Kate­go­rien

Der große Bluff mit MINT-Geruch

Published On: 8. September 2011Cate­go­ries: Führung

“Mit Karacho in den Schwein­ze­zy­klus“, schrieb Spiegel Online vorges­tern. These: Durch den Ruf nach Inge­nieuren steigen die Studen­ten­zahlen in den Inge­nieurs­fä­chern enorm. Das könne der Arbeits­markt nicht vertragen. Droht ein neues BWL? Ist was dran an der SPON-These?

So ist es jetzt: In meiner Bera­tung begegnen mir Maschi­nen­bau­in­ge­nieure, die 10 Bewer­bungen schreiben und 10 mal einge­laden werden. Die Bewer­bung kann 23 Seiten lang sein und voller Fehler; das macht nicht wirk­lich viel aus.

Grund für das große Begehren der Arbeit­geber ist weniger das Studium als viel mehr die Erfah­rung danach oder parallel erworben. Je umfang­rei­cher, je spezi­fi­scher, desto besser. Kommt noch Weiter­bil­dung dazu und ein zumin­dest moderat kommu­ni­ka­tives Wesen, stehen derzeit noch viele Türen offen. Aber doch nicht alle: Aus 10 Gesprä­chen werden keines­wegs 10 Ange­bote, sondern je nach Hier­ar­chie­ebene nur 1 bis 5 (je höher die Posi­tion, desto geringer der letzt­end­liche “Fit”). Auch der Inge­nieur kann mal „nein“ sagen kann, wenn ihm statt Stelle eine Frech­heit ange­boten wird (mieses Klima, ausbeu­te­ri­sches Umfeld, ätzende Arbeits­be­din­gungen) — was vorkommt.

Das ist etwas, was die Lobby-Verbände wie der Verband Deut­scher Inge­nieure VDI, die pene­trant bis aggressiv nach mehr MINT brüllen, gern außer acht lassen. Die Wahr­heit aber lautet: Der Arbeit­geber möchte, gestützt von den Verbänden, die Wahl haben, um die schlechten ins Kröpf­chen sortieren zu können. Das geht nur, wenn er etwas zum (Aus-)Sortieren hat.

Schauen wir uns mal die Zahlen an, gute Diskus­si­ons­grund­lage ist das Papier “Inge­nieur­mo­nitor” des VDI: 31.600 Fahr­­zeug- und Maschi­nen­bau­in­ge­nieure scheinen zu fehlen, 18.500 Elek­tro­in­ge­nieure und 10.500 Bauin­ge­nieure.

Doch wer hat den Inge­nieuren das Rechnen beigebracht? Offenbar ein schlechter Mathe­lehrer. Oder sollten die Verbände für ihre Rechen­ex­empel gar Nicht-Inge­­nieure beauf­tragt haben?

Erstens: Es werden Jobs mitge­zählt für Stellen, für die gar kein Inge­nieur nötig wäre, etwa für eine Vertriebs­mit­ar­beit, die maximal Basis-Tech­­ni­k­kenn­t­­nisse fordert. Auch der derzeit boomende Stel­len­markt für tech­ni­sche Redak­teure verlangt Inge­nieure, braucht und findet aber keine (ein Schrei­ber­ling mit Tech­nik­af­fi­nität wäre hier die weitaus bessere Wahl).

Zwei­tens: Unter­nehmen wie Bert­randt, Yacht Teccon oder Ferchau leihen ihre Inge­nieure im Body­lea­sing an Unter­nehmen aus. Oft schreibt jeder der drei und noch andere, hier nicht genannt, die gleiche Stelle unter dem eigenen Logo aus. Das heißt: 36.000 Stellen könnten sich, falls das ausschließ­lich zuträfe, mit einem Schlag auf nur noch 12.000 redu­zieren. Tatsache ist: Die Arbeits­agentur aber zählt jede dieser Stellen als eine.

Klar, Inge­nieure sind 30% weniger von Arbeits­lo­sig­keit betroffen. Das heißt in einer Region wie Meck­­len­­burg-Vorpom­­mern mit hohen Arbeits­lo­sig­keiten liegt auch die Inge­nieurs­ar­beits­lo­sig­keit noch hoch, in Bayern dagegen niedrig. Aber bleibt das so?

Die Wirt­schaft dreht sich gerade, ich spüre die  Vorzei­chen deut­lich. Abbau kündigt sich an. Kaum zwei Jahre ist es her, 2008/2009, da lagen viele hoch­qua­li­fi­zierte arbeits­lose Auto­­mo­­tive-Inge­­nieure  in den Wehen der Wirt­schafts­krise. Da hatten wir die Abwrack­prämie und ein brach­lie­gendes Auto­­mo­­tive-Umfeld. Diesmal wird es schlimmer, hörte ich neulich vom Vertreter einer Privat­bank.

Inge­nieure, der Rich­tung Maschi­nenbau ebenso wie Bau und Elek­tro­technik, sind wie kaum eine andere akade­mi­sche Berufs­gruppe von Konjunk­tur­schwan­kungen bedroht.

Aber ob sich daraus wirk­lich ein Schwei­ne­zy­klus mit deut­li­chem Über­an­gebot und schlechten Jobper­spek­tiven wie einst bei den Juristen entwi­ckelt, wie von  Karrie­re­spiegel prognos­ti­ziert, bezweifle ich. Was viele noch gar nicht erkannt haben:  In der Arbeits­welt der Zukunft zählt nicht die eine Ausbil­dung oder das Studium, sondern entschei­dend sind oft nicht eine, sondern mehrere Ausbil­dungen, die Erfah­rung und die Persön­lich­keit. Die Ausbil­dung ist letzt­end­lich nur ein Stück Brot, für sich genommen maximal zum Suppe­tunken geeignet. Aber es gibt eben Schwarz­brot und Weiß­brot. Inge­nieurs­aus­bil­dungen werden auf lange Sicht Schwarz­brot bleiben, also gesund, wenn man was draus macht.

Letzt­end­lich ist Weiter­bil­dung die Butter, das Schmier­mittel zur besseren Verdau­lich­keit für Arbeit­geber. Wirk­lich schmack­haft aber ist nur der Belag.

Ohne ihn ist alles nichts.

Dickes Danke an Lars Hahn zum Feed­back, für Gedan­ken­an­re­gungen und die kompe­tenten Hinweise auf Zahlen und Statis­tiken.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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12 Kommen­tare

  1. Andreas Breit­bach 9. September 2011 at 0:50 — Reply

    “Auch der derzeit boomende Stel­len­markt für tech­ni­sche Redak­teure verlangt Inge­nieure, braucht und findet aber keine (ein Schrei­ber­ling mit Tech­nik­af­fi­nität wäre hier die weitaus bessere Wahl).”

    Können Sie das belegen? Bzw. wo sind die Zahlen? Ich bin nämlich ein solcher auf Stel­len­suche 🙂

    • Svenja Hofert 9. September 2011 at 9:08 — Reply

      derzeit wird massen­weise auf Tech­ni­scher Redak­teur weiter­ge­bildet bei den Arbeits­äm­tern. Ist die Exit-Stra­­tegie im Medi­en­be­reich schlechthin. Das gilt hier für Hamburg und wie Lars Hahn sagte auch fürs Ruhr­ge­biet. Und wenn Sie sich die Zahlen anschauen, z.B. fas 1.500 offene Stellen bei Kimeta, dann muss was dran sein. LG Svenja Hofert

  2. Dr. Eva Reich­mann 9. September 2011 at 10:09 — Reply

    Ich finde Ihren Artikel Klasse — Sie spre­chen eine Wahr­heit aus, die an vielen Stellen (Hoch­schulen, Agentur für Arbeit und Arbeit­geber) nicht gerne gehört wird. Wir haben das gleiche Problem mit der Lehrer­aus­bil­dung: um den seit wenigen Jahren herr­schenden Mangel an Chemie‑, Mathe- oder Physik­leh­rern zu beheben wurden unzäh­lige Studie­rende in ein Lehr­amts­stu­dium mit MINT gequatscht, für das sie weder geeignet sind noch inter­es­sieren sie sich dafür — und wenn sie dann mal fertig sind (so ein Studium dauert 5 Jahre) wird es zu viel davon geben! Ich sehe auch für den Inge­nieurs­be­reich schwarz — denn mitt­ler­weile lösen sich Hochs (wir brau­chen viele) und Tiefs (wir brau­chen grade keine) im 3‑Jahrestakt ab.

  3. Chris­toph Burger 12. September 2011 at 11:11 — Reply

    Ein weiterer Aspekt, der die reinen Zahlen in anderem Licht erscheinen lässt: Viele hundert Stellen sind offen, weil nicht einfach nur ein Fahr­­zeugbau-Inge­­nieur sondern ein Inge­nieur Fahr­zeugbau, Entwick­lung, Insas­sen­schutz, Gurte (o.ä.) gesucht wird. Solche Arbeits­plätze können nicht durch Absol­venten ausge­füllt werden. Sie müssen eben­falls von den angeb­lich 36 Tausend offenen Stellen abge­zogen werden.

  4. Hugo Schrem 14. September 2011 at 10:27 — Reply

    Ich habe den Artikel in SPON gerade gelesen: man wird selten so eine in allen (!) Punkten realis­ti­sche Darstel­lung finden! Sie deckt sich mit meiner eigenen Erfah­rung aus 30 Jahren als jemand, der MINT-Absol­­venten gesucht und einge­stellt hat, wie auch als “Bewerber”: das sind meine erwach­senen Kinder. Die Darstel­lung des VDI als Lobbis­ten­ver­band der Indus­trie (weniger der Inge­nieure) trifft den Nagel auf den Kopf. Das gleiche trifft auch auf die GdCh (Gesell­schaft der Chemiker) zu, fast noch pene­tranter. Die Rolle der “Dienst­leister” ist völlig richtig darge­stellt und wahr ist auch: viele MINT-Absol­­veten machen Tätig­keiten (und werden für solche gesucht) für die keine MINT-Ausbi­­dung notwendig wäre. Da ist Frust gerade für Anfänger voraus­sehbar und das wird zukünftig auch das weite Feld für die (Nur-) Bachelor-Absol­­venten sein.
    Leider versagt hier (von dieser Ausnahme bei SPON abge­sehen) die Presse. Statt kritisch zu recher­chieren und entspre­chend zu berichten werden die PR-Aussagen der Inter­es­sen­ver­bände wört­lich über­nommen und unkom­men­tiert als “Tatsa­chen” unter­ge­ju­belt.
    Chapeau Frau Hofert. Sie sind wirk­lich vom Fach und kennen sich aus!

  5. Svenja Hofert 14. September 2011 at 13:48 — Reply

    Liebe Kommen­ta­toren, ich habe mich sehr gefreut über die so große Zustim­mung zu diesem kleinen, klaren Artikel und bedanke mich bei allen ganz herz­lich. Svenja Hofert

  6. Erich Feld­meier 15. September 2011 at 17:00 — Reply

    diesmal muss ich heftig wider­spre­chen:
    http://www.romanherzoginstitut.de/uploads/tx_mspublication/wieviel-familie-moderne-gesellschaft.pdf

    Es ist schwierig, Trends auf Grund­lage der jetzigen Daten zu extra­po­lieren, das gilt für die eine als auch andere Rich­tung;
    Tatsache ist, dass die Statistik seit 40 Jahren uner­bitt­lich objektiv ist und kurz­fristig über­haupt nicht zu beein­flussen:
    Einen umfang­rei­chen Beitrag habe ich beim XING-Forum Diver­­­sity-Mana­ge­­ment geschrieben,
    der v.a. auch das Ausblenden der oben zurecht benannten kultu­rellen und imma­te­ri­ellen Faktoren thema­ti­siert:
    https://www.xing.com/net/erfolgdurchdiversity/rund-ums-thema-diversity-management-334486/spanische-ingenieure-kommen-nach-deutschland-welche-integrationsma%c3%9fnahmen-gibt-es-38041251/

    Inno­va­tive Grüße,
    EF

  7. […] gerade in wissens­ori­en­tierten Berufen, kann in klas­si­schen CVs nicht mehr­ab­ge­deckt werden. Aber 23 Seiten Projekt­über­sichten will ich auch nicht […]

  8. […] stellen sich das unheim­lich leicht vor. Sie haben von der derzeit nied­rigen Arbeits­lo­sig­keit und dem Fach­kräf­te­mangel gehört und denken, es gäbe ein Job-Para­­dies. Das ist natür­lich nicht so. Und Kuss­hände bekommen […]

  9. […] Entweder wir machen, was unsere Eltern machten und von uns erwar­teten – oder genau das Gegen­teil. Ob das Muster Revo­lu­tion oder Iden­ti­fi­ka­tion heißt; der Effekt ist zwar unter­schied­lich, aber die Wirkung gleich. Da aber die neuen Berufe weit über­wie­gend keine Berufe mehr sind und sich nicht mehr in unserer Fami­li­en­ge­schichte abbilden, müssen wir as Eltern früh­zeitig zeigen, was möglich ist. Die erste Pflicht für Eltern ist deshalb, selbst aufge­klärt zu sein – z.B. über die sehr unter­schied­li­chen Perspek­tiven auf den (vermeint­li­chen) Inge­nieurm­angel. […]

  10. […] Zukunft meines Erach­tens trotz großer Beliebt­heit aufgrund der Tech­ni­sie­rung im Zweifel besser als BWL) als Wein­be­triebs­wirt­schafts­lehre, es sei denn man will das Gut des Vaters über­nehmen und ist […]

  11. Kai Greve 14. Juli 2012 at 20:35 — Reply

    Ich wundere mich immer wieder über den Begriff “Body­lea­sing” für Leih­ar­beit bzw. Zeit­ar­beit. Im Engli­schen ist mit body der Körper, auch der unbe­lebte Körper gemeint. Zum Beispiel ist “body bag” ein Leichen­sack und keine Tasche, die am Körper getragen wird. Und “body leasing” müsste für einen Mutter­sprachler seltsam klingen. Auch ich habe da eher nega­tive Asso­zia­tionen.

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