Kate­go­rien

Das Gesetz der heißen Herd­platte: Warum wir in Zukunft anders lernen müssen

Published On: 27. Mai 2017Cate­go­ries: Karriere

Trauen Sie sich in unbe­kannte Gebiete? Sind Sie bereit, sich auch schon mal die Finger zu verbrennen? Würden Sie also morgen eine Vorle­sung in Statistik besu­chen, auch wenn Sie  bisher über­haupt keinen Bezug dazu hatten? Wenn Sie sich viel­leicht sogar als “Mathe­looser” begreifen (oder dass auf Ihren nied­rigen Testes­to­ron­spiegel schieben ;-))? Wahr­schein­lich nicht, und das ist ein Problem, wenn Sie in der Arbeits­welt der Zukunft bestehen wollen. Wenn Sie Kinder haben, sollten Sie Ihnen das mit der Herd­platte anders weiter­geben als bisher. Nicht “Finger weg”, sondern ran an den Speck. Es gehen ja schließ­lich auch Leute über heiße Kohlen. Die haben Wege gefunden, sich nicht zu verbrennen. Genau darum geht es. Wichtig ist es, das Augen­merk weniger auf die Ausbil­dung als viel­mehr auf das Lernen lenken. Wir müssen lernen zu lernen. Und dabei nicht einfach neue Inhalte “down­loaden”, sondern unsere Gehirn so entwi­ckeln, das wir vernetzt denken können. Und kreativ, Stich­wort heiße Kohlen.

Das Gesetz der heißen Herd­platte stammt von James Gardner March, einem eremi­tierten Stan­ford­pro­fessor und Orga­ni­sa­ti­ons­ent­wickler. Es besagt, dass Menschen sich lieber da verstärken, wo sie ohnehin schon Kompe­tenzen haben. Sie fassen Unbe­kanntes und Neues nicht an. Nach einer kleinen nega­tiven Erfah­rung (“hat nicht geklappt”) wenden sie sich von einem Thema ab. Es ist ihnen einfach „zu heiß“. So lernen die meisten Menschen auch nicht frei­willig Neues. Und schon gar nicht etwas, bei dem sie sich „verbrennen“ könnten. In Zukunft wird das nicht mehr gehen. Wir werden uns öfter “verbrennen” müssen. Wissen verfällt zu schnell. Wir können es nicht mehr fest­halten. Kommt die Künst­liche Intel­li­genz noch mehr bei uns an, so wird sich das Tempo weiter verstärken. Die notwen­dige Spezia­li­sie­rung, um Jobs auszu­üben, kommt dann nicht mehr aus einem Studium oder einer Ausbil­dung, sondern aus dem Internet und der eigenen Selbst­lern­praxis.

Dabei sollten wir mehr über das Lernen erfahren. Lernen zu lernen. Vielen ist nicht klar, wie Menschen lernen. Auch jene, die täglich mit Lernen zu tun haben: Lehrer, Coachs, agile Coachs, Personal- und Team­ent­wickler und Führungs­kräfte. Ja, letz­tere auch! Warum deren Aufgaben immer vom Lernen frei­ge­spro­chen werden, ist mir ein Rätsel. Ein Leader ist auch ein Lehrer, in meinem Sinne, nicht im schu­li­schen.

Neuer­dings spre­chen wir gern von Stär­ken­ori­en­tie­rung und ziehen dabei erschre­ckend stati­sche Bilder vom Menschen auf. Tests verstärken das noch weiter. “Du bist wie du bist, ein Roter eben!” Bewahre! Lassen Sie sich diese Bären nicht aufbinden! Das in Unter­nehmen verbrei­tete Denken in mess­baren Zielen ist auch nicht gerade lern­för­der­lich, der Versuch der Ergeb­nis­be­wer­tung meiner Meinung nach sogar schäd­lich.

Lernen braucht drei Voraus­set­zungen:

  1. Innere Haltung: Der Lernende muss daran glauben, etwas Neues lernen zu können.
  2. Moti­va­tion: Der Lernende muss sich für etwas so inter­es­sieren, dass er auch Schwie­rig­keiten (“heiße Herd­platten”) in Kauf nimmt.
  3. Konzen­tra­tion: Der Lernende muss sich entscheiden, seine Aufmerk­sam­keit länger auf etwas zu lenken und zu üben.

Diese Woche war ich mit einer meiner engsten Mitar­bei­te­rinnen, Maja Skubella, bei Linkedin in Graz.

Im Author´s Room bei LinkedIn Graz

Dort haben wir auch etwas über das LERNEN gelernt. Linkedin beschäf­tigt sich in Graz mit Lernen, es hat kürz­lich „Lynda.com“ gekauft, und Lynda das deut­sche Portal Video2brain. Die Stra­tegie, auf das Lernen zu setzen, ist weit­sichtig. Wir wurden von zwei sehr netten Produ­cern betreut, eine Schmal­spur­be­set­zung, wenn ich an die Fern­seh­teams meiner Vergan­gen­heit denke. Jeder der beiden muss viel können und wissen und sich ständig updaten. „Natür­lich brauchst du irgend­eine Form von Ausbil­dung. Aber das reicht nicht. Du musst immer lernen“, sagte einer. Das ist es, was ich meine.

Wenn Roboter arbeiten müssen wir etwas anderes tun

Ich erin­nere mich an die Wette mit meinem Sohn. Ich hatte ihm, nach­zu­lesen hier, im Jahr 2012 Koch­ro­boter in jedem Haus­halt schon für 2015 prophe­zeit. Da lag ich daneben. Statt­dessen hat sich der Putz­ro­boter sehr verbreitet. Andere Roboter werden kommen und uns viel Arbeit abnehmen. Das wiederum wird dazu führen, dass unsere Tätig­keiten anspruchs­voller, spezi­eller und inter­dis­zi­pli­närer werden. Die Fähig­keit zur Koope­ra­tion wird das Züng­lein an der Waage sein. Über das Ende der Ego-Kultur und Koope­ra­tion habe ich vor einer Woche hier geschrieben.  Es bleiben also zwei große Themen­felder: Koope­ra­tion und Lernen.

Das Lernen haben wir leider verlernt, viele down­loaden Inhalte in ihren Kopf, wo sie bis zur nächsten Prüfung bleiben. Sie lernen nicht aus Freude und Inter­esse. Freude und Inter­esse sind posi­tive Grund­emo­tionen, die alle kleinen Kinder fühlen können. Dann kommt die ganze Schicht der Erzie­hung, verdrängt und über­la­gert die Freude. Viele von uns sind ein Leben lang bemüht, sozial antrai­nierte Persön­lich­keits­masken wieder loszu­werden. Die Fragen “wer bin ich wirk­lich?” und “was bin ich wirk­lich?” sind die im Coaching wohl am meisten gestellten.

Ein Groß­teil meines Coachings hat deshalb damit zu tun: Ich baue zusammen mit Coachees Schichten ab, die elter­liche und schu­li­sche Erzie­hung sowie das soziale Umfeld über uns gestülpt haben. Darunter liegt ein Kern — das, was unsere Persön­lich­keit und unser Wesen eigent­lich ausmacht, selbst wenn wir unser „self as a process“ sehen müssen, wie Jane Loevinger formu­lierte. Darunter liegt etwas, das Lernen als etwas Natür­li­ches sieht, als Spiel, Entde­ckungs­reise — ohne direktes Ziel, im Flow. Dahin müssen wir erst mal hinkommen, und dafür müssen diese verdammten Schichten weg. Das, was das soziale Umfeld uns aufge­bürdet hat. Das geht über unsere Entwick­lung. Die Ich-Entwick­­lung ist auch der Schlüssel zu einem Lernen, das mehr ist als Down­loaden. Fehlende Entwick­lung lässt uns konven­tio­nell denken. Es bremst. Es macht unkreativ. Ange­passt. Unfrei. Wenn wir nicht wollen, dass irgend­wann die Roboter uns beherr­schen, wie im Film die “Matrix” sollten wir uns entwi­ckeln.

Menschen können andere Menschen nicht benoten und bewerten

Dafür muss man auch pädago­gisch umdenken. Fast jeder von uns lernt, keine heißen Herd­platten anzu­fassen. Ich bin wie viele Mädchen mit dem Stempel der Mathe­loo­serin versehen worden. Das hat mich von einigen Herd­platten abge­halten. Wenn ich sehe, mit welchem Kalkül heute gelernt wird, liegt der Fokus auf ganz falschen Aspekten. Es geht um Noten. Mein Sohn passt sich an und schraubt sich herunter, um sich an den Blassen der Lehrer auszu­richten. Ich habe mal selbst­kri­ti­sche Lehrer gefragt. Sie glauben, trotz aller Check­listen, dass mindes­tens zwei Noten oder sechs Noten­punkte Spiel­raum sind. Das ist nicht anders als früher, auch wenn Lehrer heute Formu­lare ausfüllen müssen und alles seine Pseudo-Ordnung hat. Bewer­tung spie­gelt Konven­tion, und zwar nicht nur die Konven­tion des Bildungs­sys­tems, sondern auch die des Lehrers. So sorgt man für Anpas­sung, nicht für Frei­denken. Es ist ohnehin völliger Unsinn zu glauben, Menschen wären in der Lage, andere Menschen zu bewerten. Bewerten — im Sinne eines Vergleichs mit anderen — können Roboter sicher jetzt schon besser. Was sie nicht können ist Feed­back­geben. Das ist eine mensch­liche Domäne. Statt Bewerten müsste Feed­back­geben geschult werden.

Unterschied Lernen und EntwicklungLernen braucht Entwick­lung

Um Lernen zu können, ist also Entwick­lung nötig. Ein Mensch muss (wieder) bei sich selbst ange­kommen sein, um sich auch mit neuen und anderen Dingen zu beschäf­tigen. Er muss die Fähig­keit des Kindes, die Dinge spie­le­risch zu erkunden, zurück­ge­wonnen haben. Viele Lern­be­gleiter — Coachs, Führungs­kräfte, Lehrer — fördern keine Entwick­lung, sie fördern Stehen­bleiben. Entwick­lung ist aber die Voraus­set­zung von Lernen! Lernen und Entwick­lung als zwei verschie­dene Stränge zu verstehen, die sich gegen­seitig bedingen – das wäre eine gute Basis. In unseren Ausbil­dungen nutze ich als Symbol für das Lernen das Quadrat, das ich dem Tesserakt (einer viel­schich­tigen Form) gegen­über­stelle. Das Quadrat ist Teil des Tesser­akts! Ein erster Schritt kann die Entwick­lung eines growth mind­sets sein (hier Video über ihr Modell).

Wenn Sie das Thema als Coach inter­es­siert, empfehle ich meine Weiter­bil­dungen. Nächster Termin 29.6.–1.7.2017 „Karrie­re­ex­perte Profes­sional“.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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One Comment

  1. Ramon S 28. Mai 2017 at 10:55 — Reply

    Nur zwei kleine Makel: der “Mathe­looser” hat auch im Englisch­un­ter­richt “verlooren” und der Professor James Gardner March ging eher als Emeritus von der Uni als zur Einsam­keit entschlossen in die Berge.

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