Kate­go­rien

Futureme von Xing: Das neue Berufs­­­be­ra­­tungs-Tool unter der Karrie­re­lupe

Published On: 1. Juli 2014Cate­go­ries: Führung

Wo hat der etablierte Foren­siker studiert? Welche Kennt­nisse haben Java-Entwickler? Wie viele kauf­män­ni­sche Leiter arbeiten als Inte­rims­ma­nager? Welches Zerti­fikat erwerben Controller öfter und kommen damit in der Karriere weiter – eher Control­ler­aka­demie oder eher Controller IHK? Wenn wir mit unseren Klienten die Karriere planen, nutzen wir gern Xing. Über die Detail­suche „Posi­tion jetzt“ und „Posi­tion zuvor“ kommt man auf tolle Infos. Jetzt hat Xing das eigene Poten­zial entdeckt und daraus ein Tool entwi­ckelt. Und der uner­wünschte Neben­ef­fekt, dass unsere Besuche bemerkt werden, ist durch die Anony­mi­sie­rung endlich weg. Wenn ein Finanz­buch­halter seine Mitbe­werber scannen möchte, möchte er dabei nicht gerne gesehen werden.

Was taugt dieses Tool, das den schönen Namen Futureme trägt? Wird es uns die oft aufwän­dige Recher­che­ar­beit in Zukunft abnehmen? Können wir damit sogar etwas dazu­lernen für die Karrie­re­be­ra­tung? Ich mache einen Selbst­test.

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Inte­gra­ti­ons­be­auf­tragter? Nein, danke
Erst einmal lerne ich meine beruf­li­chen Möglich­keiten kennen, die sich auto­ma­tisch aus meinem Profil ergeben. Das Angebot ist passend, aber nicht spek­ta­kulär. Inte­gra­ti­ons­be­auf­tragter? Fach­mann für beruf­liche Einglie­de­rung? Das ist nun wirk­lich nicht annä­hernd ein Job, der für mich passt. Ich vermute, dass der Algo­rithmus hier die Posi­tionen nicht einbe­zieht, außerdem Kennt­nisse und Berufs­er­fah­rung offenbar nicht stuft.

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Coach für 73.000 EUR — Unsinn
Ich gebe also„Coach“ ein.  Oben blendet das Tool ein durch­schnitt­li­ches Alter (42–47) und ein durch­schnitt­li­ches Gehalt (73.00 EUR) ein. Ange­zeigt wird mir eine Mixtur von leider voll­kommen über­dehnten und über­stra­pa­zierten Begriffen, die ich keinem Kollegen empfehlen würde, ins Profil zu  schreiben. Die Kompe­tenz­streuung ist viel zu breit, Bewer­bungs­trai­ning und Hypnose irgendwie eine schräge Kombi. Ein Jahres­ge­halt von 73.000 EUR ist gene­rell, aber gerade bei dieser Streuung unrea­lis­tisch – das errei­chen die wenigen ange­stellten Coachs höchs­tens bei Konzernen und dann sind es Perso­nal­ent­wickler. Sind sie selbst­ständig, herrscht bei dieser Kompe­tenz­viel­falt Bauch­la­den­ver­dacht, da kriegt man beim Markt­ein­tritt kein Bein auf den Boden.

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SAP-Berater – nur 66.000?
Wir arbeiten viel für die IT-Branche. Also als nächstes „SAP-Berater“. Besser, die Skills geben einen Anhalts­punkt, auf die man sein Profil opti­mieren könnte. Wiederum: Mit dieser Breite wird es auch wieder schwierig – da hat das Profil zu wenig Profil. 66.000 EUR Jahres­ge­halt? Wie hat Xing das heraus­ge­funden? Dass ein SAP-Berater weniger verdient als ein Coach ist ein Gerücht – was auf einen offenbar nicht wirk­lich ausge­klü­gelten Algo­rithmus oder schlicht mangelnde Daten­basis zurück­zu­führen ist. Wenn Xing sich schon für die New Work posi­tio­niert, sollte es bitte auch Ange­stellte und Frei­be­rufler unter­scheiden. Und bei Frei­be­ruf­lern wie Gulp den Stun­den­satz nennen.

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Geschäfts­führer mit 29?
Einige unsere Kunden sind Geschäfts­führer. Welche Skills baut Xing für diese zusammen? Das ist nun wirk­lich übelster Unsinn – das macht kein biss­chen schlauer. Dass Geschäfts­führer viel jünger sind als Coachs und SAP-Berater, zwischen 29 und 37 Jahren, ist wohl der Tatsache geschuldet, dass sich bei Xing auch jeder Einzel­un­ter­nehmer „CEO“ nennt und dieser Begriff vor allem bei Selbst­stän­digen im Tech­nik­be­reich gras­siert.
Zusam­men­ge­fasst: Ein nettes Spiel­zeug, aber noch lange nicht ausge­reift. Wir müssen weiter händisch recher­chieren. Schade. Aber so ist das mensch­liche Rese­ar­ching eben immer noch nicht auto­ma­ti­sierbar. Die Beur­tei­lungs­kom­pe­tenz eines Bera­ters brau­chen Karrie­­re­­be­ra­­tungs-Klienten somit nach wie vor. Auch damit ihnen jemand den Quatsch ausreden kann, das man als Coach mehr verdient als ein SAP-Berater…

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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