Kate­go­rien

Fauler Beru­­fungs-Zauber: An welchen Lock­rufen Sie Schar­la­tane erkennen — und wie Sie Neuori­en­tie­rung richtig begleiten

Published On: 24. Januar 2017Cate­go­ries: Aktuell

Was ich kann, das kannst du auch! Vertrau dir, liebe dich selbst, folge deinem Ruf, deiner ange­bo­renen Bestim­mung, du kannst alles, du musst nur machen/wollen/anfangen. Geht es Ihnen gut, wenn Sie das lesen? Fühlen Sie sich moti­viert? Dann lesen Sie jetzt besser nicht weiter. Es könnte Ihnen nicht gefallen.

Gestern bin ich wieder auf so ein Video gestoßen, das erschre­ckend oft geklickt wird. Da stellt sich eine „Coach“-Frau in den Garten oder vor das Meer und lässt in insta­bilen Charak­teren die Sehn­sucht aufkommen, all das auch haben zu wollen: “Ich habe alle das, du kannst das auch haben”. Das so etwas wirkt, ist leicht nach­voll­ziehbar: Wenn ich bei anderen größere Besitz­tümer oder mehr Frei­heit sehe, will ich die auch. Niemand will anderen nach­stehen. Das Internet weckt da ganz neue Begierden. Wir sehen ja nicht mehr nur den Nach­barn.

Coachs als Prediger und Heils­ver­spre­cher

Die Coachs, die solche Sequenzen drehen, arbeiten ganz bewusst mit sich selbst und vermeint­li­chen Ähnlich­keiten. Sie etablieren ein Geschäfts­mo­dell, das ganz beson­ders gut funk­tio­niert, wenn Menschen sich voll mit einer Person iden­ti­fi­zieren. Denn je mehr sie das tun, desto eher werden sie deren Anlei­tungen Folge leisten. Wer aber Anlei­tungen Folge leistet anstatt auf sich zu hören, betreibt Selbst­ver­leug­nung. Coachs werden so zwar zu Predi­gern, denen man gebannt zuhört und Folge leistet. Mit Coaching hat das nichts mehr zu tun, das ist Mani­pu­la­tion. Bewusst oder unbe­wusst.

Eine wirk­liche beruf­liche Neuori­en­tie­rung würde eine andere Heran­ge­hens­weise erfor­dern:

  • Zunächst müsste es darum gehen, an den “Inter­es­sen­kern” (ich finde den Ansatz des “inner core” nach Deci/Ryan sinn­voll) der Persön­lich­keit zu kommen. Dieser ist ganz eng mit der Persön­lich­keit und ihren Bewer­tungen gekop­pelt (mag ich/mag ich nicht). Dazu gibt es unter­schied­lichste Methoden, z.B. aus der Biogra­fie­ar­beit. Sie alle aber kosten Zeit.
  • Inter­essen sind weiterhin undenkbar ohne den Einfluss weiterer Persön­lich­keits­bau­steine zu betrachten (Motive, Eigen­schaften, Fähig­keiten und soziale Inter­pre­ta­tionen). Wer diese in die Bera­tung einbe­zieht, bekommt ein viel klareres Bild. Und das hilft enorm — gerade auch Menschen, die bisher nur eine Seite betrachtet haben. Hier kann man mit Tests arbeiten, aber das allein reicht sicher nicht. Hier hilft das Modell der New Big Five nach Dan McAdams sich die verschie­denen Schichten bewusst zu machen.
  • Werte sind Hand­lungs­im­pulse, die sich aus Motiven ergeben. Sie bestimmen die Rich­tung von Hand­lung. Sie lassen sich am ehesten  verän­dern, wenn man die zugrunde liegenden Motive betrachtet. Daraus wiederum entsteht Moti­va­tion etwas zu tun. Hier nutze ich selbst einen dialek­ti­schen Ansatz, gerade wenn Menschen stagnieren. “Einfa­ches Coaching” würde bedeuten, die Bedürf­nisse so zu nehmen wie sie sind und dann zu schauen “wo passt das?”. Das kann Sinn machen, reicht aber oft nicht bzw. genau darin liegt die Blockade. Beispiel: Jemand sucht nach Fremd­a­ner­ken­nung, es fehlt eben der inner core. Dann gilt es “die andere Seite” zu stärken, durch bewusste Wahr­neh­mungs­schritte und konkrete Übungen.
  • Wenn Menschen sich über Jahre nicht verän­dert haben und sich (zum Beispiel) selbst nicht lieben, hat das einen Grund. Emotio­nale Muster hindern; es gilt diese aufzu­lösen bzw. neu zu stri­cken. Das dauert und ist oft besser in einem thera­peu­ti­schen Prozess aufge­hoben.

Kurzum: Ein “Beru­fungs­coa­ching” ist oft ziem­lich psycho­lo­gisch und nur dann etwas Einma­liges, wenn jemand keinen Ballast mit sich rumschleppt (was selten ist) oder sich schon sehr lange mit etwas beschäf­tigt hat — der Coach also nur noch etwas hervor­holt bzw. verba­li­siert und veran­kert, was schon auf der Zunge und im Herzen liegt.

Es reicht in aller Regel nicht, Menschen zuzu­rufen “du muss nur wollen und alles ist möglich”. Stellt man sich das “Selbst” als Haus vor, das man von außen betrachtet, so sind oft viele Fenster geschlossen. Vieles sieht man gar nicht. Einiges erkennt man intel­lek­tuell, aber kann kein Handeln produ­zieren, keine Konse­quenzen ableiten. Beruf­liche Neuori­en­tie­rung hat viel mit Fens­ter­öffnen und Licht­ma­chen zu tun. Eine solche Öffnung lässt sich durch die Arbeit mit Emotionen errei­chen, aber nicht durch das Herum­werfen mit Glücks­for­meln. Dass viele der alles-easy-Coachs mit der modernen Hirn­for­schung argu­men­tieren, zeigt nur eins: wie leicht man Nicht­wissen verkaufen kann.

Heim­liche Narzissten…suchen Bewun­derer

Nichts gegen Narzissmus: Ein gewisser Narzissmus fördert den beruf­li­chen Erfolg – aber nur den der Coachs, nicht ihrer Kunden. Die Kunden haben andere Eigen­schaften, andere Motive und sind z.B. weit weniger narziss­tisch. Wer über psycho­lo­gi­sches Grund­wissen verfügt, vor allem aber wer Respekt vor Menschen hat, dem müsste das alles bewusst sein. Er sollte auch wissen, dass nicht jeder alles kann und auch nicht alles möglich ist.

Der Wunsch nach beruf­li­cher Neuori­en­tie­rung, die so viele Menschen lockt, schleppt ganz oft ein psycho­lo­gi­sches und nicht selten thera­peu­ti­sches Thema hinter sich her. Da sind Leute im  Unreinen mit sich selbst, fliehen vor Konflikten oder den eigenen Schatten. Ich behaupte: Beruf­liche Neuori­en­tierer suchen oft nicht die Reali­sie­rung eines lang gehegten Traums, sondern flüchten vor der eigenen Entwick­lung. Ein Indi­kator für eine solche Flucht ist die Suche nach einer abso­luten Wahr­heit – und zwar der eines anderen! Der Narzisst und der Suchende – eine Paarung, die aufgeht. Auch im nicht-beruf­­li­chen Kontext finden sich häufiger Narzissten und depen­dente Persön­lich­keiten als Paar wieder.

Die Verant­wor­tung geben diese Leute an den Coach, und dieser nimmt sie gerne an. Auch, wenn er auf seiner Website schreibt „ich nehme dich nur an, wenn du wirk­lich willst“. Damit baut er psycho­lo­gi­schen Druck auf und sichert sich Leute, die seinen Guru-Status unkri­tisch annehmen. Doch Menschen, die unre­flek­tiert die Botschaften eines Beru­fungs­pre­di­gers in sich aufnimmt, sind nicht in der Lage, eigene Entschei­dungen zu treffen. Jemand das zu sagen und einen Auftrag abzu­lehnen — das wäre wirk­lich verant­wor­tungs­volles Verhalten.

Suche Traum­job­pro­du­zenten

Wer verant­wor­tungs­voll mit Menschen umgeht, muss Dilem­mata thema­ti­sieren. „Aber wenn der Klient zu mir kommt, dann will er doch beruf­lich etwas anderes machen. Dann kann es doch nicht meine Aufgabe sein, so etwas anzu­spre­chen“, höre ich manchmal von Teil­neh­mern meiner Semi­nare. Doch! Wenn ich spüre, dass da jemand vor einem Konflikt wegläuft und ein vermeint­li­cher „Traumjob“ ihm nur das alte Muster wieder vor Augen halten wird, muss ich das anspre­chen. Was der Klient dann daraus macht, ist seine Entschei­dung. Aber ich darf mich nicht als Traum­job­pro­du­zent miss­brau­chen lassen. Ich kann manchmal nicht vermeiden zur Projek­ti­ons­fläche zu werden — jedoch muss ich das ausspre­chen.

Einige Anbieter von Coaching handeln nicht bewusst mani­pu­lativ, sondern im besten Wissen und Gewissen. Sie wissen nicht, was sie tun, da sie gar nicht wissen, wie sie selbst funk­tio­nieren. Nicht wenige glauben ehrlich richtig zu liegen, wenn sie behaupten, alles sei möglich…

Natür­lich ist vieles möglich: Man kann sein Denken beein­flussen und sich verän­dern. Aber: Das alles passiert nie an einem Tag. Wer mit Menschen arbeitet, dem muss das klar sein. Er muss wissen, das Verän­de­rung mühsam ist. Und das Umlernen lange dauert — eben auch mit Blick auf die Arbeits­weise des Gehirns. Ihm oder ihr muss klar sein, dass der Zauber des Anfangs leicht ausge­löst ist, aber ebenso schnell verfliegt. Wenn Beru­fungs­coachs Work­shops anbieten oder einma­lige Sitzungen, dann sind sie fein aus den Schwie­rig­keiten raus, die spätes­tens bei der dritten Stunde fast zwangs­läufig auftau­chen, dann nämlich, wenn der Klient arbeiten muss, auch an sich. Es ist legitim nur einen Work­shop anzu­bieten, es ist aber verant­wor­tungslos, nicht darauf hinzu­weisen, dass  nach der Moti­va­ti­ons­spritze entweder alles im Alten verläuft oder nach einem Rauf und Runter der alte Zustand wieder ange­steuert wird.

Was sind die Konse­quenzen? Bera­tungs­su­chenden empfehle ich: Wenn Sie merken, dass sie nicht stabil sind, machen sie eine Therapie und suchen Sie nicht nach Coaching. Der Wunsch nach einfa­chen Lösungen ist mensch­lich, aber größere beruf­liche Verän­de­rungen bewäl­tigt man nicht mit einem Finger­schnipp. Bleiben Sie kritisch: Seien Sie vorsichtig bei emotio­naler Sprache, die die Grenzen der Nähe über­tritt – von hier ist es nicht weit zur Werte-Indo­k­­tri­na­­tion. Schauen Sie genau hin: Erfah­rung und Ausbil­dung eines Coachs können wich­tige Indi­ka­toren sein, mindes­tens eins von beiden sollte ausge­prägt vorhanden sein. Noch wich­tiger aber ist die Haltung zum Menschen und zur Arbeit mit Menschen. Sie sollte von Respekt geprägt sein.

Wenn Sie sich wirk­lich verän­dern wollen, suchen Sie jemand, der Sie flexibel und auf Sie abge­stimmt abholen kann. Der klar sagt, wo Grenzen sind. Der nichts verkauft, nur weil er für etwas akkre­di­tiert ist. Der möglichst viele unter­schied­liche Methoden und Heran­ge­hens­weisen kennt, denn das fördert Konstrukt-Bewuss­t­heit und damit Unab­hän­gig­keit. Denn: Ein guter Coach und Berater wendet Methoden nicht um der Methode willen an, sondern mit Blick auf den Menschen. Er kennt verschie­dene Konzepte, behält aber zu allen eine kriti­sche Distanz. Er handelt nach bestem Wissen, aber auch Gewissen. Er wird sich immer an ethi­schen Prin­zi­pien orien­tieren. Vor allem aber wird er nie seine eigenen Werte über andere stülpen.

Zum Thema Beru­fung “Beru­fung — ein Abge­sang in 5 Akten” habe ich bereits hier geschrieben. Auch den diese Woche erschienen Xing-Artikel von Bernd Slag­huis kann ich empfehlen.

Coachs und Berater, die meinen Ansatz mögen und mehr erfahren möchten, sind einge­laden zu meinen Kursen “Karrie­re­ex­perte Profes­sional” (nächster Termin 9.–11.3.2017) und “Menschen entwi­ckeln: Psycho­logie für Coachs, Berater, Führungs­kräfte” (5./6.5.2017).

Beitrag teilen:

Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

Folgen Sie mir gerne auf Youtube und wenn Sie nichts verpassen wollen auch bei Linkedin.

 

4 Kommen­tare

  1. Melanie Kalten­bach 28. Januar 2017 at 18:35 — Reply

    Groß­artig! Danke!!

  2. Tobias 30. Januar 2017 at 10:01 — Reply

    Jaja, in der Coaching­szene tummelt sich ne Menge “folks”.
    Ich habe aber noch ne Frage:
    Wie schreibt Frau eigent­lich “unge­fähr 35,4 Bücher”?
    🙂

  3. Dr. Manuela Sekler 30. Januar 2017 at 15:02 — Reply

    Ein hilf­rei­cher und diffe­ren­zierter Beitrag, der mir aus dem Herzen spricht. Vielen Dank!

  4. Michael Möller 4. Februar 2017 at 13:19 — Reply

    Der Beitrag trifft es sehr poin­tiert. Das Bild oben sollte man als Grafik unter die Videos der beschrie­benen Person(en) posten 🙂

Leave A Comment