Kate­go­rien

Gefähr­li­cher Persön­lich­keits­scan: Recrui­ting mit Face­­book-Tool „You are what you like“ (Selbst­ver­such)

Published On: 1. Mai 2014Cate­go­ries: Mensch & Orga­ni­sa­tion

Da jubeln Perso­nal­erherzen: In zwei Minuten soll sich über einen Maus­klick mehr über einen Bewerber heraus­be­kommen lassen als in einem aufwän­digen Vorstel­lungs­ge­spräch!  Alles, was man als Perso­naler dafür, braucht ist die Geneh­mi­gung auf nicht öffent­liche Daten zuzu­greifen. Als Bewerber kann man sich, viel­mehr seine Face­­book-Seite, jeder­zeit selbst scannen lassen. Sodann analy­siert das Tool die eigene Face­book­seite und ein Algo­rithmus teilt das Like-Verhalten in die Big-Five-Kate­­go­rien Offen­heit, Gewis­sen­haf­tig­keit, Verträg­lich­keit, Extra­ver­sion und Neuro­ti­zismus. Das Ganze hat durch zwei Forscher der Univer­sity of Cambridge, die das Programm entwi­ckelt haben, einen pseudo-wissen­­schaf­t­­li­chen Anspruch.

openess_arewhatyoulikeDie Big Five zur Eignungs­dia­gnostik heran­zu­ziehen, ist nichts Neues. In Deutsch­land gilt dieser Test unter Psycho­logen als aner­kannt, da jede Menge natio­nale und inter­na­tio­nale Studien vorliegen. So steht Erfolg im Vertrieb in nach­ge­wie­senem Zusam­men­hang mit dem Merkmal Gewis­sen­haf­tig­keit, sind erfolg­reiche Juristen öfter niedrig verträg­lich und Unter­nehmer eher selten „neuro­tisch”. Ich selbst habe mindes­tens 10 verschie­dene Big Five-Versionen absol­viert und würde behaupten, dass ich aufgrund lang­jäh­riger und umfang­rei­cher Test­erfah­rung ausge­spro­chen selbst­durch­leuchtet bin. Ich kann also verglei­chen. Kommt hier raus, was auch Frage­bo­gen­ba­siert raus­kommt?

Ganz klar: Nein! Die Ergeb­nisse unter­scheiden sich deut­lich. Noch heikler als diese an sich finde ich aller­dings die Präsen­ta­ti­ons­weise, bei der einen „geis­tige“ Konter­parts und Brüder und Schwes­tern im Geiste visuell ange­zeigt werden.  Als konkreter persön­li­cher Gegen­satz (“your personal oppo­sites”) wird mir Jan Thomas Otte von Karrie­rein­sichten präsen­tiert. Jan Thomas, wird kennen uns nur entfernt, aber ich glaube nicht, dass wir auf voll­kommen unter­schied­li­chen Seiten des Globus leben.

weiter_arewhatyoulikeSchaut man sich die prozen­tuale Punkt­ver­tei­lung an, kate­go­ri­siert das Programm die Brüder und Schwes­tern im Geiste und die „anderen“ aller­dings schon bei wenigen Prozent­punkten Unter­schied. Die fünf Prozent „libe­ra­lere“ Grund­hal­tung von „Karrie­re­ein­sichten“ wird hier schon zur visu­ellen Trenn­wand. Auch zwischen mir und Markus Gaedt („Mythos Fach­kräf­te­mangel“) soll so eine Mauer des „der ist ganz anders“ stehen. Fest­ge­macht ist das hier an der Extro­ver­sion (bei mir höher) und am Neuro­ti­zismus (bei mir nied­riger).

Bei den „echten“ Big Fives ergibt sich bei mir eine Kurve mit Spitzen bei Offen­heit und in Teil­be­rei­chen der Gewis­sen­haf­tig­keit (Struk­tu­riert­heit und Leis­tungs­ori­en­tie­rung).  Ich habe bei Sechs-Facetten-Big-Fives drei extro­ver­tierte und drei intro­ver­tierte Seiten in mir. Ein Gesamt­wert von 54% — wie hier erzielt ‑sagt doch insge­samt wenig über mich aus. Erst recht nicht über mein beruf­li­ches Einsatz­ge­biet. Schon gar nicht über Erfolg.

Kurzum: Perso­naler vergesst diesen Quatsch!

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  • Erstens: Der Mensch ist viel komplexer als es seine Big Five vermuten lassen. Wenn man schon mit Tests arbeitet, dann nicht mit Kurz­ver­sionen: Die Unter­fa­cetten sind aussa­ge­kräf­tiger als Haupt­fa­cetten, die letzt­end­lich einen wenig aussa­ge­kräf­tigen Mittel­wert erzeugen.
  • Zwei­tens: Dieser Test ist ein popu­lis­ti­sches Kinder­spiel­zeug unter wissen­schaft­li­chen Deck­mantel, das zur Fron­ten­bil­dung moti­viert. Ich finde die Gegen­über­stel­lungen wie „diese Person ist das komplette Gegen­teil von Ihnen“ gefähr­lich. Weil es nicht stimmt. Weil nicht jeder so einfach diffe­ren­zieren kann. Und auch: weil es niemanden weiter­bringt.
  • Drit­tens: Meine Likes sind stra­te­gi­sche Likes (und bei anderen könnte das ähnlich sein). Ich like nur Ange­bote und Posts, mit denen ich mich nicht mit bestimmten Rich­tungen und mit bestimmten Personen „verbrü­dere“. So like ich vor allem Beiträge meiner Karriereexperten.com-Coachs . Sonst folge ich einem durchaus bewusst gepflegten Image: Ich like die „brand eins“, aber niemals Bild – obwohl ich manchmal im Früh­stücks­raum darin lese. Die Aussage meiner Likes beschränkt sich also auf das, was ich marke­ting­tech­nisch errei­chen will. Und wenn man meine Daten schon verwendet, soll es so sein, dass es schwarze Löcher in ihnen gibt. Die erzeuge ich durchaus absicht­lich.
  • Vier­tens: Die Aussa­ge­kraft dieser Big Five mit fünf Haupt­fa­cetten ist gleich null. Was sagen mir 57% Struk­tu­riert­heit, was 43% Flexi­bi­lität? Selbst wenn es stimmen würde: Viele Perso­naler können mit den Instru­menten nicht umgehen, weil die erhal­tenen Schu­lungen auf „Quick-Wins“ ausge­richtet sind und nicht neutral. Kleiner Hinweis an dieser Stelle auf unseren neutralen Kurs.
  • Fünf­tens: Recht­lich ist das alles mehr als heikel, siehe den Beitrag von Nina Diercks bei Lead Digital. Big Data in dieser Form für die Perso­nal­aus­wahl zu verwenden, ruft den Betriebsrat auf den Plan und das zu Recht.
  • Sechs­tens: Dass der Zusam­men­hang Face­­book-Profil-Berufs­­er­­folg Unsinn ist, wurde auch nach­ge­wiesen. Falko Brenner zitiert in seinem Viasto-Blog eine Studie, die ein Forscher­team um Chad van Idde­kinge erstellt hat. „Auch gab es kaum einen Zusam­men­hang zwischen dem Eindruck dessen, was die Recruiter von den Profilen auf die Bewerber schlossen, und den Selbst­ein­schät­zungen, die durch etablierte Test­ver­fahren gewonnen wurden. Zudem zeigte sich, dass Frauen anhand ihrer Face­book Profile tenden­ziell besser und Minder­heiten tenden­ziell schlechter bewertet wurden (vor allem in Hinblick auf kogni­tive Fähig­keiten).“

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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2 Kommen­tare

  1. Felix Theo­philus Baron Ab Astris 2. Mai 2014 at 15:47 — Reply

    Ich streite ab, dass es in Deutsch­land einen allge­meinen Fach­kräf­te­mangel gibt. Es gibt nur bestimmte Spezi­al­be­rufe (z.B. bestimmte Inge­nieure, nicht einmal alle Inge­nieurs­be­rufe) und Berufe, denen jegliche ökono­mi­sche Attrak­ti­vität fehlt (z.B. Friseure, Foto­grafen, Haus­wirt­schaf­te­rinnen usw. mit Entgelten unter der Sozi­al­hil­fe­schwelle) oder die durch schlimme Mängel im Arbeits­um­feld Menschen “regel­recht kaputt machen” (z.B. der immense Arbeits­druck bei Alten­pfle­gern und Kran­ken­schwes­tern etc.). Ja, hier herrscht ein starker “Fach­kräf­te­mangel”, weil die Menschen in diesen Berufen oft sprich­wört­lich “verbrannt” werden und arbeits­un­fähig werden.
    Und dann kommt als zweite Hürde in allen Berufen ‑selbst in soge­nannten Mangel­­be­­rufen- hinzu, dass Personen teil­weise schon ab 35 bis spätes­tens mit 50 Jahren keinerlei Berufs­chancen mehr haben.
    Und das Schlimmste ist, die Erkennt­nisse sind schon seit 30 Jahren ständig wieder­holt unter­sucht worden. Mir sind Diplom‑, Magister‑, Master­ar­beiten und Disser­ta­tionen sowie Erfah­rungs­be­richte aus den letzten 30 Jahren bis heute bekannt, die genau dies douku­men­tieren und blegen.

  2. Carmen Herzog 1. Juli 2014 at 14:45 — Reply

    Ich bin wirk­lich entsetzt, dass es Menschen gibt, die meinen aus einem Face­­book-Profil die Persön­lich­keit eines Menschen erkennen zu können. Das ist für mich totaler Schwach­sinn!
    Man sollte zuerst die Moti­va­tion kennen, warum jemand “likes” macht. Ich zum Beispiel habe Freude an der multi­kul­tu­rellen Musik, an den Bildern, netten Kontakt zu Menschen aller Länder. Daraus kann man im Höchst­fall Vorlieben für Etwas erkennen, doch nicht die Persön­lich­keit und den Charakter eines Menschen, der weitaus komplexer ist. Man glaubt es nicht wie dumm Menschen sein können, die meinen dass ein Face­­book-Profil ein Charak­ter­bild eines Menschen zeigt. Unsinn!!

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