Kate­go­rien

Warum denkst du nicht gleich ganz groß? oder: Warum Frauen lieber lang­samer gründen

Published On: 11. Juni 2012Cate­go­ries: Führung

Warum grün­dest du nicht gleich eine GmbH? Wieso stellst du nicht sofort Mitar­beiter ein? Und über­haupt: Wieso denkst du nicht gleich größer? Das sind typi­sche Aus- und Ansagen, die weit häufiger von Männern kommen als von Frauen.

Ordent­li­ches Wachstum, bitte! Slow­Gro­wing schadet der Stand­ort­för­de­rung, die schließ­lich davon lebt, möglichst große Gewer­be­flä­chen zu vermieten. Slow­Gro­wing ärgert die Banken, die wenig Lust haben für geringes Start­ka­pital großen Aufwand zu betreiben. Erst recht wider­spricht Slow­Gro­wing einem Denken, das auf pausen­losen zwei­stel­ligen Zuwachs gepolt ist: Jedes Jahr mehr. Deshalb werden Frau­en­grün­dungen oft belä­chelt. Da wird getöp­fert, Schmuck designt, Marme­lade verkauft. Alles in allem gesamt­wirt­schaft­lich über­haupt nicht rele­vant. Gründen geht anders, sagen viele. Oder viel­mehr — es ging.

Denn voll­kommen unbe­merkt verän­dert sich gerade etwas. Die Institut für Arbeits­markt­for­schung in Nürn­berg meldete kürz­lich, dass fünf Prozent der Frauen derzeit mt einer Grün­dung beschäf­tigt sind, das sind mehr als je zuvor (bisher immer kaum 4%). Ob auch die Neben­be­rufler mitge­zählt wurden? Anschei­nend nicht.

Klar ist, dass Frauen anders gründen, vorsich­tiger, lang­samer, mehr auf kleine Schritte bedacht. Ich sehe in meiner Bera­tung auch, wie sich immer mehr erfolg­reiche Frauen für ihr eigenes Unter­nehmen aus dem Job heraus rüsten. Teils under­cover, teils offen aus ihrer Ange­stell­ten­po­si­tion heraus, treffen sie Vorbe­rei­tungen für den Absprung.  Dass sie in der Selbst­stän­dig­keit vermut­lich weniger verdienen werden als ange­stellt, ist vielen nicht wichtig.

Ich habe einige Male mit konser­va­tiven Männern aus der Berater- und Banken­branche über beruf­li­chen Sinn und Grün­dungs­mo­ti­va­tion jenseits des Geld­ver­die­nens und Wett­be­werbs disku­tiert. Meine Gedanken lösten  Wider­spruch aus. Seit ich mich mit der Mana­ge­­ment- und Gesell­schafts­theorie Spiral Dyna­mics beschäf­tige, kann ich es mir damit erklären: Meine Diskus­si­ons­partner sind in ihrem Werte- und Denk­system in der leis­tungs­ori­en­tierten, mate­ri­ellen blau-orangen Phase verhaftet. Sie haben den Second Tier, das Denken des zweiten Ranges, noch nicht betreten (über Spiral Dyna­mics diese Woche mehr). In dieser Phase wird in der Macht und Status durch Wissen und Kompe­tenz abge­löst. Der grünen Phase, in der er es um mensch­liche Bindungen und ökolo­gi­sche Sensi­ti­vität geht, stehen blau-orange Menschen noch kritisch gegen­über. Ich habe mal versucht das Modell der Spiral Dyna­mics auf Grün­dungs­mo­ti­va­tionen zu über­tragen:

Spiraldynamische GründungsmotivationenDie Wider­sprüche in der Grün­dungs­be­ra­tung erklären sich auch durch unter­schied­liche Werte­sys­teme. Eines der größten Miss­ver­ständ­nisse in der  Bera­tung und Förde­rung von Frauen- und auch anderen Klein­grün­dungen beruht mögli­cher­weise vor allem auf einen farb­li­chen Kontrast: Blau-orange geprägtes Denken (Busi­ness Plan und Wett­be­werb) trifft auf grüne (Selbst­ver­wirk­li­chung, Verant­wort­lich­keit) oder gelbe Werte (Inte­gra­tion aller Farben, Flexi­bi­lität, Wissen und Kompe­tenz). Diese zu inte­grieren ist die wirk­liche Heraus­for­de­rung. Denn auch die Spiral Dyna­mics sagen nicht, dass irgend­etwas gut oder besser ist: Alles gehört zusammen, alles hat seine Zeit.

Die grüne Grün­dungs­mo­ti­va­tion führt dazu, dass Gefühle und Fürsorge an die Stelle von Ratio­na­lität treten. Der Wunsch gerade vieler Frauen, aber auch Männer nach beruf­li­chen Belas­tungs­phasen oder Karrie­re­ent­täu­schungen einen neuen Weg zu gehen, entspringt grünem Denken in den Spiral Dyna­mics (wohl kein Zufall, dass das poli­ti­sche Grün diesem Denken nah ist). Im Mittel­punkt steht liebe­volle Sorge für die Menschen, die Erde und das Leben. Grünes Denken ist ebenso schwierig wie gelbes in einen Busi­ness Plan zu packen.

Der Wunsch nach besserer Fami­li­en­ver­ein­bar­keit ist eine weitere Ausprä­gung grünen Denkens. Da ist ein Kind zuhause, ein Pferd, ein Hund, ein soziales Netz, all das ist wich­tiger ist als die Karriere (die im klas­si­schen Schorn­stein-Sinn „orange“ ist). Oft wird auch gesagt, dass man hier die Dinge für sich selbst tut, auch weil Werte- und Hand­­lungs-Systeme durch­schaut worden sind  – auch das ist grün-gelbes Denken.

Fast jede erfolg­reiche Frau und auch manch Mann stößt irgend­wann an Grenzen, wo sie merkt: Hier geht es nicht mehr um die Sache, sondern um im über­tra­genen Sinn um das Erlegen von Wild­schweinen, die sich heute in Autos und anderem Status inkar­nieren. Wild­schwein, SUV oder Porsche: Das eine muss immer ein wenig größer sein als das vorhe­rige – und das des Nach­barn. Viele Manager, die sich für Mentoren halten, haben noch nicht recht gemerkt, dass es nicht einfach darum geht, Frauen auf dem Weg nach oben zu fördern. Wenn Sie die Flucht von Frauen in die sinn­hafte Selbst­stän­dig­keit oder eine weniger fordernde Tätig­keit abwenden wollen, geht es vor allem darum, im „Oben“ mehr weib­liche Seiten zuzu­lassen. Bisher läuft alles auf dasselbe heraus: Auch die weib­li­chen Mana­ge­­ment-Coachs schulen ihre Klientel in männ­li­chen Verhalten. Frau soll verstehen, wie die da oben ticken und mit den bekannten Waffen umgehen lernen. Das ist oranges Denken.

Wieso aber, frage ich mich. Wieso ändert ihr denn nicht das Oben?

Oft sind es Frauen zwischen 40 und 50, die nach einer zweiten Chance suchen, in der sie jenen höheren (grün-gelben) Sinn finden, der sich ihnen im Berufs­leben nicht erschließt. Ihre Ideen zur Grün­dung sind häufig „öko“, manchmal spiri­tuell, wenn sie nicht menschen­be­zogen sind, also mit Bera­tung und Coaching zu tun haben. Die meisten weib­li­chen Grün­de­rinnen haben das unbe­dingte Bedürfnis, sich auszu­pro­bieren und klein zu starten — aber auch nicht zu klein. Gerade die beruf­lich Erfah­renen lassen ihren Weg in die persön­liche Sinn-Selb­st­­stän­­di­g­keit nicht im Klein­garten und beim Töpfern enden.

Die ehema­lige SAP-Bera­­terin Chris­tiane Kypke erzählt morgen im Inter­view, wie sie zu ihrer Idee Wohn­kon­traste gekommen ist  — und warum sie erst mal, typisch weib­lich eben, auf GmbH und Mitar­beiter verzichtet hat.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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8 Kommen­tare

  1. Natalie Schnack 11. Juni 2012 at 15:58 — Reply

    Liebe Svenja,

    ich selbst gehöre zu den Frauen, die nach Jahr­zehnten im Hams­terrad der Führungs­po­si­tion eines Gross­un­ter­neh­mens wieder einen Sinn in ihrer Arbeit verspüren wollen. Deswegen habe ich mich als Selb­st­­mar­ke­­ting-Coach und Grün­dungs­be­ra­terin selb­ständig gemacht. Dass ich im Verdienst erstmal zurück­ste­cken muss, war mir von Anfang an klar. Doch das habe ich gern in Kauf genommen und habe diesen Schritt in den letzten 3 Jahren nicht einmal bereut.

    Wir Frauen sind anders und das ist auch gut so! Und zu dem Thema, dass Frauen zu besseren Männer trai­niert werden, fällt mir nur ein Bedauern ein 😉

    Herz­liche Grüße
    Natalie

  2. Svenja Hofert 11. Juni 2012 at 21:18 — Reply

    Danke Natalie, für dein Feed­back. Ich finde auch: Es geht nicht um ein Über­leben in der Chef­etage, sondern um eine ganze neue Etagiere 😉 LG Svenja

  3. […] vermute fast, manch männ­li­cher Gründer wäre in die Vollen gegangen, hätte wahr­schein­lich auch gleich eine GmbH gegründet. Du nicht, dein Motto war: Erst mal vorsichtig. Was siehst du als die Vorteile eines […]

  4. Jens Kreise 14. Juni 2012 at 15:32 — Reply

    Hallo Frau Hofert,

    Ich habe selbst ohne Busi­ness­plan und ohne Fremd­ka­pital in 2006 gegründet und habe mir inzwi­schen aus dem nichts eine Exis­tenz aufge­baut. Ein wich­tiger, wenn nicht der wich­tigste Erfolgs­faktor ist dabei meine Aqui­se­stärke. Dabei würde ich mich selbst nichtmal als Top Verkäufer bezeichnen. Meine Stärken liegen darin, Aquise-Tools (Internet, Tele­fo­n­aquise Aussen­dienst etc.) Ziel­ge­richtet einzu­setzen.
    Gerne helfe ich in diesem Bereich auch anderen Grün­dern, da oft im Bereich Neukun­den­aquise die größten Probleme zu finden sind. Bei inter­esse freue ich mich über Ihre Kontakt­auf­nahme.
    info@fbs-fahnen.com

  5. […] Dyna­mics, über das ich hier schon im Zusam­men­hang mit Grün­dung sprach, ist ein mutma­chendes Modell, das Menschen wie mir, die Zusam­men­hänge des mensch­li­chen […]

  6. Michael Mallek 26. Juli 2012 at 15:07 — Reply

    Liebe Frau Hofert,

    ich habe das Inter­view mit Ihnen in der Wirt­schafts­Woche gelesen und Ihre Ansichten kann ich als Jung­un­ter­nehmer, der nach einem Jahr ohne Kredite neben dem Studium seinen Lebens­un­ter­halt durch die eigene Unter­neh­mung bestreitet, völlig teilen.
    Das erste, das ich tat nachdem ich das Inter­view gelesen habe, war Ihre Kurz­bio­grafie zu lesen. Ich kann mir vorstellen die “Beratenden”/Leser würden gerne weit mehr über Sie erfahren. Scheuen Sie sich also nicht selbst­dar­stel­le­risch wahr­ge­nommen werden zu können und schreiben Sie mit welcher noch so kleinen Idee Sie sich einmal abge­sehen von den Ratgeber-Verkäufen — es muss doch ein Leben vor dem Ratgeben exis­tiert haben — selbst­ständig gemacht haben.
    “Die einen tun’s, die anderen nicht.” Oder auch “…die anderen reden darüber.” Das ist was ich sehr oft erlebe. Man kann mit vielen Leuten über Unter­neh­mertum philo­so­phieren, über Ideen fanta­sieren aber die wenigsten packen die Chance am Schopf. Unter­neh­mer­typen sind die, die als Kind Steine ange­malt haben um sie Nach­barn zu verkaufen, die als Abitu­rient den Kuchen­ver­kauf und die Spon­so­ren­ak­quise orga­ni­sierten und die, die als schon Knirps der Ma oder dem Pa im Restau­rant geholfen haben und nicht die, die lange Busi­ness­pläne schreiben und sich hinter Pseu­do­ana­lysen verste­cken. Letz­tere reprä­sen­tieren die typi­sche Manager-Gene­ra­­tion, die nur verwalten können aber nicht gestalten. Einem Unter­nehmer wird nicht gesagt was er tun muss um erfolg­reich zu sein. Er hat ein Gespür dafür und testet es ständig durch Trial&Error aus ohne solche Risiken aufnehmen zu müssen nicht wieder aufstehen zu können.
    Beste Grüße
    Michael Mallek

    • Svenja Hofert 26. Juli 2012 at 15:27 — Reply

      Lieber Herr Mallek, danke­schön für Ihr Feed­back, freut mich. In meinem Slow-Grow-Prinzip steht übri­gens, dass ich mit 11 Jahren Maiglöck­chen verkauft habe, aber das war´s nicht… Dago­bert Duck sagt: “Ich nehm das Geld, nimm du den Ruhm” — und zeichnet damit ein irre­füh­rendes Unter­neh­mer­bild, nämlich das das Geld­op­ti­mie­rers ;-). Den meisten Unter­neh­mern geht es weder um das eine (Geld) noch das andere (Ruhm). Und apropos Plan: Fragen Sie z.B. mal Richard Branson, ob er für sein erstes Geschäft einen Busi­ness Plan erstellt hat. LG Svenja Hofert

  7. […] Immer mehr erfolg­reiche Frauen gründen nebenbei und under­vicer, denn in ihrem Job finden sie keine Zufrie­den­heit mehr.  […]

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