Kate­go­rien

Coaching-Habitus und Werte: Wenn der Klient sich die Schuhe auszieht….

Published On: 7. September 2013Cate­go­ries: Führung

Eine Geschichte vom Hören­sagen: In manchen Coaching-Praxis­­ge­­mein­­schaften müssen sich die Klienten die Schuhe ausziehen. Sie bekommen dann Socken. Ich fände das befremd­lich. Für mich wär das nichts, ist ja kein Yoga. Und mancher meiner Klienten würde es wohl auch seltsam finden.

Ich finde es manchmal schwer, wirk­lich passende, richtig gute Empfeh­lungen auszu­spre­chen, obwohl ich ja mein Netz­werk habe. Manchmal kommen Leute zurück von einer Empfeh­lung und sagen „nee, der/die nicht, geht gar nicht, nicht mein Typ, zu struk­tu­riert usw.“. Meine Empfeh­lungen sind  immer erfah­rene Leute, die ich schätze.  Aber da sind zwei Dinge, die ich erst in letzter Zeit als wichtig erkenne — Habitus und Werte.

Die Sache mit dem Habitus

Habitus ist ein sozio­lo­gi­scher Ausdruck für die Gesamt­heit des Auftre­tens, Beneh­mens und Verhal­tens eines Menschen. Menschen, die viel in verschie­denen Kontexten unter­wegs waren, mit unter­schied­li­chen Bran­chen und Hier­ar­chie­ebenen zu hatten, haben meist eine große habi­tu­elle Varianz. Wer über­wie­gend oder sehr lange in seiner „Welt“ lebte, besitzt diese nicht.

Kürz­lich habe ich vergeb­lich nach einem Experten für inter­na­tio­nale MBA-Bera­­tung Ausschau gehalten, davor jemand, der einen Kunden durch die BWL-Promo­­tion begleiten kann.

Viele heben den Finger „ja, kann ich!“. Ich suche dann auf deren Website Indi­zien, was sie quali­fi­zieren könnte. Ich erkenne dann oft nicht, dass z.B. ein IHK-Betrieb­s­­wirt auf MBA-Niveau beraten könnte. Oder jemand, der seit dem Psycho­lo­gie­stu­dium selbst­ständig ist?  Jemand mit Verwal­tungs­kar­riere und ein Konzern-Top-Manager? Passt für mich nicht.

Viel­leicht muss ein MBA-Coach nicht selbst einen MBA gemacht haben, aber er muss auf einem höheren inter­na­tio­nalen Niveau gear­beitet haben und mehrere vergleich­bare Fälle vorweisen können, also einen Track Record haben. Er muss in seiner Selbst­dar­stel­lung kommu­ni­zieren, dass er in dem bestimmten Thema viel Erfah­rung hat (was viele, die den Finger heben, nicht tun). Alles andere ist für den Kunden nicht glaub­würdig.

Habitus ist ein heikles Thema, da es indi­rekt mit gesell­schaft­li­cher Herkunft zu tun hat, biopsy­cho­so­zialen und sozio­kul­tu­rellen Prägungen. Diese tragen selt­same Schwin­gungen mit sich und wirken nach: Das hat was mit dem Duft von Moschus in Büros, der Klei­dung und auch dem Benehmen zu tun. Ist es jemand z.B. gewohnt mit medi­en­prä­senten Klienten umzu­gehen? Kann jemand einem Geschäfts­führer adäquat entge­gen­treten? Mir ist erst in den letzten zwei, drei Jahren bewusst geworden, was eine habi­tu­elle Kompa­ti­bi­lität mit vielen Typen nach sich zieht – und was eher nicht. Es ist die Erle­bens­welt vor und in der Selbst­stän­dig­keit.

Bei Empfeh­lungen habe ich mich öfter geirrt, weil ich die Sache mit dem Habitus früher nicht so bedacht habe. Ich empfahl nach Kompe­tenz. Das kam teils wie ein Bume­rang zurück. Ich erkannte: Der Klient ist der Maßstab, nicht ich. Und die Gründe aus denen Empfeh­lungen funk­tio­nieren oder nicht, sind wenig fassbar.

Mitunter, und das ist kein Witz, spielt sogar der IQ eine Rolle. Es gibt intel­li­gen­tere Coachs und weniger Intel­li­gente, vor allem die fluide Intel­li­genz ist rele­vant, manchmal ist es aber auch das Bildungs­wissen. Wer selbst belesen ist, wird jemand, der wenig liest, mögli­cher­weise nicht schätzen. Das fließt in den Habitus mit ein.

Für 80% aller Karrie­­re­­co­a­ching-Anlässe brau­chen kein spezi­fi­sches Hinter­grund­wissen wie der MBA-Fall, es reicht die Kenntnis und sichere Anwen­dung von Methoden. Den wirk­li­chen Unter­schied bei der Entschei­dung für DEN oder JENEN macht der Habitus, der sich kumu­liert aus dem sozio­kul­tu­rellen Erfah­rungs­wissen, also den früheren Lebens­welten. Schon um jemand auf seinem Weg in eine Senior- oder Führungs­po­si­tion, ins Ausland oder eine bestimmte Art der Selbst­stän­dig­keit prozes­sual zu begleiten, braucht es Habitus. Nicht unbe­dingt, um den Kunden Hilfe zur Selbst­hilfe zu bieten — sondern um von ihm akzep­tiert zu werden.

Die Bereit­schaft, sich entspre­chend der eigenen Erfah­rungen und des Habitus zu spezia­li­sieren ist so gering wie das Bewusst­sein dafür. Der Habitus ist übri­gens durchaus auch regional geprägt unter­schied­lich. Es gibt einen groß­städ­ti­schen und einen länd­li­chen Habitus, ja sogar einen gene­ra­ti­ons­spe­zi­fisch ost- und west­deut­schen. Er ist sogar stadt­teil­be­zogen. Schan­zen­pu­blikum und Blan­ke­ne­se­bürger haben oft einen unter­schied­li­chen Habitus.

Vor Jahren habe ich eine Coacherin im bayri­schen Hinter­land beraten. Hier war Diskre­tion eines der für die Posi­tio­nie­rung wich­tigsten habi­tu­ellen Punkte. Den Coachees war es z.B. wichtig, dass niemand im Dorf sie sah, deshalb reisten einige von weit her an. Katho­li­zismus spielte auch eine Rolle. Das alles gibt Anhalts­punkte für die Kommu­ni­ka­tion und die Lage der Praxis.

Die Sache mit den Werten

Ich freue mich wahn­sinnig über enga­gierte Menschen, die daran arbeiten wollen, selbst besser zu werden. Das ist eine Werte­hal­tung, die ich nicht wegleugnen kann.

Die Werte­hal­tung kann wichtig sein, sie ist natür­lich auch mit dem Habitus verwoben. Sie spie­gelt sich in der Spirale von Spiral Dyna­mics. Ein primär gelb (wissens­ori­en­tiert) oder orange (erfolgs­ori­en­tiert) denkender Kunde wird seines­glei­chen suchen (es sei denn er möchte sich verän­dern und ist auf dem “Werte­sprung”). Der Kunde wird die Werte­hal­tung an Signalen auf der Website intuitiv erkennen – wenn die Website denn authen­tisch ist. Und das ist Punkt: Weil eben viele für „alles“ den Finger heben“  sind manche Selbst­dar­stel­lungen glit­schige Fische. Man greift sie einfach nicht. Dass man sich die Schuhe ausziehen muss, sieht man nicht…

Über diese Themen kann man in meinem Buch Coaching-Tools (erscheint in ca. 3 Wochen) eine Menge Prak­tisch Anwend­bares erfahren. Ich zeige hier nicht einfach nur neue Methoden, sondern helfe auch bei der Posi­tio­nie­rung und Opti­mie­rung von Auslas­tung durch clevere Ange­bots­ge­stal­tung.

 

 

 

 

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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