Kate­go­rien

Der kleine Job-Diplo­­ma­­ten­­kurs für Direkte, oder: Spre­chen Sie noch oder spielen Sie schon?

Published On: 23. November 2011Cate­go­ries: Karriere

Sind Sie auch nicht gerade für den diplo­ma­ti­schen Dienst bestimmt? Trotz aller huma­nis­ti­schen Geis­tes­bil­dung, an der Diplo­matie hakt es bei Ihnen. Sie tram­peln so durchs Leben. Sagen direkt, was Sie denken. Vorstand oder Assis­tent: Ist Ihnen wurscht, in Ihrer Welt sind alle gleich. Sie verstehen nicht, warum man mit offen­sicht­li­chen Wahr­heiten hinter dem Berg halten soll, nur weil jemand in irgend­einem “Amt und Würden” ist.

Und dann das: In den Mitar­bei­ter­be­wer­tungs­bogen knallt man Ihnen ein „könnte diplo­ma­ti­scher sein“. Ihre Vorge­setzten schassen sie. Im schlimmsten Fall weist man Ihnen nicht nur im über­tra­genen Sinn die Tür – Sie Fremd­körper stören unseren Unter­neh­mens­frieden!

Ich verstehe, was Sie antreibt. Das Herz und die Logik, oder beides – liegen Ihnen einfach direkt auf der Zunge. Spiel­chen mögen Sie nicht. Status ist Ihnen sowas von egal. Ob da zwei Alpha­tier­chen was beschlossen haben oder nicht: Wenn´s Ihnen voll­kommen unsinnig erscheint, dann sagen Sie das.

Sie sind mir sympa­thisch. Ich liebe Direkt­heit. Aber ich bin nicht Ihr Chef. Und deshalb nutzt Ihnen das nichts. So werden Sie nicht errei­chen, was Sie wollen. Machen Sie sich bewusst: Ihre Realität ist nicht die der anderen. Wenn Sie denken „was für ein dres­sierter Lack­affe“ denkt dieser so dekla­rierte Lack­affe „was für eine niveau­lose Zicke“, wenn er Sie über­haupt wahr­nimmt, denn Propheten wie Sie schätzt man immer erst posthum — oder nach der Euro­krise.

„Was soll ich bloß tun, wenn ich einfach weiß, dass diese Bande aus Führungs­kräften wie gehörnte Stiere in eine falsche Rich­tung jagen“, fragte mich neulich eine Klientin, die auch eine Ehren­me­daille für undi­plo­ma­ti­sches Verhalten erhalten hatte – in Verbin­dung mit der Bitte, sie solle sich doch nach einem neuen Job umschauen. Ich frage jetzt Sie, was die bessere Taktik ist:

  • a.)    Den gehörnten Stieren unver­blümt die Meinung geigen und Ihnen sagen auf welchem unglaub­lich nied­rigen Niveau sie ihre Entschei­dungen fällen.
  • b.)    Sagen: „Ich sehe das anders. Lassen Sie uns doch einmal X oder Y bedenken“ – bevor Sie zu einem ergrei­fenden Vortrag über­gehen, der die beiden Stiere einfängt und in fried­lich grasende Kühe verwan­delt, die leise „muh“ für „stimmt“ murmeln.

Die meisten Direkten machen a.), aber b.) wäre sinn­voller —  nur das mit dem ergrei­fenden Vortrag hört sich nun sehr leicht an, ist in der Praxis aber schwer. Ganz beson­ders für Menschen, die eine direkte Kommu­ni­ka­tion pflegen. Sie möchten nicht zu viel „Ich“ und „Authen­ti­zität“ zugunsten einer – aus ihrer Sicht — unmo­ra­li­schen Ziel­er­rei­chung aufgeben.

Ach, es ist doch so einfach. Sie müssen nur Ihr Kommu­ni­ka­ti­ons­ver­halten ändern. Erst einmal gilt es, den Angriffs­modus auszu­schalten. Denken Sie, dass die „bescheu­erte Entschei­dung“ dem derzei­tigen Kenntnis- und Wissens­stand der anderen entspricht oder die Entschei­dung aufgrund schlichter Grup­pen­psy­cho­logie zustande gekommen ist (Alpa A sagt B und alle anderen auch…). Sie müssen, sind Sie von etwas anderem über­zeugt, also Aufklä­rungs­ar­beit leisten. Bevor Sie Ihre Sach­ar­gu­mente jedoch plat­zieren können, gilt es, die anderen aufnah­me­be­reit zu machen. Das sind Ihre Meinungs­gegner nicht, wenn Sie ange­griffen werden, denn dann schalten diese in den Vertei­­di­­gungs- (Rache/Kampf bei Reiss grün) oder Rück­zugs­modus (Rache/Kampf rot). Sie müssen auch zumin­dest so tun, als würden Sie “Alpha A” respek­tieren, wenn irgend­mög­lich sollten Sie sogar den Knopf für “echte Wert­schät­zung” in sich akti­vieren.

Ist der Angriffs­modus weg, bleibt die zentrale Frage „wie kann ich den anderen errei­chen? Welche Sprache versteht er oder sie?“ Indem Sie sich auf diese Sprache einlassen, schaffen Sie die Basis, um Ihr Ziel zu errei­chen.

  • „Herr Müller, ich möchte noch etwas loswerden. Das ist für unser Unter­nehmen wichtig, viel­leicht sogar: über­le­bens­wichtig. Ich finde es gut, dass Sie sich jetzt für eine neue Inter­net­stra­tegie entschieden haben. Aber ich möchte Ihnen darlegen, warum Sie damit falsch liegen.“
  • „???.… Bitte.“
  • „Geben Sie mir zwei Tage Zeit und dann treffen wir uns noch mal hier.“

So, und nun denken Sie mal drüber nach, wie Sie Ihre Über­zeu­gungen so verpa­cken können, dass diese beim anderen ankommen.… und probieren Sie es gleich mal aus.

Und dann lassen Sie mich hier noch gleich einen Buch­tipp loswerden: „Reden straffen statt Zuhörer strafen“ von Katja Kersch­gens. Gutes Buch.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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6 Kommen­tare

  1. Lars Hahn 23. November 2011 at 18:04 — Reply

    Diplo­matie zahlt sich aus. Genau!

    Außerdem: Der Faktor Zeit ist hilf­reich. Belei­di­gung im Affekt ist nämlich auch eine Belei­di­gung.

    Deshalb: Durch­atmen. Ruhe bewahren. Vor der Konfron­ta­tion mit Freunden darüber spre­chen. Ein paar Stunden oder Tage später redet es sich dann schon ganz anders.

    Woher ich das alles weiß?

    😉

  2. wirken­nenuns 23. November 2011 at 18:49 — Reply

    Mit einem herz­haften Schmun­zeln habe ich diesen Beitrag gelesen. Nein, manchmal nützt weder Diplo­matie noch Schleim­schei­ßerei (war ich bei letz­terem zu direkt?!). Ich gehöre nicht zu den Menschen, die stets mit Haus­halts­rolle bewaffnet durch die Gegend laufen, um die Schleim­spur wieder aufzu­wi­schen. Wenn ich mich (selbst zumind. Stern­zei­chen Stier) um einen sach­li­chen Ton bemühe, dann habe ich, als gestan­dene Persön­lich­keit durch Erreichtes, den Anspruch, dass dies mein Vis-a-vis auch tut. Punkt!

  3. Oliver 23. November 2011 at 19:41 — Reply

    Es mag sein, dass sich Diplo­matie in den meisten Fällen auszahlt. Was nützt es aber, wenn man mit Methode b) versucht die Anderen von einen besseren Lösungs­an­satz zu über­zeugen, sie aber in ihrer Borniert­heit keine andere Meinung als die eigene gelten zu lassen. Wenn diese falschen Entschei­dungen dem Unter­nehmen auch noch richtig Geld kosten, dann muss man diesen Leuten einfach sagen, dass sie inkom­pe­tente Arsch­lö­cher sind und sich danach einen neuen Job suchen. Mal ehrlich, warum soll ich meine Prin­zi­pien über Bord werfen, nur weil andere bis zur Nasen­spitze denken können. Würden wir alle den Nieten ganz undi­plo­ma­tisch sagen, dass sie Nieten sind, hätten wir wohl keine Finanz­krise.

    Grüße Oliver 😉

  4. Chris­toph Burger 24. November 2011 at 11:25 — Reply

    Der Zorn­könig verdient seinen Namen, wenn er die Diplo­matie nicht nur präsen­tiert, sondern lebt. Dazu muss er in sich gehen, schauen, was hinter der eigenen Wut steckt. Dabei ein paar eigenen Schwä­chen ins Gesicht blicken. Und dann erst das Gespräch suchen.
    Mein zweiter Beitrag: In meinem Begriff “Kwerkar­riere” steckt das “wer” für die eigene Persön­lich­keit und das “K” für Kommu­ni­ka­tion. Das Verhältnis zwischen Persön­­lich­keits-wer und Kommunikations‑K ist: Je mehr Persön­lich­keit vorhanden ist, desto geschickter muss kommu­ni­ziert werden.
    @ Oliver: Im eigenen Sinne. Denn es sollen ja keine Schein­ge­fechte ausge­tragen werden, sondern das berech­tigte, eigene Anliegen soll sich letzt­lich durch­setzen.

  5. Oscar Schreyer 27. November 2011 at 1:16 — Reply

    Manchmal sollte man wohl besser ruhig sein und die Fehler anderer hinnehmen selbst wenn man dadurch unter­geht. Was für eine beschis­sene Welt! http://www.jobsuche-forum.de

  6. Flick 10. Juni 2014 at 16:01 — Reply

    Vielen Dank für diesen inter­es­santen Artikel. Sie spre­chen genau mein Problem an denn manchmal denke ich zu laut und trete in jedes Fett­näpf­chen rein. Dies wurde mir leider schon mehr­mals vorge­worfen aber ich komme nicht wirk­lich dagegen an, vor allem wenn man in gesel­liger Runde ist und Small-Talk erwünscht ist.

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