Kate­go­rien

„Du föärschdt“! Wie regio­nale Beson­der­heiten Job und Team­ar­beit beein­flussen

Published On: 9. Oktober 2011Cate­go­ries: Karriere

Als mir alle auch am zweiten Tag des Semi­nars zwölf Teil­nehmer die Hand gaben, war ich erstaunt. Solche Höflich­keit bin ich nicht gewohnt – eher ein  freund­li­ches Arme­heben, maximal verbunden mit einem Hallo. Schon beim Empfang nachts um 24 Uhr im Hotel begrüßte mich die Rezep­tio­nistin freudig. Sieben Stunden später war sie immer noch gut gelaunt. Wo war ich gelandet? In Thüringen. Kaum 400 Kilo­meter von Hamburg entfernt sind nicht nur die Straßen, sondern auch die Menschen anders. Selbst in den Unter­nehmen gäbe man sich täglich die Hand, versi­cherte man mir, das sei guter Ton…

Die kleine Geschichte gibt mir einen neuen Anlass, hier über ein kaum beach­tetes Phänomen zu schreiben: regio­nale Diver­sity. Könnte die Verschie­den­ar­tig­keit nicht nur Landes­kul­turen betreffen, sondern auch regio­naler Art sein?

Die Antwort ist: Ein klares Ja! Ich selbst bin Kölnerin, stamme mütter­li­cher­seits aus einer urköl­schen Familie. Der väter­liche Teil kommt aus Nieder­sachsen. In der Aris­to­tel­schen Tempe­ra­ment­lehre ergibt das einen Sangui­­niker-Melan­cho­­liker-Mix, einen Cock­tail aus kölscher Leben­dig­keit und nord­deut­scher Boden­stän­dig­keit und Zurück­hal­tung.

Und in der Tat: Ich bin und kann beides. Das ist für meine Kunden und auf Semi­naren eine gute Mischung, ergibt aber in der Dauer­be­zie­hung mit Kollegen einen bisweilen schwer bere­chen­baren Wech­seltyp. „Ein wenig launisch“ nannte es kürz­lich ein lieber Kollege, der ein lupen­rein nord­deut­sches Tempe­ra­ment hat.

Tempe­ra­­mente-Mixe

Ich bin vor 11 Jahren nach Hamburg gezogen und vor ein paar Jahren ins Umland gezogen. Eine Freundin hat den umge­kehrten Weg hinter sich. Sie ging nach Köln, ein Jahr später als ich nach Hamburg. Die Kölner Unver­bind­lich­keit („wir sehen uns morgen“ heißt auf Kölsch „kann sein, kann nicht sein“), artete für sie anfangs in Frust aus. Da lädt sie 10 neue Kollegen ein, alle sagen begeis­tert zu, und am Ende sitzen nur zwei da. Den anderen ist nicht mal einge­fallen abzu­sagen. Solche Szenen würden sich hier im Norden nie abspielen.

Es ließen sich noch viel mehr Beispiele für regional unter­schied­liche Tempe­ra­mente finden. Doch wie wirkt sich solche Unter­schied­lich­keit auf den Job aus? Sowohl zuge­zo­gene Führungs­kräfte als auch Mitar­beiter sollten ja wissen, was auf sie zukommt? Was mache ich, wenn ich nicht die nächsten 10 Jahre jeden Morgen jedem in meiner Abtei­lung die Hand geben möchte?

Tue, was du willst, aber rede drüber

Mein Vorschlag: Es nicht tun. Aber darüber spre­chen. Sagen: „Bei uns ist es üblich, dem anderen einfach zuzu­ni­cken. Ist es okay für euch, wenn ich dabei bleibe?“ Es wird okay sein, weil es damit ausge­spro­chen ist. Es ist sowieso eine Grund­regel: Wer versteht, warum sich der andere so oder so verhält, wird damit viel besser zurecht­kommen. Das ist in Part­ner­schaften so, und in Teams nicht anders. Für den Neuen gilt: Spreche über deine Moti­va­tion, Dinge zu tun oder nicht! Und für die „Altein­ge­ses­senen“: Akzep­tiere den anderen. Oder um es Kölsch zu sagen: „Jeder Jeck ist anders.“ Lass ihn. Ein Team profi­tiert von Verschie­de­nen­ar­tig­keit – auch von regio­naler.

Diver­sity heiß Jeder Jeck ist anders

Die Idee der Verschie­den­ar­tig­keit liegt darin, Verschie­denes auch verschieden sein zu lassen – und nicht etwa einen Einheits­brei daraus zu machen. Ich erin­nere mich an den ameri­ka­ni­schen Vorstand eines Unter­neh­mens, für das ich einmal arbeiten durfte. Er war in jedem Winkel der Welt gewesen, aber so unheim­lich offen gegen­über anderen, dass selbst die Mitar­beiter mit langen Betriebs­zu­ge­hö­rig­keiten und der damit so gut wie immer einher­ge­henden Verän­de­rungs­re­sis­tenz ihn positiv sahen. Das ist neben dem „Rede drüber“ ein weiteres Geheim­re­zept.

Zwischen Stan­dar­di­sie­rung und Diffe­ren­zie­rung

Doch Offen­heit muss von beiden Seiten kommen. Und das ist manchmal schwierig. Denn wie soll ich wissen, was in anderen Bundes­län­dern und Regionen Usus ist, wenn ich nur in dem einem gelebt habe? Wie erschließen sich mir Eigen­heiten, die sich sogar zwischen nahge­le­genen Ortschaften von Unter- und Ober­franken zeigen? In einer Zeit, in der die engli­sche Bewer­bung Norma­lität wird und wir deshalb aller­orts den Eindruck haben, eine Vari­ante setze sich durch – eine Vari­ante der Bewer­bung, des Verhal­tens unter­ein­ander, der Team­ar­beit?

Schade, dass es keinen inter­kul­tu­rellen Karrie­re­rei­se­führer für Deutsch­land gibt.

Du föärschscht!

Verhalten ist das eine — aber erst die Sprach­ge­wohn­heiten! Ein frän­ki­sches „du föärschdt“ (du fährst) ist für einen Nord­deut­schen gewöh­nungs­be­dürftig, wenn er es über­haupt versteht. Komi­sche Sprache — die andere, denken wir (oder krin­geln uns vor Lachen). Wenn ich nach Köln komme und mal wieder bei A.T.U. einkehren muss, klin­gelt mir das Kölsche vertraut, aber irgendwie auch ein wenig Stra­ßen­jar­go­haft in den Ohren. Kann es sein, dass einen häufige Umzüge hoch­näsig machen?  Ich, mit den Stationen „halbes Leben“ in Köln, fünf Jahren Düssel­dorf und 11 in und um Hamburg, bin nun alles andere als weit­ge­reist. Aber ich merke dennoch, dass mir der Blick und Sinn für regio­nale Eigen­heiten verloren gegangen ist. Wie geht es jemanden, der viel mehr unter­wegs war, meist jobbe­dingt? Kann er noch sehen, was seine Mitar­beiter und sein Team ausmacht?

Dabei könnte ein schär­ferer Blick auf den regio­nalen Hinter­grund in der Perso­nal­aus­wahl  manchen Persön­lich­keits­test über­flüssig machen. Einen Thüringer können Sie, das sage ich nach drei Tagen, aus meiner Sicht beden­kenlos in  Service und Vertrieb einsetzen. Kunden­kon­takt? Kein Thema: Er wird über­wie­gend freund­lich und zuge­wandt sein – wohin­gegen sich manch wort­karger Hamburger nicht mal als Taxi­fahrer eignet. Wie gut, dass es bei uns im Norden so viele freund­liche auslän­di­sche Mitbürger gibt – und eine Hand­voll Kölner Froh­na­turen.

Beitrag teilen:

Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

Folgen Sie mir gerne auf Youtube und wenn Sie nichts verpassen wollen auch bei Linkedin.

 

4 Kommen­tare

  1. Erich Feld­meier 9. Oktober 2011 at 13:06 — Reply

    ein inter­es­santer und recht lustig geschrie­bener Artikel, vielen Dank!
    Inter­es­sant v.a. auch, weil ein anderer Dialekt alleine bereits Zweifel an der Glaub­wür­dig­keit der Aussagen hervor­ruft, wie Shiri Lev Ari heraus­ge­funden hat:
    http://ed.iiQii.de/gallery/KeyPerformance/ShiriLev_Ari_uchicago_edu

    Noch span­nender wird es, wenn man die geschichte unter dem Gesichts­punkt des Evolu­ti­ons­ma­nage­ment sieht; wir ahnen welche Wider­stände gegen unbe­wusstes Verhalten zu über­winden sind…
    http://ed.iiQii.de/gallery/VictimsOfGroupThink/White_crowned_SparrowDachsAmmer_wikimedia_org

  2. Svenja Hofert 9. Oktober 2011 at 13:31 — Reply

    Hallo Erich, danke für den Kommentar. Den Hinweis auf den Dialekt bei Sing­vö­geln finde ich (be-)denkenswürdig. danke und LG Svenja

  3. Frank Stacho­witz 9. Oktober 2011 at 15:38 — Reply

    Ich kann dem Artikel in Gänze zustimmen. Als Nord­licht, seit mehr als 10 Jahren in Sachsen wohnend, habe ähnliche Erfah­rungen machen dürfen. Dennoch finde ich es span­nend und berei­chernd auf unter­schied­liche Dialekte und regio­nale Beson­der­heiten zu treffen.
    Mit meinem Dialekt falle ich auf, beson­ders hier in Sachsen. Beson­ders dann, wenn ich Platt­deutsch rede — dann wissen meine Mitmen­schen “ah der kommt nicht von hier”. Dabei erfahr ich immer wieder Neugier — komme so mit Menschen schnell ins Gespräch, dabei sind sie stets freund­lich und nett.
    Die Sachsen und Nord­lichter verbindet eines, ihre Stur­heit. Das Nord­licht stei­gert es noch in Verbin­dung mit Wort­karg­heit.

  4. Thomas Hoch­ge­schurtz 9. Oktober 2011 at 21:28 — Reply

    Da hat Ihre Kollegin Glück jehabt, dat zwei von zehn doch noch jekommen sind. Der Kölner (und ich darf das als Kölner sagen) nimmt seine Äuße­rungen halt nicht so ernst.
    Aber ernst­haft: Erfolg­reiche Unter­nehmen haben ein Mixtur aus lokalen und (inter-) natio­nalen Führungs­kräften. Geschwin­dig­keit, bei gefühlter Stabi­lität, ist heute ein entschei­dender Wett­be­werbs­vor­teil.

Leave A Comment