Kate­go­rien

Der Schlüssel zur Zukunft: Welche persön­li­chen Eigen­schaften machen kreativ? Lässt sich Krea­ti­vität über­haupt entwi­ckeln?

Published On: 15. Juni 2013Cate­go­ries: Mensch & Orga­ni­sa­tion
© peshkova - Fotolia.com

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Weit­ge­hend unbe­stritten, dass Krea­ti­vität der Schlüssel zur Zukunft ist. Wir werden in dieser riesigen Müll­halde, in dieser sozialen Unge­recht­ver­tei­lung und globalen Schief­lage nur über­leben können, wenn genü­gend Menschen IDEEN haben. Längst kann ein Roboter ähnliche viele Rechen­ope­ra­tionen wie ein mensch­li­ches Gehirns durch­führen. Einziger Haken: Es kostet noch zu viel Energie, Robo­ter­ge­hirnen Leben einzu­hau­chen. Doch wie lange wird es dauern, bis komplexe Stra­te­gien die Frage eines Knopf­drucks sind? Es wird deshalb in der Arbeits­welt der Zukunft den höchsten „Wert“ haben, was nicht voll­ständig tech­nisch erzeugbar ist, Krea­ti­vität und Mensch­lich­keit.

Doch was macht eigent­lich Krea­ti­vität aus? Wie wird ein Mensch kreativ? Kann man das lernen? Vor einigen Monaten veröf­fent­lichte ich hier meine „6 Sorten von Krea­ti­vität“. Dieses Mal möchte ich mich mit Krea­ti­vität aus Sicht der Persön­lich­keit  befassen und einige wissen­schaft­liche Aspekte hinzu­ziehen.

Persön­lich­keit ist zu einem Teil erblich; es mag ein Drittel oder sogar die Hälfte sein, die Forscher sind sich nicht ganz einig. Auch Krea­ti­vität dürfte damit zu einem Teil erblich sein, denn sie wird von persön­li­chen Eigen­schaften bestimmt. Diese misst auch der Big Five, der derzeit wissen­schaft­lich am brei­testen akzep­tierte Persön­lich­keits­test.

Die wich­tigste Deter­mi­nante für Krea­ti­vität ist „Offen­heit für neue Erfah­rungen“. Wer offen ist, probiert Dinge aus, wagt etwas. Das ist schon mal eine wesent­liche Voraus­set­zung. Natür­lich sagt die an der Offen­heit ange­dockte Eigen­schaft „Ideen­reichtum“ noch nichts über die Qualität der Ideen aus. Doch die Haltung ist letzt­end­lich wich­tiger, an der Qualität lässt sich arbeiten.

Die Dimension Offenheit

Nebenan sehen Sie die Teil­aspekte von Offen­heit im Big Five, die bei Menschen unter­schied­lich hoch ausge­prägt sein können. Es geht also nicht nur um Ideen bzw. Einfalls­reichtum, sondern beispiels­weise auch um eine Präfe­renz für Komple­xität, die für Akade­miker eher typisch ist.

Eine Studie aus Öster­reich (1. Link am Ende des Beitrags), scheint nahe­zu­legen, dass Offen­heit für Neues im Big Five mit Intel­li­genz korre­liert. Beson­ders krea­tive Archi­tekten, lese ich bei Claudia Fink (2. Link) liegen über dem Durch­schnitt ihrer Spezies. Doch während der IQ das kogni­tive Vermögen beschreibt, erfasst Krea­ti­vität – im wissen­schaft­li­chen Sinn — Sensi­ti­vität gegen­über Problemen. Bei Krea­ti­vität geht es also letzt­end­lich um Denk-Flui­­didät, Origi­na­lität und Flexi­bi­lität des Denkens. Das heißt nun keines­wegs, dass jeder im Big Five offene Mensch auch intel­li­genter ist, aber er ist es etwas wahr­schein­li­cher als sein Pendant: Der Mensch, der geschlossen denkt, Details und Routine bevor­zugt und vorhan­dene Konzepte lieber anwendet als neue zu entwi­ckeln.

Doch Offen­heit allein reicht nicht aus für maxi­male krea­tive Wirkung, also krea­tive Leis­tung, die auch WIRKT. Dazu hat Michael Stich in einem Inter­view zu den Werbe­kam­pa­gnen seiner Aids-Stif­­tung etwas sehr Kluges gesagt, ich gebe es hier ungenau wieder, da ich es im Fern­sehen gesehen habe und kein Steno kann ;-): „Die erste Aids-Kampagne war die erfolg­reichste; alle weiteren versuchten sich daran zu orien­tieren. Man  begann Feed­back einzu­be­ziehen und wollte Erfolge wieder­holen. Damit wurde aber alles schlechter.“

Dieses Zitat von Stich zeigt indi­rekt, welche weitere Eigen­schaft sehr wichtig ist, damit sich frei­ge­setzte Ideen auch entfalten können: Unab­hän­gig­keit im Denken. Im Big Five NEO FFI ist diese ein Teil­be­reich der Offen­heit (siehe oben). Wichtig ist auch eine eher nied­rige Umgäng­lich­keit. Die Suche nach Zustim­mung durch andere ist wunderbar, wenn man für gute Atmo­sphäre sorgen will, aber kontra­pro­duktiv für Inno­va­tion. Logisch nach­voll­ziehbar und wissen­schaft­lich bewiesen.

Nun gibt es, wie ich in meinem Artikel über die Arten von Krea­ti­vität darge­legt habe, ganz unter­schied­liche Typen. Das scheint sich auch wissen­schaft­lich belegen zu lesen. So verbinden krea­tive Wissen­schaftler öfter eine hohe Offen­heit mit hoher Gewis­sen­haf­tig­keit. Bei erfolg­rei­chen Künst­lern gesellt sich zur Offen­heit  Extra­ver­tiert­heit. Neuro­ti­zismus, also die Neigung sich Sorgen zu machen, auch emotio­nale Insta­bi­lität genannt, ist auch eher förder­lich — was erklären könnte, warum viele groß­ar­tige Künstler und Wissen­schaftler an der Selbst­stän­dig­keit schei­tern, denn dort wiederum ist Neuro­ti­zismus kontra­pro­duktiv.

Kann man nun Krea­ti­vität entwi­ckeln? Zu einem gewissen Grad sicher, aber ganz leicht ist es nicht. Einfa­cher wäre es z.B. einer Person die Kompe­tenz „Führung“ beizu­bringen. Im Kompe­tenz­be­richt zum Big Five Reflector, mit dem ich seit einiger Zeit arbeite, würde bei einer eher nied­rigen Offen­heit und hohen Umgäng­lich­keit stehen, dass Krea­ti­vität „schwer entwi­ckelbar“ sei.  Leichter wäre es, wenn zumin­dest Offen­heit vorhanden wäre.

Jeder Mensch kann lernen, in jedem Alter. Leider wird Krea­ti­vität früh erstickt. Ich sehe das derzeit  als Mutter eines krea­tiven Sohnes, der sehr offen ist, aber auch unan­ge­passt (ob das nun vererbt ist oder erlernt?). Seine spon­tanen Ideen kommen beim – offenen – Kunst­lehrer bestens an, aber versanden im Deutsch­un­ter­richt und werden dort sogar negativ in Regu­la­rien gezwängt. Meine Erfah­rung „Schule treibt Krea­ti­vität aus“ scheint belegt – siehe die Studie unten. Hier findet sich auch Infor­ma­tion über die Korre­la­tion IQ-Offen­heit.

Also: Wenn Sie krea­tiver werden wollen, denken Sie mal darüber nach:

  • Könnte es sein, dass Sie Ideen, wenn sie in ihren Kopf kommen, nicht ausspre­chen, weil sie Angst haben, diese könnten von anderen negativ bewertet oder zerredet werden?
  • Versu­chen Sie sich stark an vorhan­denen Erfolgs­kon­zepten zu orien­tieren anstatt es einfach anders zu machen?
  • Richten Sie Ideen darauf aus, wie sie wohl bei Entschei­dern ankommen?
  • Haben Sie genug Wissen? (kein Scherz: auch das ist belegt – Krea­tive haben ein einer­seits umfas­sendes und andrer­seits in EINEM Bereich spezi­el­leres Wissen).

Lernen Sie dazu! Und dann machen Sie die Dinge einmal anders als bisher. Das könnte der Beginn einer neuen Erfah­rung sein. Und explo­die­render Krea­ti­vität.

Wer mehr dazu wissen will, dem empfehle ich diese Links:

  • Claudia Fink von der Uni Graz hat eine sehr schöne Power­­point-Präsen­­ta­­tion über unter­schied­liche wissen­schaft­liche Studien im Zusam­men­hang mit Krea­ti­vität ins Netz gestellt.
  • Zur Persön­lich­keit von kreativ und kognitiv beson­ders begabten Kinder und den Zusam­men­hang Offenheit/IQ, ist diese Studie aufschluss­reich.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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