Kate­go­rien

Coaching ohne Handicap: Inter­view mit Jens Jann­asch

Published On: 14. Oktober 2013Cate­go­ries: Führung

jensjannaschJens Jann­asch ist zerti­fi­zierter syste­mi­scher Coach der Freien Univer­sität Berlin. Ich habe ihn für ein Inter­view in meinen Blog ausge­wählt, weil er etwas Unge­wöhn­li­ches tut: Seit fünf Jahren arbeitet er haupt­be­ruf­lich als Jobcoach in einer der größten Berliner Werk­stätten für Menschen mit Behin­de­rung. Über dieses span­nende Thema hat er auch ein Buch geschrieben.

Während des Studiums habe ich als Nebenjob u.a. Menschen mit Down-Syndrom betreut. Kann man Menschen mit Behin­de­rung coachen? Auch aus meiner Erfah­rung in dieser Arbeit stelle ich mir das schwierig vor…

Doch das geht. Selbst­ver­ständ­lich auch abhängig von der Schwere der Behin­de­rung. Natür­lich braucht man etwas andere Heran­ge­hens­weisen und mehr Zeit, um Übungen zu erklären. Aber die Wirkung ist erstaun­lich – und nicht anders wie bei jedem anderen auch. Coaching öffnet neue Perspek­tiven und kann einen Moti­va­ti­ons­schub auslösen.

Mit welchen Tools arbei­test du dabei?

Ich nutze zum Beispiel Tetra­lemma aus der Aufstel­lung, oft im Einzel- aber auch im Team­set­ting. Dabei arbeite ich ganz viel mit Kärt­chen. Ich muss mir noch genauer als in der Arbeit mit Nicht-Behin­­derten aufschreiben, was  beim letzten Mal passiert ist und da wieder anknüpfen. Die Übungen muss ich exakt anmo­de­rieren. Selbst geäu­ßerte Inhalte werden von den Coachees oft vergessen. Oder ich muss sie hinter­fragen, um sie selbst zu verstehen. Für manche ist es auch eine unge­wohnte Situa­tion, ihre ganz eigenen Wünsche und Inter­essen zu benennen. Leider auch die ihr Leben lang beglei­tende Aussage “das kannst Du nicht, du bist behin­dert” zu verlassen und ihre eigenen Inter­essen (wieder-)zuentdecken. Sie wissen oft ganz genau, was ihre Familie oder ihre Betreuer für einen Weg für sie vorge­sehen haben. Können aber oft nicht ihre eigenen Wünsche äußern. Zum einen, da sie es wie gesagt nicht gewohnt sind, zum anderen, weil sie sich verbal teil­weise nicht so konkret äußern können.  Da braucht ein Setting deut­lich mehr Zeit als bei einem nicht-behin­­derten Menschen: Mindes­tens 90 Minuten pro Einheit und auch eher mehr Termine als 6–7.

Ich stelle mir vor, dass man auch ganz andere Worte verwenden muss…

Auf jeden Fall, man muss es einfach und bild­lich erklären und Inhalte teil­weise auf sprach­lich sehr nied­rigem Niveau halten. Aber dann verstehen es die Coachees schon. Oder bei den Menschen mit psychi­schen Einschrän­kungen. Hier muss man manchmal auch lang­samer vorgehen, um nicht zu über­for­dern.

Und weitere Tools? Kann man alle syste­mi­schen Klas­siker einsetzen?

Manche muss man “über­setzen”. So haben auch Menschen mit Behin­de­rung ihre Höhen und Tiefen in ihrem Lebens­lauf, die man mit Ihnen bespre­chen kann anhand einer Kurve. Da kann ich natür­lich nicht mit Skalen­werten von ‑10 bis +10, arbeiten, wenn jemand gar keine Zahlen lesen kann. Ich über­setze die Werte dann, indem ich z.B. Smileys verwende.

Bei meinen Coachees ohne Behin­de­rung erkläre ich teil­weise die Tools, damit der Coachee unge­fähr weis, was ihn erwartet. Bei meinen Coachees mit Einschrän­kungen mache ich das oftmals nicht. Es kann hier zu Miss­ver­ständ­nissen oder Über­for­de­rung kommen, wenn ich erst etwas probiere zu beschreiben, was viele nicht fassen können und vor Beginn des Tools bereits eine Blockade aufbauen. Auch Themen wie “Perspek­ti­ven­wechsel” sind manchmal schwierig, da hier oft nicht in der jewei­ligen Rolle geblieben und der Wechsel nicht verstanden wird.

Was sind Themen, die Menschen mit Behin­de­rungen umtreiben? Gibt es da auch so viele Träumer und Traum­job­su­cher?

Unser Team ist für Menschen mit Behin­de­rung da, welche aus der Werk­statt auf den allge­meinen Arbeits­markt wollen. Es geht daher bei uns allen vor allem um Zufrie­den­heit und Pass­ge­nau­ig­keit im Beruf. Menschen mit Behin­de­rungen sind erstaun­lich realis­tisch in der Einschät­zung ihrer Möglich­keiten und auch in ihren Träumen. Sie arbeiten in den unter­schied­lichsten Berei­chen. Von der Marke­ting­ab­tei­lung über Biblio­theken, Senio­ren­ein­rich­tungen, Baumärkte bis hin zum Trockenbau. So viel­seitig wie die Menschen sind, so unter­schied­lich sind die Berufs­wün­sche. Reali­täts­ferne Berufs­wün­sche bekommen wir nur äußerst selten. Span­nend ist hier auch: während bei studierten Menschen der Traumjob oft im oberen Manage­ment ange­sie­delt ist und auch sehr viel mit Macht, Status und Indi­vi­dua­lität zu tun hat, wollen unsere Mitar­beiter Gabel­stap­ler­fahrer im Baumarkt oder Küchen­helfer in einer Senio­ren­ein­rich­tungen werden. Einer von allen. Genau die Arbeits­klei­dung haben, die alle tragen. Indi­vi­duell sind sie auf Grund ihrer Einschrän­kung bereits genug.

Gibt es Grenzen bei der Reali­sie­rung von Träumen?

Ja, natür­lich. Mitunter unter­stützt die Familie oder die Betreuer die Vorhaben der Menschen mit Behin­de­rung nicht, wenn sie sich einen Job „erträumt“ haben, der auch durchaus realis­tisch wäre. Auch das ist wie bei Nicht-Behin­­derten.

Nicht zu unter­schätzen sind auch Ängste vor dem Verlust der sozialen Kontakte. Viele Mitar­beiter haben nur in der Werk­statt Freunde. Es werden sehr gut funk­tio­nie­rende Prak­tika abge­bro­chen, um diese Kontakte nicht zu verlieren. Das darf man aus der “gesunden” Perspek­tive nie unter­schätzen und unter­streicht gerade hier den syste­mi­schen Ansatz. Es geht um das System des Coachees!

Weitere Fragen, die deine Coachees umtreiben?

Auch Entschei­dungen spielen eine Rolle. Da kann es darum gehen, sich selbst bewusst zu werden, was man eigent­lich will. Ein Beispiel: Ein Mann wollte in den KFZ-Bereich. Wir akqui­rierten eine KFZ Werk­statt. Am zweiten Tag wurde das Prak­tikum vom Meister auf Grund von Verhal­tens­auf­fäl­lig­keiten beendet, die wir von dem Mitar­beiter nicht kannten. Im Coaching kam heraus, dass er zwischen den Stühlen stand: er selber wollte schon immer in einer Kita arbeiten. Seine Eltern wollten aber einen “anstän­digen” Beruf für ihn und sagten immer, der KFZ Bereich sei für ihn Ideal. Dies war auch wieder ein Beispiel, dass umge­setzte fremd­ge­steu­erte Wünsche nicht den Erfolg bringen, als wenn es die eigene Moti­va­tion ist. Dieser Mann ist nun seit 4 Monaten in einer Kita und blüht dort richtig auf.

Ich habe mal einge­trich­tert bekommen, nie mit Menschen zu arbeiten, die parallel in thera­peu­ti­scher Behand­lung sind – bis ich gemerkt habe „so ein Unsinn“. Wie siehst du das, da du ja auch mit psychi­schen Einschrän­kungen zu tun haben?

Man muss seine Grenzen sehen und wissen, wann man ein Thera­pie­thema berührt und wann nicht. Bloß keine Laien­psy­cho­logie betreiben! Außerdem ist in meinem Bereich ein Austausch mit dem Thera­peuten hilf­reich; der sollte das Coaching gutheißen. Es werden hier auch oftmals klare Abspra­chen getroffen, welche Inhalte nicht im Coaching bespro­chen werden, um nicht schnell in das Thema eines anderen Formates zu rutschen.

Jens Jann­asch coacht auch neben­be­ruf­lich in Berlin. Schauen Sie mal rein.

PS: Sollte Ihr Inter­esse geweckt worden sein, können Sie hier gerne das Buch bestellen. Mit dem Kauf dieses Buches unter­stützen sie weitere Coachings für diese Perso­nen­gruppe. Und das ist wichtig, denn es gibt keine Förder­mittel, außer­halb des persön­li­chen Budgets, das für diese Themen keine Anwen­dung findet (obwohl es wohl möglich wäre).

 

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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2 Kommen­tare

  1. Finetta 20. Oktober 2013 at 13:16 — Reply

    Das finde ich sehr span­nend, weil ich schon öfters Berichte gesehen habe, das diese Menschen viel mehr können, als das was man ihnen zuge­steht.

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