Kate­go­rien

1.Mai — frische Osteu­ro­päer: Der Akade­­miker-Discount startet

Published On: 20. April 2011Cate­go­ries: Führung

Ist es ein Zufall, dass derzeit ausge­rechnet zum Stichtag 1.5.2011 in vielen Stel­len­märkten  “Akade­miker gesucht” sind. Unter Anfor­de­rungen las ich neulich folgendes: kauf­män­ni­sche Kennt­nisse, Sprach­kennt­nisse in Deutsch, Englisch und einer osteu­ro­päi­schen Sprache. Das Einstel­lungs­datum 1. Mai 2011 ist exakt der Tag, an dem die volle Arbeit­neh­mer­frei­zü­gig­keit für Bürger jener Staaten gelten wird, die 2004 unter dem Stich­wort „Osterwei­te­rung“ in die EU gekommen sind. Folgt jetzt ein„HR-Fest“? Jeden­falls veran­staltet der Manage­ment Circle ein Seminar „Arbeit­nehmer aus Mittel- und Osteu­ropa beschäf­tigen“ mit dem herr­­lich-unse­riösen Werbe­button „jetzt ohne Einschrän­kungen möglich“.

Ist es wirk­lich so, dass sich die Perso­nal­ab­tei­lungen derzeit massen­haft die Hände reiben, weil Deutsch­land in wenigen Tagen von Arbeits­mi­granten über­rannt werden wird? Freuen sich Perso­naler wirk­lich auf Discount-Akade­­miker? Oder gleicht der erwar­tete Zuzug nicht einfach nur einen Teil dessen aus, was Deutsch­land durch die demo­gra­phi­sche Entwick­lung verliert? Liegt der Zuzug nicht sogar deut­lich unter dem Verlust durch die Demo­grafie — wie der Chef der Bundes­ar­beits­agentur Müller behauptet. Er sagt: Das Poten­zial der Erwerbs­per­sonen in Deutsch­land sinke jähr­lich um etwa 200.000 Personen, sagt dieser. Demnach brau­chen wir Arbeits­mi­granten, damit die EU-Loko­­mo­­tive Deutsch­land weiter dampft.

Doch wie viele Osteu­ro­päer nun wirk­lich nach Deutsch­land strömen werden, weiß niemand. Schät­zungen gehen von 100.000 bis 140.000 aus. Es könnten aber auch viel mehr sein: eine halbe Million sagen einige mit Blick auf die Zuwan­de­rung in Groß­bri­tan­nien im Zuge deren Öffnung am 31.12.2006.

Warum sollen die Osteu­ro­päer eigent­lich kommen? Bei etwa 800 Euro brutto liegt der Durch­schnitts­ver­dienst in Polen, in Städten mehr, auf dem Land viel weniger. Hört sich wenig an? Wirk­lich? So viel besser ist es in den nied­rig­qua­li­fi­zierten Berei­chen bei uns ja auch nicht mehr. Eine Friseurin  bekommt kaum 1200 Euro brutto. Menschen in Gesund­heits­be­rufen klet­tern selten je über ihre 2000 Euro brutto.  Bleiben netto viel­leicht 1.200 — und davon muss man dann auch noch leben, bei zur Zeit durch­schnitt­lich 11 Euro pro Quadrat­meter Wohn­fläche in Hamburg.

Ziem­lich sicher ist davon  auszu­gehen, dass sich die Niveaus weiter anglei­chen. Das ist übel für Deut­sche, die in den schlecht bezahlten Berufen und Sektoren arbeiten und die Abwärts­spi­rale seit Jahren mitbe­kommen.  Das Argu­ment, Ausländer nähmen uns die Arbeits­plätze weg, zieht aber auch nicht. Denn: In diesen Berei­chen, etwa der Pflege, haben wir zu wenig. Und: Je schlechter die Löhne, desto eher wandern unsere lieben Nach­barn einfach anders­wohin. Damit die Unter­nehmen dann über­haupt noch Mitar­beiter bekommen, müssen sie die Gehälter wieder anheben.  Lange jeden­falls kann es nicht mehr dauern, bis sich die Gehälter inner­halb der EU eini­ger­maßen ausge­pen­delt haben, und dann ist sowieso Schluss mit billig.

Was aber ist mit den Akade­mi­kern? Bislang war Deutsch­land gerade für sie kein sehr attrak­tives Land. Man ging lieber nach Groß­bri­tan­nien oder nach Irland oder folgte dem Fach­­kräfte-Ruf der Austra­lier. Aber als Wirt­schafts­lo­ko­mo­tive hat Deutsch­land gerade sein Image poliert. Der „Stern“ zeigte in der letzten Ausgabe einige studierte Osteu­ro­päer, die Deutsch­land inzwi­schen sehr wohl auf dem Zettel haben.

Schlimm? Für die wirk­lich anspruchs­vollen Jobs und Bereiche nicht. Hier belebt Konkur­renz das Geschäft. Schön für die Arbeit­geber: eine durch­schnitt­liche höhere Leis­tungs­af­fi­nität bei Osteu­ro­päern mit der Grund­hal­tung „erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ wie sich etwa in der Euro­pean Values Study nach­lesen lässt.  Aber dass sich Osteu­ro­päer mit einem Billiger-Als-Eure-Inländer-Verspre­chen den deut­schen Chefs an den Hals schmeißen? Unwahr­schein­lich.

Meine Mitar­bei­terin berät viele Absol­venten, auch viele aus Osteu­ropa sind darunter. Nie war jemand dabei, der bereit gewesen wäre, güns­tiger zu arbeiten als ein deut­scher Akade­miker. Im Gegen­teil: Die kennen ihren Markt­wert. Und pokern manchmal sogar noch höher als ihre deut­schen Kollegen. Inter­na­tional erfahren und das Leben im Ausland gewohnt, gehen sie außerdem eher als manch deut­scher Mitstu­dent einfach woan­ders hin, wenn es hier nicht klappt.

Bleibt also zu hoffen, dass dubiose Firmen wie die eingangs beschrie­bene sich über leere Bewer­bungs­körbe und normale Gehalts­for­de­rungen wundern. Und der Discount-Akade­­miker ein Wunsch­traum bleibt.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

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5 Kommen­tare

  1. Enrico Brie­gert 21. April 2011 at 7:42 — Reply

    Als ich im Jahr 2006 das letzte Mal in Dublin war, stand ich vor einer Dilemma-Entschei­­dung. In den Pubs gab es die für Dublin typi­schen Sorten, aber inzwi­schen auch Zywiec, Tyskie oder gar Okocim vom Fass. Guin­ness oder Okocim?Für mich gar nicht so einfach die Entschei­dung. Ich liebe beides! Schuld waren die Polen, die sich dort nieder­ge­lassen haben. Die Polen haben nicht gewartet, bis wir Deut­schen uns bequemen den Arbeits­markt zu öffnen. Die mobilen und sehr gut ausge­bil­deten Kollegen aus unserem östli­chen Nach­bar­land sind bereits unter­ge­kommen.
    Für mich ist die Panik vor “Dumping-Polen” über­trieben.
    1. Kommen die exzel­lent ausge­bil­deten Polen nicht für ein Apfel und ein Ei nach Deutsch­land. Sie werden auf faire und gleiche Bezah­lung bestehen!
    2. Wird die Mobi­lität über­schätzt. Bei unbe­grenzter Mobi­lität müsste die Arbeits­lo­sen­quote in D doch in jedem Bundes­land gleich sein. Leute aus Regionen mit hohen Quoten müssten syste­ma­tisch in Regionen mit nied­rigen Quoten ziehen. Jüngere Leute tun dies, irgend­wann über 30 nimmt die Bereit­schaft drama­tisch ab. Oder wie viele Grie­chen strömen gerade nach Deutsch­land, um dem heimat­li­chen Krisen­markt zu entfliehen?

  2. Svenja Hofert 21. April 2011 at 8:43 — Reply

    Hallo Herr Brie­gert, danke für den Kommentar. Sehe ich auch so. Und manchmal bin ich erschreckt, wie wenig flexibel einige Deut­sche sind. Für viele kommt erst die Frei­zeit, dann der Job, auch für viele Akade­miker. Das ist eine gute Grund­hal­tung, wenn man ein paar Jahre was erreicht hat und sein Profil ordent­lich geschärft — aber direkt nach dem Studium?
    herz­liche Grüße
    Svenja Hofert

  3. Lukullus 24. April 2011 at 1:21 — Reply

    Aber mit Sicher­heit wird der deut­sche Arbeits­markt ab 01. Mai dann endgültig zu einem Discounter für billige Lohn­sklaven.
    Für Dienst­leis­tungs­be­rufe und Berufe in der Baubranche ist er es schon heute. Aber vor allem im Osten Deutsch­lands werden die Arbeit­nehmer die Konkur­renz noch viel mehr als bisher zu spüren bekommen, da helfen alle Märchen und Beschwich­ti­gungen unserer Volks­treter und Leuten wie Ihnen die davon schön profi­tieren, über­haupt nicht und es hilft den dortigen Arbeit­neh­mern schon gar nichts. Für Ihre feinen Reden können diese Menschen, wenn sie entweder arbeitslos werden oder für einen noch nied­ri­geren Hunger­lohn sich verkaufen müssen. nichts kaufen! Von daher wäre es nur zu begrüßen wenn BWLer, Diplom­kauf­leute, Inge­neure und Perso­naler (Akade­miker) die selbe Konkur­renz erfahren würden und dann auch wesent­lich klei­nere Bröt­chen backen müssten. Viel­leicht gibt es dann endlich genü­gend Empö­rung über den Verrat diese Staates an den eigenen Bürgern!

    MfG Lukullus

  4. Svenja Hofert 26. April 2011 at 11:06 — Reply

    @Lukullus: Wir haben uns irgend­wann für Markt­wirt­schaf­tung und das Regeln des Ange­bots durch Nach­frage entschieden. Ich bin sehr für einen sozialen Ausgleich durch ein Grund­ein­kommen und Mindest­löhne doch die Tendenz in eine zwei­ge­teilte Gesell­schaft — hier nied­rige Löhne, da Gagen — lässt sich nicht mehr aufhalten.

  5. sebas­tian 15. August 2012 at 10:40 — Reply

    Fach­kräfte werden gesucht. Ich bin ein Akade­miker aus Polen. Leider bekomme ich keine andere Arbeit nur Helfer Jobs. Nicht mal die ARGE hilft mir. Also das wärs mit dem Fach kräfte mangel!!!!

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