Kate­go­rien

Die neue Lust zu Schenken – und: Wo sind die Grenzen des Prin­zips Kostenlos?

Published On: 26. Mai 2012Cate­go­ries: Führung

Es muss 2006 gewesen sein. Ich kam erst­mals auf die Idee, Dinge im Internet zu verschenken. Zum Beispiel den Karrie­re­anker zur Berufs­ori­en­tie­rung, den ich mir selbst aus Büchern des gran­diosen Ed Schein zusam­men­ge­bas­telt hatte.

„Das kannst du nicht tun“, sagte ein status­be­wusster und im Marke­ting erfah­rener Psycho­­the­rapie-Kollege. „Das ist doch dein Herr­schafts­wissen.“ Ich empfand das nicht so. Ich will gar kein Herr­schafts­wissen. Es hat mich über­rascht als die Teil­neh­merin eines Semi­nars zu mir sagte, sie habe selten jemand erlebt, der so bereit­willig und offen andere an seinen Erfah­rungen teil­haben lässt.

Herr­schafts­wissen? Es ist richtig, dass ich viele Jahre Erfah­rung in der Anwen­dung solcher und anderer Tools habe. Aber dass es diese gibt, kann jeder heraus­finden, der sich Bücher kauft und der im Internet surfen kann. Auf Wiki­pedia lässt sich alles nach­lesen. Und dann gibt es noch zahl­reiche andere Stellen im Netz. Man weiß zwar nicht immer, was und wer dahinter steckt und wie seriös die Sachen sind…. Aber verfügbar ist alles. Zu jeder These gibt es eine Studie. Zu jedem Problem eine Lösung. Zu jeder Frage ein (kosten­loses) Muster.

2006. Ich hörte auf meinen Bekannten und nahm alle Sachen aus dem Netz. Aber es juckte mir schon kurze Zeit später wieder in den Fingern. Ich sah die Probleme des Buch­markts aufgrund des Inter­nets — und für mich konnte es nur eine Konse­quenz geben: „Da Wissen ohnehin überall verfügbar ist, kannst Du nur gewinnen, wenn Du einer der ersten bist, die in deiner Branche verschenken.“ Ratgeber des alten Typs, mit Mustern und vielen Tipps, stehen kurz vorm Exodus, sie werden derzeit noch verkauft, aber immer weniger. Warum sollte auch jemand dafür bzahlen, wenn er das Internet hat? Und E‑Books, die nichts oder 99 Cent kosten?

Meinen Kunden, die zwei bis vier Mal im Jahr einen Info­brief von mir erhalten, wenn sie es wollen, schenkte ich all meine unzäh­ligen Muster schon von Anfang an. Seit einem halben Jahr habe ich für Kunden hier im Blog einen geschützten Bereich mit den High­lights.  Ich bin eine leiden­schaft­liche Entwick­lerin, liebe Excel-Tabellen, Info­gra­fiken und einfache, syste­ma­ti­sche Lösungen, die am besten auch optisch gut aufbe­reitet sind: Im Laufe der Zeit habe ich einen Fundus entwi­ckelt, mehr als 1.000 Tools, Muster, Check­listen, von meinen unzäh­ligen Texten gar nicht zu spre­chen.

2007 eröff­nete ich meinen Blog und begann weiter Wissen zu verschenken. All das, was ich auch in einem Buch hätte aufbe­reiten können oder mir für die Bera­tung vorbe­halten. Je mehr Erfah­rung ich gewann, desto fundierter, schneller, indi­vi­du­eller und lösungs­ori­en­tierter wurde auch Bera­tung. Natür­lich gebe  ich auch mal Feed­back zu einem Foto – aber der Kern meiner Bera­tung ist nicht mehr stan­dar­di­sierbar. Ich bin im 4. Sektor ange­kommen.

Ich muss niemand mehr dazu beraten, ob er Frei­be­rufler oder Gewer­be­trei­bender ist, ob er ein Foto rechts oder links aufkleben oder ein pinkes Shirt anziehen soll, es sei denn es ist ein kurzer Tipp – bezahlt wird deswegen nicht. Das alles sind Ratschläge 1.0 – der von meiner Zunft teil­weise – etwa in Videos — immer noch gegeben werden. Dass auch Jour­na­listen 1.0‑Rat immer noch nach­fragen, sehe ich als Kenn­zei­chen funda­men­talen Wandels. Oder anders ausge­drückt: Wenn die Welt sich dreht, brau­chen wir noch mehr Sicher­heit über die rich­tigen Entschei­dungen von den rich­tigen Leuten. Ergo: Zitier­fä­higen Rat kann nicht mehr jeder Hinz und Franz geben.

Kerstin Hoff­mann, die ich in den nächsten Tagen hier als Inter­view­part­nerin zum Prinzip Kostenlos begrüßen werde, sagte mir: Wissen sei zwar überall verfügbar, aber wer kann entscheiden, ob es auch gut und richtig ist? Dafür brau­chen wir Experten, die einen Namen haben. Diese wählen für ihre Kunden aus und beur­teilen Infor­ma­tionen. Das ist eine wich­tige und unter­schätzte Funk­tion. Die Folge ist das, was ich einmal die Exper­ti­sie­rung der Gesell­schaft genannt habe. Das hat auch erheb­liche Auswir­kungen auf das Perso­nen­mar­ke­ting. Bestimmten Personen trauen wir eine Bewer­tungs­kom­pe­tenz zu.  Dass diese Personen etwas bewerten können, hat nichts mehr mit Ausbil­dung, Scheinen etc. zu tun – es ist einzig und allein ihr Track Record und Social Graph im Internet.

Ist es Ihnen auch schon aufge­fallen? Die normale Arbeits­be­völ­ke­rung wird immer mehr nach Scheinen und Zerti­fi­katen bewertet. Die Exper­ten­marke im Netz nach Follo­wern, Feed­backs, Blog­ein­trägen.

Da schließt sich der logi­sche Kreis zum Verschenken. Meine Face­­book-Fanseite habe ich 2010 eröffnet. Inzwi­schen gibt es weitere Seiten. Auf „Am besten wirst du Arzt“ verschenke ich die Praxis­seiten aus dem Buch. „Wie kannst du nur!“ Höre ich auch jetzt. Ich sage es Ihnen: Das Buch wird sich dadurch auf keinen Fall schlechter, lang­fristig sogar besser verkaufen. Und wer nur den Praxis­teil nutzt, hätte auch das Buch nicht gekauft.

Manchmal weiß auch ich nicht so genau, wo die Grenzen des Schen­kens sind. So habe ich neulich einen Vortrag von Uwe Donner aufzeichnen lassen im Grunde mit dem festen Ziel, dieses kostenlos bei Youtube einzu­stellen. Doch ist das nicht zu weit­ge­hend, wenn es um einen Vortrag geht, denn ich mir teurer bezahlen lasse? Ein Vortrag, der ziem­lich pola­ri­siert, also nicht mehr 1.0 ist (reine Wissens­ver­mitt­lung). Mach eine DVD draus, sagte mir Uwe. Er weiß gar nicht, was das in mir ausge­löst hat 😉

Es hat mir, naja fast das Herz gebro­chen, als ich meiner letzten Auftrag­ge­berin von der Wirt­schafts­för­de­rung des Land­kreis Harburg sagen musste, dass ich nicht möchte, dass die Folien ins Netz gestellt werden. Meine Schenk-Grenzen sind dort, wo ich etwas verkaufen möchte: meine Auftritte als Rednerin.

Freut euch auf das Inter­view mit PR-Doktor Kerstin Hoff­mann zu ihrem Buch, das ich jedem warm ans Herz legen möchte, der mit dem Schenken hadert oder die Grenzen für sich selbst stecken möchte.

Sind Sie reif zum Schenken? Ich habe für Sie eine Grafik erstellt. Die schenk ich Ihnen.

Habt schöne Pfingsten.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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5 Kommen­tare

  1. Melchior 26. Mai 2012 at 23:49 — Reply

    Meine Erfah­rung ist, dass sich viele so genannte Experten in den Markt hinein verkaufen müssen und deshalb kosten­lose Arbeits­proben und Refe­renzen liefern.

    • Svenja Hofert 28. Mai 2012 at 10:32 — Reply

      Hm, wenn man keine Basis hat funk­tio­niert auch das Kosten­lose nicht. Über­legen Sie mal: Um in größerem Stil verschenken zu können, brau­chen Sie eine Platt­form. Die schafft man nicht von heute auf morgen — oder nur mit sehr viel Marke­ting­power, z.B. für ein E‑Book. Ob dies dann aber wirk­lich Kunden zufüt­tert bewzweifle ich — zummal so gut wie kein Experte von Privat­kunden leben kann und will. LG SH

  2. Astrid Over­beck 29. Mai 2012 at 11:59 — Reply

    Liebe Frau Hofert,
    danke für diesen tollen Artikel — ich verschenke auch auf meiner Home­page, aber wohl eher noch in den Anfängen im Vergleich zu Ihnen. Sie haben dem ganzen nochmal einen wunder­baren thero­ti­schen Hinter­grund gegeben. Außerdem hat “Verschenken” einen unschätz­baren Wert — nämlich, dass man sich selbst auch noch ganz gut dabei fühlt und die Freude dabei manchmal noch größer ist, als wenn man sein “Exper­ten­wissen” als Coach verkauft.

  3. […] die gerade ihr „Prinzip Kostenlos“ veröf­fent­licht hat, sprach ich über die Grenzen des Kostenlos-Marke­­tings – und seinen […]

  4. Dominik 3. Juni 2012 at 18:45 — Reply

    Kostenlos ist meist falsch,
    gespon­sert oder bezahlt von
    müsste es rich­ti­ger­weise heißen

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