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Coaching goes digital: Wie die Digi­ta­li­sie­rungs­welle Berufs­be­ra­tung und Karrie­re­coa­ching aufmischt

Published On: 8. Januar 2015Cate­go­ries: Aktuell

Die Zukunft für Alten­pfleger in der Demenz­pflege heißt Paro, und ist eine Kuschel­ro­­boter-Robbe. Welche Toys die Zukunft für Berater bereit­hält, ist noch unklar. Sicher ist nur: Der Bera­ter­beruf ist wie alle Dienst­leis­tungen von der Digi­ta­li­sie­rung bedroht. Eine Reise zur Bera­tung von morgen.

Suitcases and rucksacks isolated on white

Erste Station: Halte­stelle Beru­fung

Die erste Station macht viele Worte. „Svenja, ich möchte dir ein ganz beson­deres Geschenk machen“, steht in der Mail. „Svenja, auch du kannst im Club der Erfolg­rei­chen sein“. Manchmal weiß ich nicht genau, ob ich diesen Oliver, Stefan, Marcus nicht doch kennen müsste – vor allem, da sie immer mehr ein pene­trantes „fw:“ vor die Mail setzen. Die Beru­fungs­gurus der Gene­ra­tion Y und New Work sind schnell per Du. Sie glauben berufs­op­ti­mis­tisch an das „Alles ist möglich. Mach dein Ding. Für jeden gibt es etwas, du musst nur wollen.“ Hm. Heute erzählte mir ein weiser Mensch mit Jahr­zehnten Erfah­rung im Coaching, Moti­va­tion sei für ihn irrele­vant. Es ginge nicht um Wollen, sondern um Machen. Die die wollen, machen sowieso, sie brau­chen höchs­tens einen Impuls. Die die nicht wollen, denen hilft auch Moti­va­tion nicht. Die muss man ins Tun bringen. Das schafft man nicht mit Mail­im­pulsen, News­let­tern, Check­listen und Online-Webi­naren. Das schafft man über­haupt nicht als Lösungs­an­bieter. Es sei denn man macht sich zum Guru. Genau das versu­chen derzeit ein paar Leute zu viel, die eigenes beruf­li­ches Schei­tern als Selbst­fin­dung verkaufen.

Was wird passieren: Hier wird sich der Markt berei­nigen. Einige werden erkennen müssen, dass viele, die eine Beru­fung suchen, eigent­lich einen Thera­peuten bräuchten. Und der ist derzeit noch kein Roboter. Und bleibt meist beim Sie.

Zweite Station: Halte­stelle Berufs­fin­dung

Die zweite Station ist algo­rith­misch. Bei keiner Berufs­gruppe sind Tests so zentrale Progno­se­instru­mente, wie bei jungen Menschen, die noch nicht auf belast­bare Berufs­er­fah­rungen zurück­greifen können. Mit Tests kann man heraus­finden, welcher Bereich zur Intel­li­genz, den Inter­essen und Neigungen passt. Es ist noch nicht so lange her, da durften nur diplo­mierte Psycho­logen bestimmte Test­ver­fahren einsetzen und man konnte mit einem Tag “Durch­testen” eine Menge Kohle verdienen. Die Zeiten sind noch nicht ganz, aber bald vorbei. Tests, auch psycho­lo­gi­sche sind überall verfügbar und immer öfter kostenlos. Klas­siker wie RIASEC und BIS finden sich überall, Portale wie Berufs­pro­filing bieten ausge­feilte Inter­es­sen­tests etwa für das Inge­nieur­wesen an. So kann man schon früh­zeitig heraus­finden, ob man sich z.B. mehr fürs Konstru­ieren oder Prüfen inter­es­siert. Im Geva-Test oder auch dem Borakel sind Bestand­teile aus IQ-Tests, so dass man das kogni­tive Kapital schon recht sicher per Internet einschätzen kann. Die Berufs­emp­feh­lungen in solchen Tests sind derzeit oft etwas einseitig und/oder ameri­ka­nisch geprägt, aber nichts­des­to­trotz Anhalts­punkte.

Werden in Zukunft auch Infor­ma­ti­ons­por­tale wie What­chadoo besser, wird es Soft­ware geben, die auf Basis von Inter­essen und kogni­tiven Möglich­keiten sowie Kompetenzen/Stärken konkrete und brauch­bare Empfeh­lungen gibt; die NC-Kompa­­ti­­bi­­lität checken, den Wohn­ort­wunsch berück­sich­tigen und sogar ausge­wo­gene Prak­­tika-Empfeh­­lungen geben, dann braucht man keine Berufs­be­rater mehr. Zumin­dest, siehe oben, wiederum keine, die Lösungs­an­bieter sind.

Was wird passieren: Warten wir ab, zwei Jahre etwa. In diesem Bereich werden sich auch deshalb die Uhren und Räder schneller und tech­nisch hoch­wer­tiger drehen, weil Firmen ein Inter­esse an möglichst vielen „Berufs­ori­en­tierten“ haben.

Dritte Station: Halte­stelle Karrie­re­be­ra­tung

Längst gibt es komplette Online-Outpla­ce­­men­t­­pro­­jekte und auch Jobcoa­ching über Skype oder eine Webplatt­form. Dabei ist der Coach aller­dings immer noch eine Person und kein Roboter. Die Wechsel aus Theme­n­input und Coaching­ein­heiten können sehr effektiv sein. Auch hier zeigt sich: Lösungen – also Wissen und Infor­ma­tion – lassen sich digi­ta­li­sieren, wie etwa auch auf meinem Portal Kexpa, die Prozess­be­glei­tung nicht.

Was wird passieren: Hier ist noch Raum für hoch­pro­fes­sio­nelle und spezia­li­sierte Bera­tungs­an­ge­bote, bei denen es durch was und wen auch immer „geprüfte“ Inhalte gibt.

Vierte Station: Halte­stelle Führungs­kräf­te­coa­ching

Im Trai­ning gibt es seit viel Jahren einen Trend: Die klas­si­sche Wissens­ver­mitt­lung ist dem situa­tiven Lernen, dem Action Lear­ning und dem Lernen in der Gruppe gewi­chen. Erst recht gilt das für Führungs­kräf­te­ent­wick­lung, die außer­halb des Unter­neh­mens­kon­textes kaum wirksam ist, wie Evalua­tionen zeigen. Hier werden Ange­bote entstehen, die dem Wunsch nach Flexi­bi­lität gerade viel­be­schäf­tigter Manager nach­kommen. So bin ich sehr gespannt auf das Portal von Geschäfts­füh­rer­coach und Podcast-Pionier Bernd Geropp, der mit mir ein Inter­view gemacht hat.

Was wird passieren: Der Austausch in Foren und Chats wird manchmal sogar als effek­tiver empfunden als im Work­shop. Wenn es zusätz­liche Möglich­keiten zum Kontakt­aufbau und persön­li­chen Kennen­lernen gibt, kann gerade Grup­pen­lernen — nicht nur zu Führungs­themen — wunderbar online statt­finden.

Alles in allem sehe ich drei große Trends:

  • Das Ende der Experten: Zu viele wollen eine für ihr Eigen­mar­ke­ting passende Wahr­heit verkaufen anstatt die Menschen ihre Antwort auf Fragen selbst finden zu lassen. Sie agieren aus dem Über-Ich anstatt aus der Augen­höhe. Solche Bevor­mun­dung wollen aufge­klärte Menschen nicht.
  • Der Anfang der Auto­ma­ti­sie­rung: Tech­nisch ist viel mehr möglich als derzeit nur ansatz­weise reali­siert ist. Es braucht im Grunde nur ein finanz­starkes Inter­esse dahinter, um die zahl­rei­chen zerfled­derten Einzel­an­ge­bote von Berufs­pro­filing über Beru­fenet und What­chadoo bis zu Studi­en­an­ge­bots­por­talen sinn­voll zu verknüpfen.
  • Der Sieg der Prozess­be­gleiter: Menschen durch Verän­de­rungen zu führen – das kann kein Roboter. Dazu müsste er zu situativ agieren, zu wort­stark sein und Methoden wie provo­ka­tives Coaching situativ und inter­kul­tu­rell passend anwenden können. Da sind wir noch sehr weit entfernt. Ein Teil bleibt also mensch­lich. Keine Robbe in Sicht.

 

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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8 Kommen­tare

  1. Henrik Zabo­rowski 8. Januar 2015 at 9:41 — Reply

    Der Teil mit der Beru­fung ist das Beste und Klarste, was ich seit langem dazu gelesen habe. Hab so gelacht. Danke, Svenja!

    • Svenja Hofert 8. Januar 2015 at 21:50 — Reply

      Kennste die auch mit dem fw:? Muss einen Kurs geben, in dem das vermit­telt wird. Oder einen Ratgeber. Igitt 😉 LG Svenja

  2. Thomas Pabst 8. Januar 2015 at 10:19 — Reply

    Habe bisher von Sven­jaHo­fert zwei Bücher gelesen und war schon begeis­tert.
    Aber dieser Blog­ein­trag ist sehr inter­es­sant und zukunfts­wei­send. Vielen Dank.

  3. Cornelia Bohlen 8. Januar 2015 at 10:26 — Reply

    Liebe Frau Hofert, danke für diesen Artikel. Er stimmt mich nach­denk­lich und gleich­zeitig sehe ich eine Chance für Menschen, die Coaching als Prozess begreifen und nicht als Inter­ven­tion, die inner­halb von wenigen Sessions beendet ist. Es spricht vieles für den Mix aus persön­li­cher Beglei­tung und auto­ma­ti­sierten Prozessen, die unter­stüt­zend wirken. Ich arbeite bereits seit einigen Wochen zusätz­lich mit Ihrem Test zum Thema Work-Life-Balance und habe damit einen Zusatz­nutzen für meine Kunden geschaffen. Sie sind klarer, was Ihre persön­li­chen Präfe­renzen an ihr beruf­li­ches Umfeld betrifft. Klar­heit im Innen ist das wich­tigste, was wir unseren Kunden geben können. Liebe Grüße

    • Svenja Hofert 8. Januar 2015 at 21:49 — Reply

      Liebe Frau Bohlen, lieben Dank für den Kommentar. Sie haben so recht: Klar­heit ist wichtig. Wissen ist hilf­reich, nutzt aber auch nicht viel. herz­liche Grüße Svenja Hofert

  4. Petra-Alex­andra Buhl 10. Januar 2015 at 10:32 — Reply

    Hallo Frau Hofert,
    Danke für diesen Artikel, eine wie immer wohl über­legte und präzise Analyse des Berater-Marktes und seiner Auswüchse — zum Beispiel dieje­nigen, die ihre Beru­fung suchen und beim Thera­peuten besser aufge­hoben wären. Ich freue mich schon auf Ihre spitze Feder im Jahr 2015.
    Herz­liche Grüße, Petra-Alex­andra Buhl

    • Svenja Hofert 13. Januar 2015 at 13:46 — Reply

      Hallo Frau Buhl, Danke­schön für Ihren Kommentar. Freut mich sehr! LG Svenja Hofert

  5. Ben 23. Januar 2015 at 1:25 — Reply

    Hallo Frau Hofert,

    erst einmal Gratu­la­tion zu dem gelun­genen Artikel und den erfreu­li­chen Reak­tionen darauf.

    Im Großen und Groben stimme ich Ihnen durchaus zu.

    Gleich­zeitig habe ich mich unter­be­wusst doch ein wenig ange­spro­chen gefühlt, als sie “Mach Dein Ding” erwähnten.

    Denn das ist gewis­ser­maßen mein Motto geworden. Dahinter steckt jedoch mehr als einfache “Du schaffst das schon, du musst nur wollen!”-Parolen.

    Um den Selb­st­­fin­­dungs- und Selbst-Erkenntnis-Prozess von jungen Menschen zu unter­stützen braucht es aus meiner Erfah­rung und Beob­ach­tung vor allem zwei Dinge:

    1) Gute Fragen sind wert­voller als halb-herzige Stan­­dard-Antworten

    2) Machen. (Das erwähnen Sie direkt im ersten Abschnitt.)

    Unser Bildungs- und Ausbil­dungs­system trägt leider weder dazu bei Punkt 1) noch Punkt 2) zu fördern.

    Vor ein paar Wochen habe ich meine Blog­leser zum Jahres­wechsel aufge­for­dert mir doch von den Verän­de­rungs­pro­zessen zu erzählen, die in 2014 durch das Lesen meines Blogs ange­stoßen wurden. Wenige Tage später hatte ich über 400 Mails in meinem Post­fach, die teil­weise über 1.500 Wörter hatten. Ganze Jahres­rück­blicke las ich da also. Was mich positiv über­rascht hat: Viele haben sich Fragen gestellt und versucht nicht die erst­beste Antwort als bare Münze zu nehmen. Ja, viele der 400 haben tatsäch­lich in 2014 gemacht.

    Ich muss zugeben, dass ich von der Zahl und der Inten­sität der Rück­mel­dungen wirk­lich über­rascht war. Aber scheinbar hat sogar ein Blog (jeden­falls teil­weise) dazu beigetragen, dass einige junge Menschen mehr wirk­lich gemacht haben und einen Schritt gegangen sind.

    Ich kann mir das nur so erklären wie es eine Leserin schrieb: “Du hast in 2014 erst mein Denken verän­dert. Und dann habe ich auf der Basis meines neuen Denkens mein Handeln geän­dert.”

    Mir macht das Mut und daher führe ich meinen Blog auch in 2015 weiter.

    Beste Grüße,

    Ben

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