Kate­go­rien

Charakter zeigen im Netz: Wie viele Ecken und Kanten sind erlaubt?

Published On: 12. November 2013Cate­go­ries: Karriere, Mensch & Orga­ni­sa­tion

Darf man sich im Netz so zeigen wie man ist?  Diese Frage stellte sich mein Netz­werk Karriereexperten.com auf der Zukunft Personal, auf der ich leider nicht dabei sein konnte. Chris­toph Burger initi­ierte davon ausge­hend eine Blog­pa­rade. Das ist mein Beitrag dazu.

koepfeWas ist über­haupt Charakter? Ich habe gelernt: Ein Alltags­be­griff für Persön­lich­keit. Persön­lich­keit = über einen längeren Zeit­raum stabile Eigen­schaften, darunter Intel­li­genz und soziale Kompe­tenz (ebenso wie Inkom­pe­tenz) und weitere persön­liche “Charak­te­ris­tika” wie etwa Krea­ti­vität.

In der Alltags­sprache wird Charakter oft aber nicht mit Persön­lich­keit an sich, sondern mit Ecken und Kanten asso­zi­iert. Es gibt „guten“ und „schlechten“ Charakter. Die Persön­lich­keit als psycho­lo­gi­scher Begriff kennt diese Wertung nicht.

Charakter zeigen heißt also: Persön­lich­keit zeigen. Nur bitte – welche und was davon? Mein Artikel über die Zucker­schnuten hat Zustim­mung, aber auch Proteste im Netz ausge­löst. Natür­lich zeigt eine Zucker­schnute Charakter —  also Persön­lich­keit. Ich habe in meinem Beitrag geschrieben, dass ich irri­tiert bin, wenn cih Mails von susi906090 als Bewer­bung bekomme. Ich habe auch gesagt, dass ich rote Pull­over und rot-braun-blonde Strähnen kritisch finde, weil sie Klischees erfüllen. Ich erlaube mir damit zu werten:

Bestimmte Persön­lich­keits­ei­gen­schaften zu zeigen ist nicht gut.

Auwei, ist die Hofert spießig, altmo­disch. Mag sein. Das hat aber nichts damit zu tun, dass ich all das nicht mag oder gar abwerte, sondern schlicht mit meiner Erfah­rung, dass braun­rot­blonde Strähnen, rote Pull­over und Miss­erfolg erschre­ckend mitein­ander korre­lieren. Gut eine Korre­la­tion ist kein Kausal­zu­sam­men­hang… dennoch bitte ich das zu bedenken.

Die Erfah­rung ist nun mal, dass der Zugang zu bestimmten Kreisen verschlossen bleibt, wenn man rotbraun­blonde Strähnen hat, Chan­talle heißt und sich im Internet Zucker­schnute nennt. Lassen Sie 100 Personen unab­hängig vonein­ander den IQ solcher Damen schätzen, von denen man nur diese drei Infor­ma­tionen hat. Es ist eine Hypo­these, aber ich gehe jede Wette ein, dass Chan­talles IQ und Bildungs­hin­ter­grund nied­riger einge­schätzt werden wird als von Anton Paul von Müllersohn, der adrett mit Anzug auf seinem Bewer­bungs­foto erscheint und die E‑Mail-Adresse apvonmuellersohn@adelsfabrik.com vor sich herträgt. Das mag einzelnen Personen gegen­über furchtbar unge­recht sein, aber das Gesetz des ersten Eindrucks gilt hier wie überall. Und dieser erste Eindruck hat nun mal Einfluss auf die Wahr­neh­mung von Webseiten und Bewer­bungen — da gibt es kaum einen Unter­schied. Ich bin eine sehr frühe Verfech­terin der foto­freien Bewer­bung und würde mich auch für eine Bewer­bung ohne Namen und Geschlecht einsetzen.

Charakter zeigen ist also nicht so ganz ohne.

MS Office

MS Office

Es gibt Menschen, die sich selbst ein Bein stellen würden, würden sie allzu offen ihre Persön­lich­keit nach außen tragen. Und es gibt Grenz­gänger bei denen ich manchmal nicht weiß: ist es noch sympa­thisch, oder ist es schon ein großes Risiko? Je nahbarer und emotio­naler sich jemand gibt, desto eher wird er Opfer von Stal­kern und Grenz­über­schrei­tern. Charakter zeigen: Man sollte gut über Risiken und Neben­wir­kungen nach­denken, bevor man es tut. Irgendwie ist das Internet wie eine große Bühne und auf eine Weise sind wir Inter­net­ak­tive alle öffent­liche Personen. Wird ein bestimmter „peak“ über­schritten, kann es kritisch werden.

Charakter zeigen – wie macht man es denn nun? Und welcher Teil darf in die Öffent­lich­keit?

MS Office

MS Office

Es gibt dafür keine Muster­lö­sung. Ich will aber versu­chen mit meinem eigenen Beispiel eine Art Best Prac­tise darzu­legen — denn bisher bin ich mit der Teil-Charakter-Zeigen-Methode gutge­fahren.

Anfangs habe ich Kunden vor allem über Empfeh­lungen und meine Webprä­senz bekommen. Das lief stets gut, weil ich in einer Zeit gestartet bin als das Wort „Coach“ nur für Fußball­trainer bekannt war und ich aus meiner vorhe­rigen lang­jäh­rigen Berufs­praxis und guten Kontakten schöpfen konnte. Die zahl­rei­chen Pres­se­er­wäh­nungen mögen einiges beigetragen haben. Man inter­viewt mich entweder gern, weil ich mir Zitate nicht vorlegen lasse oder weil ich auch mal andere Sicht­weisen einbringe;  ich weiß es nicht genau (beides wäre aber Teil meines Charak­ters).

Bis 2003 habe ich vor allem für Firmen und wenig für Privat­kunden gear­beitet. Dann gab es einen Pres­se­bei­trag in der Petra, der mir auf einen Schlag acht neue Kunden brachte, die sich verviel­fäl­tigten, weil der/die eine den/die andere empfahl. Kein anderer Beitrag war für sich genommen je so wirkungs­voll.  Ich weiß nicht mal genau, ob ich da so viel Charakter gezeigt habe; ich glaube gar nicht: Ich war in dem Bericht eher wie ein Dosen­öffner, der etwas frei­legt.  Nach der „Petra“ ging es auch auf Privat­kun­den­seite los. So, dass ich nicht mehr selbst ans Telefon gehen konnte. Meine Bücher verkauften sich in diesen Jahren am besten. E‑Books waren noch kein Thema.

Doch immer öfter waren Leute jenseits meiner Wellen­länge dabei. Anfragen vom Typ „ich hab da mal eine Frage“ oder „ich bin Sekre­tärin und will ohne weiteren Aufwand einen Traumjob“ nahmen expo­nen­tiell zu. Diese Leute waren von meiner prag­ma­ti­schen und boden­stän­digen Art eher abge­schreckt: Ich sagte ihnen nicht das, was sie hören wollten. Es gab über­flüs­sige persön­liche Vorge­spräche, bevor ich diese irgend­wann abschaffte.

Die Art der Anfragen änderten sich mit meiner Entschei­dung dafür, im Internet mit einem Blog Charakter zu zeigen. Dieser Blog, 2006 gestartet, wurde mit den Jahren immer mehr Trichter und Vorsor­tierer. Die rund fünf Stunden pro Woche, die ich derzeit dafür aufwende, waren und sind meine einzige und aller­beste Marke­ting­in­ves­ti­tion. Peters­burger Trai­nings­tage? 3.000 Euro, um einen Vortrag halten zu dürfen? Anzeigen? Kenne ich alles nicht.

Ich brauchte ich eine Weile, bis ich meinen Stil und damit zu meinem Charakter gefunden habe. Anfangs musste ich über­legen, was ich denn thema­ti­sieren und schreiben kann. Fragte ich meinen Partner um seine Meinung, kam oft ein „das kannst du so nicht machen/sagen“. Ich habe irgend­wann nicht mehr gefragt, denn ich sah was passierte und das war Feed­back genug. Die Zahl der Tele­fon­an­rufe nahm ab, der Umsatz stieg trotzdem immer weiter. Inzwi­schen sind 10 von 10 Anfragen passend. Von 10 tele­fo­ni­schen Vorge­sprä­chen, die ich führe, münden neun in einen Termin. Das eine Gespräch ohne „Conver­sion“ hat meist mit äußeren Umständen zu tun. Ich verkaufe durch nicht-verkaufen, sage z.B. „Denken Sie darüber nach: wenn es passt, dann werden Sie kommen. Und wenn nicht, dann nicht.“ Daran glaube ich zutiefst, auch wenn ich nach wie vor nicht genau weiß, was „passt“ eigent­lich ausmacht. Ich habe da nur eine Vermu­tung.

Gleich und gleich gesellt sich gern

- aber ich kann nicht sagen, dass ich Menschen von ähnli­chem „Charakter“ anziehe. Ganz gewiss sind es eher Personen, die Wert auf Kompe­tenz legen, ob aus einer tradi­­tio­­nell-konser­­va­­tiven oder fort­­schrit­t­­lich-medialen Perspek­tive macht scheinbar wenig Unter­schied. Das erin­nert mich daran, dass ich mich stets gut zwischen Fronten bewegen konnte, poli­ti­schen wie gesell­schaft­li­chen. Ich habe die Wahr­heit stets in VIELEM und nicht in nur einem finden wollen, weshalb mich die Mono­per­spek­ti­vität vieler Menschen manchmal irri­tiert.

Dass ich so etwas schreibe, hat natür­lich auch mit „Charakter zeigen“ zu tun. Ich traue mich, Dinge auszu­spre­chen.

„Zur mir kommen Leute, die brau­chen ganz viel Zeit für ihre Verän­de­rung, ganz viele kleine Schritte, ganz liebe Menschen“, erzählte mir eine Kollege.   Das ist bei mir nicht so, es sind nicht nur liebe Menschen, sofern man lieb im Sinn von weich versteht. Es sind eher Menschen die Klar­heit suchen und einen Orien­tie­rungs­helfer.

Kann man an der Website die Big Five erkennen, die jemanden auszeichnen? Man kann, es gibt dazu Unter­su­chungen. Bei mir liegt der größte Ausschlag bei der „Offen­heit für neue Erfah­rungen“, da liege ich rechts außer­halb der Gauß­schen Normal­ver­tei­lung. Bei allen anderen Werten bin ich mitten­drin. Und es gibt einen hohen Ausschlag bei „Kompetenz/innerer Antrieb“ als Unter­fa­cette der Gewis­sen­haf­tig­keit. Sonst vieles Mitte und die erreicht bekannt­lich mehr als der äußere Rand.

Spürt man Charakter durch die Website?

Ich weiß es nicht genau, aber ich vermute, das spürt man durch die Website hindurch, die ich selbst betextet habe. Auch meine Bücher schreibe ich selbst. Sowie alle Texte in diesem Blog. 100%ig ich? Irgend­wann nach vier Jahren Blog, 2010, habe ich beschlossen, dass dieser Blog auch einen Teil von mir zeigen darf. Nicht so viel, dass es mein Kind, das mit Nach­namen anders heißt als ich, in seiner Entfal­tung behin­dert. Nicht so viel, dass ich in der Sauna des Holmes Place Karrie­re­fragen beant­worten muss — aber genau so viel, dass die Ahnung, die ich hier vermittle, sich im persön­li­chen Kontakt erfüllt.

Ich mache viele Konzes­sionen an Sie, meine Leser. Ich würde mehr selt­sames Zeugs schreiben, wenn ich ganz frei von Marke­ting­ge­danken agieren würde — am Ende bin ich dann doch eine Unter­neh­merin und denke durchaus leis­­tungs- und erfolgs­be­zogen (auch das ist aber Teil meines Charak­ters). Ich entscheide also, was ich zeige und was nicht, auch weil Sie mir als Leser, als Kunde, als poten­zi­eller Empfehler wichtig sind — ich mag Ihnen mancher meiner bisweilen im fami­liären Umfeld berühmt-berüch­­tigten schrägen Einfälle nicht zumuten. Sie hören mich auch besser nicht singen; das ist fürch­ter­lich, obwohl ich es so gern mache.

Stellen Sie sich einen Vorhang vor. Er ist bei mir viel­leicht zu einem Drittel offen. Das reicht für die Ahnung völlig aus. Um das auf die Zucker­schnute zu über­tragen: Man muss sich nicht nackig machen, um bei sich selbst zu sein.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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6 Kommen­tare

  1. […] Darf man sich im Netz so zeigen wie man ist? Diese Frage stellte sich mein Netz­werk Karriereexperten.com auf der Zukunft Personal, auf der ich leider nicht  […]

  2. Simone Janson 15. November 2013 at 12:34 — Reply

    Hallo Frau Hofert,
    hatte Claudia Roth nicht auch mal Rotblonde Haar­strähnen? Ich habe gerade zu dem Thema Rollen­kli­schees in meiner Welt-Kolumne geschrieben: http://bit.ly/1gQTfdS

    Schade, dass Ihr Beitrag nicht früher erschien, er hätte da perfekt rein­ge­passt.
    Was den Zugang zu bestimmten Kreisen angeht, empfehle ich die Eliten-Theorie es Sozio­logen Michael Hart­mann. Das Thema ist m.E. gesell­schaft­lich deut­lich weit­rei­chender: Beispiel Intel­li­gent wirken — das kann, muss aber kein Einstel­lungs­vor­teil gerade für Frauen sein. Mir ist mindes­tens ein Perso­naler eines großen deut­schen Unter­neh­mens bekannt, der sein durchweg weib­li­ches U30-Team viel­leicht auch nach Kompe­tenz, aber offen­sicht­lich auch nach Aussehen ausge­wählt hat.
    Die Frage ist inwi­weit man so etwas gutheißt, wenn man den Rat gibt, sich solchen Rollen­kli­schees zu unter­werfen.

    • Svenja Hofert 17. November 2013 at 22:42 — Reply

      Hallo Frau Janson, danke für die Ergän­zung. Oh ja, keine Frage, Intel­li­genz kann eindeutig ein Nach­teil sein, auch Intel­­li­­gent-Aussehen.… 😉 Claudia Roth hatte das nicht so ganz auf die Chan­­talle-Art… aber wenn sie eine Umfrage machen — ich hätte zur Inter­pre­ta­tion des Rollen­kli­schees von Frau Roth eine eigene These. Im Übrigen finde ich es ganz furchtbar, diese ganzen Klischees. Und noch viel schlimmer, dass diese leider oft bestä­tigt werden. LG Svenja Hofert

  3. Birgit Engel­hardt 21. November 2013 at 23:18 — Reply

    Wieviel gebe ich von mir preis? Auch für mich eine span­nende Frage. Mein Thema ist die Foto­grafie. War ich bis vor 2 Jahren rein privat foto­gra­fisch unter­wegs, studiere ich jetzt Design und es gibt eine Vermen­gung von Hobby und Studium, bald von Hobby und Beruf. Und was vorher nur ein kleiner Teil (=Hobby) von mir war, der im Blog sichtbar ist, ist auf einmal ein viel größerer (Voll­­zeit-Beschäf­­ti­­gung). Und irgendwie merke ich, dass ich jetzt länger zögere, stärker abwäge, was ich online stelle.

    Mein Foto-Ich ist gewachsen und auf mal zu groß, es passt nicht mehr durch den zu 1/3 offenen Vorhang. Das finde ich sehr inter­es­sant, denn eigent­lich hat es sich gar nicht verän­dert — nur der Rest drum­herum ist anders geworden.

    Eine Lösung habe ich noch nicht gefunden. Ziehe ich den Vorhang weiter auf? Trenne ich privat und beruf­lich? Wäre dumm, ich möchte ja auch mal nen Job haben und muss somit Werbung für mich machen. Derzeit lass ich es einfach laufen, höre auf meinen Bauch und schau einfach, wohin es sich entwi­ckelt.

    Danke für Ihren inter­es­santen Artikel. Ich finde es übri­gens sehr stark, dass Sie sich von Ihrem Partner nicht beirren lassen. Denn ich mag Ihren Blog, wie er ist!

  4. Finetta 23. November 2013 at 19:44 — Reply

    Darüber mache ich mir schon seit längerem Gedanken, wieviel ist gut, wieviel sollte ich nicht zeigen. Ein Problem sehe ich darin, das es schnell geschrieben und veröf­fent­licht ist, ohne sich zu über­legen, wer es alles sieht. Ich selber weiß nicht, ob ich ein Blog­pro­jekt machen möchte, obwohl eine Idee vorhanden wäre. Viel­leicht ist es noch zu früh, vor allem möchte ich es gut über­legt haben, was ich veröf­fent­liche.

  5. […] Andrea Stanke schrieb Charakter zeigen im Netz – leben­diges Unter­neh­mer­profil Svenja Hofert schrieb Charakter zeigen im Netz: Wie viele Ecken und Kanten sind erlaubt? […]

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