Kate­go­rien

Das agile Luft­schloss: Warum wir die Welt mit unserem Agili­täts­ver­ständnis kompli­zierter machen, dabei wäre es so einfach

Published On: 30. Dezember 2017Cate­go­ries: Führung

Können Sie es auch nicht mehr hören? „Agil“ sein will jeder. Doch jeder hat ein anderes Agili­täts­ver­ständnis. Eines meiner Schlüs­sel­er­leb­nisse war ein Feed­back zum von mir gelei­teten Seminar „Agiler Führen“: Eine Teil­neh­merin teilte mir mit, sie hätte sich etwas ganz Anderes unter dem Thema vorge­stellt. Sie habe viel gelernt, aber sie habe bei der Anmel­dung komplett andere Vorstel­lungen von Agilität gehabt.

Die unter­schied­li­chen Vorstel­lungen von Agilität sorgen nicht nur für Verwir­rung, sie machen das derzei­tige Arbeits­leben zwischen agilen und nicht-agilen Berei­chen auch kompli­zierter als dieses sein müsste. Schuld sind diffuse Vorstel­lungen und manchmal gera­dezu sektie­re­ri­sche Heils­ver­spre­chen.

Weniger gesehen werden die verschie­dene Brillen, mit denen auf Agilität geblickt wird. Sie lassen sich nach Spiral Dyna­mics Werte­logiken zuordnen lassen. Die folgende Tabelle zeigt über­spitzt anhand von Arte­fakten, was sich hinter der Forde­rung nach mehr Agilität als Werte­logik zeigen kann:

Werte­logik (Spiral Dyna­mics, in Klam­mern mein Workli­fe­style Die „agile“ Werte-Brille, umge­setzt in ein Prinzip Arte­fakte (mani­fes­tierte Werte)
Purpur (Family Style) Fühlt euch wohl. Gemüt­li­ches, tren­diges Büro, die Mitar­beiter sollen sich wohl­fühlen. Legt Wert auf Feiern und Events.
Rot (Dynamic) Wir probieren, ob es was bringt. Lauter Relikte von Agili­­täts-Expe­ri­­menten, etwa nicht mehr genutzte Inno­va­ti­ons­ta­feln. Legt Wert auf 5 Schritte und schnellen Erfolg.
Blau (Conven­tional) Wir passen die Prozesse an. Methoden- und Tech­niken stehen im Mittel­punkt. Legt daneben auch Wert auf Modelle und Prozesse.
Orange (Perfor­cance) Wir wollen schneller Ziele errei­chen. Schnelle Ziel­er­rei­chungs­ver­mes­seung. Legt Wert auf Mess­bar­bar­keit, z.B. OKR (objek­tives and key results)
Grün (Coope­ra­tive) Wir wollen keine Hier­ar­chien und Macht mehr. Viele Meeting­räume, strebt nach gemein­samen Entschei­dungen und Einbin­dung. Legt Wert auf z.B. Kommu­­ni­­ka­­tions- und Management‑3.0‑Tools.
Gelb (Flexible) Ab hier ist Agilität ausge­wogen und sowohl als auch. Sieht sich als lernend. Sucht nach Spar­ring, Hybrid-Modelle, nicht mehr fest­ge­legt.
Türkis (Better World Style) Ab hier werden auch Grund­an­nahmen in Frage gestellt, z.B. Wirt­schaft neu denken. Sieht sich als lernend, oft visio­näre CEOs, wie gelb und mehr.

Was ist der Mensch ohne Werk­zeuge?

Vorherr­schend ist immer noch die “blaue” Denke, bei der Metho­den­ori­en­tie­rung sich mit Struktur- und Best-Prac­­tice-Wunsch vereint. Aber auch “rot” sucht nach Methoden — sofern sie als quick & dirty Schnell­an­lei­tungen funk­tio­nieren. Das ist verständ­lich: Der Homo Sapiens kann Tools erzeugen, das grenzt ihn ab vom Tier. Deshalb bleibt er gern auf dieser Toole­bene.

Manage­ment 3.0, Digital Leader­ship, Frame­works wie Scrum und SCAFe (skalier­bares Scrum für größere Firmen): Wer das “Geheimnis” von Agilität auf dieser Toole­bene lüftet, hört von Unter­nehmen oder Indi­vi­duen öfter „das sei ja alles nichts Neues“.

Diese Fest­stel­lung ist auf dieser Ebene auch richtig: Agiles Arbeiten bietet nicht wirk­lich viel Neues. Zumal es in vielen Fällen auch sinn­voll ist, auch bewährte Methoden parallel zu nutzen, also Hybrid-Modelle sich anbieten. Der Werk­zeug­koffer wird also aufge­füllt oder auch nur anders sortiert. Erst im Rück­blick der Geschichte wird der evolu­tio­näre Charakter deut­lich: Neue Werk­zeuge erwei­tern den vorhan­denen Werk­zeug­kasten.

Der Fest­stel­lung „das ist ja nichts Neues“ liegt die unbe­wusste Grund­an­nahme zugrunde, dass zeit­lich „Neues“ besser sei als „Altes“ ist als die Vergan­gen­heit. Besser wird z.B. orange (effektiv) oder grün (kommu­ni­ka­ti­ons­för­dernd) inter­pre­tiert. Die Annahme ist auch, dass etwas Neues eine als Technik erlern­bare Methode sein müsse, eben ein Werk­zeug, wie beispiels­weise die 5 einfa­chen Schritte zu Agile/Digital Leader­ship.

Die Neupo­si­tio­nie­rung als Mensch jenseits der Tools

Und jetzt kommen wir zum Kern: Der Mensch in der Digi­ta­li­sie­rung ist kein Werk­zeug­ma­cher mehr, er ist dabei, den Job dem Computer über­tragen. Vielen ist das nicht klar. Oft hörte ich, der Mensch müsse dem Computer ja sagen, was er machen soll. Dass Computer auch selbst lernen, ist weniger bekannt.

Es geht also gar nicht (mehr nur) um Tools. In der Coaching und Bera­tungs­li­te­ratur zeigt sich dieser Trend schon länger, ist aber als solcher meines Wissens bisher nicht wirk­lich benannt. Spar­ring auf Augen­höhe trans­for­miert zuneh­mend lösungs­im­ple­men­tie­rende Bera­tung “von oben”. Edgar Scheins „Humble Consul­ting“ fokus­siert nur eine “Methode”: Das Fragen auf Augen­höhe und den Gedan­ken­aus­tausch. Mein „Hört auf zu coachen“ zielt mit anderer Argu­men­ta­tion auf eine ähnliche Annahme: Es geht darum, als Berater den Möglich­keits­raum von Menschen zu begehen und zu erwei­tern.

Grund­an­nahmen als Basis für alles

Ich will das mal etwas weiter aufrollen und einen Begriff ins Spiel bringen, der den Kern meiner These wie kein anderer beleuchtet. Es ist der Begriff der Grund­an­nahmen. Grund­an­nahmen defi­nieren unsere indi­vi­du­elle Exis­tenz, aber auch die einer Orga­ni­sa­tion. Grund­an­nahmen sind auf orga­ni­sa­tio­naler Ebene das Pendant zum Un- und Vorbei­mussten des einzelnen Menschen. In Edgar Scheins genialem Kultur­ebe­nen­mo­dell (hier) trans­for­mieren sie in Werte und Normen, wenn sie bewusst werden. Das geschieht etwa durch einen Double Loops (hier).  Dieser macht Verän­de­rung aus einer neuen Logik heraus möglich.

Unbe­wusst ist oft die Logik an sich, der Unter­nehmen und Menschen folgen. Dass beispiels­weise die Effek­ti­vi­täts­brille auch die Wahr­neh­mung von Agilität prägt, ist viel­fach nicht klar. Wie kommen wir zu Grund­an­nahmen? Wenn wir uns damit beschäf­tigen, kommen wir beim Thema Agilität auto­ma­tisch zur Frage, wozu das Ganze. Das ist auch die erste Frage im Golden Circle von Simon Sinek “how great leaders inspire action”: WARUM? Warum wollen wir agiler werden?

Damit die Ebene der Grund­an­nahmen mitge­dacht wird, würde ich hinzu­fügen — auf Basis welcher Grund­an­nahmen formu­lieren wir das WARUM

WARUM wollen Sie agiler werden?

Stellt man die einfache Frage WARUM wollen wir agiler werden, kommen meist diese Antworten, die eher den Charakter von Forde­rungen  haben (Wert: Ziel­ori­en­tie­rung, also orange):

  • Wir brau­chen mehr Inno­va­tion, damit wir in die Digi­ta­li­sie­rung als Unter­nehmen über­leben.
  • Wir müssen schneller reagieren, um besser auf Kunden­be­dürf­nisse eingehen zu können.
  • Die jungen Fach­kräfte fordern agiles Arbeiten ein, weil sie das jetzt schon aus dem Studium kennen. Wir bekommen die Besten nicht mehr, wenn wir beim Alten bleiben.

All diese Antworten zeigen folgende Grund­an­nahme: Wir als Unter­nehmen wollen mit dem gewohnten Denken über­leben. Es geht darum, Konti­nuität zu wahren. Bishe­rige Glau­bens­sätze – also sozial antrai­nierte Über­zeu­gungen — bleiben erhalten. Die Grund­an­nahmen werden nicht reflek­tiert. Es erfolgt kein Double Loop des Denkens (dazu hier mehr).

Schauen wir uns einmal diese Aussagen an, die eher als Prinzip zu verstehen sind (Wert: Verän­de­rung, also gelb):

  • Wir wollen uns/die Welt/Wirtschaft neu defi­nieren, um sie besser und lebens­werter für alle zu machen.
  • Wir wollen die Digi­ta­li­sie­rung so gestalten, die wir Chancen für die Welt nutzen und Risiken eindämmen.

Die Grund­an­nahmen sind hier ganz andere, sie haben eine ethi­sche Qualität bekommen. Welche Kultur würden Unter­nehmen entwi­ckeln, die diesen Grund­an­nahmen folgen? Wir würden diese auf die Agili­sie­rung des Unter­neh­mens blicken? Ganz anders. Methoden und Tools stünden nicht mehr im Mittel­punkt. Ziel­ori­en­tie­rung (orange) wäre ein Aspekt, Verän­de­rung (gelb) jedoch der Treiber.

WIE setze ich Agilität mit meinem Agili­täts­ver­ständnis um?

Gehen wir WARUM des Golden Circles zum WIE. Was ist die Stra­tegie? Wie tue ich es? Erst danach geht um WAS? Was genau mache ich? Jetzt kämen auch Methoden dazu. Mit einer effek­ti­vi­täts­be­zo­genen Grund­an­nahme beginnt der Kreis aber oft beim WHAT. WAS genau muss ich machen, um ein Digital Leader zu werden? WAS genau muss ich tun, um agil zu werden?

Wer beim WARUM beginnt, kann beim WAS zu ganz anderen Schluss kommen. Beispiels­weise könnte es um die Entwick­lung von Refle­xi­vität bei Führungs­kräften gehen, um den Möglich­keits­raum des Denkens zu öffnen.

Dafür müssten wir Talent Manage­ment und Kompe­tenz­mo­delle aller­dings in die Motten­kiste packen. Statt dessen Lear­ning Jour­neys anbieten und alles, was hilft, die Nase in unge­wohnte Rich­tungen zu halten und Neues zu erfahren. Refle­xi­vität ist viel mehr als Refle­xion. Es ist das Ergebnis tiefer Nach­denk­lich­keit, konstruk­ti­vis­ti­scher Perspek­ti­vität und fluiden Wissens.

Manfred Molda­schl schreibt dazu:

Refle­xion ist ein Tun, eine Tätig­keit, das Wort ein Tätig­keits­wort. Es bezeichnet Denken, Nach­denken, eine distan­zie­rende Bezug­nahme. Refle­xi­vität ist eine Eigen­schaft, ein Merkmal von Struk­turen, Prozessen, Systemen.“ (…) Betont man die Verun­si­che­rung, die mit Refle­xi­vität verbunden sein kann, so ist refle­xives Wissen ein unsi­cheres Wissen. Man kann es nicht ohne Refle­xion, nicht ohne Kontex­tua­li­sie­rung gebrau­chen. Mehr.

In der Höhle sehen Sie nur Schatten und nicht die Welt

Zurück zu den Grund­an­nahmen, die durch höhere Refle­xi­vität ins Wanken geraten könnten oder einfach fluider werden. Sicher kennen Sie das Höhlen­gleichnis von Platon. Wer die Welt nur in ihren Schatten sieht, kann sie nicht begreifen. Das lässt sich auf die Perso­nal­ent­wick­lung über­tragen: Semi­nare zeigen oft eine Schat­ten­welt, die mit dem Leben in der Höhle wenig zu tun hat. In der Schat­ten­welt exis­tieren nur Glau­bens­sätze, keine Grund­an­nahmen. Denn Grund­an­nahmen haben immer auch einen Erfah­rungs­bezug, Glau­bens­sätze nicht.

Schat­ten­welten der Agilität

Unter dem Stich­wort Agilität werden laufend Schat­ten­welten gezeigt, beispiels­weise wenn Best Prac­tice von anderen zitiert wird. Jede neue Mode entwi­ckelt sich nach dem glei­chen Muster, die man auch als „5 Stages of Tech­no­logy Adap­tion“ kennt: Zuerst kommen die Inno­va­tors, dann die Early Adop­tors, die early Majo­rity, late Majo­rity und die Laggards, die Tradi­ti­ons­be­wussten (die heute noch kein Smart­phone haben).

Auch Begriffe entwi­ckeln sich  ähnlich. Beim Thema Agilität sind wir in der Phase der early Majo­rity, wenn wir auf die Werk­zeu­ge­bene schauen. Betrachten wir die Mindset-Ebene haben wir wahr­schein­lich nicht mal die Inno­­vator-Phase erreicht. Alles, was bisher kursiert, ist nicht Mindset, sondern Kompe­tenz. Und Kompe­tenzen leiten sich aus Effek­ti­vi­täts­denken ab. Sie gehen von Erlern­bar­keit aus.

Grund­an­nahmen als Keller der Orga­ni­sa­ti­ons­kultur und Zünd­schnur von Agilität

Für Edgar E. Schein liegen die Grund­an­nahmen in der untersten Schicht seines Kultur­ebe­nen­mo­dells. Man könnte sie auch bild­lich im Keller ansie­deln — man schaut da einfach nicht oft hinein. Kennen Sie Ihren Keller? Das, was eine Orga­ni­sa­tion als wahr oder exis­tent annimmt, wirkt auf ihre Normen und Werte. Glaubt sie an die Steu­er­bar­keit des Verhal­tens? Glaubt sie daran, dass Menschen mit Methoden lernen? Im Keller der Grund­an­nahmen liegen alle Treiber für Agilität, aber sie werden nicht beachtet. Zu sehr ist das Augen­merk auf sicht­bare Arte­fakte gerichtet, etwa die bunten Zettel­chen oder Management‑3.0‑Tools, die aus nichts als lustigen Bildern bestehen und eher Trai­ner­werk­zeug als alles andere sind. Sie verän­dern kein Denken, sie öffnen nicht neue Möglich­keits­räume. Sie bieten einen spie­le­ri­schen Zugang, das ist gut, aber mehr auch nicht. Sie schürfen nicht tief. Sie machen z.B. keine Selbst­denker aus Tool­kon­su­menten.

Agilität beginnt mit der rich­tigen Beset­zung der Führungs­ebene

Solche Menschen brau­chen Unter­nehmen, mindes­tens in Führungs­po­si­tionen. Es geht nicht um quadra­ti­sche Zettel. Es geht nicht um schicke Büro­möbel. Ja, das emotio­na­li­siert und Emotionen brau­chen wir zum Lernen. Aber wider­stands­fä­hige Menschen, die in der Lage sind Grund­an­nahmen in Frage zu stellen (sich also selbst zu aktua­li­sieren), bekommen wir dadurch nicht.

Wollen Unter­nehmen solche Menschen über­haupt? Oft habe ich das Gefühl: Nein. Anstatt Mitar­bei­tern zu helfen, Para­do­xien und Ambi­gui­täten als Freunde zu sehen, versu­chen sie Wider­sprüche durch Methoden zu elimi­nieren, eben Komple­xität zu redu­zieren, die sowieso schon redu­ziert ist, wenn man sich verhal­tens­öko­no­mi­sche Grund­lagen ansieht und unseren Denk­ap­parat versteht.

Aus psycho­­lo­­gisch-päda­go­­gi­­scher Sicht herr­schen immer noch viel­fach beha­viou­ris­ti­sche Grund­an­nahmen vor. Die Idee, dass über Verhal­tens­ver­än­de­rung auch das Denken beein­flusst werden kann, ist richtig und falsch zugleich. Sie ist richtig, wenn es um kleine Schritte nach vorne geht, sie ist falsch, wenn Denken grund­le­gend verän­dert, also trans­for­miert werden soll. Darüber hinaus unter­scheidet sich die Haltung, mit der etwas „entwi­ckelt“ wird: Je nach Grund­an­nahme geht es um die Anpas­sung an Kompe­tenz­mo­delle („der Mensch lässt sich erziehen“) oder die Befä­hi­gung zur Selbst­ent­wick­lung („der Mensch muss eine eigen­stän­dige Persön­lich­keit mit Haltung sein“).

Agili­täts­ver­ständnis aus der blauen, orangen und grünen Brille

Das derzeit in der Lite­ratur verbrei­tete Bild der Führungs­kraft als Imker zeigt mir, wie wenig Grund­an­nahmen selbst in den Köpfen der Vordenker veran­kert sind oder auch dass die vorhan­denen Grund­an­nahmen die der Indus­tria­li­sie­rung sind.

Es geht in diesem Bild darum, möglichst viel Honig abzu­schöpfen – die Grund­an­nahme ist Effek­ti­vi­täts­be­zogen. Das ist in Spiral Dyna­mics das gewohnte „orange“ Mem. In vielen Agili­­täts-Büchern aus den USA, die unser Denken maßgeb­lich beein­flussen, ist das sehr deut­lich spürbar. Das Buch „The Agility Shift“ etwa ist so klas­sisch orange-ziel­o­ri­en­­tiert ist wie ein betriebs­wirt­schaft­li­ches Hand­buch aus den 1980er Jahren.

Die „grüne“ Inter­pre­ta­tion, die den Gemein­schafts­aspekt und die Kolle­gia­lität betonen würde, ist aller­dings in ihrem Extrem auch kein großer Fort­schritt. Agilität wird auch deshalb so breit an- und aufge­nommen, weil es in unter­schied­liche Logiken passt: Scrum kann rot, blau, orange, grün und gelb inter­pre­tiert werden. Rot probiert die Führungs­kraft das Werk­zeug einfach mal aus, um zu sehen, was es bringt, hält sich aber spätes­tens nach einer Woche an keine Regeln mehr.

Blau drängt der Scrum Master auf die Einhal­tung der Regeln auch lange nach der Lern­phase. Konflikte iden­ti­fi­ziert er mit dem Lehr­buch und nicht mit dem Herzen. Orange misst die Führungs­kraft das Einspar­po­ten­zial oder die Schnel­lig­keit. Grün setzen die Teams auf Dialog und kolle­giale Führung, die sie teils als dienst­leis­tende Führung miss­ver­stehen. Gelb sucht alles zu inte­grieren. Meist findet sich hier die größte Offen­heit für die Idee vom Mindset oder auch einer Personal- und Führungs­kräf­te­ent­wick­lung, die das Wort Entwick­lung eben nicht erzie­he­risch versteht. Refle­xi­vität kann auch dann eher entwi­ckelt werden, wenn die Grenzen der „agilen Methodik“ erkannt sind. Das ist oft der Fall bei Unter­nehmen, die schon länger agil arbeiten.

Tiefes Nach­denken öffnet Räume für das Neue

Die Antwort könnte lauten, dass wir die Probleme von morgen nicht mit dem Denken von heute begegnen können. Dafür gibt es gute Pro- und einige Contr­a­ar­gu­mente. Eine grund­le­gende Frage für eine tiefere Diskus­sion fängt bei der zeit­li­chen Dimen­sion an: Was ist für uns Morgen? Wie gestalten wir dieses Morgen gerade und defi­nieren unsere Rolle darin? Wir können folgern, dass wir uns dann weniger auf Werk­zeuge und mehr auf mensch­liche Aspekte konzen­trieren werden, etwa auf Empa­thie und intui­tive Wahr­neh­mung.

Refle­xion bringt uns zu uns selbst bringt und öffnet für die Zukunft. Die Theorie U des Claus Otto Schar­mers oder der Dialog nach Daniel Bohm sind wesent­lich besser geeignet das zu beför­dern als ein Manage­ment 3.0‑Tool. Es muss um mehr gehen: die Fähig­keit Grund­an­nahmen zu über­denken, zu erneuern in den Double Loop des Denkens zu gehen und die Orga­ni­sa­tion im Sinne einer zeit­ge­mäßen Grund­an­nahme in das Zeit­alter der Digi­ta­li­sie­rung zu heben. Wir brau­chen dann keine Denk­werk­zeuge mehr, sondern Rahmen und Räume, keine Arbeits- oder Effek­ti­vi­täts­hilfen, sondern Gele­gen­heiten.

Inter­esse am Thema? Hierzu passen meine Bücher “Hört auf zu coachen”, “Agiler Führen” und “Das Agile Mindset”

Bild: Fotomek@Fotolia.com

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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4 Kommen­tare

  1. Michael Pohl 29. Januar 2018 at 23:56 — Reply

    Danke für diesen Artikel, der mir ein paar wich­tige Zusam­men­hänge aufzeigt. Mir scheint der in Orga­ni­sa­tionen wahr­nehm­bare Reflex nach allem, was Agilität verspricht, sehr — Verzei­hung — tradi­tio­nell statt inno­vativ. Denn die diesem Reflex zugrunde liegende Logik ist es, Methoden zu schulen und Struk­turen zu verän­dern, damit der Laden weiterhin wie geschmiert läuft. Reiz (VUCA) erzeugt Reak­tion (suche nach neuen Methoden), doch die tiefere Frage danach, ob und wie es den Laden über­haupt braucht, wird nicht gestellt.

    Offenbar ist es leichter, sich neue Methoden anzu­eignen und damit schnell von Fragen zu Antworten zu kommen, statt — frei nach Rilke — zu lernen, die Fragen zu lieben. Im ernst­haften, tiefen Dialog­pro­zess (Buber, Bohm, Dietz) dagegen entstehen Räume, in welchen Grund­an­nahmen sichtbar werden, in denen das Neue sich zeigt, Erkennt­nisse und Einsichten gewonnen werden. Eigent­lich braucht es nicht viel: das tempo­räre Aussteigen aus der orga­ni­sa­tio­nalen Rolle und die Fähig­keit des zuge­wandten Zuhö­rens. Dialog ist gemein­sames Denken, Entscheiden und Handeln.

    • Svenja Hofert 30. Januar 2018 at 12:08 — Reply

      danke, Herr Pohl. Dialog ist alles andere als einfach. Das können viele doch gar nicht, erst recht die hoch anspruchs­volle Form nach Bohm. Ich finde das super, aber das kann lange (noch) nicht jeder. Das braucht einiges an Persön­lich­keits­ent­wick­lung und auch Zustands­er­fah­rung. Da muss man viel früher ansetzen: bei der Förde­rung von Reflek­ti­vität auf einem einfa­cheren Niveau. Die meisten Führungs­kräfte sind doch nicht mal wirk­lich bei sich ange­kommen. Wie wollen die da wirk­lich echt, tief zuhören? LG Svenja Hofert

  2. Jörg C. Kopitzke® 10. Februar 2018 at 12:40 — Reply

    “Agilität beginnt mit der rich­tigen Beset­zung der Führungs­ebene” — wie wahr — und viele Defekte auf dieser Ebene gesehen. In der Schat­ten­welt der Agilität können “halb(w)(g)ahre Lippen­be­kennt­nisse” (heisst: die falsche Hälfte repe­tieren, die andere strin­gent igno­rieren) glänzen, um mit Anlauf inner­halb pyra­mi­daler Struk­turen, die ein “agiles Rumge­wurschtle” nur unten an der Basis zulassen, schnell und erfolg­reich auf der taylo­ris­ti­schen Karrie­re­leiter empor klimmen. So lange Mikro­ma­nage­ment aufgrund verdeckter, innerer Inter­es­sen­kon­flikte, die regel­mässig durch Sach­zwänge, Hypo­theken, 360 Grad Feed­backs und über­holten KPI’s genährt werden, geför­dert wird, haben Artikel dieser Qualität, Frau Hofer, nicht nur treue Leser, sondern auch ihre Exis­tenz­be­rech­ti­gung. Mehr davon. Danke.

    • Svenja Hofert 10. Februar 2018 at 14:42 — Reply

      danke­schön, Herr Kopitzke, ich sehe in Ihrem Blog, wir machen ähnliche Erfah­rungen. Viel­leicht ring ich mich doch noch mal zu einer Regis­trie­rung durch 😉 LG Svenja Hofert

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