Kate­go­rien

Recrui­tin­g­di­lemma oder Digi­tal­ro­mantik? Wo stehen wir im Jahr 2025 wirk­lich? (Rezen­sion)

Published On: 19. Februar 2015Cate­go­ries: Mensch & Orga­ni­sa­tion

Business woman selected person talentSie ist schlank und muskulös, sieht gut aus und weint, als sie mit ihrer mega-erfol­g­­rei­chen Freundin spricht, die vor lauter Arbeit nicht mehr zum Sport kommt… sowas auch. Die ärmste Yvonne aus dem Kapitel „arbeitslos statt Voll­be­schäf­ti­gung“ im Buch „Das Recrui­­ting-Dilemma“ von Sven-Gábor Jánszky: Seit drei Jahren aus dem Job, ein Schwer­ver­bre­chen im digi­talen Zeit­alter, in der die Mons­ter­kraken Wirt­schaft und Wandel uns gemeinsam diri­gieren.  So dumm, Yvonne! Eltern­zeit genommen, Landei geblieben, das ist halt die Geschichte der Verlierer am Arbeits­markt im Jahr 2025 (… ich glaube nicht daran, und halte auch nichts von dieser Art Panik­mache). 2025 — das ist die Zeit­marke die der Autor in seinen Betrach­tungen der schönen neuen Arbeits­welt setzt. Drei Jahre sind heute im Grunde so wie dreißig, sagt er, und hat wohl noch nie in der Verwal­tung gear­beitet. Ein wenig Klischee­be­laden ist das hoch­ge­lobte Buch, das mir von einigen Seiten empfohlen wurde. Nur von Männern, die solche Details viel­leicht eher über­lesen. Jánczky ist Direktor eines Trend­in­sti­tuts. Alle Jahre wieder, so steht es in seiner Vita, trifft er 300 CEOs, deren Frauen mögli­cher­weise wie Yvonne in Fitness­stu­dios schwitzen und heulen.

Viele Personen, die viel reden und noch mehr schreiben…

Das reich­lich auftau­chende mensch­liche Personal in dem Buch ist leis­tungs­be­reit, lern­willig und kämpft für eine bessere HR-Welt, jedoch unter dem klaren Leis­tungs­dogma. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das 2025, in nur 10 Jahren so sein wird, wie hier beschrieben. Gestern habe ich die Haus­halts­pla­nung einer mittel­großen Stadt in Excel gesehen. Mir fiel ein Fehler auf, also schaute ich mir an, welche Formeln hinter­legt waren. Gar keine! Der Finanz­ver­ant­wort­liche oder/und seine Mitar­beiter konnte offenbar kein Excel und hat selbst gerechnet. Herr Janszky, ab in die Verwal­tung: Dort und nicht nur dort finden Sie Personal, die weit von der schönen neuen Arbeits­welt weit entfernt sind, in der sich alles ratz­fatz dreht. Und nicht nur da. In Hamburg soll es eine Firma geben, die noch Schreib­ma­schinen einsetzt. Grapho­logie wird im Recrui­ting noch häufiger verwendet als Big Data.

Die Menschen wollen hand­ge­machte Seifen und Bio-Rinder, aber nicht noch mehr digital

Ich bin zu sehr Realist, um zu glauben, dass sich die Grund­struktur der Menschen drama­tisch ändert ohne staat­liche Zufuhr von Drogen. Die Mehr­heit hängt sich nicht rein. Die Mehr­heit wird jede Gele­gen­heit ergreifen, sich nicht ändern zu müssen (und warum auch – für noch ein neues Handy?) Auch 2025 nicht. Die Mehr­heit wird sich auch nicht ständig weiter­ent­wi­ckeln wollen, wie es der von Janszky etwas ober­fläch­lich skiz­zierte Arbeits­markt angeb­lich fordert. Da braucht man sich nur ein paar Moti­va­ti­ons­theo­rien ansehen und diese mit dem prak­ti­schen Erleben über­ein­bringen, und dann ist es einem klar. Schauen Sie sich die Leute an, die nach Traum­jobs suchen. Die wollen Natur­seifen herstellen oder Bio-Rinder züchten, auf keinen Fall wollen sie in der digi­talen Welt ein Smart­phone nach dem anderen hinter­her­jagen. Und ich verstehe das voll: Ich habe auch die Nase voll von der Digi­ta­li­sie­rung. Ich brauche auch nicht alle zwei Jahre ein neues Handy, eigent­lich könnte ich meins für den Rest des Lebens behalten. In Janczkys Welt ist jedoch schon out, wer ein altes Handy hat. Die heulende Mama Yvonne im Fitness­studio hatte ein altes Handy, das kam ziem­lich „bäh“ rüber in der Digi­tal­ro­mantik des Herrn Jánszky.…

Das Buch

Jánszky haut in seinem Werk mit Thesen nur so um sich. Abge­sehen von Klischees, sehr wenig Fakten und allzu blinder Zukunfts­gläu­big­keit sind durchaus ein paar nette Gedanken darin. Aber eine Reihe von Wider­sprü­chen fallen  ins Auge: Jánszky fordert wie so viele (z.B. der aus meiner Sicht deut­lich argu­men­ta­ti­ons­si­che­rere Guenter Dueck), dass jeder studieren MUSS, wider­legt sich im selben Kapitel jedoch selbst. Er sagt, dass es immer noch Leute geben werde, die vorge­fer­tigte Schritte ausführen. Nun, haben die dann ein Bache­lor­stu­dium? Einige Kapitel weiter geht es um den Kampf um die Azubis. #Finde­den­fehler.

Ein paar weitere Thesen:

  • Hidden Cham­pions in länd­li­chen Gegenden werden zu Caring Companys, erst recht wenn sie weit ab vom Schuss liegen und mit Bord­mit­teln keine Fach­kräfte mehr gewinnen können. Dann müssen Sie sich sorgen und werden sogar zum Kultur­pro­du­zenten. Diese Tendenz ist bereits sichtbar und man muss kein Prophet sein, um zu sehen, dass Unter­nehmen in länd­li­chen Gegenden noch mal drei Mal so viel Gas geben müssen. Und dass es ihre Chance im War for talents sein könnte, Menschen eine Art “Heimat” zu bieten.
  • Perso­naler werden zu Daten­ana­lysten: Der Perso­naler mit seiner berühmten Menschen­kenntnis ist ein Auslauf­mo­dell, weil Menschen­kenntnis auf wack­ligen Füssen steht, wenn man sich unsere kogni­tiven Einschrän­kungen so ansieht, die Kahne­mann und Co. aufge­deckt haben. Dann lassen wír uns doch lieber vom Computer beraten, der kann logi­schere Schlüsse ziehen.
  • Dass es nur noch fluides Arbeiten mit Projekt­ver­trägen geben wird, sehe ich nicht für 2025, aber ein starker Trend wird es sein, sofern der Gesetz­geber, Stich­wort Schein­selbst­stän­dig­keit, nicht inter­ve­niert. Diese Projekt­ver­träge sind wie heute schon in der IT, frei­willig und so von den Mitar­bei­tern gewollt, deren Antrieb eine hohe Lern­kurve und Sinn ist. Aber vor allem von denen. Das ist eine Minder­heit.
  • „Quer­kom­pe­tenzen“ werden wich­tiger. Jánszky defi­niert diese aber nicht im pädago­gi­schen Sinn als das Fach­ge­biet ergän­zende Kommunikations‑, Sprach- und Metho­den­kom­pe­tenzen, sondern als weitere Fach­ge­biete „Jeder Mensch sei nicht nur in seinem Fach­ge­biet gut, sondern in zahl­rei­chen anderen Berei­chen“ schreibt er. Und bringt als Beispiel Google, das Mitar­beiter dazu auffor­dert, 20% ihrer Arbeits­zeit etwas anderes zu machen als im Hauptjob. Und ich glaube, Google meint nicht Spra­chen­lernen.
  • Coach dich zum Optimum. „Warum jeder Mitar­beiter fünf Coaches braucht“, heißt eine weitere These, die ich für groben Unsinn halte. Natür­lich werden auch in Zukunft einige Leute neben einem Busi­ness Coach auch einen Personal Trainer und einen Finanz­coach haben, aber dass das jeder haben wird? Lesen wir diesen Beitrag 2025 noch mal.

Haufe_Das_Recruiting_DilemmaDas Buch von Janczky weiß nicht richtig, was es sein will: Der Titel eher ein Fach­buch, für ein Sach­buch zu viele Thesen, für Lite­ratur zu platt, vom Ratgeber weit entfernt. Ein biss­chen erin­nert es mich an Lynda Grat­tons „The Shift“, die auch lite­ra­ri­sche Elemente verwendet — obwohl diese Vorden­kerin der neuen Arbeits­welt im eher dürf­tigen Inhalts­ver­zeichnis nicht zitiert wird. Statt­dessen ein Spiegel—Online-Artikel und eher wenig Fach­li­te­ratur. Nichts gegen SPON, aber bei solchen Thema  und 34,95 (also Fach­­buch-Preis) sollte die Recherche doch eher anhand von Primär­quellen erfolgen. Mein Eindruck ist, dass da jemand beweisen wollte, dass er schöne Geschichten schreiben kann  und über dem ganzen Storytel­ling die Argu­men­ta­ti­ons­linie aus den Augen verloren hat. Lesens­wert? Ich weiß nicht. Für Leute, die sich nicht auskennen, viel­leicht. Für alle anderen: Zu wenig Knochen (Fakten) und Fleisch (Argu­mente).

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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One Comment

  1. Chris­toph Burger 20. Februar 2015 at 14:35 — Reply

    Sehr erfri­schend zu lesen, danke!

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