Kate­go­rien

Das Ende der Bewer­bung und ihre Zukunft*

Published On: 18. Mai 2011Cate­go­ries: Führung

Gerade komme ich von einem Karrie­re­trai­ning aus Berlin. Einer der Teil­nehmer meinte zu mir, „Frau Hofert, das Thema Anschreiben ist doch durch. Das will doch heute keiner mehr.“ Der Mann ist Entwickler und seine bishe­rige Jobsu­ch­er­fah­rung gipfelt in einem simplen Fazit: “Ich stelle mein Profil in Xing ein und bekomme jede Menge Anfragen, denen ich dann teil­weise meinen CV schicke. Zum anderen Teil reicht das Xing-Profil, um sich zu einem ersten Tele­fonat zu verab­reden.” Das Fazit stimmt, Techies kennen das.

Doch hat er recht mit seiner Prognose, das Anschreiben, diese Ikone der Bewer­bung, sei… am Ende? Teils. Vorges­tern habe ich das auf der Messe Stel­len­werk in Hamburg (Präsen­ta­tion für die Teil­nehmer zum Down­load hier) so erklärt: es gibt außer in der Mathe­matik kein wahr oder falsch, auch kein Bewer­bungs­ge­setz­buch in der Art des BGB. Alte und neue Welt bestehen parallel. Etwas Neues bahnt sich seinen Weg, und das alte ist trotzdem weiter da. Das ist überall so: im Produkt­de­sign, im Internet, bei Bewer­bungen. Erneuern und bewahren sind Grund­ten­denzen: Der eine hat mehr vom einen, der andere mehr vom anderen.

Erneuern dauert. Nur manchmal bahnen sich Dinge schneller den Weg als andere, siehe Iphone. Solche Schnell-Durch­­­setzer sind die Dinge, die selbst­er­klä­rend und maximal nütz­lich sind. Dazu gehören Bewer­bungen nicht; folg­lich­wird ewig disku­tiert, lustig an „Bewährtem“ fest­ge­halten und gleich­zeitig eher vorsichtig Neues einge­führt. Die Geschichte der Bewer­bung, über die ich hier bereits berich­tete, zeigt das deut­lich.

Die „alte“ Welt findet sich im Karrie­re­leben vieler Juristen, im sozialen Bereich, im Finanz­wesen. Das ist einleuch­tend: Die neue Welt beginnt in Sachen tech­ni­scher Fort­schritt immer dort, wo sich Dinge schnell drehen, verän­dern… heute dies, morgen das.

Das ist vor allem in der Tele­kom­mu­ni­ka­tion, in der IT, im Marke­ting und bei denje­nigen, die über all diese Dinge kommu­ni­zieren der Fall. Ganz klar wird das, wenn man anschaut, welche Unter­nehmen heute schon auf ein Anschreiben verzichten können und wollen. Voda­fone expe­ri­men­tiert derzeit mit einer Bewer­bung per Xing-Profil für sein Trainee-Programm, die Telekom bietet Iphone-Apps zum Bewerben.

Die, die das Neue voran­treiben wie eben Voda­fone, tun das, weil sie in die Zukunft sehen, Schlüsse aus Entwick­lungen ziehen, sich intel­li­gente Stra­te­gie­emp­feh­lungen geben lassen und sich die geän­derten Bedürf­nisse zunutze machen. Und diese Vorreiter wissen: Online-Formu­lare entspre­chen diesen Bedürf­nissen nicht.

Ich habe niemals verstanden, welchen Sinn es macht, in Dutzenden unter­schied­li­cher Online-Bewer­­bungs­­­for­­mu­lare Kreuze zu machen und Popu­paus­wahl­fester zu bedienen, obwohl weder Kreuz noch Popup der zuneh­menden Spezia­li­sie­rung und Indi­vi­dua­li­sie­rung jemals gerecht werden können.

Diese Soft­ware fordert viel zu viel von Bewer­bern, denen jedes weitere als Bewer­bungs­hürde aufge­stellte Formular nur erneut vor Augen führt, dass kein Raster der Welt die unter­schied­li­chen Facetten eines CV auf einen gemein­samen Nenner von hunderten von Stel­len­pro­filen zu bringen vermag. Diese Erkenntnis hat sich bei den Schnell-Drehern schnell durch­ge­setzt. Google etwa hat nie ein Formular gehabt, klug und dennoch hart wie das Unter­nehmen seine Bewer­ber­aus­wahl gestaltet. Micro­soft war schon früh aufs Hoch­laden von Doku­menten fokus­siert, also auf Verein­fa­chung anstatt auf die verzwei­felte Abbil­dung einer nicht stan­dar­di­sier­baren Ausbil­­dungs- und Berufs­welt.

Die Zukunft der Bewer­bung liegt sicher nicht in Online-Formu­laren, die jedem halb­wegs effi­zi­enz­ge­trie­benen Menschen sinnlos bis gera­dezu schwach­sinnig erscheinen müssen. Sie liegt auch nicht in fetten E‑Mail-PDF-Mappen, die nichts als die kleinen schnellen Brüder der opulenten Bewer­ber­mappe per Post sind. Die Zukunft der Bewer­bung liegt in ihrem Ende.

Im Internet ist sowieso vieles über uns verfügbar, beruf­liche Daten ganz bestimmt. Da gibt es Profile, Tag-Clouds, Spuren aus unserem gesamten Leben. Bei mir hören sind diese Spuren vor dem Jahr 2000 noch relativ dünn gesät. Bei meinem jetzt 10jährigen Sohn wird das anders sein. Die 15jährige Tochter einer Bekannten hat bei Face­book bereits 300 Freunde und ihre Internet-Akti­­vi­­täten füllen drei Google-Seiten. In 15 Jahren wird sich ihr gesamter Lebensweg rekon­stru­ieren lassen. Selbst wenn sie irgend­wann Vorstands­vor­sit­zende wird, kann sie kaum mehr in den Netz-Rückzug gehen. Wahr­schein­lich wird sie das auch gar nicht wollen. Zu normal ist das Social Networ­king dann.

Die derzei­tige Bewer­bungs­ge­nera­tion ist geprägt durch Perso­nen­such­ma­schinen wie Yasni, Networ­king-Plat­t­­formen wie Xing und das allmäch­tige Face­book. Doch die neuen Portale werden intel­li­genter sein, besser kombi­nieren können, auf einen Blick und Klick ein Profil liefern, wahr­schein­lich sogar die rele­vanten Infos für den jeweils Suchenden zusam­men­stellen können. Auch per Klick.  Bis dahin, in einer Über­gangs­phase, können wir unseren CV oder, moderner, unser Profil in der gemie­teten Cloud lagern, um sie von jedem Ort und komplett mobil an die Stelle zu beamen, bei der wir uns vorstellen wollen.

Wenn das über­haupt noch nötig ist, weil wir eh gefunden werden, von denen, die uns suchen. Immer mehr Menschen in meinem Umfeld werden per Xing umworben, immer öfter direkt von Firmen. Warum soll man Perso­nal­be­rater beauf­tragen, wenn es alles im Internet gibt? Jeden­falls die erste Stufe des Recrui­tings kann man auch bestens intern lösen. Das spart Geld, die man in bessere Mitar­bei­ter­bin­dung stecken könnte.

Die Zukunft der Bewer­bung wird deshalb ihr Ende sein. Das macht Bera­tung keines­wegs über­flüssig, es verla­gert sie nur in einen anderen Bereich. Das sieht nicht jeder so. Macht aber nichts. Es gibt ja immer eine Zeit, in der Altes und Neues parallel besteht.

Zu diesem Thema finden Sie bei Kexpa® das Programm Bewer­bungs­trai­ning.

*Die Head­line ist ange­lehnt an Jeremy Rifkins  geniales Buch “Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft”

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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9 Kommen­tare

  1. Martin Lawrence 19. Mai 2011 at 7:30 — Reply

    Bril­lanter Artikel. Ich wundere mich schon seit Jahren, warum Profes­sional Networ­king in der Vermitt­lung beruf­li­cher Aufgaben noch nicht den Durch­marsch gemacht hat. Und wie lange es dauern wird, bis zumin­dest Konzerne die Erkenntnis trifft.

    Wenn es bei Bäcke­reien in drei Jahren noch klas­si­sche Verfahren gibt, kann ich das verstehen. Aber Konzerne, die agieren wie Behörden und Bewerber zu absurden Verren­kungen zwingen? Die haben den Schuss nicht gehört!

    Viel­leicht sind nach den Umwäl­zungen der Musik­in­dus­trie und der Zeitungen durch die “crea­tive destruc­tion” des Inter­nets die Perso­nal­ab­tei­lungen als nächste dran?

  2. Svenja Hofert 19. Mai 2011 at 8:31 — Reply

    Da bin ich nicht so sicher. Die Tendenzen des Bewah­rens in der HR sind groß… man stürzt sich gern auf Hypes, siehe Social Media, macht es aber dann nicht richtig, siehe z.B. Fanpage von Jung­hein­rich. Aber wer weiß: In der Not frisst der Teufel Flieen und die HR die Tablette “wir sind Dienst­leister und keine Komman­do­zen­tralen”. Keine Fach­kräfte mehr = crea­tive Destruc­tion? Bin gespannt. Danke jeden­falls für Ihren Beitrag. LG Svenja Hofert

  3. jobagent.ch 19. Mai 2011 at 12:02 — Reply

    Kompli­ment — ein wert­voller und diffe­ren­zierter Beitrag.
    Ich gehe voll und ganz mit Ihnen einig, dass das klas­si­sche Bewer­bungs­for­mular nicht wirk­lich den Mitteln eines modernen Perso­nal­mar­ke­tings entspricht.
    Ich bin der Meinung, dass sich — zusätz­lich zu den “ich-werde-gefunden-Ansätzen” — eine CV-Upload-Bewer­­bung durch­setzen wird, bei der Stel­len­su­chende nichts anwählen oder eingeben müssen, sondern ledig­lich einen CV hoch­laden. Warum zum ersten? Weil des Recrui­ters Stan­­dard-Doku­­ment ein CV eines Bewer­bers ist. Warum zum zweiten? Weil mit moderner Tech­no­logie (oder mühsamer Hand­ar­beit) ein Cross-Matching auf alle offenen Stellen am besten anhand eines klas­si­schen CVs geht — oder allen­falls mittels einem über­legt erstellten XING-Profil.
    Deckt sich das mit Ihren Vorstel­lungen?
    Beste Grüsse aus der Schweiz,
    Cornel Müller

  4. Lars Hahn 19. Mai 2011 at 19:48 — Reply

    Schreibt tatsäch­lich noch jemand Bewer­bungen?
    Im Ernst: Die meisten auch heute noch eine gute Mappe. Aber sie reicht eben schon lange nicht mehr.
    Mein Rezept: Multi­di­men­sio­nales Jobfinden. Alle Kanäle nutzen, die ich angehen kann. XING ist da auch nur eine Möglich­keit von vielen. Kontakte findet man im Zweifel sogar bei Stay­fri­ends oder auf der Kölner Domplatte.
    Nur: Erzählen Sie das mal einem klas­si­schen Arbeits­ver­mittler…
    😉
    Grüße!
    Lars Hahn

  5. Lars Hahn 19. Mai 2011 at 19:49 — Reply

    …brau­chen… (fehlte oben, sorry)

  6. […] der Demo­gra­fie­wandel nicht nur eine kurze Verbes­se­rung? Begründet das Ende der Arbeit , wie es Jeremy Rifkin beschrieben hat, wirk­lich ein Para­dies aus Selbst­be­stim­mung und Krea­ti­vität? Wer soll in den […]

  7. […] Einen inter­es­santen Artikel zur Zukunft der Bewer­bung aus dem Jahr 2011 findet ihr hier… […]

  8. […] “Das Ende der Bewer­bung und ihre Zukunft“: Hier wird zum einen berech­tigte Kritik an den für Stel­len­su­chende mühsamen Bewer­bungs­for­mu­lare geübt. Und zum anderen erläu­tert Svenja Hofert die abseh­bare Tendenz, dass Recruiter vermehrt auf Menschen zugehen und sich bei ihnen bewerben. Dies ist heute dank der (Un)Menge an Profil­daten von Menschen auf den Sozialen Netz­werken. […]

  9. Chris­to­pher 22. Oktober 2015 at 17:09 — Reply

    Inter­es­sant, dass dieser Artikel bereits vor mehr als 4 Jahren veröf­fent­licht wurde — ich finde er könnte auch gut von heute sein. Meiner Meinung nach zeigt das auch sehr schön, dass es nicht so einfach ist, etablierte Bewer­bungs­ver­fahren, insbe­son­dere in der breiten Masse, zu revo­lu­tio­nieren.

    Ich denke die Heraus­for­de­rung für den Nach­folger der Bewer­bung, bzw. deren Ende, liegt in der Schaf­fung einer breiten, alle Unter­neh­mens­größen und Bevöl­ke­rungs­schichten umfas­senden Akzep­tanz für eine der Bewer­bung nach­fol­genden Lösung für die Allo­ka­tion von Arbeits­kräften.

    XING oder LinkedIn sind dabei sicher­lich zwei Platt­formen, die genau das perspek­ti­visch möglich machen könnten — bei Face­book bin ich mir dies­be­züg­lich aller­dings unsi­cher. Die Voraus­set­zung dafür wäre dann aus meiner Sicht, dass sich auf diesen Platt­formen alle dafür nötigen Infor­ma­tionen treffen, in der Breite zugäng­lich sind und von der jewei­ligen Platt­form perfekt aufbe­reitet und zuge­ordnet werden können.

    Das hieße zunächst, dass alle auf dem Abeits­markt verfüg­baren Personen, aus allen Bildungs- und Bevöl­ke­rungs­schichten, dort mit den entschei­dungs­re­le­vanten Daten auffindbar sind — der Zugriff auf einen nahezu voll­stän­digen Pool der verfüg­baren Arbeits­kräfte wäre für viele Unter­nehmen sicher­lich inter­es­sant. Weiter müssten Stel­len­an­zeigen von Unter­nehmen stan­dard­mäßig auf einer solchen Platt­form einge­stellt werden — damit wäre dann auf beiden Seiten eine sehr umfang­reiche, wenn nicht gar nahezu voll­stän­dige Trans­pa­renz geschaffen. Um die dadurch entstan­dene Daten­menge verwendbar zu machen, müsste eine solche Platt­form über geeig­nete Algo­rithmen verfügen, welche die rele­vanten Daten erkennen, gewichten und zuordnen. Damit könnten Unter­nehmen mit nur einem Klick bei den laut Algo­rithmus für eine Stelle am besten geeig­neten verfüg­baren Kandi­daten anfragen. Bewerber könnten sich mit nur einem Klick auf eine vom Algo­rithmus, basie­rend auf den bekannten Fähig­keiten und Quali­fi­ka­tionen des Bewer­bers, ermit­telte Stelle bewerben.

    Das ist sicher­lich eine große Heraus­for­de­rung. So könnte ich mir aller­dings das Ende der herkömm­li­chen Bewer­bung vorstellen 🙂

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