Kate­go­rien

Monster.de-Interview „Berufs­wahl“ — Am besten wirst du Arzt.…Oder?

Published On: 28. März 2012Cate­go­ries: Führung

Heute führte ich bei Face­book zu “Am besten wirst du Arzt” ein Live-Inter­­view mit der Commu­nity Mana­gerin (und Bioche­mi­kerin wie ich gerade erfuhr) Eva-Maria Gold­mann von Monster. Hier noch mal zum Mitlesen für alle die wich­tigsten Fragen und Antworten — mit ein paar Ergän­zungen.

Monster.de: Was macht man als Jugend­li­cher, wenn man noch nicht weiß, was man werden will? Wie können die Eltern hierbei unter­stützen?

Nur 2% sind Inter­esse-Kinder, die schon mit 7 wissen, dass Sie z.B. Pyro­tech­niker werden wollen und ziel­si­cher darauf hinsteuern. Der Rest ist orien­tie­rungslos oder hängt(manchmal falschen) Vorbil­dern nach. Beruf­li­ches Glück und Persön­lich­keit stehen in einem unmit­tel­baren, untrenn­baren Zusam­men­hang. Das wird viel, viel zu wenig gesehen.

Deshalb empfehle ich, sich erst einmal mit der eigenen Persön­lich­keit beschäf­tigen und der Frage, wer ich bin, was mich treibt und mich inter­es­siert oder inter­es­sieren könnte.

Gerade für Jugend­liche ist das nicht einfach, da sie wenig auf eigene Erfah­rungen außer­halb der Schule zurück­greifen können. Ich finde deshalb, dass man sich auch als Abitu­rient spätes­tens ab  13, 14 Jahren mit der Frage ausein­an­der­setzen sollte: was kann ich? Was mag ich? Was ist mir wichtig? Was macht mir Spaß? Das zusammen mit konkreten Erleb­nissen aufzu­schreiben, wo man das gespürt hat, kann der Erin­ne­rung helfen.

Es ist weiterhin ja auch so: Man merkt selbst nicht, was man gut kann. Gerade die Persön­lich­keits­typen, die viel an sich selbst zwei­feln – oft sind das die beson­ders Begabten — haben für eigene Kompe­tenzen nicht selten wenig Gespür. In beson­derem Maße gilt das für seltene Persön­­lich­keits- und Lern­typen, die in der Schule oft benach­tei­ligt sind und deshalb weniger posi­tives Feed­back bekommen als andere „pfle­ge­leichte“.  Das sind z.B. bestimmte intro­ver­tierte Typen oder auch sehr hand­lungs­ori­en­tierte Flexible.

Eltern haben aus meiner Sicht die Pflicht, hier für einen Ausgleich zu sorgen, denn ich sehe auch bei meinem Sohn wie subjektiv die Sicht mancher Lehrer ist – sie schließen von sich auf andere —  und wie wenig diese oft in der Lage sind auf unter­schied­liche Persön­lich­keiten einzu­gehen. Deshalb kommen so wahn­sinnig viele Fehl­ent­schei­dungen bei der ersten Berufs­ent­schei­dung oder Studi­en­wahl zustande, weil Kompe­tenzen von Schul­seite nicht oder falsch einge­schätzt werden.

Lehrer haben auch keine Erfah­rung in der so genannten freien Wirt­schaft, sie können hier kein Bild vermit­teln. Eltern können ausglei­chen, z.B. in frühen Phasen Inter­essen fördern, in dem sie Ange­bote machen, und zwar nicht nur in ihren eigenen Lieb­lings­themen. Später können sie Gespräche zu Bekannten vermit­teln. Und ganz wichtig: Immer wieder ganz konkretes wert­schät­zendes Feed­back geben.

Monster.de: Um sich zu entscheiden, muss man erst mal wissen, was es alles gibt. Wie/ Wo kann ich mich infor­mieren?

Eine tolle Anlauf­stellte für Ausbil­dungs­be­rufe bieten das BIBB und das Beru­fenet der Arbeits­agentur. Bei der Studi­en­land­schaft ist es schon schwie­riger, die wird immer unüber­sicht­li­cher, Haupt­an­lauf­stelle ist Studienwahl.de. Ganz wichtig sind Gespräche mit Experten, die sich auskennen. Karrie­re­be­rater können auch nicht alles wissen, aber sie können bei der Einord­nung und Bewer­tung helfen. Auf Google und Foren würde ich mich auf gar keinen Fall verlassen. Da wird teils halb­gares Zeugs verbreitet, zudem  nicht selten veraltet.

Monster.de: Welche Berufe werden aussterben? Welche wird es auch 2050 noch geben?

2050 ist wirk­lich zu weit gedacht. Man kann meiner Meinung nach nur noch auf Sicht von 5- bis maximal 15 Jahren denken, ersters ist in schnell­dre­henden Bran­chen wie IT, letz­teres dort, wo es gemäch­li­cher zugeht. Aber es wird ein ganz neues System geben: Nicht mehr den einen Beruf, sondern eine Kombi­na­tion aus Ausbil­dungen, die den Job ausmacht und Arbeits­platz­si­cher­heit garan­tiert. Der Alten­pfleger ist z.B. ein schlecht bezahlter Job, mit Pfle­­ge­­ma­­na­ge­­ment- und Fach­jour­na­lis­ten­stu­dium entsteht ein neues Berufs­bild. Das wird in ganz vielen Berei­chen so sein. Die Frage heute ist also heute mehr: Wie modular ist eine Ausbil­dung? Wie gut kombi­nierbar?

Woran erkennt man einen zukunfts­si­cheren Beruf?

An dieser Kombi­nier­bar­keit, und die ist unter­schied­lich gut. Ein Koch kann mit Studium Account Manager in der Gastro­branche werden. Ich würde auch sagen, dass inhal­t­­lich-fach­­liche Ausbil­dungen und Studi­en­gänge einen Vorteil gegen rein bildenden haben, da sie sich mit Manage­ment und Methoden kombi­nieren lassen, siehe den Alten­pfleger. Auch Studi­en­gänge, die das Denk­ver­mögen prägen, siehe u.a. Physik, sind zwar selten berufs­vor­be­rei­te­tend, aber nichts­des­to­trotz ein gutes Funda­ment.

Monster.de Welche Studi­en­gänge und Ausbil­dungen haben Poten­zial und welche nicht?

Ich plädiere für eine breite Ausbil­dung am Anfang und bin gegen die zu starke Bran­chen­spe­zia­li­sie­rung. Auf einem breiten Funda­ment kann man viel besser bauen, man bleibt kompa­tibel. Also im Zweifel lieber Wirt­schafts­in­ge­nieur (in Zukunft meines Erach­tens trotz großer Beliebt­heit aufgrund der Tech­ni­sie­rung im Zweifel besser als BWL) als Wein­be­triebs­wirt­schafts­lehre, es sei denn man will das Gut des Vaters über­nehmen und ist sicher, die nächsten 10–15 Jahre nur mit Wein zu tun haben zu wollen.

Monster.de: Wie kann man schon vor dem Studium heraus­finden, ob ein Beruf wirk­lich zu einem passt?

Ich halte auspro­bieren für eine gute Lösung. Lieber zwei, drei Mal abbre­chen als etwas nicht Passendes durch­ziehen. Wer sich gar nicht finden kann, sollte arbeiten, ein halbes Jahr, ein Jahr. Bei mindes­tens 67 Jahren Renten­ein­tritts­alter kann man sich locker Zeit lassen.

Monster.de: Muss heute jeder Akade­miker werden oder kann man auch mit einer Ausbil­dung erfolg­reich werden?

Es kommt darauf an. Ich sehe kauf­män­ni­sche Ausbil­dungen aufgrund der dualen Konkur­renz kritisch. Schon jetzt merkt man ein Down­gra­ding. Auf Stellen, die früher mit kauf­män­ni­schen Ange­stellten besetzt worden sind, rekru­tiert man nun Akade­miker. Seit 2003 stagnieren die Gehälter von Menschen mit Ausbil­dung. Anders sehe ich das im Hand­werk, da könnte ich mir Revival sehr gut vorstellen, vor allem in kleinen und mittel­stän­di­schen Betrieben, denn in Konzernen wütet das Monster Arbeit­neh­mer­über­las­sung und Zeit­ar­beit leider auch im MINT-Bereich, also bei den gerne gehypten tech­ni­schen Berufen. Man muss jeden Einzel­fall betrachten. Gut ist prak­ti­sche Ausbil­dung z.B. bei Physio­the­rapie. Da hat das Muster erst prak­ti­sche Ausbil­dung, dann Studium einen klaren Vorteil – im Zweifel dual.

Welche Berufs­wahl­test im Internet sind zu empfehlen?

Gar keine. Ich rate ab. Tests nur mit jemand machen, der sich wirk­lich auskennt, das einschätzen und das Kind “auffangen” und ihm einor­denen helfen kann. Ohne persön­li­ches Auswer­tungs­ge­spräch über­for­dert man junge Menschen. Berufs­emp­feh­lungen sind öfter aus den 1970er Jahren und beruhen auf ameri­ka­ni­schen Vorbil­dern.  Ich habe Menschen beraten, die sich aufgrund einer solchen Empfeh­lung z.B. durch Jura gequält haben. Es ist ein Unter­schied, ob sich ein reflek­tierter 40jähriger selbst testet oder ein völlig uner­fah­rener 16jähriger.

Monster.de Wie weiß man, ob ein Beruf als Selbst­stän­diger für einen geeignet ist? Kann man direkt nach der Ausbil­dung damit starten, oder sollte man erst ein paar Jahre Erfah­rung machen?

Ja, bitte Erfah­rung sammeln, es sei denn man ist der Richard-Branson-Typ. Ein eigenes Unter­nehmen neben dem Studium führen, kann aber eine sehr gute Idee sein – für eine spätere große Selbst­stän­dig­keit und zum Sich-Auspro­­bieren.

Monster.de: Was kann ich tun, wenn mir Studium/Ausbildung zwar Spaß gemacht haben, ich aber im Job keine Freude habe?

Erst mal prüfen, was davon mit einem selbst und viel­leicht zu hohen Erwar­tungen zu tun hat. Und  wenn es wirk­lich nur der Job ist: Wech­seln, unbe­dingt.

Monster.de: Hunger­­lohn-Traumjob oder doch lieber einen Job mit finan­zi­eller Sicher­heit wählen?

Schwie­rige Frage: Man muss sich klar sein, dass inhalt­lich span­nende Jobs oft eine Kehr­seite haben: miese Bezah­lung. Umge­kehrt bekommen Versi­che­rungs­ver­treter, zum Beispiel, auch eine Art Schmer­zens­geld. Was ist wich­tiger für Sie persön­lich ist die entschei­dende Frage?

Monster.de: Man ist schon seit Jahren im Beruf, wollte aber schon immer was anderes machen. Wann ist ein guter Zeit­punkt sich umzu­ori­en­tieren. Wann ist es zu spät dafür?

Es ist nie zu spät, außer viel­leicht für Medizin mit 55. Ich habe eine Verwandten, der hat mit 75 sein Psycho­­logie-Diplom erhalten. Why not? Die modu­leren Bachelor- und Master­stu­di­en­gänge, die bei uns leider noch nicht so flexibel kombi­nierbar sind wie sie sein sollten, sind klasse für häufi­gere Kurs­wechsel.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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