Kate­go­rien

Coaching-Mythen 2: Vom Verstehen-Wollen, Verwir­rung und falschen Zielen

Published On: 2. Dezember 2024Cate­go­ries: Aktuell, Coaching

Die Coaching- und Change-Expertin Svenja Hofert enttarnt Coaching-Mythen. Sie geht dabei den Glau­bens­sätzen von Coaches auf den Grund. Dies ist die zweite Folge. Die erste Folge mit den Mythen 1–3 finden Sie hier.

Coaching-Mythen (6): Man muss alles verstehen. Um Himmels willen nein.

Coaches oder Menschen, die Coaching­tech­niken anwenden, arti­ku­lieren oft das Bedürfnis, alles verstehen zu wollen. Das zeigt sich auf zwei Ebenen: Zum einen das Bedürfnis nach einem analy­ti­schen Verständnis des „Problems“, „Ziels“ oder der Fall­schil­de­rung. Zum anderen das Streben nach einem emotio­nalen Nach­emp­finden des Geschil­derten.

Dieses Verlangen führt oft zu einem inves­ti­ga­tiven Befragen, schon während der Auftrags­klä­rung. Doch das hat seinen Preis: Es geht auf Kosten der Bezie­hung. Während ich versuche, „alles zu wissen“, verliere ich den Kontakt.

Fragen ist nicht gleich Fragen.

Es gibt außerdem einen klaren Unter­schied zwischen dem Fragen im Coaching und dem Fragen in der Orga­ni­sa­ti­ons­be­ra­tung, der nicht immer gut heraus­ge­ar­beitet wird.

Fall­bei­spiel

Anton hat ein Problem: Die anderen verstehen ihn nicht. Er ist eine „E9“ – ein neumo­di­sches Stufen­ding. Jede Nach­frage löst einen weiteren Rede­fluss aus, der sich auf Coachin Susanne ergießt. Sie bemüht sich heftig, alles zu verstehen. Gleich­zeitig schleicht sich bei ihr ein Gedanke ein: „Bin ich viel­leicht einfach zu blöd für Anton?“

Was Susanne dabei nicht bemerkt: Während sie sich immer tiefer in ihren eigenen Gedanken verliert, verpasst sie ihre eigenen Reak­tionen. Sie über­sieht, wie sie unbe­wusst der Projek­tion „Ich bin schlau und du bist blöd“ verfällt. Und sie merkt nicht, dass sie ständig nach der „perfekten“ nächsten Frage sucht.

Weil sie so mit sich selbst beschäf­tigt ist, bemerkt sie auch nicht, dass sie gerade in Echt­zeit erlebt, was Antons Problem ist. Aller­dings nicht auf der verbalen, sondern auf der körper­li­chen Ebene.

Oft erlebe ich, wie auch ausge­bil­dete Coaches erleich­tert aufatmen, wenn ich ihnen sage: „Du musst nichts verstehen.“ Natür­lich gibt es Kontexte, in denen analy­ti­sches Verständnis – etwa von Gesell­schaf­ter­ver­trägen – hilf­reich ist. Aber das ist ein anderer Mythos, wartet´s ab.

Wir können einen anderen Menschen ohnehin nie voll­ständig verstehen. Jeder Versuch ist ein Abgleich mit dem, was wir selbst in uns abge­spei­chert haben. Wir sortieren die Eindrücke fröh­lich in unsere inneren Schub­laden à la „Das kenne ich schon“.

Doch Zuhören ist nicht Verstehen-Wollen und auch kein verzwei­felter Versuch, den gedank­li­chen Pfaden des Gegen­übers zu folgen.

Zuhören ist viel­mehr ein körper­li­ches Erleben von Reso­nanz – ein Mitschwingen.

Was meint ihr? Kann man Mitschwingen lernen? Und wie?

𝐂𝐨𝐚𝐜𝐡𝐢𝐧𝐠-𝐌𝐲𝐭𝐡𝐞𝐧 (𝟒): 𝐂𝐨𝐚𝐜𝐡𝐢𝐧𝐠 𝐟ü𝐡𝐫𝐭 𝐳𝐮 𝐢𝐧𝐧𝐞𝐫𝐞𝐫 𝐊𝐥𝐚𝐫𝐡𝐞𝐢𝐭. Nicht immer

„Endlich habe ich Klar­heit.“ Schön wär´s. Coaching sorgt manchmal auch für mehr Verwir­rung. Man geht klar rein und kommt konfus raus.

Ein Grund: Das selbst erdachte Ziel wird in Wahr­heit von der inneren Vertei­di­gungs­mi­nis­terin vorge­schickt. Sie möchte den Selbst­er­halt um jeden Preis. Bloß nicht neu denken. Aus dieser Logik heraus wird dann ein Ziel formu­liert.

Für den Coach kann das bedeuten, dass es – meiner Erfah­rung nach oft in der 3. oder 4. Stunde – zäher wird. Projek­tionen werden offen­sicht­lich, Über­tra­gung und Gegen­über­tra­gung sind in vollem Gang.
Es zeigt sich, dass man doch nicht will, was man zu wollen glaubte.

Es kann nun passieren, dass man gewahr wird, dass Unter­nehmen, Bereich, Job oder Umfeld nicht mehr zu einem passt. Das hat viel mit persön­li­chen Lebens­phasen zu tun und noch mehr mit Entwick­lung.

Ziel­kon­flikte können auftau­chen. Oder auch das Bewusst­sein größer werden, dass es besser wäre, auf die bishe­rigen Ziele zu verzichten.

Fall­bei­spiel:

Matilda dachte immer, es wäre ihr abso­luter Traum in einem Marken­kon­zern Marke­ting­lei­terin zu werden. Als sie dasmit 30 geschafft hatte, fühlte es sich leer an. Die Perso­nal­ab­tei­lung spen­dierte ein Busi­ness Coaching, doch schnell stellte sich heraus, dass es um grund­le­gende Über­zeu­gungen ging. Sie war nicht sich selbst, sondern dem Reiz des Außen gefolgt. Jetzt war sie total verwirrt.

Es kam ein „In-Between“ oder auch Schnee­ku­gel­ef­fekt: Man verliert die Klar­heit, hat gemischte Gefühle. Ich kenne einige Coachs, die Schwie­rig­keiten damit haben, das auszu­halten – oder viel­mehr den Prozess in solchen Situa­tionen zu halten. Sie fühlen sich schuldig. Denken, Sie hätten die Verant­wor­tung, dass es dem anderen gut geht, er/sie zu einer Lösung kommt.

Deshalb sollten wir uns immer fragen, ob wir auch halten können, was wir anstoßen. Denn selbst eine sehr einfache und zunächst nicht mal emotio­nale Frage wie „was ist das, was sie als Leere beschreiben?“ kann so Einiges in Bewe­gung bringen.

Ja, viele suchen ein Coaching, um Klar­heit über etwas zu gewinnen. Aber der Weg zur Klar­heit kann über den Zustand der Verwir­rung führen. Denn Refle­xion stei­gert die innere Komple­xität. Das hat Risiken und Neben­wir­kungen. Es kann den Schlaf rauben, Sicher­heiten ins Wanken bringen.

Fall­bei­spiel:

Matilda brauchte mehrere Coachs, bis sie sich für einen Bruch mit der bishe­rigen Karriere und einen beruf­li­chen Neustart entschied. Das ist auch so eine Erfah­rung: Es liegt nicht am Coach, sondern am Punkt, an dem der Coachee steht und das echte, tiefe Bedürfnis. Manchmal bringt dann jemand anderes zur Blüte, was als kleiner Samen beim ersten Coach begann. Und manchmal ist es eben doch Therapie, die es braucht.

Was meint ihr? Was ist eure Erfah­rung mit dem Schnee­ku­gel­ef­fekt?

Coaching-Mythen (5): 𝐖𝐞𝐧𝐧 𝐝𝐚𝐬 𝐙𝐢𝐞𝐥 𝐝𝐚𝐬 𝐋𝐞𝐛𝐞𝐧 𝐯𝐞𝐫𝐡𝐢𝐧𝐝𝐞𝐫𝐭 – weg damit.

„Im Coaching-Prozess defi­nieren Coach und Klient die Ziel­set­zung und das konkrete Anliegen“, heißt es auf der Website der Rauen Group von Dr. Chris­to­pher Rauen

(Fast) alle Coaching-Ausbilder betonen, dass Ziele im Coaching wichtig sind. Das stimmt jedoch nur teil­weise. Längst nicht immer sind Ziele ziel­füh­rend.
Manchmal ist auch das Gegen­teil wahr: Ziele können das Leben behin­dern.

Beson­ders trifft das auf Menschen zu, die lange Zeit sehr ziel­strebig waren. Sie rasen auf ihre Ziele zu, nur um irgend­wann fest­zu­stellen, dass diese weder ihre eigenen noch ihre wahren Maßstäbe waren.

Ein Beispiel aus meinem Bekann­ten­kreis – wie immer mit fiktiven Namen:

Fall­bei­spiel

Thomas war stets ein Über­flieger. Schon mit 18 hatte er sein erstes Unter­nehmen gegründet. Ständig flitzte er auf der Über­hol­spur zum nächsten Ziel. An der Uni, als Unter­nehmer und sogar als Serien-Neben­­­be­­rufler, der sich für soziale Themen einsetzte. Der leise Zweifel, ob das alles „sein Leben“ war, der nagte immer wieder. Doch vor lauter Zielen kam er nicht dazu, darüber nach­zu­denken.

Ziele geben Orien­tie­rung, doch sie stehen uns auch im Weg. Beson­ders dann, wenn es nicht unsere eigenen Ziele sind. Was man bisweilen gar nicht merkt.

Viele verfolgen über Jahre oder Jahr­zehnte Pläne anderer (Familie, Ahnen, Peer­gruppen, Ehepartner…), ohne es zu merken. Oder viel­mehr: ohne das nagende Gefühl, im falschen Leben zu sein, wirk­lich an sich heran­zu­lassen.

Manchmal hängt es auch mit Lebens­phasen zusammen (siehe dazu mein Karrie­re­le­bens­pha­sen­mo­dell). Was früher stimmig war, passt irgend­wann nicht mehr. Der Weg zur Refle­xion führt nicht selten über einen äußeren Bruch:
*Ein uner­war­teter Jobver­lust.
*Eine abge­ris­sene Erfolgs­kette.
*Oder neue Bezie­hungen, die auch neue Lebens­ent­würfe offen­baren.

Ein Extrem­fall ist die „Ziel­krank­heit“: Menschen sind so mit ihren Zielen verhei­ratet, dass sie keinen Zenti­meter nach links oder rechts blicken können. Das was einer­seits für Ziel­er­rei­chung so gut und wichtig ist (besser alles auf Plan A!), hier wird es zum Gesund­heits­killer.

Die esote­ri­sche Vari­ante zeigt sich, wenn jemand glaubt, er könne sich das Traum­leben herbei­ma­ni­fes­tieren. Dieses Traum­leben ist oft völlig unrea­lis­tisch und wird meist von narziss­ti­schen „Seelen­räu­bern“ propa­giert, die daran gut verdienen.

Doch was wäre, wenn man auf ein Ziel verzichtet? Einfach so in den Tag lebt?
Ja, dann muss man sich spüren, was will ich einfach? Viel­leicht ins Museum? Die Natur? Zu Freunden? Kein Ziel zu haben fordert MICH:

Ich habe oft Coachees dabei begleitet, ihre Ziele loszu­lassen. Häufig war das der Beginn größerer innerer Bewe­gungen.

Eine Ziel­ver­ein­ba­rung kann man trotzdem machen. Denn meist wird in solchen Fällen in den ersten Stunden vehe­ment ein Ziel ange­steuert. Ich ahne dann schon, dass es anders kommt – aber das muss ja niemand wissen.

Foto von cottonbro studio: https://www.pexels.com/de-de/foto/mann-paar-menschen-buro-4101143/

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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