Kate­go­rien

Frauen verdienen lebens­lang 50% weniger als Männer – und andere Über­ra­schungen in Sachen Gehalt

Published On: 14. Februar 2014Cate­go­ries: Mensch & Orga­ni­sa­tion

Gehalt – seitdem ich diesen Job mache, seit etwa 15 Jahren also, hat sich da eine Menge getan. Zum Guten für die einen; zum schlechten für die anderen. In meiner Karrie­­ree­­coach-Weiter­­bil­­dung ist ein Rate­spiel inte­griert, ich zeige fünf Lebens-Gehalts­­kurven und frage, welche zu welchem Jobbild gehört. Hinter meinen Kurven steht Erfah­rungs­wissen aus meiner Praxis mit  typi­schen Gehalts­ver­läufen, die Karrie­re­be­rater kennen sollten:

  1. Die eine zeigt einen steten Anstieg über 10, 15 Jahre und dann einen steilen Abstieg: erst konstant rauf, dann gerade runder, dann wieder lang­samer rauf. Das ist mein Konzern­ver­lauf: stei­gende Gehälter über den Markt­durch­schnitt bei Dauer­zu­ge­hö­rig­keit – mit früher oder späteren Entlas­sungs­sze­na­rien, siehe jüngst Unilever.
  2. Die nächste zeigt eine dauer­hafte Seit­wärts­be­we­gung. Die sieht man in vielen mitt­leren Jobs ohne Spezia­li­sie­rung, von Finance über Personal bis Marke­ting. Man pendelt so zwischen 40.000 und 60.000 EUR, wobei Finance meist etwas besser dasteht (derzeit).
  3. Die nächste Kurve zeigt eine Abwärts­be­we­gung und bezieht sich auf belas­tete Bran­chen. Dazu zähle ich bran­chen­tech­nisch gesehen Bildung, Kultur, Medien, Tourismus und bereichs­spe­zi­fisch Marke­ting, PR und gene­rell Kommu­ni­ka­tion. Trifft beides zusammen, errei­chen selbst Akade­miker in ihrem ganzen Leben nie die 50.000 EUR brutto.
  4. Die vierte zeigt eine Aufwärts­be­we­gung bis zum 35. Lebens­jahr und dann ein stetiges Bergab. Das sind die gut ausge­bil­deten Frauen, die das erste Kind immer noch so “mitnehmen”, sich vom zweiten aber meist in schlechter bezahlte Jobs “bringen” lassen.
  5. Die steilste Aufwärts­be­we­gung symbo­li­siert meine letzte Kurve. Die bezieht sich auf alle tech­nik­nahen Bereiche, bei denen die Arbeit­nehmer in der Lage waren, ihr Profil konse­quent zu entwi­ckeln, also z.B. vom Fach­be­reich ins Projekt zu gehen und/oder in die Führung.

Aufgrund dieser Tendenzen über­ra­schen mich die Aussagen der jüngsten Studie nicht. So steigen Gehälter nach dem 45. Lebens­jahr bei Fach­kräften kaum an.

Auch bei Führungs­kräften gibt es nicht mehr selbst­ver­ständ­lich stetige Stei­ge­rungen. Das Wort Gehalts­stei­ge­rung ändert sich immer mehr in Gehalts­kurve.  Das war vor 10 Jahren noch anders, da konnte man Tipps geben wie „beim nächsten Job verhan­deln Sie immer 10–15% mehr“. Scheint mir inzwi­schen naiv und ist so pauschal natür­lich immer schon Unsinn gewesen.

abschlussgehalt

aus Studie: compensation-online.de

Nicht über­ra­schend: Je höher der Bildungs­ab­schluss, desto höher das Gehalt. Uni und Master sind demnach immer noch deut­lich mehr Wert als FH und Bachelor (oder Uni-Bachelor). Die Ausbil­dung wirkt sich klar und eindeutig auf die Gehalts­ent­wick­lung aus — wobei ich mich frage, wie das aussieht, wenn die Studi­en­quote 40% betragen wird, also in nicht so ferner Zukunft.

berufe

aus Studie compensation-online.de

Bei dem Chart über den Zusam­men­hang von Studi­en­rich­tung und Gehalt haben sich die Autoren ganz offen­sicht­lich vertan, denn Wirt­schafts­wis­sen­schaften tauchen zwei Mal auf: einmal als grüne Kurve mit Quadraten (schlech­terer Verlauf) und einmal ohne (besserer Verlauf). Ich vermute, dass eher der schlech­tere Verlauf aktuell zutref­fend ist.

studienrichtung

aus Studie compensation-online.de

Unbe­strit­tene Tatsache: Sozial- und Geis­tes­wis­sen­schaften sind am Markt viel weniger Wert. Meine These: Das wird sich ändern, wenn z.B. mehr Menschen mit Mix-Abschlüssen wie Wirt­schaft & Philo­so­phie (Philo­sophy & Econo­mics) auf den Markt streben. Dann wird man merken, dass in Sachen abstraktes und weit­sich­tiges Denken so ein Mensch besser geschult sein wird als ein reiner Zahlen­dreher.

branchen

aus Studie compensation-online.de

Bei den Bran­chen über­rascht nicht, dass Pharma immer noch weit vorne liegt. Die Verlierer sind Dienst­leis­tungen – vor allem für Leute über 40 eine gehalts­mä­ßige Sack­gasse.

Berufs­spe­zi­fisch haben die die Nase vor, die viel und lang­jährig Spezi­al­wissen aufge­baut haben, etwa Ärzte – sowie die guten Verkäufer, die nach ein paar Jahren vor allem von Kontakten zehren. Was erklärt, dass Bran­chen­wechsel hier manchmal schwer sind (meine Erfah­rung).

geschlecht

aus Studie compensation-online.de

Alles in allem benach­tei­ligen diese Entwick­lungen Frauen: Die streben immer noch mehr in die Dienst­leis­tung, meiden immer noch Technik und IT. Mit weit­rei­chenden Folgen: Weib­liche Fach­kräfte bleiben ihr Leben lang unter 40.000 EUR und männ­liche liegen fast 20.000 drüber. Auch bei den Führungs­kräften haben Frauen das Nach­sehen..

Apropos Gender Pay Gap. Da war mal offi­ziell von 23% die Rede, mir schien das immer wenig. Das sind 50% Unter­schied. Ich finde das (leider) realis­tisch und sehe nach wie vor, dass die Jungs das Thema Geld schneller und sicherer auf den Tisch bringen, während Mädchen den Sinn betonen.

Und über das ganze Leben gesehen? Wer verdient da am meisten?

Beim Lebens­ein­kommen liegen ITler mit fast 2,5 Millionen noch vor Finance. Und schon wieder ein Vorteil für Männer.

Zu diesem Thema passt unser Selbst­lern­kurs “Gehalt(voll) verhan­deln”.

 

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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5 Kommen­tare

  1. Kirsten Krist 15. Februar 2014 at 9:47 — Reply

    Meiner Meinung nach ist es nicht die Frage Mann mehr Gehalt, Frau weniger. Sondern wie verhandle ich, wo steig ich ein, welches Konzept verfolge ich?
    Ich erlebe immer wieder, wie Frauen sich bewerben und wie Männer sich vorstellen. Da liegt die Wurzel der schon jahr­langen Disku­sionen. Wer dazu ein Bers­tungs­ge­spräch möchte, kann gerne über Xing mich kontak­tieren.

  2. Mara Hein­richs 15. Februar 2014 at 14:12 — Reply

    Sehr geehrte Frau Hofert,

    bei Ihrer “Klage” darüber, dass Frauen lebens­lang weniger verdienen als Männer, über­sehen Sie, dass viele Frauen keine unun­ter­bro­chene Voll­zeit­stelle inne­hatten. Ich haben in diversen Groß­un­ter­nehmen in der Perso­nal­ab­tei­lung gear­beitet und dort wurde bei glei­cher Tätig­keit und Stun­den­zahl IMMER gleich gut bezahlt.
    Mit freund­li­chen Grüßen

    Mara Hein­richs

    • Svenja Hofert 16. Februar 2014 at 13:06 — Reply

      Hallo Frau Hein­richs, das über­sehe ich nicht, es ist nur hier kein Thema, weil ich auf diese Studie Bezug nehme. Das werde ich noch mal in einem anderen Artikel aufgreifen. Es ist aber auch nur bedingt richtig. Ich habe in Outpla­ce­ment­pro­jekten teils mehrere Voll­zeit­ar­bei­tende aus dem glei­chen Unter­nehmen mit glei­cher Quali­fi­ka­tion gesehen, deren Gehalt sich erheb­lich unter­schied. Einmal Frau, einmal Mann. Exakt gleiche Aufgaben. LG Svenja Hofert

  3. Dr. Schmid 17. Februar 2014 at 21:35 — Reply

    Zu erst einmal sehe ich nicht wo sich die Autoren vertan haben:
    “Bei dem Chart über den Zusam­men­hang von Studi­en­rich­tung und Gehalt haben sich die Autoren ganz offen­sicht­lich vertan, denn Wirt­schafts­wis­sen­schaften tauchen zwei Mal auf: einmal als grüne Kurve mit Quadraten (schlech­terer Verlauf) und einmal ohne (besserer Verlauf). Ich vermute, dass eher der schlech­tere Verlauf aktuell zutref­fend ist.”
    Auf dem gezeigten Chart (image 3 of 5) sind auch die Inge­nieure und Geistes- und Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rinnen doppelt. Offen­sicht­lich unter­teilt der Chart (wie man auch bei der Anzahl der Beob­ach­tungen erkennen kann) in Fach- und Führungs­kräfte für alle Bereiche.
    Womit ich bereits die erste Vermu­tung von Frau Hofert nicht nach­voll­ziehen kann.

    Richtig schwach finde ich den Beitrag am Ende: “Das sind 50% Unter­schied.” Diese Aussage aus den Daten zu ziehen ist doch eher unpro­fes­sionel. Es wir hier sugge­riert, dass es sich um eine Art Diskri­mi­nie­rung handelt — was hier absolut nicht iden­ti­fi­zierbar ist.

    Der allge­meine Fair­ness Gedanke sieht kein Problem, wenn eine Frau im Alter von 40 mit einem natur­wis­sen­schaft­li­chen Studium, 15 Jahren Berufs­er­fah­rung und einem Job im IT im Durch­schnitt dasselbe verdient wie ein Mann im glei­chen Alter, mit glei­cher Ausbil­dung und glei­cher Berufs­er­fah­rung.
    Der Lohn­un­ter­schied zwischen Frauen und Männern mit glei­chen Charac­te­ris­tiken (Alter, Berufs­aus­bil­dung, Berufs­er­fa­hung etc.) ist der eigent­lich rele­vante, span­nende und zu verbes­sernde.
    Wenn mein 25 Jahre alter Kollege, der nach seinem Real­schul­ab­schluss eine Lehre gemacht hat und nun als Kinder­gärtner weniger verdient als seine weib­liche Kollegin mit glei­chen Charak­te­ris­tiken hätten wir ein Problem.
    Wenn Männer sich in andere Berufe selek­tieren bei denen man mehr verdient ist das keine Diskri­mi­nie­rung und hat nichts mit “die Jungs das Thema Geld schneller und sicherer auf den Tisch bringen, während Mädchen den Sinn betonen” zu tun. Wenn Frauen nun einmal nicht im Stra­ßenbau, der Müll­ab­fuhr und/oder einem Hammer­werk (alles Berufe in denen man verhält­nis­mäßig viel verdient) arbeiten möchten sollte man sie meiner Meinung nach nicht dazu zwingen und somit entsteht ein Lohn­un­ter­schied. Falls jedoch der unkon­di­tio­nale Lohn­un­ter­schied eine Rolle spielt wäre das die Lösung. Man müsste einfach in jedem Beruf 50% Männer und 50% Frauen haben und dann den Gehalts­un­ter­schied messen. Zum Glück gibt es auch seriöse Inter­pre­ta­tionen von statis­ti­schen Ergeb­nissen und bessere statis­ti­sche Methoden, sodass wir — zum Glück — den Frauen das ersparen können.

    Auch die Anek­tode von Outpla­ce­ment­pro­jekten ist weit weg von einer soliden Erkentnis. Bei jedem meiner bishe­rigen Arbeit­ge­bern wurde nicht die Person bezahlt, sondern die Stelle war mit X budge­tiert — unab­hängig davon wer sie besetzt hat.

    Natür­lich kenne ich auch Männer die schlechter verhan­deln und Frauen die besser verhan­deln aber auf einem Niveau a la “Ich kenne jemand bei dem war es so und so… und dann habe ich dort gear­beitet dort war es auch so…” kann man doch keine öffent­liche Meinung bilden.

    Im Übrigen verdienen weib­liche Modell wesent­lich mehr als männ­liche. Und schon wieder ein Vorteil für Frauen.

    Viele Grüsse,
    Sonja Schmid

  4. Johann 18. Februar 2014 at 13:56 — Reply

    Hallo Frau Hofert,
    als arbei­tender in der Perso­nal­ab­tei­lung eines Konzerns der IG Metall Indus­trie finde ich ihre Ausfüh­rungen einfach nur bitter für alle Akade­miker. Ehrlich gesagt sehe ich nicht ein, warum man heute noch studieren soll um sich zwischen 40 – 60.000 Euro einzu­pen­deln. Ich kenne keinen Arbeiter der hier bei uns unter 40.000 verdient (mit Schicht­ar­beit ist man eher am oberen Ende dieser Spanne, zum Teil deut­lich drüber). Das Problem ist, dass die jungen Leute unter Arbeiter gleich Produk­tion, ölige Hände und Rücken­schmerzen verstehen. Aber einen spezia­li­sierten ausge­bil­deten Mess­tech­niker mit Hemd, Sicher­heits­schuhen und Inge­nieurs­ge­halt eben nicht.
    Die von Ihnen ange­spro­chene Über­aka­de­mi­sie­rung hat m.E. zwei folgen:
    1. Der Arbeiter wird noch mehr wert, als Mensch und vom Gehalt! Die Akade­miker stehen bei uns jetzt schon Schlange aber ein guten Mecha­tro­niker für die Instand­hal­tung bekommen Sie nicht, von einem Spezia­listen ganz zu schweigen.

    2. Die Akade­miker studieren alle in der Hoff­nung irgend­wann aus den defi­nierten Gehalts­grenzen auszu­bre­chen. Das packen nur 1%, der Rest ist frus­triert und gammelt unmo­ti­viert in der 35h Woche vor sich hin.

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