Kate­go­rien

Die Käfig­hal­tung von Akade­mi­kern – und wohin uns die Suche nach Frei­land­hal­tung führen kann

Published On: 3. Oktober 2013Cate­go­ries: Karriere, Mensch & Orga­ni­sa­tion

Vor zwei Tagen entdeckte ich via Twitter einen Artikel im The Guar­dian. Dort schrieb die Autorin über die Akade­mi­ker­schwemme in Groß­bri­tan­nien. Die Politik schreie nach Akade­mi­kern und die Wissen­schaft liefere passende Zahlen dazu. Etwa die, dass Akade­miker mehr verdienen als Nicht-Gradu­ierte. Was dabei vergessen würde: Die Zahlen sind aus einer Zeit, als es noch viel weniger Akade­miker gab. Inzwi­schen würden Geis­tes­wis­sen­schaftler kaum mehr verdienen als Unge­lernte. Ich muss an eine junge Akade­mi­kerin denken, der ein großer Konzern 1.800 EUR brutto als Junior-Online-Redak­­teurin geboten hat – im Anschluss an ein weit unter Tarif bezahltes Volon­ta­riat. Der Artikel belegt, dass es kaum Unter­schiede zwischen Deutsch­land und UK gibt. Es muss irgendein noch nicht erforschter BIAS sein, der uns annehmen lässt, dass sich Zahlen von gestern und heute auf morgen über­tragen lassen. Viel­leicht der Yesterday-Bias, der hier der Verfü­g­­bar­keits-Heuristik die Hand gibt. Diese besagt, dass man glaubt, das etwas wahr ist, weil man es ständig hört und liest.

Die verfüg­bare Tatsache:

  • Akade­miker verdienen in Deutsch­land durch­schnitt­lich mehr als Menschen, die eine Ausbil­dung absol­viert haben und erst recht mehr als solche, die unge­lernt sind.

Jetzt leiten alle mögli­chen Leute davon ab: Weil Akade­miker DERZEIT durch­schnitt­lich mehr verdienen, werden sie es auch in Zukunft tun. Aber: Es gibt immer mehr Akade­miker, 40% ist das Ziel. Knapp die Hälfte eines Jahr­gangs macht derzeit Abitur. Und: DURCHSCHNITT heißt bei so einer großen Gruppe nichts mehr. Was ist der Durch­schnitt der Hälfte der Bevöl­ke­rung? Das Gefälle ist riesig, allein schon in den Natur­wis­sen­schaften. Da steht das Durch­schnitts­ge­halt in Biologie und Psycho­logie nicht besser da als das in „guten“ Hand­werks­be­rufen. Es wird immer mehr Akade­miker geben. Kann es dann sein, dass der oben zitierte Satz noch gilt? In meiner Gene­ra­tion X machten unter 20% Abitur, etwa 15% studierten: Wir waren präde­sti­niert für Jobs abseits der Auto­ma­ti­sie­rung, für Kopf­ar­beit. Haben wir deshalb Jobs jenseits der Auto­ma­ti­sie­rung in Frei­land­hal­tung? Oft nicht.

Mit dem höchsten Bildungs­ab­schluss verän­dert sich noch mehr:

  1. Die Intel­li­genz der Menschen unserer west­li­chen Gesell­schaften nimmt zu. Wir können immer abstrakter denken und werden schneller. Das nennt man den Flynn-Effekt. Durch­schnitt­lich beträgt der Intel­li­genz­zu­wachs bei Ameri­ka­nern 0,3 Punkte pro Jahr. Das führt dazu, dass die nächste Gene­ra­tion rund 10 IQ-Punkte mehr hat als die vorhe­rige. Dabei ist es vor allem das Abstrak­ti­ons­ver­mögen, das steigt, in diesem Artikel von Spek­trum der Wissen­schaft verständ­lich erklärt. Wir werden auch schneller. Dieser Effekt zieht sich quer durch alle Bildungs­schichten: Die Schlauen werden schlauer, aber auch die Dummen. Das heißt auch, Bezugs­gruppen verän­dern sich letzt­end­lich nicht, die Unter­schiede bleiben bestehen. Der Persön­lich­keits­psy­cho­loge Jens Asen­dorpf defi­niert Intel­li­genz nicht wie viele andere als „das, was der Intel­li­genz­test misst“, sondern als Bildungs­fä­hig­keit. Wenn Intel­li­genz die Bildungs­fä­hig­keit misst, so macht sie gerade Sprünge – aller­dings eben nicht gleich verteilt, sondern schich­ten­spe­zi­fisch. Es gibt immer mehr Menschen, die perma­nent lernen und einen Abschluss an den anderen reihen. Es ist nicht nur die Bildungs­fä­hig­keit, auch der Bildungs­wille. Umwelt und Anlage sind nicht zu trennen.
  2. Unsere Werte verän­dern sich. Arbeit basierte seit der indus­tri­ellen Revo­lu­tion auf Anpas­sung des Arbeit­neh­mers an den Arbeit­geber. Der Arbeit­geber bietet einen Job, der Arbeit­nehmer nimmt ihn an, wenn es ihm gefällt. Er muss es nicht. Es gibt Alter­na­tiven. Der Arbeit­geber kann auch nichts mehr verspre­chen, Sicher­heit ist seit mehr als einem Jahr­zehnt eine Hülse ohne Frucht. Hier kommt 1. ins Spiel: Je besser die Bildung, desto eher durch­schaut man diese Dinge. Menschen defi­nieren Sicher­heit neu und suchen Alter­na­tiven. Ich erlebe oft Menschen, die in ihrer Werte­ent­wick­lung im Gelben oder Türkisen ange­kommen sind, so dass es schwerer ist, für sie ange­stellte Jobs zu finden. Sie sind hoch­qua­li­fi­ziert, aber finden nur Tätig­keiten, in denen sie nicht leisten dürfen, was sie könnten. Sechs­stel­lige Jahres­ge­hälter für die Arbeit in einer prozess­op­ti­mierten Lege­bat­terie sind keine Selten­heit. Lege­bat­te­rien bestehen nämlich längst nicht mehr nur in der Produk­tion, sondern auch in Vertrieb, Finance, Personal. In uns allen sind gesell­schaft­liche, kultu­relle und fami­liäre Struk­turen früherer Gene­ra­tionen wirksam, ein Band, das uns mit früheren Gene­ra­tionen verbindet und Werte weiter­leben lässt. Dieses Band lässt sich nicht so einfach durch­schneiden. Nur so lässt sich erklären, dass viele Menschen in „Lege­bat­te­rien“ nicht den Absprung wagen und weiter­ma­chen. Aber dieses Band wird schwä­cher. Manche gehen zu einer System­auf­stel­lung, um es loszu­werden. Andere lösen sich, indem sie sich mehr mit Alter­na­tiven in Frei­land­hal­tung beschäf­tigen. Die Käfig­hal­tung wird deut­li­cher in NICHT geistes- oder sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Berufs­fel­dern sichtbar. Während ein Markt­for­scher, der Mitar­beiter eines Think Tanks oder ein Wissen­schaftler und Jour­na­list durchaus viel­fach zwar schlecht bezahlte, dafür aber span­nende Arbeits­felder findet, sind dieje­nigen, die auf Inge­nieur­wis­sen­schaften, IT und BWL gesetzt haben, oft viel unmit­tel­barer den Folgen der Arbeits­tei­lung und Prozess­op­ti­mie­rung und abtei­lungs­über­grei­fenden Lege­bat­te­rien ausge­setzt. Und wenn nicht damit, mit dem Manage­ment der Folgen dieser Prozess­op­ti­mie­rung.

Die Folgen sind:

  • Die Arbeits­tei­lung über die gesamte Welt oder verschie­dene Abtei­lungen verstellt den Blick aufs Produkt. Man sieht nicht mehr, was man geschaffen hat. Selbst der Archi­tekt, der früher das Richt­fest feiern konnte, kann in einer größeren Firma nur noch seinen Projekt­ab­schnitt sehen.
  • Die Prozess­op­ti­mie­rung mit immer klareren und detail­lier­teren Vorschriften nimmt uns die Frei­heit, selbst zu entscheiden. Gestal­tungs­frei­raum ist aber die Voraus­set­zung für Moti­va­tion bei der Arbeit. Fehlt dem Mensch die Frei­heit zu entscheiden, welchen Knopf er drücken und wie lange er mit jemandem redet, wird er demo­ti­viert und krank. Dies bestä­tigt der Trainer und Berater Enrico Brie­gert, der mit seinem Kollegen Thomas Hoch­ge­schurtz, Führungs­kräften beibringt, wie sie ihren Mita­bei­tern Frei­räume geben und damit Fehl­zeiten redu­zieren. Fehl­zeiten steigen nämlich parallel zur „Frei­heits­be­rau­bung“. Dieser Punkt ist seit den 1920er Jahren bekannt: Indus­tri­elle Käfig­hal­tung ohne Bewe­­gungs- und Entschei­dungs­frei­heit und Iden­ti­fi­ka­tion mit der Arbeit wider­spre­chen sich. Der Mensch braucht Gestal­tungs­frei­raum. Wenn er nur noch Hebel zieht und Knöpfe drückt, wird er unzu­frieden, demo­ti­viert und krank.

Verbinden wir die Fäden dieser Gedanken: Es gibt auf der einen Seite immer gebil­de­tere oder/und intel­li­gen­tere Menschen, die zudem andere Werte als ihre Eltern haben (wobei die Werte der Eltern trans­for­miert werden, also verän­dert, so aber weiter aktiv bleiben). Auf der anderen Seite nimmt die Arbeits­tei­lung und die Prozess­op­ti­mie­rung teils skur­rile Züge an. Ich sprach mit einer Perso­nal­re­fe­rentin, die der Beant­wor­tung von Fragen der Beleg­schaft maximal drei Minuten widmen durfte. Und alles doku­men­tieren musste. Wohin führt das? Viele Menschen finden trotz hohem IQ und großem Wissen keinen Platz mehr in der Arbeits­welt. Der Zwang der Unter­nehmen zu handeln, ist nicht groß genug. Es steht in keiner Ziel­ver­ein­ba­rung „schaffe Sinn“. CEOs haben andere Prio­ri­täten. „Sinn“ – wie unkon­kret das ist! Man impor­tiert lieber spani­sche Fach­kräfte, die den exis­ten­zi­ellen Zwang stärker spüren und sich deshalb eher den Gege­ben­heiten anpassen, vorüber­ge­hend. Eine Lösung ist nach wie vor die Selbst­stän­dig­keit, die aller­dings, soll sie erfolg­reich sein, einige Jahre in erwei­terter Käfig­hal­tung voraus­setzt. Alter­nativ schauen Sie sich um nach Jobs, die nicht so gut bezahlt sind. Warum lassen wir uns einreden, dass wir das Gehalt immer weiter stei­gern müssen? Man landet, sucht man nach Frei­land­hal­tung, schnell in klei­neren Insti­tuten und Firmen, in denen Arbeits­tei­lung und Prozess­op­ti­mie­rung kaum eine Rolle spielen. Da profi­tieren Sie dann viel­leicht von Wissen aus sozial- und geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Studi­en­gängen oder „Hunger­­leider-Fächern“ wie Psycho­logie oder Pädagogik (heute Bildungs­wis­sen­schaften). Und manchmal findet man sogar echtes Bio.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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4 Kommen­tare

  1. Thomas Hoch­ge­schurtz 3. Oktober 2013 at 21:05 — Reply

    Wer seine Mitar­beiter wie Hennen in Lege­bat­te­rien hält, wird irgend­wann gackernde Hennen haben. Ob damit im inter­na­tio­nalen Wett­be­werb bestanden werden kann, darf bezwei­felt werden.
    Liebe Frau Hofert, Sie bringen es klar auf den Tisch: “Gestal­tungs­frei­raum ist die Voraus­set­zung für Moti­va­tion bei der Arbeit.”
    Dabei gibt es einfache Werk­zeuge, die Mitar­beiter fair zu behan­deln und konse­quent zu betei­ligen. Selbst schuld, wer sich vom Lean-Mana­ge­­ment-Main­stream auf die falsche Fährte führen lässt.

  2. […] startet Svenja Hofert ihren Blog­ein­trag vom 3.10.2013 und berichtet von Akade­mi­kern, die trotz gutem Bildungs­ab­schluss im goldenen Käfig (siehe UH11-Wo […]

  3. Tilo Matthias 6. Oktober 2013 at 9:47 — Reply

    Wissen Sie woran ich bei diesem sehr guten Artikel sofort denken musste? – “Wer Zäune baut, bekommt Schafe” Kennen Sie oder?
    http://bit.ly/1aYtfri

    Vielen Dank.

  4. […] Und davor sind auch Akade­miker nicht gefeit. Svenja Hofert sprach vor einiger Zeit von “Käfig­hal­tung bei Akade­mi­kern“. Opti­mierte Prozesse, Vorlagen für alle auftre­tenden Even­tua­li­täten, Taylo­ri­sie­rung von […]

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