Kate­go­rien

Die irre Kraft ratio­naler Über­zeu­gungen

Published On: 14. März 2023Cate­go­ries: Aktuell

Am 20.12.1954 sollte der Welt­un­ter­gang statt­finden. Das hatten flie­gende Unter­tassen der Ameri­ka­nerin Dorothy Martin verkündet, die sich als Medium sah.

Um 24 Uhr jenes Tages war immer noch nichts geschehen. Einer der gläu­bigen Anhänger von Martins bemerkte, dass es ja erst fünf vor 12 sei. Um 24 Uhr nahm Mrs. Martin dann Kontakt zu den Außer­ir­di­schen auf. Diese teilten dem Medium mit, dass sie sich verspäten würden. Es passierte… nichts. Vier Stunden später infor­mierten die Außer­ir­di­schen Mrs. Martin, dass sie die Erde doch verschonen wollten. Der Sozi­al­psy­cho­loge Leon Fest­inger hatte Beob­achter einge­schleust, die von diesem Ereignis berich­teten. Nach­zu­lesen ist das in einem 2018 aufge­legten Buch “When Prophecy fails” (weitere klas­si­sche sozi­al­psy­cho­lo­gi­sche Expe­ri­mente hier im Team­­­works-Blog).

Seitdem beschäf­tigte sich die Sozi­al­psy­cho­logie immer wieder mit der Frage: Wie können derart feste Über­zeu­gungen in Gruppen entstehen? Über­zeu­gungen, die trotz über­zeu­gendster Gegen­be­weise bestehen bleiben. Das mentale Modell der epis­te­misch ratio­nalen und irra­tio­nalen Über­zeu­gungen kann uns helfen, das näher zu betrachten.

Die Mensch-Über­­­zeu­­gung-Fusion

Dorothy Martin steckt in uns allen. Menschen lassen ihre Über­zeu­gungen nicht los. Es besteht eine Mensch-Über­­­zeu­­gungs­­­fu­­sion, bei der die zuge­hö­rige Gruppe eine wich­tige Rolle spielt. Sie festigt die Über­zeu­gung, gibt ihr eine Heimat.

Zeigt man Über­zeugten Fakten, so äußern sie Zweifel an den Quellen. Sie verschließen sich Gegen­ar­gu­menten, meiden und diffa­mieren Gruppen, die andere Über­zeu­gungen haben. Das ist das, was wir tagtäg­lich in Unter­nehmen, der Gesell­schaft und der Politik erleben. Aufgrund von irra­tio­nalen Über­zeu­gungen werden Kriege geführt.

Über­zeu­gung im Kleid der Wahr­heit

Die Über­zeu­gung kommt immer in Form einer abso­luten Wahr­heit daher. Ob Öko-Sozia­­lismus die Welt rettet oder New Work: Der Inhalt ist sekundär. Es ist die Art, wie eine Über­zeu­gung vertreten wird: Mit aller Kraft — jedoch nicht Über­zeu­gungs­kraft, sondern… Über­zeugt­heit.

Das Fest­hängen in Gedan­ken­ge­bäuden betrifft alle

Wenn sich Argu­mente und Beweise in Luft auflösen, halten Über­zeugte weiter daran fest. Wider jeder Ratio­na­lität. Sogar manch System­theo­re­tiker, wiewohl “eigent­lich” konstruk­ti­vis­tisch orien­tiert, hängt so fest in seinen Gedan­ken­ge­bäuden, dass er sich nicht mehr von ihnen lösen kann. Oder Hola­­kratie-Vertreter: Es muss wirken, was wirken muss.

Die Über­zeu­gungen sind Teil der Iden­tität geworden. Sie gehören zu uns, wie Hand und Fuß. Loslö­sung ist zugleich auch Iden­ti­täts­ver­lust. Und in der Psycho­logie ist jede Verän­de­rung Iden­ti­täts­än­de­rung.

Über­zeu­gungen sind wie Hand und Fuß

Weil alle an ihren Über­zeu­gungen fest­halten, ist Verän­de­rung so schwer und langsam. Die ratio­nale Einsicht, an die manche glauben, wird es nicht geben. Nehmen wir die Ener­gie­wende. Teile der Politik verbreiten die Über­zeu­gung, dass diese mit erneu­er­baren Ener­gien zu bewäl­tigen sei. Kritiker argu­men­tieren, dies könnte ein Traum sein. Sie führen an, dass Studien, die die Möglich­keit einer voll­stän­digen Kompen­sa­tion belegen, Auftrags­stu­dien und angreifbar seien. In Wahr­heit also Opium für das Volk?

Fakten­lose Über­zeugt­heit als Opium für das Volk?

Wie kommen wir zu Erkennt­nissen?

Die Epis­te­mo­logie ist die Lehre davon, wie man zu Erkennt­nissen kommt. Exis­tiert ein konsis­tentes Gedan­ken­ge­bäude, argu­men­tativ unter­mauert – oder nicht? Das wäre epis­te­misch rational. Gibt es Evidenz? In der epis­te­mi­schen Irra­tio­na­lität gibt es diese Konsis­tenz dagegen nicht. Es fehlt die Beweis­füh­rung, auch die innere. Man sagt “Das ist eben so.” Oder: “Ich weiß es einfach.”

Dorothy Martins Gedan­ken­ge­bäude war, hört man, in sich schlüssig. Und es fiel den Anhän­gern selbst dann nicht als Karten­haus zusammen, als der Beweis ausblieb. Die Grenze zwischen epis­te­mi­scher Ratio­na­lität und Irra­tio­na­lität ist nicht fest gezogen. Und was als Evidenz gelten darf, keines­wegs eindeutig.

Dürf­tige Beweis­füh­rung hat System

Die Dürf­tig­keit von Beweis­füh­rung hat überall da Prinzip, wo wir es mit Komple­xität zu tun haben. Da sind wir „komple­xi­täts­re­du­zie­rend“ unter­wegs. Frei nach der epis­te­misch eher irra­tio­nalen Pippi Lang­strumpf: „Ich mach mir meine Welt wie sie mir gefällt“.

Für die Nütz­lich­keit von agilen Coaches gibt es keine valide Evidenz. Denn schon “Agiler Coach” ist nicht opera­tio­na­li­sierbar. Eine bessere Arbeits­welt, Stich­wort New Work, eben­so­wenig. Jeden­falls nichts, was über ein biss­chen Employer Bran­­ding-Effekt hinaus­geht. In diesem Sinn wäre all das epis­te­misch irra­tional.

Manche Menschen sagen Dinge wie: „Ich weiß aber einfach, dass eine bessere Arbeits­welt uns alle zufrieden macht.“ Das versetzt mich immer in Staunen. Wie kann man so etwas wissen? Zufrie­den­heit ist höchst subjektiv. Das ist viel­leicht aber nur meine epis­te­mi­sche Ratio­na­lität, denke ich dann. Oder Irra­tio­na­lität?

Vermu­tete Zusam­men­hänge

Ich konnte keine trag­baren Belege für einen Zusam­men­hang zwischen Zufrie­den­heit und Produk­ti­vität finden. Auch nicht zwischen Zufrie­den­heit und wirt­schaft­li­chem Erfolg. Das „neue Narrativ“ aber lautet, dass es diesen Zusam­men­hang gibt, ja sogar zwischen Öko-Inves­t­­ment und Erfolg wird einer gezogen. Man redet Argu­mente herbei, die man hören will. Ich finde, in einem offenen Diskurs hilft das nicht.

Wir müssen erkennen: Die Grenzen sind sehr oft weit und schwammig. Was wir als rational werten ist im Ende irra­tio­naler Zeit­geist. Der ändert sich: An UFOs außer­ir­di­scher Herkunft zu glauben, ist beispiels­weise wissen­schaft­li­cher Konsens geworden.

Leute, die Über­zeu­gungen mit Über­zeugt­heit vertreten, gelten als stark. Aus einer anderen Perspek­tive sind sie wahn­sinnig: eben weil sie keinen Zweifel zulassen, auch ohne Evidenz. Auch Wahn­vor­stel­lungen sind irra­tio­nale Über­zeu­gungen, die ausge­spro­chen kompe­tent begründet werden können.

Wir müssen folg­lich fest­stellen, dass viele so genannte Vorden­ke­rinnen, wenn nicht alle, nah an Über­zeugt­heit, gar nah an Wahn agieren. Ihre Gedan­ken­gänge sind epis­te­misch irra­tional. Es gibt keine Beweise. Ja, der Beweis ist mitunter sogar, dass es keinen Beweis gibt. Epis­te­misch irra­tio­nale Argu­men­ta­tion schert sich nicht um Schlüs­sig­keit.

Der Beweis ist, dass es keinen gibt

Schi­zo­phrenie und Wahn haben mich schon immer faszi­niert. Eben weil ich immer schon vermutet habe, dass Wahn­sinn ein künst­li­ches Konstrukt ist. Gustl Mollath glaubte, dass seine Frau in Schwarz­geld­ge­schäft der Uncredit invol­viert war. Er landete in Gefängnis und Psych­ia­trie — war aber unschuldig.

Heute weiß man: Schi­zo­phrenie ist auf nichts eindeutig zurück­zu­führen, weder auf Umwelt noch Genetik. Menschen, die an Schi­zo­phrenie erkrankt sind, haben oft konsis­tente Über­zeu­gungen. Sie sind also epis­te­misch rational. Falls ihr „A beau­tiful mind“ gesehen habt, wisst ihr, was ich meine. Die Welt IST real, wenn man einen Wahn hat. Und die Grenzen SIND nicht da, wie der Fall Mollath zeigt.

Menschen, die als schi­zo­phren bezeichnet werden, sind von etwas über­zeugt, was den ANDEREN als nicht rational gilt. Der Psych­iater Philipp Sterzer verfolgt in seinem sehr lesens­werten Buch “Die Illu­sion der Vernunft” eine steile These: Es könnte sein, dass es für unsere Vorfahren ein Selek­ti­ons­vor­teil war, verrückt zu sein. Als Scha­mane braucht man irra­tio­nale Über­zeu­gungen – ebenso wie heute als Mana­ge­­ment-Guru. Sterzer argu­men­tiert, dass ansonsten die Schi­zo­phrenie hätte ausge­rottet werden müssen, da sie so häufig sei.

Irra­tio­nale Über­zeu­gungen machen erfolg­reich

Wenn Ratio­na­lität ein Konti­nuum ist, weiß niemand, wo genau der Über­gang in die Irra­tio­na­lität ist. Ist die russi­sche Mafia wirk­lich hinter dem Daten­jour­na­listen her? Ist die Corona-Labor­­these eine Verschwö­rung — oder eben deren Leug­nung? Zahlt agiles Coaching auf Agilität ein? Was nicht wider­legt werden kann, müssen wir im Grenz­be­reich wähnen. Und dieser sollte Raum für offenen Diskurs sein.

Stellen wir uns einen breiten Über­gangs­be­reich vor. Auf der einen Seite sind ratio­nale Über­zeu­gungen, auf der anderen irra­tio­nale. Um gute Entschei­dungen zu treffen müssen wir die Grenze immer wieder neu aushan­deln, auch mit uns selbst.

Denn es liegt eine große Gefahr in der dauer­haft als Ratio­na­lität verklei­deten Irra­tio­na­lität. Wenn Karten­häuser zusam­men­bre­chen, dann hat das nämlich Folgen für viele Menschen.

Psycho­lo­gisch betrachtet, brau­chen Menschen ihre Iden­tität. Sie müssen sich selbst als konsis­tent wahr­nehmen. Deshalb fällt es so unglaub­lich schwer, Über­zeu­gungen aufzu­geben. Es bedeutet, sich und vor allem seiner In-Gruppe einzu­ge­stehen, dass wir uns im Nirwana irra­tio­naler Argu­men­ta­tion verloren haben.

Jede Verän­de­rung tangiert Iden­tität. Gebe ich eine Über­zeu­gung auf, ist das wie mit dem Rauchen aufhören. Ich muss sagen „ich war ein Raucher“. Ich muss aber auch sagen „ich habe geglaubt, dass Hola­kratie eine Lösung ist“ – mit weit­rei­chen­deren Folgen für die Bezie­hungen und sogar ökono­mi­schen Risiken. Vertrau­ens­ver­lust beispiels­weise. Unsere Kultur lässt kaum zu, dass wir offen über Über­zeu­gungen spre­chen, die im Grenz­be­reich die Seiten wech­seln.

Die Psycho­logie hat ein mildes Mittel für Über­zeu­gungs­wechsel parat: Wir können vergessen, an was wir geglaubt haben. Dann ist es nie zu spät, eine glück­liche Kind­heit gehabt zu haben.

Aber es gilt auch: Verschleppte Weichen­stel­lungen aufgrund irra­tio­naler Über­zeu­gungen können drama­ti­sche Auswir­kungen für viele Menschen haben.

Ein paar Fragen zum Abschluss:

  • Mit wie vielen Über­zeu­gungen bist die verbunden, die ein „man muss“ enthalten?
  • Woran erkennst du, was wahr ist?
  • Was würdest du als Gegen­be­weis akzep­tieren?
  • Wie gehst du mit Themen um, für die Wahr­heit nicht gefunden werden kann?
  • Ange­nommen, es gäbe eine Studie, die den abso­luten Unsinn deiner bishe­rigen Über­zeu­gungen belegt, wie sehr wärst du bereit, dich erschüt­tern zu lassen?

Dieser erwei­terte Beitrag erschien zuerst in meinem News­letter Weiter denken und ist auch als Podcast verfügbar. Du kannst ihr hier anhören. Dazu gibt es noch 5 Tipps.

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto: Alex­weiser — Photo­case

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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