Kate­go­rien

Bewer­bungs­pla­giate: Darf man sich Bewer­bungen “fremd­schreiben” lassen? #blog­pa­rade

Published On: 22. Oktober 2013Cate­go­ries: Mensch & Orga­ni­sa­tion

fakeNeulich hatte ich wieder so ein Buch in der Hand, das lesbar nicht von dem geschrieben war, der auf dem Cover stand. In einer Dankes­zeile im Nach­wort verschwand der Name der eigent­li­chen Autorin, eine, die für viele Speaker und Berater schreibt. Ich frage Sie: Würden Sie sich getäuscht fühlen, wenn Sie wüßten, dass Ihr Lieb­lings­werk gar nicht von dem stammt, der auf dem Cover steht?

Ich lasse die Frage mal im Raum stehen..

Unstrittig ist, dass Profes­soren sich getäuscht fühlen, wenn eine Promo­tion im Nach­hinein als Plagiat entlarvt wird. Die Sache könnte sogar illegal sein und den Tatbe­stand der Urkun­den­fäl­schung erfüllen. Ghost­wri­ting – eine Dienst­leis­tung an der Grenze zwischen sinn­voll und gut und böse und verdam­mens­wert? Gilt das auch für Autoren von Bewer­bungen?

Gesten rief Jochen Mai in seiner Karrie­re­bibel zu einer Blog­pa­rade genau zu diesem Thema auf.

Er nahm Bezug einen Artikel im Perso­nal­b­logger, der wiederum auf einen Beitrag in der Schweizer Postille “20 Minuten“ verwies. Ein Head­hunter hatte sich über Bewer­­bungs-Ghos­t­­writer beschwert. Solche Bewer­bungen seien nicht echt und sie müssten verboten werden. Ich habe den Text nicht gelesen, aber kann diese Haltung durchaus nach­voll­ziehen.

Denn wir haben hier nicht nur schon viele grafi­sche Wunder­werke von Nicht­gra­fi­kern, sondern auch Text-Erzeu­g­­nisse gesehen, oft von Dienst­leis­tern erstellt, die aus Werbung oder Marke­ting kommen und selbst nie Perso­nal­ent­schei­dungen fällen mussten. Das merkt man oft schon daran, dass sie gar nicht verstanden haben, was der Bewerber eigent­lich macht und worauf es in seiner Funk­tion beson­ders ankommt.

Solche Texte hören sich viel­leicht toll an, zu gebrau­chen sind sie außer­halb der Werbe­branche nicht. Und der Bewer­bungs­er­folg ist schon mal gar nicht garan­tiert. Stellen Sie sich mal vor, der Verfasser der verbalen Meis­ter­leis­tung muss im Job Mails schreiben und verfasst diese wie ein Beamter? Spätes­tens da muss doch was auffallen…  Die Bewer­bungs­schreiber, die Texte frei erdichten und in Werbe­sprache packen, machen aus meiner Sicht nichts anderes als die Autoren, die ganze Bücher dichten, nur dass sie oft wahr­schein­lich noch weniger mit den Kunden über INHALTE spre­chen.

Eine Bewer­bung auf die hier beschrie­bene Art — meist blind ohne Bera­tungs­ge­spräch — zu betexten ist etwas komplett anderes als unter­stüt­zendes Lektorat anbieten! Ein Bewer­bungs­lek­torat schleift die eine oder andere stilis­ti­sche Fehl­kon­struk­tion, feilt am Ausdruck und verbes­sert Fehler. Das macht vor allem meine Mitar­bei­terin Maja Skubella seit Jahren: Sie arbeitet Verkaufs­ar­gu­mente aus, gibt Tipps, streicht den meist schlimmen ersten Satz, verkürzt Schach­tel­aus­drücke, schiebt ein aktives Verb ein…

Manchmal helfen wir auch, Worte auf Papier zu bringen. Ich saß schon mal drei Stunden mit einem Entwickler zusammen und am Ende hatten wir „seine“ Bewer­bung konstru­iert. Mir ging es um seine Worte, sein Denken – nur er allein hätte diesen Text einfach nicht zu Papier gebracht. Das liegt in manchen Berufen schlicht und ergrei­fend an fehlender Übung. Jemand, der sich hier Hilfe zukauft, will ja nicht aus einem Opel einen Porsche machen, sondern sucht oft bloß Hilfe bei der Auswahl. „Ja, das darf man so sagen.“ Oder „Das hört sich zu steif an. Wir würde Sie es denn in einem Gespräch rüber­bringen?… Ja, gut so.“

Neben der IT, greifen wir Juristen und Wissen­schaft­lern die Ziel­gruppe oft sprach­lich unter die Arme bzw. in die Feder. Diese haben nicht selten einen verbalen Stock geschluckt – ihre Texte haben mit ihrer Persön­lich­keit zudem wenig zu tun. Das sind nicht selten lockere, humor­volle Kommu­ni­ka­toren, die im Vorstel­lungs­ge­spräch super rüber­kommen, aber sie lesen sich schwerer und lang­at­miger als Adal­bert Stifter. Dabei sollte ein Anschreiben doch auch anzeigen, wie jemand ist! Inso­fern ist das Schreiben von Bewer­bungen manchmal durchaus ein Stück Persön­lich­keits­ent­wick­lung. Auch das hat mit Ghost­wri­ting nichts zu tun.

So geht es nicht darum, neue Worte zu finden, um etwa zu „verkaufen“, sondern Worte, die ein Normal­sterb­li­cher verstehen kann, auch wenn er fach­fremd ist (wovon bei den meisten Recrui­tern auszu­gehen ist).  Ich habe auch die Erfah­rung gemacht: Fast keiner möchte, dass man ihm die Worte in den Mund legt, sondern es geht um Formu­lie­rungs­hilfen.

„Stellen Sie sich vor, Sie schreiben jemand, der keine Ahnung von Ihrem Fach­ge­biet hat. Wie erklären Sie ihm das?“ So holt man Worte aus den Menschen, manchmal mühsam Silbe für Silbe. Das dauert länger und ist teurer als einfach mal so für jemand anderen texten. Aber am Ende können sich unsere Kunden sicher sein, dass Sie selbst in dem Text stecken und nicht ein komplett fremder Autor. Das erhöht nicht nur die Wahr­schein­lich­keit, einge­laden zu werden, sondern den Job schließ­lich auch zu bekommen.

Gute Anschreiben selbst verfassen? Das geht mit unserem Kurs “Top-Anschreiben” und vielen Mustern.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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11 Kommen­tare

  1. Regine Bött­cher 23. Oktober 2013 at 6:56 — Reply

    Guten Tag Frau Hofert, Sie spre­chen mir aus dem Herzen!! Ich habe die letzten Jahre junge Menschen bei ihren Bewer­bungen beraten, im Moment sind es bei einem Bildungs­träger schwer­be­hin­derte Menschen und in meiner Praxis Klienten aus allen mögli­chen Berufen mit verschie­denen Voraus­set­zungen. Oft habe ich den Wunsch gehört, i c h möge doch die Bewer­bung schreiben, könne das doch viel besser. Aber genau das stimmt nicht. Die Klienten haben oft wunder­bare Ideen, warum sie sich bewerben, was sie ausmacht — und können es nicht ausdrü­cken. Ihnen dabei zu helfen, macht Freude — und die Klienten können am Ende Stolz empfinden auf ihre Leis­tung. Auch gehen sie viel selbst­be­wusster in ein Vorstel­lungs­ge­spräch, weil sie wissen, dass sie “um ihrer selbst willen” einge­laden worden sind. Ich vergleiche eine Bewer­bung gern mit einem persön­li­chen Finger­ab­druck: Unver­gessen für mich der junge Mann, dessen Bewer­bung mir nicht gefiel, ich fand, sie passe nicht zu ihm. Er war stink­sauer auf mich und warf mir vor, keine klare Linie zu haben, exakt diese Bewer­bung habe ich doch zwei Wochen vorher bei seinem Freund klasse gefunden. Hihi, ja, ich erin­nerte mich dann. Bei seinem Freund war sie toll, weil sie zu ihm passte, seinem Stil entsprach und seine Persön­lich­keit gut skiz­zierte. Zu dem aufge­brachten jungen Mann hingegen passte sie über­haupt nicht… Ich habe den Eindruck, dass der Wunsch nach “Ghos­t­­writer-Täti­g­keit” zunimmt. Viel­leicht liegt es zuweilen daran, dass die Klienten ihren eigenen Gedanken nicht viel Wert zumessen. Viel­leicht geht es auch einher mit der “Hoch­­­glanz-Broschüren-Menta­­lität” und der Lust an Super­la­tiven. Als Perso­nal­re­fe­rentin mochte ich früher die Bewer­bungen sehr, die frische Gedanken beinhal­teten, bei denen das Bemühen erkennbar war, diese zum Ausdruck zu bringen. Lieber so und an einigen Stellen etwas holperig als gelackt und smart.

  2. Henner Knaben­reich 24. Oktober 2013 at 9:21 — Reply

    Hallo Frau Hofert, wir vom perso­nal­­b­­logger-Team freuen uns wirk­lich sehr, dass dieser Artikel zu so viel Aufmerk­sam­keit geführt hat und auch hier Erwäh­nung findet. Eine kleine Bitte habe ich dennoch: Der Blog heißt “perso­nal­b­logger”, die meist gele­sene Zeitung der Schweiz “20 Minuten”. Hier bitte ich der Form halber um Rich­tig­stel­lung. Vielen Dank!
    Beste Grüße,
    Henner Knaben­reich, Initiator des perso­nal­b­log­gers 😉

    • Svenja Hofert 24. Oktober 2013 at 9:40 — Reply

      so besser? Ich habe manchmal eine Lese-/Schrei­b­­schwäche, das ist aber auch das einzige, was mich mit Richard Branson verbindet 😉 Hab Sie bei der Gele­gen­heit auch gleich in die Blogroll genommen. LG Svenja Hofert

  3. Henner Knaben­reich 24. Oktober 2013 at 11:32 — Reply

    Ein Traum! Vielen Dank — für beides! Ich glaube, diese Schwäche teilen viele Blogger. Mir geht’s da ähnlich. Oft werden solche Artikel erst spät am Abend geschrieben und nach ein paar Stunden emsigen Schrei­bens lässt einfach die Konzen­tra­tion nach. Was sich in Flüch­tig­keits­feh­lern oder schlimmer zusam­men­hang­losen Sätzen zeigt. Die ich dann aber (meis­tens) entdecke, bevor es pein­lich wird 🙂
    Also, noch mal besten Dank!
    PS: Eine Blogroll, ja, die stünde dem perso­nal­b­logger auch gut zu Gesicht. Werde ich mal auf meine To-do-Liste aufnehmen. Auf jeden Fall gebührt Ihnen ein Platz hier: http://bit.ly/1gHUBs6

    • Svenja Hofert 24. Oktober 2013 at 14:26 — Reply

      Bin ich ja beru­higt, dass es nicht mir so geht 🙂 Und dass auf diese Weise die Marke Perso­nal­b­logger sich richtig fest und fehler­grei in meinem Gehirn veran­kern konnte. Da braucht es bisweilen Umwege 😉 LG SH

  4. Regina 28. Oktober 2013 at 8:45 — Reply

    Ich finde diese Möglich­keit sehr gut und werde mir Ihre Seite defi­nitiv merken und darauf zurück kommen. Ich habe Bewer­bungs­schreiben noch nie gemocht. Beraten Sie auch in die Rich­tung online Ausschrei­bungen?

  5. Maxi­mi­lian 29. Dezember 2013 at 18:09 — Reply

    Hallo Svenja.

    Eine Bewer­bung ist in erster Linie natür­lich immer etwas persön­li­ches, oder sollte es zumin­dest sein. Man präsen­tiert sich schließ­lich selber.

    Wenn man aller­dings wenig Erfah­rung im Schreiben von Bewer­bungen hat oder sprach­lich unsi­cher ist (z.B. kein Mutter­sprachler), finde ich es durchaus legitim, sich Hilfe zu holen. Hilfe­stel­lung ist dabei natür­lich immer breit gefä­chert, aber selbst ein fertiges Bewer­­bungs- oder Moti­va­ti­ons­schreiben anfer­tigen zu lassen, finde ich nicht zwin­gend verwerf­lich. Es bietet viel­leicht gerade denje­nigen eine Chance, die zwar die für den Job erfor­der­li­chen Kompe­tenzen und Quali­fi­ka­tionen mitbringen, aber viel­leicht aufgrund einer formal schlechten Bewer­bung geschei­tert wären. Es entscheidet am Ende ohnehin das persön­liche Gespräch — da ist man auf sich alleine gestellt.

    Liebe Grüße, Max!

  6. Alex­ander Brendel 9. Februar 2014 at 22:46 — Reply

    Hi. Ich stimme in fast allen Punkten zu. Jedoch gebe ich auch zu bedenken, dass die Bedürf­nisse der Bewerber sehr unter­schied­lich sind und die Grenze zwischen Lektorat, Ghost­wri­ting und Bera­tung flie­ßend sind. In meinem Alltag als Bewer­bungs­helfer / Berater / Ghost­writer (oder was-auch-immer) fließen zahl­reiche Aspekte ein. Um für den Kunden das best­mög­liche Ergebnis zu erzielen, benö­tige ich manchmal tiefer­ge­hende Gespräche, meis­tens ein kurzes Tele­fonat oder zumin­dest einen Stapel an Infos, damit die Bewer­bung richtig geil wird. Manche Kunden wollen das alles aber gar nicht. Die wollen eine Blackbox. Bewer­bung hoch­laden, Bewer­bung fertig zurück. Bums. Und klar ist auch: Ein Geschäfts­führer der Gehalts­stufe 150.000 + X und eine Helferin mit mittel­mä­ßigen Deutsch­kennt­nissen haben (neben einem sehr unter­schied­li­chen Bewer­ber­profil 🙂 ) sowohl eine andere Erwar­tung als auch ein anderes Budget für ihre Karrie­re­pla­nung und den vermeint­li­chen Karrie­re­profi und Berwer­bungs­coach. Und genau da liegt der Hase im Pfeffer. Als Ghost­writer liegt es an mir, das nötige Maß an Bera­tungs­leis­tung und den Bedarf des Kunden zu ermit­teln, bevor ich meinen Arbeits­auf­wand plane und einen Preis fest­setze. Und dann entscheidet sich auch, ob ich NUR Ghost­writer bin, oder ob ich auch Berufs­be­rater, Moti­vator, Korrektor, oder einfach nur derje­nige bin, der mal sagt, was an dem bishe­rigen Mate­rial alles Mist ist.
    Um das zu beur­teilen, benö­tigt man eben auch Berufs­kunde, einen Blick für das Layout , Empa­thie­ver­mögen und nicht zuletzt, einen geschulten und flexi­blen Umgang mit der Sprache. Wenn ich es schaffe, dass Der Kunde bekommt, was er erwartet hat, nach­weis­lich Erfolge bei der Bewer­bung hat und am Ende einen fairen Preis dafür zahlt, dann ist es doch eigent­lich Wurscht, ob ich mich nun Ghost­writer oder Bewer­bungs­lektor / ‑mentor oder was-auch-immer nenne. Wie ich auch auf meiner Website schreibe: “Eine perfekte Bewer­bung gibt es nicht, aber eine perfekte Bewer­bung sorgt dafür, dass ich Einla­dungen erhalte.” Mission erfüllt. Gruß, der Jobin­spektor

  7. […] der Bewer­bungs­ser­vices getestet hat. Karrie­be­rater haben dazu meist eine klare Meinung: „Plagiate“ und warnen Bewerber davor, diesen Service zu […]

  8. Nelle 22. Dezember 2015 at 21:01 — Reply

    Danke für den Beitrag!

  9. […] Karrie­re­be­ra­terin Svenja Hofert etwa kriti­siert die durch solche Dienst­leister entste­henden Hoch­glanz­be­wer­bungen: […]

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