Kate­go­rien

Der Digi­­ta­­li­­sie­rungs-Shift: Was passieren würde, wenn wir nicht schlauer denken, sondern tiefer fühlen würden

Published On: 17. Mai 2018Cate­go­ries: Karriere

Brau­chen wir im Zuge der Digi­ta­li­sie­rung einen Shift des Denkens oder viel­mehr des Fühlens? Die Antwort geben Sie allein. Jetzt. Hier. Heute.

Die neue Arbeits­welt ist schön. Menschen sehen sich als Subjekte, die Hand in Hand mit der künst­li­chen Intel­li­genz in und an einer besseren Welt arbeiten. Menschen schätzen Roboter, aber noch mehr ihre neuen Frei­heiten. Agile Arbeits­weisen fördern die Kommu­ni­ka­tion, das Mitein­ander, heben Führung auf ein nächstes, ein dienst­leis­tendes Level. Erklärtes Ziel ist es, das Beste aus sich selbst zu machen, und andere zu moti­vieren, nach den eigenen Stärken zu leben und sich auszu­pro­bieren. Gemein­schaft ist wich­tiger geworden.

Die neue Arbeits­welt ist furchtbar. Menschen sind Objekte, die ausge­beutet werden. Die Gehalts­gräben sind tiefer als je zuvor, es gibt unten und oben. Menschen mit digi­talen Kompe­tenzen werden ausge­saugt und dann entsorgt. Tempo, heißt das Kredo. Eine Inno­va­ti­ons­ma­schi­nerie ist entstanden. Die Rate psycho­lo­gi­scher Erkran­kungen steigt weiter. Der Mensch hat sich auf einen Wett­be­werb mit der künst­li­chen Intel­li­genz einge­lassen, in dem es wenige Gewinner und viele Verlierer gibt. Wenige Herr­scher haben immer mehr Besitz über all auf der Welt.

Liebe, Inter­esse und Freude versus Angst, Neid, Wut

Was unter­scheidet Szenario 1 von 2? Es sind Emotionen, die zugrunde liegen, Gefühle und Affekte. In Szenario 1 stehen Liebe, Inter­esse (eine Vorstufe der Neugier), Freude (eine Facette der Zufrie­den­heit und des Glücks) im Mittel­punkt.  Im Mittel­punkt von Szenario 2 finden sich Angst (eine Vorbe­din­gung von Sicher­heits­streben), Neid, Wut (beides Vorstufen von Wett­be­werb wie Aggres­sion).

In dem ersten Szenario darf der Mensch Mensch sein, und es hat damit zu tun, dass er wieder einen Zugang zu dem bekommen hat, was er am besten kann: Wahr­nehmen, fühlen, bewusst sein. Ich habe in der letzten Zeit viele Artikel von Infor­ma­ti­kern und Natur­wis­sen­schaft­lern gelesen, die das tech­ni­sche Wissen haben, das mir als eher von den Geis­tes­wis­sen­schaften, von Philo­so­phie und Psycho­logie geprägter Mensch fehlt.

Ich wollte für mich nach­voll­ziehen, ob die These stimmt und nicht nur eine laien­hafte Aussage treffen. So wie manche immer noch glauben, dass ein Computer nur das macht, was man ihm einpro­gram­miert. Das ist lange nicht mehr so. Aber von einem mensch­li­chen Bewusst­sein (bewusst sein) sind Roboter weit entfernt. Neuro­nale Netze funk­tio­nieren ganz anders als ein Gehirn – dort stecken immer noch mehr Geheim­nisse drin als in den künst­li­chen Neuronen. Computer können Geschmack erkennen, aber nicht fühlen. Sie können Gesichts­mimik längst besser lesen als Menschen — aber nicht mitfühlen.

Du sollst das Denken den Compu­tern über­lassen

„Du sollst das Denken den Pferden über­lassen“, dieser Satz sollte viel­leicht umge­deutet werden in „Du sollst das Denken den Compu­tern über­lassen“. Statt­dessen versu­chen wir das Niveau zu stei­gern. Es wird nicht klappen. Die Form von Intel­li­genz die Computer gerade erwerben, werden wir nie mehr aufholen können. Das, was ein tradi­tio­neller IQ-Test misst, gemeinhin die Bildungs­fä­hig­keit, wird damit unwich­tiger. Der IQ sagte den Bildungs­er­folg in der Indus­tria­li­sie­rung voraus. Nur stehen wir jetzt woan­ders.

Im aktu­ellen Harvard Busi­ness Manager findet sich wie immer am Ende des Heftes eine Case Study: Der Computer schlägt eine andere Bewer­berin vor, als der Chef präfe­riert. Ein Experte im Heft empfiehlt, nicht auf den Computer zu hören. Ich bin nicht so sicher, ob das lang­fristig eine gute Entschei­dung ist. Völlig klar, dass das von mir in diesem Blog einst vorge­stellte „Crystal­nows“ völlig unzu­rei­chend ist. Wir müssen nicht weiter darüber reden, dass eine Sprach­ana­lyse wie über „Precire“ Mängel hat. Aber wenn Programme viele Varia­blen erfassen und laufend besser werden, dann werden sie bald treff­si­cherer sein. Wäre der Diesel­skandal möglich gewesen, hätten Computer entschieden?

Würden unter­schied­liche Mess­höhen für die Erfas­sung der Belas­tungs­grenze durch Emis­sionen – wie aktuell 1,50 Meter in Hamburg versus 4 Meter in anderen Städten — zuge­lassen werden, wenn Computer dies über­wachten und sich nicht von Menschen austricksen ließen? Ich glaube nicht. Wir brau­chen schlaue Menschen, die vieles mitdenken und den Ouput der Computer verstehen können. Aber noch mehr brau­chen wir einen Zugang zu Emotionen, die die Psycho-Logik unseres Denkens und Handelns bestimmen, das Mindset.

Denn dass Emotion und Verstand untrennbar zusam­men­ge­hören, hat die Hirn­fo­schung längst bewiesen. Es gibt keinen Verstand ohne Gefühl. Selbst bei Menschen, die Gefühle für sich leugnen, sind diese im MRT in genau den glei­chen Gehirn­re­gionen sichtbar, in denen sie auch bei Menschen erkennbar sind, die diese wahr­nehmen.

Gefühle werden abge­schnitten, ja ampu­tiert

Bis heute wird die Gefühls­welt abschnitten und auch in der Arbeits­welt weit­ge­hend ausge­klam­mert oder aber in (schein­bare) Inhalte trans­for­miert. Sie werden ausge­blendet, abge­schnitten, ampu­tiert. Wir erziehen mit unserem Bildungs­system — Ausnahmen gibt es! — nach wie vor in erster Linie ange­passte Menschen, die sich dem System anpassen und unter­werfen – nicht solche, die dieses gestalten und verän­dern.

Damit dies geschehen kann, brau­chen wir aber solche Menschen. Wir brau­chen damit trei­bende Kräfte, die psychisch gesund und bei sich selbst sind — denn nur dann kann man auch wirk­lich bei anderen sein. Das setzt ein konstruk­ti­vis­ti­sches Verständnis der Welt voraus, denn nur dann ist es möglich, andere nicht als Objekt zu sehen, das man sich einver­leiben darf.

Vier einfache Fragen zur eigenen Wirk­lich­keits­kon­struk­tion

Hilf­reich bei der Entwick­lung einer solchen Sicht­weise können vier einfache Fragen sein, die die US-ameri­­ka­­ni­­sche Autorin Byron Katie („The Work“) entwi­ckelt hat, um Menschen aus kontra­pro­duk­tiven Über­zeu­gungen heraus­zu­helfen:

  • Ist das wahr?
  • Kann ich wirk­lich sicher sein, dass es wahr ist?
  • Wie reagiere ich, wie fühle ich mich, wenn ich diesen Gedanken denke?
  • Wer oder was wäre ich ohne diesen Gedanken?

Diese Fragen leiten en passent hin zu gesunden eigenen Gefühlen. Wir sollten uns sie öfter stellen. So einfach, so wirksam. So unge­wohnt im männ­lich domi­nierten Manage­ment. Und sicher kein Zufall, dass diese Themen in der Männer­welt kaum ankommen.

Denken hilft, intui­tiver Fühlen zu lernen

Zu diesem Beitrag hat mich wie so oft ein Buch ange­regt, was auf den ersten Blick in eine ganz andere Rich­tung geht als dieser Beitrag. Es ist das wunder­bare Buch „Unkom­pli­ziert“ von Stephanie Borgert. Es gefällt mir sehr gut, und ich möchte es all jenen empfehlen, die struk­tu­rierter denken und ihr „System 1“ (nach Daniel Kahne­mann) mit System 2 über­prüfen, über­holen und damit lang­fristig in seiner Intui­tion stärken wollen. Über diesen Weg stärkt es auch das Fühlen, die Intui­tion. Ich hatte Spaß beim Lesen, vielen Dank dafür! Ich liebe logi­sches Denken, wie es dieses Buch trans­por­tiert, und dass dieser Betrag jetzt in eine andere Rich­tung zeigt, ist nicht als Kritik, sondern als „zusätz­lich denken“ zu verstehen.

Das Dreh­buch gestalten wir

Ich suche in dem, was ich lese, höre und denke oft blinde Flecken. Das ist irgendwie und irgend­wann entstanden. Mich leitet dabei auch die Frage „was ist nicht gesagt, gedacht, geschrieben?“ Auch alles, was ich selbst schreibe, erfasse, denke, unter­suche ich nach dem Konstrukt, aus dem es entstanden ist. Konstrukte entwi­ckeln sich dadurch, dass wir uns mit bestimmten Themen mehr beschäf­tigen als mit anderen, Thesen annehmen oder ablehnen, mit einigen Berufs­gruppen inten­si­veren Kontakt haben als mit anderen, bestimmte Methoden öfter anwenden als andere.

Das macht sie nicht wahr. Wahr ist nur das, was im eigenen Bewusst­sein geschieht. Dieses bestimmt die Realität, die wir wahr­nehmen. Mit diesem schaffen wir  Realität, auch im Wahn­sinn. Gehen wir davon aus, dass alle anderen auch Bewusst-Seine haben, ist das wir sehen, erstens durch eine Verän­de­rung des Dreh­buchs jeden Tag neu gestaltbar. Und zwei­tens muss uns dann „bewusst“ werden, dass das was wir nicht sehen unend­lich viel größer ist, als das was wir sehen.

Das sollten wir uns öfter mal vor Augen halten. Und nach den Emotionen suchen, die die Grund­züge unseres Dreh­buchs des Mensch­seins bestimmen. „Was machen fremde Konstrukte mit uns?“ ist im Grunde die intel­lek­tua­li­sierte Form von Byron Katies Frage „ist das wahr?“ Manche von denen, die hier mitlesen, mögen sie in ihrer komplexen Form lieber. Obwohl alles nur Worte sind und das darun­ter­lie­gende Gefühl gleich­bleibt: Freude, Liebe, Inter­esse wie in Szenario 1 oder eben Angst, Unsi­cher­heit, Ärger, Wut – wie in Szenario 2. Wenn wir diese Gefühle hinter den Worten wahr­nehmen, haben wir uns für ein Dreh­buch entschieden.

Foto: Photo­­bank-Fotolia-com

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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