Kate­go­rien

„Die Grad­li­nig­keit einer Karriere wird oft über­be­wertet“: Inter­view mit Dr. Nico Rose

Published On: 15. September 2014Cate­go­ries: Führung

Rose 004Dr. Nico Rose habe ich für mein Buch „Karriere mit System“ ausge­wählt, weil er eine sehr hohe posi­tive Sicht­bar­keit in den sozialen Medien hat und sich mit dem Thema Personal bestens auskennt. Außerdem nehme ich ihn als Mensch wahr, der auch mal um die Ecke denkt. Natür­lich habe ich auch sein Buch „Lizenz zur Zufrie­den­heit“ gelesen. Das hat mir gut gefallen — Inhalt, Wissen, Hinter­gründe und gute Übungen. In diesem Inter­view geht es aber um seine ganz persön­liche Karriere. Wir dürfen wie bei Henrik Zabo­rowski persön­liche Einblicke erwarten.

Erzählen Sie doch mal über sich!

Derzeit bin ich Senior Director Corpo­rate Manage­ment Deve­lo­p­ment bei einem Medi­en­kon­zern. Außerdem gibt es eine Reihe von Neben­be­schäf­ti­gungen: ich arbeite als frei­be­ruf­li­cher Coach, unter­richte regel­mäßig an einer Busi­ness School, blogge, schreibe Fach­ar­tikel und hoffent­lich bald auch mein zweites Buch. Zusätz­lich habe ich ein einjäh­riges Zusatz-Studium in den USA abge­schlossen. Und dann bin ich noch Ehemann, stolzer Papa eines kleinen Sohnes und flei­ßiger Besu­cher von Heavy-Metal-Konzerten.

Wie haben Sie selbst Karriere gemacht?

Der rote Faden in meinem Lebens­lauf ist, dass es keinen gibt. Ich habe Psycho­logie studiert, bin im HR einen großen Konzerns einge­stiegen, habe dann an einem Lehr­stuhl für Control­ling promo­viert, nebenbei in einer auf CRM-fokus­­sierten Bera­tung gear­beitet, und meine eigene Coaching-Firma gestartet. Jetzt bin ich wieder Perso­naler. Ich würde das nicht unbe­dingt zur Nach­ah­mung empfehlen. Mein CV zeigt aber auch, dass die Gerad­li­nig­keit einer Karriere oft über­be­wertet wird.

Wie ticken Bewerber heute?!

Die Menschen, mit denen ich in meinem Haupt­beruf zu tun habe, sind sehr gut ausge­bildet. Sie kommen von den besten Univer­si­täten welt­weit, haben zig Prak­tika absol­viert oder kommen als Berufs­er­fah­rene von anderen Top-Arbei­t­­ge­­bern. Inso­fern sehe ich nur einen Ausschnitt des Marktes. Hier gilt dann aber: diese Menschen wissen sehr genau um ihren ‚Markt­wert‘ und treten entspre­chend selbst­be­wusst auf. Sie stellen mitunter bereits im ersten Vorstel­lungs­ge­spräch Fragen und Forde­rungen, die ich zehn Jahre zuvor nicht zu äußern gewagt hätte. Ich finde das gut so. Früher hatten die Unter­nehmen aufgrund des Über­an­ge­bots an Jobs und ihres Infor­ma­ti­ons­vor­sprungs eine sehr starke Macht­po­si­tion. Das hat sich zumin­dest für die zuvor genannte Ziel­gruppe gewan­delt. Heute spricht man mehr auf Augen­höhe.

Was hat sich gegen­über früher verän­dert?

Es herrscht heute mehr Augen­höhe zwischen Unter­nehmen und ihren Bewer­bern. Früher wusste ein Unter­nehmen fast alles über den Bewerber, denn man musste ja sein bishe­riges Leben offen­legen. Der Bewerber wusste aber recht wenig über das Unter­nehmen. Man musste sich als Bewerber auf Hoch­glanz­bro­schüren der Firmen verlassen, oder das, was man in den allge­meinen Nach­richten oder von Bekannten erfahren konnte. Heute kann der Bewerber ein Unter­nehmen in kurzer Zeit regel­recht durch­leuchten. Es gibt unzäh­lige Nach­rich­ten­quellen, Infor­ma­ti­ons­platt­formen – und auf XING oder LinkedIn kann man seine poten­zi­ellen Kollegen einfach anspre­chen und um Erfah­rungen aus erster Hand bitten. Das macht es schwerer für die Unter­nehmen, ein posi­tives Image zu bewahren. Ich halte das jedoch für eine begrü­ßens­werte Entwick­lung.

Was bieten Unter­nehmen heute mehr als früher?

Die bereits ange­spro­chene Verschie­bung der Macht­ver­hält­nisse hat dazu geführt, dass die meisten Unter­nehmen ihren Mitar­bei­tern viel mehr und flexi­blere Ange­bote machen, als das noch vor 20 oder gar 50 Jahren üblich war. Viele Firmen haben verstanden, dass Menschen heute großen Wert auf eine gelun­gene Work-Life-Inte­­gra­­tion legen. Glei­t­­zeit- und Teil­­zeit-Lösungen, Betriebs­kin­der­gärten, Home-Office, Sabba­ti­cals, und kosten­lose Gesund­heits­checkups und Sport­pro­gramme – all das findet man heute immer flächen­de­ckender. Natür­lich geht aber immer noch mehr. Wer als Unter­nehmen ‚die Besten‘ an Bord holen will, muss hier auf Zack sein.

Wo hakt es noch?

Ich glaube, dass viele Unter­nehmen noch zu sehr in alther­ge­brachten hier­ar­chi­schen Führungs­struk­turen und den zuge­hö­rigen Incen­ti­vie­rungs­struk­turen verharren. Vieles davon passt nicht mehr in die heutige Zeit, vor allem nicht zu den Erwar­tungen der jüngsten Gene­ra­tion von Arbeit­neh­mern. Das Konzept dessen, was ‚Arbeit‘ bedeutet, wird sich in den nächsten 20 Jahren radikal ändern, zumin­dest in west­li­chen Dienst­leis­tungs­ge­sell­schaften – die Zeichen sind bereits jetzt deut­lich sichtbar. Die Führungs- und Perso­nal­­ma­­na­ge­­ment-Metho­­den­­me­­thoden hängen dagegen vieler­orts noch in 80er Jahren des vorigen Jahr­hun­derts fest.

Wie erkennen Bewerber die Firma, die zu Ihnen passt?

Das kann ich nur für mich persön­lich beant­worten. Ich habe mit der Zeit gelernt, auf mein Bauch­ge­fühl zu hören. Die Fragen lauten nicht mehr „Wie gut ist das Unter­nehmen?“ oder „Wie passt dieser Job in meinen Karrie­re­plan?“ – sondern: „Wie gut geht es mir, während ich im Vorstel­lungs­ge­spräch sitze und mit meinen poten­zi­ellen Kollegen inter­agiere?“ Früher habe ich intel­lek­tuell abge­wogen, Plus-Minus-Listen geschrieben. Das hat nicht funk­tio­niert. Heute schreibe ich immer noch Plus-Minus-Listen. Die dienen aber in erster Linie dazu, meine Intui­tion zu füttern, nicht eine Entschei­dung zu treffen. Ansonsten: man darf vor allem in jungen Jahren auch mal Fehler machen. Ich habe meinen aller­ersten Arbeit­geber nach 1,5 Jahren wieder verlassen. Hat nicht gepasst. Trotzdem war es eine Zeit wert­voller Erfah­rungen.

Mehr Lesen?

SDas Buch “Karriere mit System” beinhaltet viele weitere Inter­views, Fall­bei­spiele und Ideen und Ansätze eine zeit­ge­mäße Karriere zu gestalten.

Beitrag teilen:

Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

Folgen Sie mir gerne auf Youtube und wenn Sie nichts verpassen wollen auch bei Linkedin.

 

Leave A Comment