Kate­go­rien

Die Quadratur des Kreises: Warum das Bundesamt für Migra­tion ein Beispiel für ein gene­relles Recrui­­ting-Problem ist

Published On: 18. September 2015Cate­go­ries: Mensch & Orga­ni­sa­tion

Arbeit­geber wollen Bewerber, die die perfekte Schnitt­menge mit den Anfor­de­rungen bilden. Die Quadratur des Kreises, das Unmög­liche soll möglich werden. Darauf wartet man Monate, was die langen Bear­bei­tungs­zeiten von Bewer­bungen teil­weise erklärt.

Dieses Phänomen betrifft nicht nur die High-End-Arbeits­­plätze in inter­na­tio­nalen Wirt­schafts­un­ter­nehmen. Dieser Trend ist überall zu erkennen. Ich habe ein aktu­elles Beispiel. Das Bundesamt für Migra­tion sollte eigent­lich jede Menge Stellen frei haben und müsste und aufgrund seines Bear­bei­tungs­not­stands offen sein für Quer­ein­steiger. Experten schreiben den Still­stand der Tatsache zu, dass es kaum Leute gebe, die entscheiden könnten, also kaum akade­mi­sche Sach­be­ar­beiter. Ich schaue mir daraufhin die Stel­len­an­zeigen auf der Website an. Dort sucht man jede Menge Bürosachbearbeiter/innen im mitt­leren Dienst (die nicht entscheiden dürfen), außerdem werden drei Sach­be­ar­beiter im höheren Dienst und zwei Refe­renten gesucht. Voraus­set­zung: „vertiefte Kennt­nisse in der Inte­gra­ti­ons­po­litik in euro­päi­schen und außer­eu­ro­päi­schen Ländern, Über­blick über Schnitt­stellen und Programme auf Bundes‑, Länder- und kommu­naler Ebene und zu Projekt- und Träger­land­schaft, Kennt­nisse und Erfah­rungen hinsicht­lich lokaler und gemein­we­sen­be­zo­gener Inte­gra­ti­ons­pro­jekte.“

Man sucht, was es nicht gibt

Haben Sie diese Kennt­nisse? Haben Sie einen Teil dieser Kennt­nisse? Oder gar alle? Ich höre spätes­tens bei der letzten Frage kein „ja“ mehr. Wenn Sie Sach­be­ar­beiter werden wollen, der über die Anträge entscheiden darf, dann gibt es dazu, Stand heute, ganze drei Sach­be­ar­bei­ter­stellen. Wir erin­nern uns: Alle spre­chen vom schlimmsten Antrags­stau in ganz Europa. Das Problem wird täglich drin­gender. Deutsch­land hat ein Image zu halten.

bam_anzeigeDoch um entschei­dungs­be­fugter Sach­be­ar­beiter zu werden, müssen Sie Verwal­tungs­wis­sen­schaften studiert haben oder Public Manage­ment, Staats­wis­sen­schaften, Wirt­schaft oder Recht UND mindes­tens 18 Monate im vergleichbar geho­benen Dienst gear­beitet haben. Die Studi­en­an­for­de­rungen gehen OK, aber die 18 Monate lassen die Bewer­ber­zahl gleich radikal schrumpfen. Bei so großer Not, wer hält solche Anfor­de­rungen noch aufrecht? Der Mann, der hierfür verant­wort­lich ist, ist gestern zurück­ge­treten. Es besteht Hoff­nung, aller­dings ist ein Beam­ten­ap­parat eben ein Beam­ten­ap­parat.

Will man durch solches Recrui­ting die Flücht­lings­pro­ble­matik lösen?

Lesen Sie die Anzeigen des Amtes. Recrui­ting wie in den 1980er, absolut Charme-frei. Will man so die Flücht­lings­pro­ble­matik lösen? „Wir finden keine geeig­neten Fach­kräfte und Spezia­listen“, so stelle ich mir eine medi­en­wirk­same Pres­se­infor­ma­tion des Amts vor. “Tut uns leid, da können wir eben auch die Anträge nicht schneller bear­beiten. Es studieren einfach zu wenig Verwal­tungs­wis­sen­schaften.” Das ist eine typi­sche Reak­tion von Arbeit­ge­bern auf Fach­kräf­te­mangel: Sie schieben es auf die Ausbil­dungs­sys­teme und darauf, dass es zu wenig passende Bewerber gäbe.

In poli­tisch weniger expo­nierten Berei­chen ist es genauso, nur dass es falsches Recrui­ting nicht gleich eine ganze Gesell­schaft betrifft. Findet man den Spezia­listen nicht, der alle 100 gewünschten Tools der Daten­aus­wer­tung beherrscht, stellt man aber auch hier lieber gar keinen ein – anstatt Leute zu nehmen, die dazu lernen wollten.

Jobbe­zie­hungen sind schwerer aufzu­lösen als Ehen

Das oben beschrie­bene Problem ist sehr grund­sätz­lich und sehr tief­grei­fend. Wir arbeiten immer länger, doch die Anfor­de­rungen an Jobs werden immer spezi­eller. So produ­ziert man Spezia­listen in Serie, die aber woan­ders nicht passen. Mit etwa 30, 35 Jahren ist amn am Wissenszenit — mehr Fach­wissen kauft kaum jemand ein. Die Masse der Jobs setzt Kennt­nisse im Bereich einer Erfah­rung von zwei bis sechs Jahren an, und zwar weit über­grei­fend in der glei­chen Branche. Einmal Verwal­tung, immer Verwal­tung, einmal Auto­mo­tive, immer Auto­mo­tive. Das ist schlimmer als eine Ehe. Wer sechs Jahre irgendwo war, kann diese Verbin­dung kaum noch auflösen, wird nicht zufällig woan­ders genau das Wissen gebraucht oder bestehen zufällig gute Verbin­dungen.

Chancen sind unplanbar

Oder öffnen sich zufällig Chancen aufgrund von Markt­ver­schie­bungen. Das wiederum ist ein Glücks­spiel. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass wahr­schein­lich bald Deutsch­lehrer rarer und damit gefragter sein werden. Dass Arabisch­kennt­nisse zum Schlüssel werden könnten, viel­leicht irgend­wann auch im Perso­nal­wesen. Und das auch für Geis­tes­wis­sen­schaftler das Schwer­­punkt-Thema Inter­kul­tu­ra­lität und Inte­gra­tion in den vergan­genen Jahren sicher nicht schlecht gewählt war – obwohl Master mit solchen Abschlüssen gerne belä­chelt werden.

Wer ein gelbes Dreieck sucht, sollte sich auch ein blaues Quadrat ansehen

schnittmengeIn den 1970er Jahren lernten wir in der Mengen­lehre, wie perfekte Schnitt­mengen aussehen, anhand von bunten Drei­ecken, Quadraten und Kreisen. Wir lernten Teil­mengen und Schnitt­mengen kennen. Arbeit­geber defi­nieren Drei­ecke, Quadrate und Kreise. Der Bewerber darf nur rotes Dreieck sein, aber kein grünes. Auf keinen Fall darf er ein blaues Quadrat sein, wenn ich ein gelbes Oval suche. Arbeit­geber arbeiten zu wenig mit Teil­mengen und Schnitt­mengen. So könnte das Bundesamt für Migra­tion ja auch mal den zahl­rei­chen Juristen mit nur einem Staats­examen eine Chance geben, die sonst kaum Chancen auf dem Arbeits­markt haben. Es könnte moti­vierten Quer­ein­stei­gern mit Berufs­er­fah­rung in anderen Bran­chen die Chance geben, auch ohne spezi­fi­sche Verwal­tungs­er­fah­rung einzu­steigen. Es könnte virtu­elle Arbeits­plätze bieten, damit die Menschen nicht nach Nürn­berg ziehen müssen. Ganz sicher gäbe es Lösungen, wie man Personal, dass kein rotes Dreieck ist, sondern ein gelbes Oval oder blaues Quadrat anlernen könnte. Im Moment stelle ich mir kaum einen Job vor, der sinn­voller sein könnte.

Das Bild der Mengen­lehre verwendet die Recrui­terin Irmtraud Lang in einem Gast­bei­trag für Jobsblog.ch, der mir unheim­lich gut gefällt. Sie erläu­tert darin sehr eindrück­lich, warum Arbeit­geber sie mit der Quadratur des Kreises beauf­tragen. In meiner Perspek­tive kommt noch etwas dazu: Aus Bewer­ber­sicht spielt nicht nur Pass­ge­nau­ig­keit eine Rolle, sondern auch der empfun­dene Sinn bei der Arbeit. Viele haben sich in Berei­chen spezia­li­siert, die ihnen nach einigen Jahren sinn­ent­fremdet scheinen. Sie wollen da heraus – in Bereiche, für die sie weniger mitbringen, aber mehr brennen. Sach­be­ar­beiter beim Bundesamt für Migra­tion — das wäre doch mal ein Job mit Sinn.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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5 Kommen­tare

  1. Stefan Döring 18. September 2015 at 18:43 — Reply

    Hallo Frau Hofert,

    danke für diesen sehr guten Artikel. Ich gebe Ihnen 100% Recht, möchte aber folgende 3 Dinge ergänzen:

    1. Das Grund­ge­setz legt fest, dass im öffent­li­chen Dienst eine Perso­nal­aus­wahl anhand von Eignung, Befä­hi­gung und fach­li­chen Leis­tung erfolgt. Leider hat die Recht­spre­chung diese unbe­stimmten Rechts­be­griffe inso­weit ausge­legt, dass das bishe­rige Amt (Also Status oder auch Karrie­re­stufe) sowie Noten (Ausbildung/Noten/Beurteilung) die ausch­lag­ge­benden Krite­rien sind. Zudem erfolgt bereits bei der Ausschrei­bung eine Forde­rung von 100% auf der Stelle gewünschter Quali­fi­ka­tionen, um sich nicht gericht­lich angreifbar zu machen. Auch wird keine Behörde jemanden einstelllen, der zwar Talent hat, aber die Anfor­de­rungen nicht zu einem hohem Maße erfüllt. Sie werden mir Recht geben, dass eine solche Ausle­gung von “Leis­tung” voll­kommen veraltet und welt­fremd ist. Dennoch urteilen die Gerichte heute noch so. Inso­weit muss ich die Behörde hier in Schutz nehmen.

    2. Vor einer externen Ausschrei­bung steht die interne Suche. Hierbei wird aller­dings im öffent­li­chen Dienst so gut wie nie ernst­haft nach Talenten gesucht und diese dann auf die Posi­tion entwi­ckelt. Wenn, dann nur inner­halb der Hiera­chien. Eine Entwick­lung die Ebenen über­schreitet — beinah voll­kommen ausge­schlossen. Talent­ma­nage­ment? Fehl­an­zeige. Solange das so ist, halte ich das Gerücht des Fach­kräft­man­gels im öffent­li­chen Dienst für gewagt.

    3. Die Anzeige zeigt sehr deut­lich die Grund­hal­tung des öffent­li­chen Dienstes: Bestes Behör­den­deutsch, ein am unteren Ende orien­tiertes Gehalt, Befris­tungen, keine Diffe­ren­zie­rung als Arbeit­geber, kein echtes Allein­stel­lungs­merkmal, kein Einblick in die Unter­neh­mens­kultur, sper­rige Bewer­bungs­pro­zesse. Perso­nal­mar­ke­ting? Wird über­be­wertet! Alles Indi­zien für die immer noch reale Haltung, dass Bewerber sich glück­lich schätzen können, sich bewerben zu dürfen. Und hier wieder­hole ich mich: Solange das so ist, kann der Fach­kräf­te­mangel nicht wirklch weh tun.

    Schöne Grüße
    Stefan Döring

    • Svenja Hofert 19. September 2015 at 15:25 — Reply

      Hallo Herr Döring, danke für die tolle Ergän­zung. Ja, das sind so ein paar Fall­stricke gesetz­li­cher Art. Denke dennoch, dass man die ausräumen könnte, wenn der Wille da ist. Und letzt­end­lich geht es auch nicht nur um dieses Amt, sondern gene­rell darum, dass man nur gelbe Drei­ecke sucht und nicht berück­sich­tigt, dass auch die blauben passen könnten. LG Svenja Hofert

  2. Kai G. Werzner 24. September 2015 at 16:47 — Reply

    Werte Frau Hoffert,
    wieder­einmal ein spit­zen­mä­ßiger Artikel!
    Zu diesem Kontext (Flücht­lings­masse und Fach­kräf­te­mangel) sind mir ein paar Gedanken gekommen. Haben eigent­lich die Arbeit­geber, die wirk­lich Fach­kräfte suchen auch das Wohnungs­pro­blem für den neu gefun­denen Mitar­beiter auf dem Schirm? Könnte es in der heutigen Zeit nicht sein, dass ein poten­ti­eller Mitar­beiter absagen muß da er keine Bleibe findet im Umkreis seine neuen Wirk­stätte? In manchen Stätten war jetzt schon Wohnungs­mangel wie wird es ab jetzt oder den folgenden Jahren aussehen? So schnell sind Häuser nicht gebaut um Flücht­linge und neue Mitar­beiter unter­zu­bringen. Dieser Gedanke könnte doch ein ausge­feil­teren Blog­ar­tikel werd sein oder?
    Schöne Grüße aus Leipzig — ach ja ganz vergessen habe meine Ableh­nung vom Bamf auch bekommen trotz Uni-Magister in Reli­gi­ons­wis­sen­schaft mit den NF Erzie­hungs­wis­sen­schaft und Frie­­dens- und Konflikt­for­schung mit dem Hinweis der Falsch­qua­li­fi­ka­tion! Ich sag dazu es gibt in der Behörde keinen Fach­kräf­te­mangel!
    Gruß Kai

    • Nader El Nomeiri 26. Dezember 2015 at 12:54 — Reply

      Ein weiterer Fall: Lebe seit 20 Jahren in Deutsch­land, ursprüng­lich aus dem Libanon, B.A. an der HWR studiert und mit Bachelor of Arts abge­schlossen.

      Leider arbeits­su­chend, was soll ich machen? Spreche akzent­frei deutsch, arabisch, teil­weise türkisch, polnisch 🙂

      Jemand eine Idee.

      MfG

  3. Tibor Haunit 1. Oktober 2015 at 22:50 — Reply

    Hallo Frau Hofert,

    wieder eine sehr inter­es­santer und gelun­gener Artikel.

    Leider teile ich Ihren Opti­mismus nicht, dass Arabisch­kennt­nisse und inter­kul­tu­relles Wissen ange­sichts der ankom­menden Flücht­linge und der Syrien-Krise eine Chance auf dem Arbeits­markt darstellen.

    Denn anstatt mit Experten wie Islam­wis­sen­schaft­lern oder Sozi­al­ar­bei­tern mit dem entspre­chenden kultu­rellen Hinter­grund Lösungen auszu­ar­beiten, so dass es den hier ankom­menden Flücht­lingen besser geht, werden in Medien und Bundestag nur immer wieder die glei­chen Stero­type bedient (z.B. die letzte Sendung Hart aber fair über das Thema Islam, die Forde­rung der Poli­zei­ge­werk­schaft, Flücht­linge nach Konfes­sion oder Natio­na­lität getrennt unter­zu­bringen oder CDU-Vize Strobl im Bundestag “Gesetze macht bei uns in Deutsch­land nicht der Prophet”).

    Ich selbst habe vor über 10 Jahren Islam­wis­sen­schaft, Poli­tik­wis­sen­schaften und Sozio­logie studiert. Ange­sicht der damals (wie heute) schlechten Aussichten einen Beruf zu ergreifen, der sich um die gesell­schaft­li­chen Heraus­for­de­rungen wie z.B. Islam in Deutsch­land oder Migranten dreht, bin ich in die medi­zi­ni­sche Markt­for­schung einge­stiegen. Dort kann ich zumin­dest mein Wissen aus dem poli­tik­wis­sen­schaft­li­chen und sozio­lo­gi­schen Studium einsetzen. Obwohl im Gesund­heits­wesen die Bedeu­tung älter werdenden Migranten mit kultu­rellem Hinter­grund aus dem Nahen Osten zunimmt, wird mein entspre­chendes Wissen auf diesem Gebiet nicht benö­tigt. Und ich kann nicht von mir behaupten, dass ich es nicht versucht hätte.

    Leider herrscht auf diesem Gebiet in Deutsch­land ein “Immer weiter so” vor, statt endlich mal neue Wege einzu­schlagen.

    Viele Grüße

    Tibor Haunit

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