Kate­go­rien

Extreme am Arbeits­markt: Zwischen Hänge­mat­ten­men­ta­lität und dem Monster Nied­rig­lohn

Published On: 7. Dezember 2011Cate­go­ries: Führung

„Es stimmt nicht, was in Ihrem Buch steht“, sagte mir eine Kundin und nahm auf mein Karrie­re­ma­cher­buch Bezug. „Sie schreiben, die Deut­schen würden die Jobs in den letzten Jahren immer öfter wech­seln. Aber in dem Unter­nehmen, in dem ich zuletzt war, arbeiten sie alle schon seit Ewig­keiten auf den glei­chen Jobs. Und das ist furchtbar, denn die arbeiten gar nicht richtig, sondern ruhen sich alle nur aus!“

Hänge­mat­ten­men­ta­lität

Im besagten Unter­nehmen verdienen alle Mitar­beiter weit über dem Bran­chen­schnitt. Lange Betriebs­zu­ge­hö­rig­keit, eine gewisse Hänge­mat­ten­men­ta­lität und viel Geld – was hat das mitein­ander zu tun? Ich sage: Eine Menge. Deshalb schlage ich hier die große Brücke zur gestern veröf­fent­lichten OECD-Studie, in der Deutsch­land einen auf den Deckel bekommt, weil die Gehalts­gräben immer größer würden.

Das besagt die OECD: Bei uns verdienen die oberen 10% mehr als achtmal so viel wie die unteren. Der Gap ist damit seit 20 Jahren konti­nu­ier­lich gewachsen. Das heißt: Am unteren Ende wird ganz wenig, am oberen ganz viel verdient. In keinem anderen Land der EU ist der Graben zwischen den Gehäl­tern in den letzten Jahren so groß geworden. Aller­dings: Das hat auch mit wach­sender Teil­zeit­ar­beit zu tun — und damit teils auch mit dem “Problem”, dass deut­sche Frauen immer noch oft zuhause bleiben und danach einfache Office­tä­tig­keiten oder Jobs im Verkauf bevor­zugen  — sowie der Tatsache, dass gerade Teil­zeit und Nied­rig­lohn korre­lieren. Weiterhin steht Deutsch­land immer noch ganz gut da, nimmt man den kompli­zierten Gini-Koef­­fi­­zi­enten, besser als Ange­stellte in den Nieder­landen und etwas schlechter als die tradi­tio­nell sozial gerech­teren skan­di­na­vi­schen Ländern.

Bildungs­ferne Firmen

Könnte es nicht auch sein, dass das Problem gar nicht so sehr dieser Gehaltsgap ist, als viel­mehr mangelnde (Weiterbildungs-)Bildungsbereitschaft, die oft einher­geht mit langen Betriebs­zu­ge­hö­rig­keiten, jeden­falls wenn die Menschen — und das kommt wie ich das sehe häufig vor — in bildungs­fernen Firmen “aufwachsen”.  Ja, kann man das weiter­denken Rich­tugn: Was nutzt die bildungs­nahe Familie, wenn man danach in einem bildungs­fernen Unter­nehmen durch­ge­füt­tert wird? Von solchen Unter­nehmen gibt es aus meiner Sicht eine ganze Menge. Das oben erwähnte, nicht nament­lich genannte Unter­nehmen gehört dazu.

Zwangs-Wechsel macht bildungs­be­reit

Die Menschen dort verdienen weit über Bran­chen­schnitt, weil sie nicht oft gewech­selt haben. Wechsel, zumal erzwun­gener, führt wiederum auto­ma­tisch zu einer Über­prü­fung der Aktua­lität und Arbeits­markt­re­le­vanz von Kennt­nisse führt.  Es gab dort bisher keine der sonst häufigen Umstruk­tu­rie­rungs­maß­nahmen – der nicht ganz so schnell drehenden Branche und dem Inhaber sei Dank. Deshalb haben sich Gehälter ihre jähr­li­chen 3–5% hoch­ge­schau­kelt, also oft genug einen Tick über dem Infla­ti­ons­aus­gleich. Aber das Niveau der Bildung ist nicht mitge­wachsen. Der Konflikt meiner leis­tungs­ori­en­tierten Kundin zeigt das: Ihr Wunsch nach Opti­mie­rung wurde negativ aufge­fasst: “Wenn Sie etwas leisten wollen, gehen Sie woan­ders hin“. Wenn die  inhalt­liche Arbeit an Bedeu­tung verliert, lässt nicht nur die Leis­tungs­af­fi­nität, sondern auch das Inter­esse an fach­li­cher und persön­li­cher Weiter­qua­li­fi­zie­rung nach. Statt dessen entwi­ckelt sich besagte Hänge­mat­ten­men­taltät.

Eine  nicht aufgrund von Leis­tung, sondern aufgrund der Präsenz und Zuge­hö­rig­keit hoch­be­zahlte Person wird sich nicht mehr vom Platz bewegen – bis sie irgend­wann dann doch vor die Tür gesetzt wird, mit der Maßgabe sich nach etwas anderem umzu­schauen. Und dieses andere wird, eben weil die Quali­fi­ka­tion nicht mehr passt, oft nur mit einem Bruch­teil des vorhe­rigen Gehalts bezahlt.

Inso­fern hat es diese Person aus meiner Erfah­rung sehr viel schwerer, einen adäquaten Job zu finden, als jemand, der öfter gewech­selt und sich den in den letzten 10 Jahren immer stärker werdenden Schwan­kungen ange­passt hat — durch wech­selnde Erfah­rung und Bildung (auto­di­dak­ti­sche zähle ich ausdrück­lich dazu),

Bildung schützt vor dem Monster Nied­rig­lohn

Es ist gar keine Frage, dass Bildung über den beruf­li­chen Erfolg entscheidet. Es sind heute viel öfter Quali­fi­zie­rungen und Anpas­sungs­maß­nahmen nötig. Das ist der sicherste Schutz vor dem Monster Nied­rig­lohn­sektor. Das größte Problem ist dabei die fehlende Unter­stüt­zung von Bildungs­be­mü­hungen. Warum gibt es keine Bildungs­kre­dite ab 35 Jahren? Weshalb kann jemand, der mit 42 noch mal etwas studiert, nicht finan­ziell unter­stützt werden? Warum gibt es keine Insti­tute, die Kredite für teure Weiter­bil­dungen vergeben (SAP kostet nun mal schnell ein paar Tausend Euro)? Warum gibt es nicht so eine Art Mikro­fi­nanz­in­stitut für den Weiter­bil­dungs­be­reich? Die durch­schnitt­liche monat­liche Belas­tung von 250–350 Euro für einen Bachelor und 350–500 Euro für einen Master können gerade dieje­nigen nicht wuppen, die am meisten davon profi­tieren würden.  Wenn sie aufwachten und merkten, dass sie trotz Hänge­matte handeln müssen.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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2 Kommen­tare

  1. Lars Hahn 7. Dezember 2011 at 14:52 — Reply

    Span­nend! Just heute erschien ein passender News­letter: Zwischen Enga­ge­ment und Demo­ti­va­tion.
    http://www.bildungaktuell.at/magazin/zwischen-engagement-und-demotivation/007490/

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