­tives Booklet.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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2 Kommen­tare

  1. […] geworden, sich über­lastet zu fühlen. Noch höre ich zu oft, dass den Menschen, die etwa wegen Burnout in einer Klinik landen, geraten wird, aus Sicher­heits­er­wä­gungen am Job – der krank gemacht hat […]

  2. […] Gene­ra­tion Y. Es liegt aber auch am Image der Agen­turen.  Wir sind verschrien für eine schlechte Work-Life-Balance. Das müssen wir drin­gend ändern, sonst fliehen alle Bewerber in die Unter­nehmen. Das war mir […]

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