Kate­go­rien

Sides­teps — oder “wie probiere ich beruf­lich mal etwas anderes aus?”

Published On: 3. Februar 2012Cate­go­ries: Führung

Sie sind offen, neugie­rung und wollen mal eine andere Branche kennen­lernen. Jetzt wundern sich gerade über die hohe Zahl der Absagen? Trotz Fachkräf­te­mangel und obwohl Sie eine erfah­rene Fach­kraft oder ein erfolg­rei­cher Manager sind? Dieser Beitrag liefert Ihnen die Erklä­rung – und ein Tool, wie Sie sich “logisch” verän­dern können.

Schauen wir uns mal folgende Szene an:

Hubert B. ist Manager in der Chemie­branche, genau­ge­nommen im winzig kleinen Segment der Duft­stoffe. Er hat mehr als 15 Jahre Berufs­er­fah­rungen und einen beein­dru­ckenden Track Record. Aber: Er kann seine Branche einfach nicht mehr riechen. Nun geht er zum Head­hunter, nennen wir ihn Siemsaum. Vertrau­ens­voll legt er die Moti­va­tion dar, aus der er sich dazu entschieden hat, „ein package“ anzu­nehmen. Das ist ein Abfin­dungs­an­gebot. Man gibt es gerne Mana­gern und hoch­be­zahlten Fach­kräften, die sich nicht mehr richtig weiter entwi­ckeln wollen oder können, zumin­dest in dieser Firma.  Hubert B. freut sich über sein Package. Seine Moti­va­tion ist es, jetzt endlich etwas ganz anderes zu machen. Bloß nichts mehr mit Chemie!

Der Head­hunter schaut ihn mitleidig-verstän­d­­nis­­voll an. Dann sagt er kopf­schüt­telnd: „Da kann ich nichts mehr für Sie tun.“

Warum?

Ganz einfach: Je weiter oben Sie sind oder je spezia­li­sierter, desto weniger schätzt man es, wenn Sie sich verän­dern wollen, ohne all die Kontakte, das Prozess­wissen und die sons­tigen internen Kennt­nisse mitzu­nehmen. Der Head­hunter verdient an so jemanden wie Ihnen nicht. Er weiß auch:  Wenn er Sie vorschlägt, wo Sie hinwollen, aber ohne Bran­chen­er­fah­rung, dann klappt das nicht. Der Kunde wird nicht zubeißen; es liegt nicht mal an ihm.

Was tun?

Erst einmal hinter­fragen Sie, was Sie eigent­lich wollen. Und suchen Sie dann nach logi­schen Sides­teps. Wenn Ihnen wie Hubert die Branche stinkt, schauen Sie erst einmal in den näheren und weiteren Verwand­ten­kreis Ihres Segments. Ich arbeite dazu mit dem von mir entwi­ckelten Bran­chen­kreis (zum Down­load bei Face­book). Im engsten Kreis befindet sich Ihr Bran­chen­seg­ment. Dort wird man Sie norma­ler­weise mit Kuss­hand nehmen, wenn Sie nicht verbrannte Erde hinter­lassen haben oder das Segment gerade stirbt (siehe den bedau­er­li­chen Fall Kodak).

Um Ihr Segment formiert sich der „erste Kreis“. Das ist die über­ge­ord­nete Branche, zu der das Segment gehört. Im skiz­zierten Beispiel habe ich die Opho­mo­logie gewählt, das ist Augen­heil­kunde, ein Phar­ma­seg­ment. Im ersten Kreis sind Sie immer noch gern gesehen, mit ein paar Einschrän­kungen. Gehalts­ver­luste fallen hier auf glei­cher Posi­tion, wenn über­haupt, noch moderat aus. Im zweiten Kreis kann das schon anders aussehen, denn leider schätzen immer noch eher wenige Perso­nal­ent­scheider den frischen Blick von außen (obwohl der guttäte). Erst im Top-Mana­ge­­ment verschwimmt das manchmal, siehe Peter Löscher, der vor Siemens als Phar­ma­mager tätig war. Je mehr im Fach­be­reich, Unter- und Mittel­ma­nage­ment UND  desto kontakt- oder prozess­kennt­nis­ori­en­tierter der Bereich, desto weniger mögen Perso­nal­ent­scheider einen Bran­chen­fremden (siehe Key Account Manage­ment).

Bewerben Sie sich im dritten Kreis – hier sind nur noch die Struk­turen ähnlich wie im zweiten -, wird die Quote der Einla­dungen auf Bewer­bungen weiter sinken, und oft auch das Gehalts­ni­veau. Diesen Kreis nenne ich auch „Quer­denk­er­kreis“, denn hier finden sich Bran­chen, auf die Sie oft erst beim Nach­denken mit mir (im Coaching), einem anderen guten Coach oder/und nach einer ersten Recherche kommen.

Fragen Sie sich:

  • Was ist in meiner Branche beson­ders wichtig gewesen, das woan­ders auch eine Rolle spielt?

Im Beispiel Opho­mo­logie landet man dann z.B. bei forschungs­in­ten­siven Bran­chen. Inter­es­sant für Sie? Wenn ja: Gut wäre es, wenn weitere Brücken im Lebens­lauf da sind, die den Wechsel unter­strei­chen, z.B. eine frühere Station im Rese­arch & Deve­lo­p­ment oder als wissen­schat­li­cher Mitar­beiter. Diese Brücke kann auch eine 20 Jahre alte Tätig­keit sein. Noch besser aber sind gute Kontakte 😉

Offi­zi­elle Bewer­bungen im Quer­denk­er­kreis sind nämlich schwierig, weil der rote Faden zum Reißen dünn ist. Es empfiehlt sich eine Bewer­bung auf dem verdeckten Stel­len­markt.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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9 Kommen­tare

  1. Lars Hahn 3. Februar 2012 at 22:01 — Reply

    Danke! Dein Bran­chen­kreis fehlte mir gerade noch für meine Bera­tungs­si­tua­tionen. Das Bild mit den Kreisen hatte ich bereits visua­li­siert. Wie das Wasser, nachdem ein Stein hinein­ge­fallen ist. 😉

    Du hast das dann mit dem Bran­chen­kreis auf den Punkt gebracht.

    Manchmal gibt es sogar noch vierte und fünfte Kreise, wo nur ausge­wählte Tätig­keiten noch über­tragbar sind.

    Aber es funk­tio­niert, wenn ich mich der Fähig­keiten hinter den Tätig­keiten und deren Wich­tig­keit für mich bewusst bin.

  2. Svenja Hofert 4. Februar 2012 at 10:56 — Reply

    Danke, Lars, meine Kunden mögen die Kreise immer sehr, weil Ihnen das selten so bewusst ist. Hast du noch eine hübschere Zeich­nung? Dann können wir einen Wett­be­werb der Kreise machen. Ich frag mich gerade, erfolgs­ver­wöhnt ;-), warum der Beitrag bisher so selten retweetet wurde. Falsche Head­line? Zu abstrakt? War es der Frei­tag­nach­mittag, wo alle schon zu hause sind. Gibt mir Feed­back, Danke! LG SH

  3. Marcel Bött­cher 6. Februar 2012 at 11:06 — Reply

    erfolgs­ver­wöhnt 😉 — das ist sicher auch ein Grund warum viele Manager einem einizgen Weg folgen — dem des Unter­neh­mens und der Arbeit dort. Oft wird nicht mehr links und rechts geschaut. Die Frage was kommt danach? — stellt man sich schließ­lich nicht so lange alles gut läuft. Ist man sich aber bewußt, das man gerade nach vielen Jahren ein und der selben Tätig­keit in einem Unter­nehmen sich oftmals in eine gewisse Isola­tion manö­vriert — hat man sehr wohl auch gute Möglich­keiten sich auch dazu parallel offen und inter­es­sant für die Markt zu halten. Auf dem Arbeits­markt sind wir das Produkt — wenn das verältet, zu speziell oder eben auch am Markt über­teuert ist, wird‘s sicher schwer werden einen Abnehmer zu finden.

    Der Beitrag ist übri­gens gemessen an den Feed­backs der anderen wirk­lich unter­be­wertet.

    Viel­leicht liegt es daran das einige beim Lesen in sich gehen mussten — denn er trifft mal wieder auf den Punkt Frau Hofert;-).

  4. Svenja Hofert 6. Februar 2012 at 13:32 — Reply

    Danke, Herr Bött­cher, Erfolg sollte einem nie im Wee stehen, die Dinge zu tun, die einem wichtig sind. Und deshalb sollte der Manager ebenso wie die Fach­kraft seinem Herzen folgen und nicht nur dem Verstand, der sagt, “hier kannst du dein Gehalt halten”.
    Und die Bera­terin wird die seichte Kost dosieren und sich weigern, einen Weg als leicht zu verkaufen, auch wenn das mehr Auflage/Traffic bringt 😉 LG Svenja Hofert

  5. Lars Hahn 7. Februar 2012 at 21:57 — Reply

    Hallo Svenja,

    besser spät geant­wortet als nie. (Schade, dass Dein Blog die Antworten auf den Kommentar nicht mitteilt).
    Nein, ich habe kein besseres gemaltes Bild (Bilder kreieren gehört zu meinen Top-Fähi­g­keiten). Deins passt dafür genau.
    Zur Frage der wenigen Tweets: Manchmal ist weniger ja mehr. Passt irgendwie auch zu Slow grow 😉
    Ich hatte beim Titel des Arti­kels was anderes erwartet. Einen Essay über Fach­kräf­te­mangel und klas­si­sche Opti­mie­rungs­tipps. Was kam, fand ich viel span­nender: Beruf­liche Sides­teps. oder “wie probiere ich beruf­lich mal etwas anderes aus?”

    • Svenja Hofert 8. Februar 2012 at 10:25 — Reply

      Hi Lars, wieso teil mein Blog Antworten nicht mit: Sollte er…?? Deine Antworten? Andere Antworten? Ich ändere noch mal die Head­line nach deinem Vorschlag. LG Svenja

  6. Lars Hahn 7. Februar 2012 at 21:58 — Reply

    Mir fällt gerade auf: Ich hatte das ja auch gar nicht getwit­tert. Tssss. Wird jetzt nach­ge­holt! 😉

  7. […] Info­gra­fiken machen sich breit, z.B. Visualize.me. Der Trend geht zu mehr Über­sicht – auch weil die Infor­ma­tionen in Lebens­läufen immer […]

  8. […] „prak­ti­schen“ Freitag greife ich noch mal in meine Tool-Tüte, zuletzt hatte ich Ihnen meinen Bran­chen­kreis vorge­stellt, davor den Brücken­bauer. Heute hole ich mein Jobschlüssel-Tool hervor. Es ist […]

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