Kate­go­rien

Girls und Boys Day: Warum das SO nichts bringt

Published On: 28. April 2013Cate­go­ries: Führung

Diese Woche klin­gelten bei uns zwei Mädchen, die Girls Day bei uns machen wollten. Vorher hatten schon die beiden Archi­tekten nebenan mit dem Kopf geschüt­telt. Nach kurzem Nach­denken, schüt­telten wir auch.

Was hätten sie gesehen und gehört? Nichts Inter­es­santes. Und ziem­lich sicher nichts, das ihr Welt­bild  und die Sicht auf den Beruf gravie­rend hätte ändern können. Ich hätte den Mädchen gern etwas gezeigt und etwas Span­nendes erzählt, aber mein Gefühl dazu war: Das ist zu wenig, zu wenig fassbar, zu komplex. Das bringt denen nichts.

So wie das, was im Bereich der Wissens­ar­beit passiert, allge­mein komplex und wenig fassbar ist. Wir stellen ja keine Boote her oder zimmern Möbel. Wie die meisten, die mit dem Kopf arbeiten. Kopf­ar­beit ist aber nun mal das, was Zukunft hat, Dienst­leis­tungen, Denk­jobs, Prozesse und alle diese Dinge, die man nicht sehen kann. Das „anfass­bare“ Hand­werk wird ein ganz kleiner Teil bleiben und die „greif­bare“ Indus­trie nach und nach verschwinden.  Was bleibt, ist zwar — wenn man dahinter schaut — super inter­es­sant, aber leider kaum visuell und kein „Produkt“. Kopf­ar­beit bietet wenig, das irgendwie beein­druckt, Aha-Effekte auslöst, einen „oh, das gibt es“ Effekt erzeugt. Man versteht es einfach nicht, wenn man mit 13 Jahren da rein­blickt. So wie mir neulich ein 17jähriger erzählt hat, werden es viele wahr­nehmen: „Ich war auch in einem Büro und es war stink­lang­weilig.  Ich will nie in einem Büro arbeiten.“ Welche Jobs gibt es außer­halb eines Büros für Jungs mit einem IQ über 130? (den hatte er nämlich.) Der Boys Day-Schuss war hier nach hinten losge­gangen.

Diese Gedanken führen zu dem Fazit, dass ich die Jungen- und Mädchen-Tage für wenig fruchtbar halte, jeden­falls so wie sie derzeit statt­finden: „Such dir mal was und dann kannste frei haben“. Projekt­wo­chen wären viel eher geeignet – Pflicht für alle, auch Gymna­si­asten. Man könnte je eine Projekt­woche pro Halb­jahr planen, ab dem Alter von 12 und dann syste­ma­tisch den Fokus auch darauf legen, wie Bran­chen und Berufe sich verän­dern. Es müsste einen theo­re­ti­schen (!) und einen prak­ti­schen Teil geben, und Team­ar­beit unbe­dingt dazu. So wie die Tage derzeit (un-) geplant sind, kommt Chaos-Praxis dabei raus und ein verzerrtes Bild. Auch die Arbeit­geber müssen Zeit haben sich vorzu­be­reiten: Die Mädels klin­gelten Montag – für Donnerstag. Wie kann man in so kurzer Zeit ein Programm gestalten? Und wie gesagt, rumsitzen… kann ich nicht mit meinem Effi­zi­enz­denken verein­baren. Und führt dann zu Fazits wie “nie Büro”.

Aktio­nis­ti­sche Events wie der Girls und Boys Tag sind wie die Katze. Die sitzt auch nur rum und streicht um die Beine. Zumal, und nun kommen wir zum nächsten Punkt, die meisten Girls und Boys nicht an Türen poten­zi­eller Arbeit­geber klin­geln – das ist fort­ge­schritten — sondern, im fami­liären Umfeld nach einer Möglich­keit suchen, den Tag herum­zu­kommen. Also halten die meisten Mitschüler meines Sohn beim Apotheker Maul­affen feil. Mein Sohn hat im Übrigen auf den Boys Day verzichtet und ist lieber zur Schule gegangen. Apotheke kennt er, bei mir hätte er die Ablage sortieren dürfen Fand er nicht so span­nend.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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2 Kommen­tare

  1. Peter K. 29. April 2013 at 8:22 — Reply

    Diesem Artikel kann ich unein­ge­schränkt zustimmen. Ein weiterer Aspekt der für die Kids hilf­reich ist sich den Erfah­rungs­schatz der Eltern oder Verwandten anzu­eignen bzw. diesen erstmal anzu­nehmen (in der Pubertät manchmal etwas proble­ma­tisch).
    PK.

  2. Smithy 29. April 2013 at 11:04 — Reply

    Ja, das ist wirk­lich Schade, dass Hand­werk so gering geschätzt wird. Europa hat hier schon eine Menge Exper­tise verloren. Bild­schirm­ar­beit am Computer macht Menschen krank. Da gibt es wirk­lich nicht viel, das man Kindern zeigen könnte. Man sitzt eben tagein-tagaus vor dem Computer, macht sich die Augen kaputt, tippt sich eine Finger­ge­lenks­ar­throse oder RSI hin und wenn man das Büro verlässt, gibt es nichts, auf das man stolz sein könnte.

    Ich habe den Wechsel geschafft. Ich war Infor­ma­ti­kerin. Sehr enthu­si­as­tisch damals, schon im Studium wurde ich von der Uni wegge­heuert, das Diplom habe ich dann im Teil­zeit­stu­dium fertig­ge­macht. Und mit 43 wegge­worfen wie ein Stück Müll. Man muss sich da Sprüche wie von SAP-Mana­­gern gefallen lassen: “Soft­ware­ent­wick­lung ist wie ein Leis­tungs­sport, da ist mit Ende 30 auch Schluss mit der Karriere”. Es folgten noch etwas Lohn­drü­ckerei, indem man die Leute in eine schein­selb­stän­dige Heim­ar­beit gedrängt hat, das habe ich mir schon nicht mehr bieten lassen.
    In meiner Frei­zeit schon war eine kleine Land­wirt­schaft mein Ausgleich. Das ist eine sinn­volle Arbeit. Wie ich heute einsehe ist diese Arbeit sehr viel sinn­voller, als Compu­ter­spiele für dümm­liche Gamer in dunklen Klamotten, die seltsam riechen zu entwi­ckeln. Sicher, ich habe damit gutes Geld verdient, aber die Arbeit hatte keinen Sinn! Fast jede Arbeit, die vor einem Bild­schirm statt­findet hat KEINEN SINN!
    Kinder haben da die rich­tige Intui­tion, die erkennen den Sinn­haf­tig­keit einer Arbeit auf einen Blick. Erwach­sene fangen dagegen an, sich auch die übelste Arbeit mit den irrwit­zigsten Ratio­na­li­sie­rungen schön­zu­reden, solange es nur Geld bringt.
    Ich bin in der glück­li­chen Lage, aus einem Eltern­haus mit Wurzeln in der Land­wirt­schaft zu kommen und ich bin hand­werk­lich geschickt. Ich habe den Resthof meiner Eltern mit meinen eigenen Flächen und Pach­tä­ckern vergrö­ßert und mache das jetzt Voll­zeit.
    Die unter­schied­li­chen Anfor­de­rungen machen mir Spaß, und dass es eine Arbeit ist, bei der man etwas tut und nicht nur vor einem Bild­schirm sitzt und sich virtu­ellen Kram ausdenkt, den es garnicht gibt. Wenn es auf dem Hof wenig zu tun gibt, stelle ich Möbel her, derzeit fertige ich Teile für die Innen­ein­rich­tung eines Segel­bootes.
    Die Arbeit mit Holz macht sehr viel mehr Spaß als die Soft­ware­ent­wick­lung und ist wegen der Bewe­gung ausserdem gesünder.
    Seit ich körper­lich tätig und den ganzen Tag auf Achse bin, sind viele meiner Zipper­lein verschwunden. HWS-Syndrom, die chro­ni­sche Sehnen­schei­den­ent­zün­dungen an den Fingern, der Mausarm, Rücken­schmerzen, sogar mein aller­gi­sches Asthma ist verschwunden. Die Bewe­gung tut dem Menschen gut. Der Mensch ist ein Bewe­gungs­tier, er ist dazu gemacht worden, sich den ganzen Tag über zu bewegen.
    Büro­ar­beit sollte auf höchs­tens 1–2 Stunden am Tag begrenzt sein, in der übrigen Zeit muss sich der Mensch an der frischen Luft bewegen können!
    Kinder erkennen das sofort und instinktiv!

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