Kate­go­rien

Fach­kräfte? Ja, wo fehlen sie denn?

Published On: 27. November 2010Cate­go­ries: Führung

Letzte Woche gab es viel Aufre­gung um eine Studie des DIW, die den Arbeit­ge­bern so gar nicht will­kommen war. Demnach gäbe es gar keinen Fach­kräf­te­mangel — wie die Indus­trie behauptet. Der Autor der Studie, Karl Brenke, führt an, dass etwa im Bereich Maschi­nenbau die Absol­ven­ten­zahlen auch dauer­haft so gut seien, dass der Bedarf lang­fristig mehr als gedeckt sein dürfte. „Ich sehe, dass wir gerade im natur­­wis­­sen­­schaf­t­­lich-tech­­ni­­schen Bereich und im Inge­nieurs­wesen in einem Maße ausbilden, dass wir in kurzer Zeit die Studi­en­ab­sol­venten gar nicht auf dem deut­schen Arbeits­markt unter­bringen werden.“

Könnte es sein, dass sich da Wunsch­denken der Indus­trie in ihren Nach­wuchs­sorgen spie­gelt? Aber ja! Noch nie gab es einen wirk­li­chen Fach­kräf­te­mangel. Es gibt ledig­lich zeit­weise gefrag­tere Fach­kräfte, die in der glück­li­chen Lage sind, zwischen mehreren Joban­ge­boten wählen zu können. Das betrifft aber nur jene winzig kleine Minder­heit von Menschen bei denen (zeit­weise) alles stimmt: Ausbil­dung, Erfah­rung, Kennt­nisse, Aktua­lität der Kennt­nisse, Persön­lich­keit, Alter, Gehalts­ni­veau. Die Mehr­zahl der Fach­kräfte, auch in den MINT-Berufen, sucht nach wie vor lange nach neuen Jobs. Das hat verschie­dene Ursa­chen.

Nicht gesuchte Fach­kräfte

Es gibt in vielen Berei­chen einen klaren Fach­­kräfte-Über­­­schuss. Zu viele Bewerber finden sich nach wie vor in der HR, im Marke­ting und der Unter­neh­mens­kom­mu­ni­ka­tion. Beispiel: 40 Bewer­bungen, keine Einla­dung bei einer Marke­ting­mit­ar­bei­terin. Oder: 300 Bewer­bungen auf eine Pres­se­re­fe­ren­ten­stelle.

Wer von Fach­kräften spricht meint sicher nicht solche, sondern Wirt­schafts­in­for­ma­tiker, Infor­ma­tiker, Inge­nieure bestimmter Diszi­plinen wie Maschi­nenbau sowie manche Mathe­ma­tiker und Physiker sowie manche Natur­wis­sen­schaftler. Wer dagegen pauschal Natur­wis­sen­schaftler als gesuche Spezies dekla­riert, vergisst, dass es eine Zwei-Klassen-Gesel­l­­schaft unter den Absol­venten gibt. Zur zweiten Klasse gehören Biologen, Chemiker ohne Doktor­titel, Geologen etc.

Jung, gut und erfahren müssen sie sein

Aber auch in den gefragten MINT-Berufen gibt es hop und top. Top: Eine aktuell ausge­bil­dete und junge Infor­ma­ti­kerin mit Berufs­er­fah­rung in einem gefragten Bereich bekommt auf 10 Bewer­bungen wahr­schein­lich 8 oder sogar 9 Vorstel­lungs­ge­spräche. Flop: Ein eben­falls junger Infor­ma­tiker, der zwei Jahre in einer Behörde gear­beitet hat, in einem Umfeld, wo er nicht das aktu­ellste Wissen aufbauen konnte.

Was gesucht ist, verän­dert sich

Es gibt gesuchte und weniger gesuchte Quali­fi­ka­tionen unter den Fach­kräften, wiederum auch in den MINT-Berufen. Und welche Themen gerade gefragt sind, verän­dert sich ständig. Derzeit punktet man mit Busi­ness Intel­li­gence. Doch wie lang? So lange bis sich ein neues Thema abzeichnet oder sich genü­gend Menschen in diesem Bereich quali­fi­ziert haben.

Die Sache mit dem Alter

„Für Sie haben wir nichts“, sagte der Fall­ma­nager meinem Kunden. Und das ist spezi­fisch. Alle, die sich in ihrer Fach­tä­tig­keit, auch in MINT, weit über die 60.000 Euro-Jahres­­­grenze entwi­ckelt haben, finden nur dann etwas Neues wenn sie a.) eine zufällig gerade sehr gesuchte Quali­fi­ka­tion haben, b.) sie in einer zufällig gerade boomenden Branche arbeiten oder c.) neben Fach- auch Metho­den­wissen da ist.

Fazit: Herr Brenke hat recht. Es gibt derzeit keine wirk­li­chen Mängel­be­reiche, nur Bereiche, in denen ein bestimmter Bewer­bertyp – entweder Jung und spezia­li­siert oder mittelalt und mit Bran­chen­wissen ausge­stattet — derzeit eine hohe Einla­dungs­quote zum Vorstel­lungs­ge­spräch hat. Und es gibt Arbeit­geber, die am liebsten den perfekten Bewerber hätten, in den gefragten Berei­chen aber Abstriche machen müssen. Übri­gens: Die einfachsten Maßnahmen bei akutem Bedarf kosten kaum etwas und verlangen kein Anwerber auslän­di­scher Arbeit­nehmer: 1. schlechter Quali­fi­zierte quali­fi­zieren, 2. auslän­di­sche Abschlüsse aner­kennen. Mir jeden­falls begegnen eine Menge Menschen in MINT- Berufen, die nur den einen Makel haben: Ihr Abschluss ist bei uns nichts wert.

Beitrag teilen:

Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

Folgen Sie mir gerne auf Youtube und wenn Sie nichts verpassen wollen auch bei Linkedin.

 

7 Kommen­tare

  1. Enrico Brie­gert 28. November 2010 at 6:15 — Reply

    Sehr häufig wird der demo­gra­phi­sche Wandel als Ursache für zukünf­tigen Fach­kräf­te­mangel ange­führt. Die Einwoh­ner­zahl in D wird bis 2050 um ca. 10 Mio. abnehmen. Damit nimmt der verfüg­bare Pool an Mitar­bei­tern ab. Nur entsteht daraus auch ein Fach­kräf­te­mangel?
    Schrump­fende Einwoh­ner­zahlen in D bedeuten auch schrump­fende Märkte in D. Allein deshalb wird auch der Bedarf an Mitar­bei­tern entspre­chend abnehmen.
    Auch die aktu­ellen Handels­über­schüsse werden sich nicht dauer­haft fort­schreiben lassen. Und schließ­lich werden die globalen Unter­nehmen auch ihre F&E und Marke­­ting-Zentralen stärker in die Boom­re­gionen verla­gern.
    Neben der sinkenden Nach­frage auf dem Heimat­markt (gilt auch für den euro­päi­schen Markt) wird auch die Globa­li­sie­rung von F&E und Marke­ting­ak­ti­vi­täten den Bedarf an Fach­kräften mindes­tens an die schrump­fende Bevöl­ke­rungs­zahl anpassen.

  2. Svenja Hofert 29. November 2010 at 10:00 — Reply

    Hallo Herr Brie­gert,
    hinzu kommt die fort­schrei­tende Globa­li­sie­rung und Tech­ni­sie­rung. Lese gerade das Buch von Guenter Dueck “Aufbre­chen. Warum wir eine Exzel­lenz­ge­sell­schaft brau­chen”. Er beschreibt hier das Ende der Dienst­leis­tungs­ge­sell­schaft — und eine Konse­quenz ist ganz sicher, dass bisher bekannte Jobs wegfallen. Auch ein Teil der derzeit gesuchten. LG Svenja Hofert

  3. Rainer Siedler 30. Dezember 2010 at 17:18 — Reply

    Ein sehr gut geschrie­bener Artikel. Wie Sie voll­kommen richtig vermuten, bezieht sich der “Mangel” nur in dem sehr engen Bereich von Mint-Spezia­­listen zwischen 30 und 35Jahren. Dies zeigt ein kurzer Blick in die Anfor­de­rungen bei den Jobbörsen: 5Jahre Berufs­er­fah­rung sind gefor­dert — nicht mehr. Diese Personen sind noch billig genug. Viel­fach stammen diese Ange­bote auch nur von Zeit­ar­beits­firmen, die anderen Aufträge abjagen könnten und damit nur Jobs auf andere Personen verla­gern würden, aber keine ZUSÄTZLICHE Stelle haben. Alles eine Fata­mor­gana. So wie es der DIW beschrieben hat

  4. Erich Feld­meier 3. Januar 2011 at 13:30 — Reply

    Danke für die Beiträge, die alle ihre Berech­ti­gung haben; ich möchte nur auf den Passus Fazit eingehen.
    So einfach ist es in der Praxis nicht, wenn weitere Aspekte davon betroffen sind;

    1. es ist schlichtweg unmög­lich, das was in 40 Jahren verpennt wurde, in wenigen Jahren nach­zu­holen
    (ich erin­nere an die sog. Schwei­­ne­­zy­klen-Diskus­­sionen, die *‘wir’* bereits das hundertste Mal führen,
    aber immer wieder noch nicht auf BREITER BASIS verin­ner­licht bzw. umge­setzt haben
    das hat mit geis­tes­wis­sen­schaft­li­chem Erfah­rungs­wissen zu tun…

    http://.iiQii.de/gallery/VictimsOfGroupThink/ProduktionsfaktorMitLangerLieferzeit_weiterbildungsblog_de
    http://ed.iiQii.de/gallery/VictimsOfGroupThink/BevoelkerungsentwicklungD_wikipedia_org
    http://ed.iiQii.de/gallery/VictimsOfGroupThink/WolfgangFranz_zew_de
    http://ed.iiQii.de/gallery/VictimsOfGroupThink/Hochzeit_wikipedia_org
    http://ed.iiQii.de/gallery/search.php?searchstring=schweinezyk
    http://ed.iiQii.de/gallery/search.php?searchstring=demograph

    Wie immer warne ich vor eindi­men­sio­nalen Erklä­rungs-/Lösungs-Versu­chen!
    Neuro­bio­lo­gisch lässt sich die sog. psycho­lo­gi­sche Diskre­panz zwischen linearer Wahr­neh­mung und expo­nen­ti­ellen Vorgängen
    recht plau­sibel erklären:
    http://ed.iiQii.de/gallery/Die-iiQii-Philosophie/GerdEisenbeiss_fv_sonnenenergie_de
    http://ed.iiQii.de/gallery/VictimsOfGroupThink/DanielGilbert_danielgilbert_com

    2. in KMU Unter­nehmen helfen (leider) auslän­di­sche Abschlüsse nicht unbe­dingt weiter, weil Geschäfts­partner, Kunden etc. nicht von heute auf morgen alle englisch-globa­­li­­siert sind

    3. die Werte und die Gesell­schaft ändern sich, vgl.
    http://www.faz.net/s/RubEC1ACFE1EE274C81BCD3621EF555C83C/Doc~ED6D8568ECE6E452682C308FC37D9C56D~ATpl~Ecommon~Scontent.html

    4. Nach­frage und Binnen­konsum und Export von hoch­qua­li­fi­zierten Dienst­leis­tungen & Hoch­­­qua­­li­­täts-Produkten sind durchaus verschiedne Dinge
    und können sich entge­gen­ge­setzt verhalten

    Inno­va­tive Grüße,
    EF

  5. Maex­chenS­tefan 28. Januar 2011 at 11:15 — Reply

    Hinsicht­lich der Aner­ken­nung auslän­di­scher Abschlüsse und Quali­fi­ka­tionen sollte ggf. noch klar­ge­stellt werden, daß diese Abschlüsse bei uns in Deutsch­land formal nichts wert sind. Es gibt indes auch zuhauf die Situa­tion, daß auch deut­sche Abschlüsse auf dem deut­schen Arbeits­markt nichts wert sind; und zwar im fakti­schen Sinne. Ich selbst kann als davon Betrof­fener wahr­lich “ein Lied davon singen.”

  6. Erich Feld­meier 20. Oktober 2011 at 23:08 — Reply

    In der deut­schen Wirt­schaft werden derzeit 38.000 IT-Experten gesucht. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl der freien IT-Arbeits­­plätze um 10.000 ange­stiegen, ein Zuwachs um 36 Prozent. Das ist das Ergebnis einer Studie, für die das Meinungs­for­schungs­in­stitut Aris 1.500 Geschäfts­führer und Perso­nal­leiter von Unter­nehmen unter­schied­li­cher Bran­chen befragt hat. Die Studie wurde vom IT-Bran­chen­­ver­­­band Bitkom in Auftrag gegeben.
    Soft­ware­ent­wickler:
    http://www.golem.de/1110/87203.html

  7. […] sich in einer fremden Branche und wundern sich gerade über die hohe Zahl der Absagen? Trotz Fach­kräf­te­mangel und obwohl Sie ein erfolg­rei­cher Manager sind? Dieser Beitrag liefert Ihnen die Erklä­rung – und […]

Leave A Comment