Kate­go­rien

Die Marke Ich im Internet: Wie bin ich privat und trotzdem profes­sio­nell?

Published On: 15. Februar 2012Cate­go­ries: Führung

„Wie gehen Sie als Marken­bot­schafter eigent­lich mit ihren privaten Infor­ma­tionen in sozialen Netz­werken um?“ Am Freitag stellte Stefanie Söhn­chen von Eck Kommu­ni­ka­tion mir und einigen weiteren Social-Media-Akti­­visten diese Frage.  Gele­gen­heit, dieses Thema einmal ausführ­li­cher zu betrachten, denn schließ­lich ist längst jeder Netz­ak­tive Marken­bot­schafter in eigener Sache, auch mancher Ange­stellte – und ganz sicher jeder der neuen Selbst­stän­digen, die mit Kopf-Diens­t­­leis­­tungen ihr Geld verdient. Zur Zeit findet außerdem die Social Media Week in Hamburg statt. Ein weiterer Grund, dies Thema JETZT aufzu­greifen war für mich dies: Kürz­lich machte eine Forsa-Umfrage die Runde, wonach sich die meisten Deut­schen nicht mit dem Chef verlinken würden. Deut­li­ches Zeichen von allge­meiner Verun­si­che­rung! Und Signal, dass der Gedanke „jeder ist eine Marke“ noch nicht wirk­lich bei jedem ange­kommen ist. Erst recht nicht, was das bedeutet.

Welche privaten Infos darf ich preis­geben?

So mache ich es: Wie für die PR-Profis Klaus Eck  und Kerstin Hoff­mann  ist meine Familie im Internet tabu. Manche einer weiß viel­leicht aus Blog­ar­ti­keln, dass es einen Sohn gibt, aber der ist nicht genau zu verorten. Auch mein Wohnort ist absicht­lich ein biss­chen diffus gehalten. Bei Urlauben und anderen Abwe­sen­heiten bin ich vorsichtig. Meist melde ich mich so, dass man weder erkennen kann, wann genau ich weg bin noch wo ich bin. Unter Umständen melde ich mich bei Face­book kurz ab oder zurück, aber nicht verläss­lich und bewusst nie ganz eindeutig. Mein Ipad und mein Iphone dürfen auch nur spora­disch meinen Aufent­haltsort nutzen (gerade unter­wegs nicht), bei Fours­quare habe ich ein Profil, aber außer zum Spaß würde ich es nie nutzen. Die öffent­liche Tele­fon­nummer ist eine zentrale Nummer meines Büros, an die nur meine Mitar­beiter gehen oder ein externes Büro, wenn keiner da ist. Ich selbst nie. Die Handy­nummer ist kürz­lich bei Xing verschwunden, nachdem die Grenz­über­schrei­tungen (Aben­d­an­rufe, Ange­bote von Tausch­ge­schäften und dubiosen Koope­ra­tionen) leicht zunahmen — im Moment hat die Nummer, glaub ich, nur noch dpa 😉 Ach ja: Tele­fon­buch­ein­träge — gibt´s auch nicht.

Darauf sollten alle achten: Abwe­sen­heits­mel­dungen sind Will­kom­mens­nach­richten für Einbre­cher. Je höher Ihr berufs­be­dingter Öffent­lich­keits­grad, desto mehr gesellen sich weitere Risiken dazu, etwa Stal­king. Das kennen nicht nur Frauen wie Madonna, sondern auch semi­pro­mi­nente Musiker, Laien­dar­steller und Vorstände von Dax-Unter­­nehmen. Selbst ein harm­loser Coach wie ich wurde schon „über­fallen“ von Leuten, die behaup­teten mich zu kennen, um auf dem Weg zu mir  — „nur EINE Frage, wir kennen uns“ — meine stets freund­liche Mitar­bei­terin an die Wand zu drücken oder, noch schlimmer, fröh­lich an mein Fenster zu klopfen während ich in Bera­tung bin. Eine öffent­lich zugäng­liche Privat­adresse geht deshalb gar nicht. Ich empfehle selbst­stän­digen Ich-Marken, sich eine Zweit­adresse im Büro­center zu mieten, da Sie ja auch bei Face­book Impres­sums­pflichten bedienen müssen, sofern Sie eine Fanpage besitzen. Und wenn Sie kein Büro haben, steht dann da zwangs­läufig Ihr Home, Sweet Home.… besser nicht.

Soll ich meinen Chef frei­schalten?

So mache ich es:  Ich wäre irri­tiert, wenn meine Mitar­beiter eine Freund­schafts­an­frage igno­rieren oder ablehnen würden. Ich verstehe auch nicht, was Leute gegen ihre Chefs haben. Wer von uns bitte hat noch ein astreines Privat­leben? Was soll der Dünkel? Ihr wollt Arbeit 3.0, aber behan­delt den Chef 1.0‑ig. Muss jeder für sich entscheiden, aber ein vernünf­tiger Grund fällt mir nicht ein, außer der Chef ist pein­lich oder doof. Aber dann kann man ihn ja immer noch auf eine sepa­rate Liste setzen, über die er keine Infos kriegt. Oder mal darüber nach­denken, den Job zu wech­seln.

Wer etwas aktiver ist im Internet und im Job, kann privat und Beruf doch eh gar nicht mehr trennen. Lehrer werden von ihren Schü­lern konnektet, Musiker von ihren Fans. Komi­scher­weise mögen Lehrer das konnekten weniger als die Musiker… Hier kann ich übri­gens durchaus verstehen, wenn man grund­sätz­lich als Lehrer keine Schüler frei­schaltet. Das ist dann eine (hoffent­lich) durch­sich­tige Entschei­dung: klar, konse­quent, fair. Nebenbei gesagt würde den meisten Schüler ein Social-Media-Führer­­schein recht guttun, was auch die prophy­lak­ti­sche Wirkung haben könnte, dass man das als Schüler gar nicht erst macht.

Ich selbst versuche keine Nackt­mo­dells, Adres­sen­schnorrer, Multi­level Network Marketer und Gold­ver­käufer auf mein Profil zu lassen. Aber ich wäre ja schön blöd, wenn ich die Anfrage eines entfernt bekannten „Influen­cers“, den ich aus dem Jobleben kenne, ablehne. Es gilt (leider): Posi­tives Abfärben von Image ist erlaubt, Nega­tives nur mit gutem Grund (z.B. weil ich von Jemand/etwas über­zeugt bin).

Darauf sollten alle achten: Komi­sche Typen machen auch Sie ein biss­chen komisch. Was hat die denn mit dem…? Der gute Herr Zorem, nun aus dem Verkehr gezogen, ist ein Beispiel für uner­wünschtes Abfärben (Insider wissen, wen ich meine, alle anderen lesen hier mal drüber). Mich inter­es­siert die Meinung von anderen über andere nicht wirk­lich, wenn ich eine gefes­tigte eigene habe (als T‑Typ entsteht die bei mir durch Info­samm­lung, Abwägen und dann Entscheiden). Das Problem ist, wenn ich (noch) keine habe. Ergo scheint mir eine gute Regel: Schalte frei, wenn du dir eine Meinung über jemand bilden kannst – z.B. auch aufgrund seiner Inter­net­ak­ti­vi­täten. F‑Typen, also jene, die eher aus dem Gefühl heraus etwas machen, schadet es nicht, finde ich, hier eine gewisse Syste­matik entgegen ihres natür­li­chen Handelns einzu­bauen.

Was darf ich denn öffent­lich sagen?

So mache ich es: Das ganze Internet ist der Kölner Domplatz mit Verstärker in die Welt. Ich mache auch in meinem Privat­profil nichts, was ich auch jedem auf dem Kölner Domplatz erzählen würde – und wenn doch, dann nur so, dass es die meisten nicht mitkriegen.

Darauf sollten alle achten: Stellen Sie sich einen Trupp von 200 Leuten vor, die Sie auf dem Domplatz umkreisen. Alles, was Sie denen erzählen würden, kann auch Online gehen. Sehen Sie? Sind nur ein drei bis fünf Infos, die Sie bei dem Gedanken daran raus­lassen (so gut wie immer: Hobbies, Sport- und Musik­prä­fe­renzen sowie den Fami­li­en­stand und als letztes viel­leicht Mitglied­schaften). Und jetzt stellen sich mal die unter­neh­me­ri­schen und selbst­stän­digen Inter­net­ak­tiven mal ibn Gedanken dahin: Denken Sie dran, Sie wollen das Publikum gewinnen! Ergo muss es ein wenig priva­teln und menscheln. Irgendwas “Anfass­bares” liebt das Volk auf der Domplatte und Online. Aber es muss einen gewissen Reiz haben und Merk­fä­hig­keit erzeugen. Ergo ist Flie­gen­fi­schen im Zweifel besser als Fitness­trai­ning. Aber über­legen Sie sich gut, ob Sie bekennen, St. Pauli-Fan zu sein. Auch Hansi Hinter­seer bildet eine defi­nitiv andere Commu­nity als Kate Bush. Klar, oder?

Wie viel, was und wen darf ich liken?

So mache ich es: Ich sehe Kunden, die para­ly­siert auf das Like starren. Es kommt für sie gar nicht in Frage, darauf zu klicken. „Ich like nie“, sagen sie, verängs­tigt ODER selbst­über­zeugt. Letz­teres: Okay, konse­quent ist konse­quent. Aber wenn man einmal ange­fangen hat, ist auch egal. Unsere Daten sind sowieso überall, und die wirk­samste Kontrolle ist die eigene und die der Internet-Commu­­nity. Face­book wird unsere Daten weiter ausbeuten wollen, vor allem wenn es erst mal an der Börse ist. Aber so groß lassen wir die Abhän­gig­keit dann einfach gar nicht werden. Ich habe nach anfäng­li­chem Wider­willen mit dem Liken ange­fangen – und freue mich zu sehen, wie sich die klick­stream­ge­ne­rierte Werbung oft genug heftig irrt, wenn sie mir voll­kommen unin­ter­es­sante Werbung anbietet. Denn meine Likes sind stra­te­gi­sche Likes, nicht mehr, nicht weniger. Reicht nicht für effek­tive Werbung. Ich meide Likes bei Dingen, die Präfe­renzen erkennen lassen, die nicht IRGENDWIE beruf­lich rele­vant sind. So verrate ich Ihnen jetzt einmalig, dass ich bisweilen bei Stre­nesse kaufe – aber liken würde ich Mode­marken, Wasch­mittel etc. nie. Klit­ze­kleine Ausnahme: Hinter den Accounts verbergen sich  Bekannte oder Kunden und die möchten mein Like.

Frei­mütig like ich dagegen Verlags­marken, die aus meiner Sicht zu mir passen – das sind neben den Verlagen, in denen ich publi­ziere, auch Verlage, mit denen ich mich iden­ti­fi­zieren kann. Das gleiche gilt für Zeit­schriften: Ergo like ich Brand eins, aber nicht Bild der Frau (sorry). Eine Ausnahme macht  Sport und Musik. Michy Reincke würde ich inzwi­schen auch wieder aufgrund seiner Musik; doch die Freund­schafts­ver­ban­de­lung via Face­book ist schlicht deshalb zustande gekommen, weil ich mit ihm ein Inter­view für mein Slow-Grow-Prinzip gemacht habe.

Darauf sollten alle achten: Ihre Likes schaffen ein Bild von Ihnen. Wenn Sie die Marke „Dove“ liken und nicht gerade Social Media Berater sind, die alles liken, was halb­wegs gutes Marke­ting macht, sagt das etwas über Sie aus. Über­legen Sie sich vorher, ob Sie das wollen – letzt­end­lich also auch eine Marken­bot­schaft unter­strei­chen mögen oder lieber nicht.

Wie viele Infos soll ich preis­geben?

So mache ich es: Ich nutze meine Erfah­rungen, um bei Face­book und im Blog Beispiele zu geben, Gedanken anzu­regen oder auf Dinge hinzu­weisen, die woan­ders entweder anders oder gar nicht stehen. Da ich keinen jour­na­lis­ti­schen Anspruch haben muss, kann ich Namen verän­dern, Unter­nehmen unkennt­lich machen und trotzdem einen wahren Kern erhalten, der für andere eine Botschaft enthält, die sie viel­leicht weiter­bringt.

Darauf sollten alle achten: Man sollte sich immer auch fragen, welche Infor­ma­tionen man gibt und was davon andere tangieren könnte oder sogar schaden. Wer selbst schreibt, ob im Blog, bei Face­book oder sonstwo, sollte sich der Verant­wor­tung für die Meinungs­bil­dung bewusst sein – und Infos entspre­chend seiner Profes­sion und Posi­tion aufbe­reiten.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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7 Kommen­tare

  1. Der Welt­mann 15. Februar 2012 at 13:21 — Reply

    Inter­es­santer Beitrag. Ich trenne privat und geschäft­lich auch strikt. Als frei­be­ruf­li­cher Jour­na­list und Social Media Manager habe ich versucht, mich selbst als Marke zu defi­nieren. Marken­zei­chen ist mein Gesicht, der Name ist Der Welt­mann. Mehr auf http://www.weltmann.net. Viele Grüße Chris­toph Welt­mann

  2. Lars Hahn 15. Februar 2012 at 22:20 — Reply

    Also um das klar­zu­stellen: Ich trenne nicht zwischen privat und beruf­lich im Web.

    Es gibt viele persön­liche Noten von mir, beson­ders auf Face­book. Man darf schon erkennen, was ich für ein Mensch bin.

    Nur Familie und wirlich Privates bleibt draußen! Denn: Privat ist offline. 😉

  3. […] Svenja Hofert: Die Marke Ich im Internet: Wie bin ich privat und trotzdem profes­sio­nell? […]

  4. […] zusammen geklickte. Das ist für alle wchtig, aber ganz beson­ders die, die im Internet eine Marke bilden möchten. Und muss das heute nicht […]

  5. […] letzte Mal schrieb ich im Februar über die Marke Ich im Internet.Der Beitrag hatte 45 Tweets – abso­lute. Spitze. Heute nehme ich Sie wieder mal mit auf eine […]

  6. […] gnadenlos syste­ma­tisch nur Dinge von Leuten, die aus ihrer Sicht wichtig sind. Sie wissen, dass man die Influencer ausfindig machen muss, und diese gezielt anspre­chen sollte, um den eigenen Accout und Social Graph […]

  7. Maren West­phal 20. März 2013 at 16:27 — Reply

    Heut­zu­tage muss man sich nicht nur als Unter­neh­merin, sondern auch als Ange­stellte einen Namen als Expertin machen. Networ­king und Bekannt­heits­grad sind für den beruf­li­chen Erfolg essen­tiell geworden und hier insbe­son­dere Social Media. Ich habe die Erfah­rung gemacht, dass meine Kundinnen und poten­ti­ellen Kundinnen auch etwas über mich persön­lich erfahren möchten. Man kann durchaus etwas über sich erzählen, ohne dass man sich “nackt” bzw. “gläsern” machen muss. Deshalb finde ich das Beispiel mit dem Kölner Dom sehr gelungen.

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