Kate­go­rien

Harmonie oder ordent­lich fetzen? Drei Schritte, um ein gemein­sames Verständnis von Zusam­men­ar­beit zu entwi­ckeln

Published On: 3. Juni 2017Cate­go­ries: Aktuell

„Wir haben gut zusam­men­ge­ar­beitet, denn wir haben uns ordent­lich gefetzt“, kommen­tierte das eine Team, als ich es bat, ihre Zusam­men­ar­beit zu bewerten. Man gab sich vier von fünf mögli­chen Punkten. Das andere Team hatte wesent­lich fried­voller an seiner Lösung getüf­telt. „Wir haben gut zusam­men­ge­ar­beitet, denn wir waren harmo­nisch“, so deren Fazit.

Ich hatte beide Teams in einem bewusst offenen Format gegen­ein­ander antreten lassen. Sie sollten eine Lösung für ein Problem finden. In Wahr­heit ging es mir aber nicht um die Problem­lö­sung. Eigent­lich wollte ich genau auf diese Meta­ebene der Bewer­tung von Zusam­men­ar­beit gehen. Damit hatte ich beide Teams gepackt, denn ich hatte die Augen für etwas geöffnet, was viele nicht sehen: Die Bedeu­tung der eigenen Bewer­tung des Stils der Zusam­men­ar­beit für deren Bewer­tung.

Konfron­tativ oder harmo­nisch oder beides?

Ich beschreibe hier eine Szene aus der letzten Ausbil­dung Team­works­PLUS®, aber sie hätte auch im Unter­nehmen statt­finden können. Nur halt, dort wäre das EINE (konfron­tativ) und das ANDERE (harmo­nisch) vermut­lich zusätz­lich mit der unter­neh­mens­kul­tu­rellen Brille oder aus der Perspek­tive der Führungs­kraft bewertet worden. Aber natür­lich ist weder konfron­ta­tive noch harmo­ni­sche Zusam­men­ar­beit per se gut. Es kommt darauf an, auf die Umstände. Und darauf, ob das jeweils andere ausge­schlossen und damit mögliche Ideen unter­graben werden. Das kann sowohl in einer harmo­ni­schen als auch in einer konfron­ta­tiven Zusam­men­ar­beit geschehen, und auch in einer Misch­form. Letz­teres vergessen viele. Sie denken, wenn man das eine und das andere zusam­mentut, käme etwas Besseres heraus. Das muss nicht so sein: Denken wir in These, Anti­these und Synthese, so ist die Synthese genau­so­wenig per se die beste Lösung wie der Kompro­miss.

Damit wir alle Seiten eines Problems logisch betrachten können, hilft uns die Philo­so­phie. Mein Groß­vater war Philo­soph, ich bin mit diesem Denken aufge­wachsen. Jahr­zehn­te­lange hatte ich es verloren. Die Philo­so­phie schien mir sehr unprak­tisch. Aber wie das oft ist in der Mitte des Lebens, kommen alte Themen auf einen zu, jetzt als reife Äpfel. Und so beginne ich mich seit einiger Zeit erneut damit zu beschäf­tigen.

Philo­so­phi­sches Denken führt zu neuen Erkennt­nissen

Ich habe in der letzten Zeit entdeckt, dass philo­so­phi­sche Logik und dialek­ti­sche Gesprächs­füh­rung für das Coaching und die Team­ent­wick­lung sehr hilf­reich sind. Vor allem wenn man es mit reflek­tierten Menschen zu tun hat, betritt man damit eine Ebene, die weit tiefer führen kann als syste­mi­sches, z.B. zirku­lie­rendes Fragen. Das ist natür­lich nicht jeder­manns Sache, denn es bringt weder die schnelle Lösung noch immer den sofor­tigen Aha-Effekt. Ganz oft führt es zu keiner Antwort, zeigt es eher Wider­sprüche. Das muss man zulassen können. Dafür öffnet es das Denken. Und das halte ich für extrem wichtig in diesen Zeiten oft einsei­tiger Posi­tionen und alter­na­tiver Fakten.

Dialektik von Hera­klit bis Hegel

Der Begriff Dialektik besteht er seit fast 2500 Jahren und wurde von vielen Philo­so­phen gedreht und gewendet und dabei immer ein wenig anders inter­pre­tiert. Man könnte ihn ganz einfach als die Kunst der Gesprächs­füh­rung über­setzen, aber das wäre zu wenig. Als erstes in der Reihe der Dialek­tiker ist Hera­klit von Ephesos zu nennen. Jeden­falls ist von ihm zuerst etwas dazu über­lie­fert worden. Er sah in der Dialektik die Lehre von den Gegen­sätzen, die die Welt bewegen.

Ja, wirk­lich bewegen, denn nur der Gegen­satz sorgt für Bewe­gung: männ­lich und weib­lich etwa kann etwas gebären, also bewegen. In der Konfron­ta­tion ist die Harmonie Vorbe­din­gung des Frie­dens, in der Harmonie kann die Konfron­ta­tion den Anfang der Geburt eines neuen Gedan­kens anzeigen.

Für Sokrates ist die Dialektik ein Verfahren zur Klärung der Begriffe, für Platon zur Erkenntnis von Ideen. Beide Ansätze kann man sehr gut mitein­ander verbinden. Dann ist der sokra­ti­sche Ansatz eine abstei­gende Dialektik mit dem Ziel heraus­zu­finden, was etwas für den einen und den anderen Menschen bedeutet – und was dieses verbindet. Der Ansatz Platons ist dann eine aufstei­gende Dialektik mit dem Fokus das hinter der Idee liegende zu verstehen. Dabei hebt man die Idee gedank­lich auf eine neue Stufe, in welcher dieser Wider­spruch aufge­hoben ist.

Johann Fried­rich Hegel orien­tierte sich mehr als 2000 Jahre später an der Triade aus These, Anti­these und Synthese. Die Synthese ist die höhere Ebene, auf die wir durch die Beschäf­ti­gung mit These und Anti­these kommen. Kant nahm eine kriti­sche Haltung zur Dialektik ein, da diese sich nicht auf Empirie oder andere begriff­liche Logik stütze, also tran­szen­dental sei.

Obwohl das Konstrukt der Dialektik also höchst unein­heit­lich defi­niert ist, gibt es verbin­dende Elemente:

  • Auf der einen oder anderen Ebene beschäf­tigt sie sich immer mit Gegen­sätzen.
  • Auf der einen oder anderen Ebene geht es immer um die Konkre­ti­sie­rung des Abstrakten.

Dialektik spürt den Bedeu­tungen nach, die das Indi­vi­duum oder seine Bezugs­gruppen – sei es Team, Unter­nehmen, Kultur oder Gesell­schaft – den Dingen geben.

sör alex / photocase.de

Im Coaching und auch in der Team­ent­wick­lung sowie natür­lich auch bei der über ihr stehenden Orga­ni­sa­ti­ons­ent­wick­lung geht es sehr oft um ein gemein­sames Verständnis von etwas.

Prak­ti­sche Anwen­dung mit Hegels Drei­schritt

Hegels Drei­schritt hilft sehr dabei, dieses zu ergründen, indem man das Verständnis der Einzelnen zunächst einmal syste­ma­tisch zerlegt und diffe­ren­ziert:

 

  1. Aufheben im Sinne von „Besei­tigen“ des Gegen­satzes.
  2. Aufheben im Sinne von „Bewahren“ des Gegen­satzes.
  3. Aufheben im Sinne von „Hinauf­heben“ auf eine höhere Stufe.

Lehre Nr. 1: Zwei Seiten erkennen, die eins werden können

Nehmen wir das obige Beispiel der Zusam­men­ar­beit. Die These ist, dass gute Lösungen im Team Konfron­ta­tion brau­chen, die Anti­these, dass sie Harmonie benö­tigen. Ist das ein Gegen­satz? Nicht, wenn man ihn zeit­gleich denkt. Das wäre eine mögliche Synthese. Wir haben dadurch den Gegen­satz „besei­tigt“. Dieses Besei­tigen kann Teil des Wegs zur effek­tiven Zusam­men­ar­beit sein. Das Besei­tigen führt zur Erkenntnis, dass nichts besser ist als das andere, weil beides zwei Seiten einer Medaille sind. Die zudem in der Defi­ni­tion des Einzelnen zerfließen, erkennt doch fast jeder einen anderen Punkt, an dem Harmonie in Konfron­ta­tion umschlägt.

Lehre Nr. 2: Grenzen defi­nieren

Wollen wir den Gegen­satz bewahren, so können wir heraus­finden, dass unter bestimmten Voraus­set­zungen Harmonie, unter anderen Konfron­ta­tion der guten Lösung Vorschub leistet. Wir können uns dann bemühen, eine Grenze zu ziehen, die über­ind­vi­duell ist. Wann wird aus Harmonie Konfron­ta­tion? Wenn wir etwas direkt und unver­blümt ausspre­chen beispiels­weise. Oder wenn wir nicht locker­lassen. Oder alles drei. Grenzen müssen sehr genau defi­niert werden. Das ist die Erkenntnis von Schritt 2 – und sehr gut über­tragbar in den Unter­neh­mens­kon­text.

Lehre Nr. 3: Die über­ge­ord­nete Idee finden

Im dritten Schritt geht es um das Herauf­heben auf eine höhere Stufe. Wir können uns nun fragen, was über der Zusam­men­ar­beit steht. Was ist deren Sinn und Zweck? Beispiels­weise die Lösung eines heraus­for­dernden Problems. Bei dieser Heran­ge­hens­weise erkennen wir viel­leicht, dass auch Zusam­men­ar­beit nicht für sich stehen kann. Ihr gegen­über steht die Einzel­ar­beit. Nun können wir beide Posi­tionen, Zusam­men­ar­beit und Einzel­ar­beit, abstei­gend ergründen. So kommen wir viel­leicht darauf, dass beides einander braucht, eine produk­tive Zusam­men­ar­beit die Vorbe­rei­tung des Einzelnen oder/und auch dessen Wissen und Stand­punkt.

Durch das Durch­denken der drei Schritte haben wir also mehrere Aspekte von Zusam­men­ar­beit ergründet. Das hilft, ein gemein­sames Verständnis zu entwi­ckeln — das ja letzt­end­lich die Basis für jede Zusam­men­ar­beit ist. Wer den dialek­ti­schen Ansatz nutzt, wird ziem­lich sicher auf Gedanken gekommen sein, die er auf den ersten Blick nicht gesehen hat. Und diese Erwei­te­rung des gedank­li­chen Radius´ macht nicht nur die Zusam­men­ar­beit frucht­barer, sondern auch viel­fäl­tiger, mehr­di­men­sio­naler. Und was brau­chen wir dring­li­cher um die Probleme der Zukunft zu lösen als mehr­di­men­sio­nales Denken? Gleich­zeitig hilft es, danach den Fokus wieder­zu­finden. So verlieren wir uns nicht in der Komple­xität der Bedeu­tungs­viel­falt, sondern können das Wesen dessen, was wir ergründen wollen, endlich genauer fassen.

Diese Kolumne im Video-Blog von Svenja Hofert (3,5 Minuten)

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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4 Kommen­tare

  1. Sladjan Lazic 5. Juni 2017 at 0:07 — Reply

    Sehr gut geschrieben.

    Karl Marx beschreibt auch die Dialektik auf seine Art. Der dialek­ti­sche Mate­ria­lismus, das Denken in Wider­sprü­chen, um die Welt auf mate­ri­eller Grund­lage zu erklären. Somit grenzt er sich deut­lich von Hegel ab.

    Marx sagte, „Die Philo­so­phen haben die Welt nur verschieden inter­pre­tiert, es kommt aber darauf an sie zu verän­dern.“

    Jetzt könnte ich natür­lich mithilfe Marx seiner eigenen These fragen, ob Marx über­haupt Marxist war, im Anbe­tracht seiner deka­denten Lebens­weise. Doch das würde hier den Rahmen sprengen.

    Sie sind die erste und einzige Blog­gerin die ich kenne, die sich mit solchen tiefen Themen befasst, Frau Hofert.

    Viele Grüße,
    Sladjan Lazic

    • Svenja Hofert 5. Juni 2017 at 16:46 — Reply

      Hallo Herr Lazic, danke! Bei Marx habe ich aufge­hört, den habe ich nie richtig kapiert 😉 Ist das jetzt ein Kompli­ment, dass ich die erste und einzige Blog­gerin bin? Es gibt noch andere, z.B. Gilbert Diet­rich, die gehen viel tiefer. Das setzt aber oft viel Know-how voraus. Mein Ansatz ist viel­mehr eine Tiefe, die der Normal­bürger vertragen kann. Hoffe ich. Wenn es mir nicht gelingt, Bescheid sagen! LG Svenja Hofert

    • Alex 19. Juni 2017 at 18:41 — Reply

      Marx hat sich selber nicht als Marxist bezeichnet inso­fern wäre die Frage unsinnig. Marxs war höchs­tens Kommu­nist.

      Einem Kommu­nisten deka­denten Lebens­stil vorzu­werfen zeigt ein unver­ständnis der kommu­nis­ti­schen Theorie die nicht besagt das alle in Armut zu Leben haben — gemein­samer Reichtum ist das Ziel. Dieser wird nicht durch den Verzicht eines einzelnen erreicht sondern das Umstruk­tu­rieren der Kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft.

      “Der Begriff „Marxismus“ war zunächst nicht Selbst­be­zeich­nung einer Partei oder Gruppe, sondern wurde von außen an sie heran­ge­tragen. Schon in den 1850er Jahren gebrauchten Anhänger Weit­lings den Begriff „Marxianer“. Inner­halb der Inter­na­tio­nalen Arbei­ter­as­so­zia­tion (1864–1876) kam es zu Konflikten zwischen Anar­chisten („Baku­ni­nisten“) und den dann von diesen so titu­lierten „Marxisten“.[1] Zu dieser Zeit wurde der Begriff Marxist auch zuneh­mend von Unter­stüt­zern gebraucht. In den späten 1870er Jahren distan­zierte sich Marx selbst von einer Jugend­frak­tion fran­zö­si­scher Sozia­listen um Paul Lafargue und Jules Guesde, die sich als Marxisten bezeich­neten, da sich diese „Jungen“ nach seiner Ansicht zu entschieden gegen die Idee des Refor­mismus wandten. In diesem Zusam­men­hang hat Marx laut Engels gesagt, er selbst sei kein Marxist.[2] Der Begriff „Marxismus“ lässt sich ab den 1880er Jahren fest­stellen. So z. B. in der 1882 erschie­nenen Schrift Le Marxisme et l’lnternationale von Paul Brousse.”
      http://bit.ly/2tkvZP8

      Zu guter letzt will ich auch noch mal beipflichten, dass es toll ist das bei Frau Hofert immer wieder solche Themen aufge­griffen werden. 🙂

  2. Sladjan Lazic 5. Juni 2017 at 19:04 — Reply

    Das ist auf jeden Fall ein Kompli­ment, denn kaum ein/e Blogger/in schreibt über Kant und die Dialektik. 😉

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