Kate­go­rien

Hartz IV und die Rela­ti­vität der Faul­heit — oder: „Ich müsste meinen Keller aufräumen und tu es nicht — Bin ich deshalb ein fauler Mensch?“

Published On: 3. Dezember 2013Cate­go­ries: Führung

Foto mak Nov 2009Sind Erwerbs­lose faul? Darf es „kein Recht auf Faul­heit“ geben, wie Gerhard Schröder einst formu­lierte? Mehr als 10 Jahre sind seit der Verab­schie­dung der Hartz-Reformen vergangen. Matthias Kauf­mann, Poli­tik­wis­sen­schaftler und Redak­teur bei SPIEGEL ONLINE, hat das Bild der Erwerbs­losen in der Debatte um die Hartz-IV-Reformen in seiner kürz­lich bei Springer VS veröf­fent­lichten Doktor­ar­beit beleuchtet. Ich sprach mit ihm über die Essenz des Buchs, die Rolle der Medien bei den Reformen — und die Rela­ti­vität von Faul­heit.

Ich sehe eine Menge bestens ausge­bil­deter, viel­fach sogar promo­vierter Menschen, die keinen adäquaten Job finden. Sie melden sich aber auch nicht arbeitslos. Ist Hartz IV schuld?

Kauf­mann: Das dürfte eine große Rolle spielen. Zwar hat man schon früher nicht gerne darüber gespro­chen, wenn man den Job verloren hatte, aber die Diskri­mi­nie­rung von Arbeits­losen hat seit den Debatten über die Hartz-Gesetze eine ganz neue Qualität bekommen. Das Risiko des Arbeits­platz­ver­lustes hängt ja an ganz vielen Faktoren: an der Konjunktur, an den Manage­ment­ta­lenten des Chefs, teils sogar am Wetter. Heute wird Arbeits­lo­sig­keit aber fast ausschließ­lich als persön­li­ches Versagen gedeutet. Das Schlag­wort Hartz IV ist zum Synonym für den totalen mate­ri­ellen und sozialen Abstieg geworden. Ein Etikett, das viele auch dann stig­ma­ti­siert, wenn sie sich auf eine eigent­lich passende Stellen bewerben. Da ist es nahe­lie­gend, wenn man sich dieses Etikett nicht anheften lassen will.

Rein statis­tisch sind die Drücke­berger unter den Arbeits­losen zu vernach­läs­sigen; es gibt viel mehr Menschen – etwa Allein­er­zie­hende –, die Unter­stüt­zung bräuchten. Wie konnte es geschehen, dass das Bild dennoch so stark Einzug hielt, dass der Drücke­berger Prototyp wurde?

Kauf­mann: Schon in den 70er Jahren gab es Poli­tiker, die den Verdacht äußerten, dass vor allem Faulenzer arbeitslos werden. Aller­dings war diese Sicht­weise noch tabu­be­haftet. Das begann sich zu ändern, als Helmut Kohl vom “kollek­tiven Frei­zeit­park Deutsch­land” sprach. Dann kam Gerhard Schröder und brachte als sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Kanzler die Arbeits­lo­sen­zahl mit Faul­heit in Verbin­dung: “Es gibt kein Recht auf Faul­heit”, sagte er, als sich in einem Inter­view von 2001 die “Bild”-Zeitung wunderte, dass es gleich­zeitig Arbeits­lose und offene Stellen geben kann. Der Zustand ist in einem gewissen Maß normal, für Schröder wurde er zur Steil­vor­lage. Sein Ziel war ja, einen Nied­rig­lohn­sektor zu schaffen; dafür rühmte er sich später vor Unter­neh­mern. Und das funk­tio­niert am besten, wenn der Druck auf die Erwerbs­losen erhöht wird, und sie gedrängt werden, jeden Job anzu­nehmen, egal wie unat­traktiv er ist.

Ich habe mir Artikel von 2001/2002 ange­schaut. Da war wirk­lich viel von Drücke­ber­gern die Rede. Dein Fazit?

Kauf­mann: Nach dem Schröder-Inter­­view verschärfte sich der Ton allmäh­lich. Nicht nur CDU- und FDP-Poli­­tiker schwangen die Moral­keule und spra­chen von Faul­heit, sondern zuneh­mend auch Rot-Grün. Franz Münte­fe­ring tat so, als ob vor allem unan­ge­nehme Arbeiten verwei­gert würden und brachte als Beispiel die Müll­ab­fuhr. Das war ziem­lich absurd, die Müll­ab­fuhren hatten keine beson­deren Sorgen bei der Perso­nal­suche. Und es verfehlte das Problem: Es ist ja nichts Verwerf­li­ches daran, wenn ein Fach­mann für Ferti­gungs­technik eine Stelle sucht, die zu seiner Ausbil­dung passt, das ist volks­wirt­schaft­lich sinn­voll, auch wenn er seinen Suche länger dauert.

Dass ausge­rechnet eine SPD-Regie­rung die weitest­ge­henden sozialen Beschnei­dungen aller Zeiten durch­setzte, über­rascht — was ist dein Fazit, warum konnte das geschehen?

Kauf­mann: Quali­tativ war das ein Sprung: Dass die SPD, die immer die soge­nannten kleinen Leute vor den Struk­tur­feh­lern des Arbeits­marktes schützen wollte, Teile ihres Klien­tels frontal angriff, hat die Debatte auf lange Sicht ungleich aggres­siver gemacht. Es sind nunmal diese kleinen Leute, die dem größten Arbeits­lo­sig­keits­ri­siko ausge­setzt sind. Die SPD wandte sich gegen sie und sagte: Ihr seid eigent­lich selbst schuld, wenn’s mit dem Job nicht klappt.

Verständ­lich ist das eigent­lich nur im Zeit­zu­sam­men­hang. Markt­mo­delle waren extrem populär, um die Welt zu erklären, wohl auch, weil sie so schön einfach sind: Es setzt sich immer der Beste durch, und das zum Markt­preis; wer etwas haben will, muss dafür bezahlen und ist deshalb auch allein für sein Schicksal verant­wort­lich. Viel kompli­zierter ist das Konzept soli­da­ri­scher Absi­che­rung, das auf der Einsicht beruht, dass manche Risiken zu groß sind, als dass sie ein Einzelner schul­tern kann. Dagegen sichert man sich gemeinsam ab. Der Sozio­loge Fran­çois Ewald fasst das Soli­da­ri­täts­prinzip so zusammen: “Die Verfol­gung meines eigenen Wohls verpflichtet mich dazu, auch das Wohl der anderen zu wollen.” Das war über Jahr­zehnte eigent­lich sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Stan­dard, der Rest war Anspruchs­re­gu­lie­rung nach Versi­che­rungs­prin­zi­pien.

Doch in jenen Jahren wurde der Soli­da­ri­täts­be­griff erfolg­reich umge­deutet. Als soli­da­risch galt nun, wer auf seine Ansprüche verzichtet, um den Sozi­al­staat zu schonen — auch wenn er durch Beitrags­zah­lung diese Ansprüche erst teuer hatte erwerben müssen und die versi­cherte Notlage tatsäch­lich einge­treten war. Dazu passt, dass sich das Klientel der SPD über Jahre in die Mitte verschoben hat; dort ist das Verständnis für Soli­da­rität nicht so ausge­prägt. Schade, denn die Mittel­schicht ist von den Verän­de­rungen mittelbar ja doch betroffen. Der höhere Druck auf Arbeits­lose wirkt auch auf dieje­nigen, die einen Job haben.

Die Medien spielten eine entschei­dende Rolle in der Kommu­ni­ka­tion des Themas. Ein biss­chen entsteht der Eindruck, sie wurden ihrer Verant­wor­tung zur ausge­wo­genen Bericht­erstat­tung nicht gerecht.

Kauf­mann: Medien bestimmen den Verlauf poli­ti­scher Debatten nicht allein, das ist immer ein Geben und Nehmen zwischen Medien und poli­ti­schen Akteuren. Aber die Medien sind in jener Zeit oft nicht ihrer Aufgabe nach­ge­kommen, die diskri­mi­nie­rende Begriffs­welt zu hinter­fragen, die von vielen Poli­ti­kern in Bezug auf Erwerbs­lose entwi­ckelt wurde. Und es gab Scharf­ma­cher in den Medien: Eine Boule­vard­zei­tung brachte es fertig, zwar zu vermelden, dass nur 2,4 Prozent der Hamburger Bezieher von Arbeits­lo­sen­geld und ‑hilfe schum­meln, darüber aber die Über­schrift zu setzen: „So schamlos zocken Sozial-Betrüger ab“. Solche Beispiele gibt es viele.

Gibt es ein Recht auf Faul­heit? Was ist deine ganz persön­liche Meinung?

Kauf­mann: Jeder kann im Prinzip alles tun oder lassen, solange er andere nicht schä­digt, von daher darf auch jeder faul sein, wie er lustig ist. Aber um darüber konkret zu reden, muss man erstmal klären, was Faul­heit über­haupt bedeutet. Ich müsste meinen Keller seit zwei Jahren aufräumen – keine Über­trei­bung! Bin ich deshalb ein fauler Mensch?

Das eigent­liche Problem ist, dass mit der Faul­heits­de­batte ein Problem disku­tiert wurde, dass nichts zur Sache tut. Bei den Ansprü­chen in der Sozi­al­ver­si­che­rung geht es nicht um Faul­heit, sondern um Sicher­heit für alle und darum, dass das unterm Strich volks­wirt­schaft­lich sinn­voll ist. Da kann man natür­lich darüber reden, welche Grenz­zie­hungen bei der Ausge­stal­tung der Sozi­al­ver­si­che­rungen nötig sind. Diese Debatte wurde aber kaum geführt, während man sich über Schma­rotzer und Faul­pelze erregte und so eine Gruppe zu Tätern erklärte, die über­wie­gend Hilfe braucht.

Das Buch “Kein Recht auf Faul­heit” ist sicher keine leichte Kost, aber für all dieje­nigen inter­es­sant, die ihre eigene Meinung über­prüfen oder auch als Arbeits­­markt- und Bildungs­experten mit dem Thema beschäf­tigen. Das Werk gibt es auch als E‑Book hier.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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4 Kommen­tare

  1. Rein­hard Schneider 8. Dezember 2013 at 15:31 — Reply

    Ich möchte den Autor beglück­wün­schen zu dem State­ment. Aus eigener Erfah­rung kann ich aus der Praxis berichten: Nach dem Studium war ich jahre­lang im Marke­ting / Produkt­ma­nage­ment von Marken­her­stel­lern erfolg­reich tätig. Jede Wirt­schafts­krise brachte einen Stel­len­ver­lust mit sich. Eine neue Stelle fand ich bis vor 3 Jahren spätes­tens nach 6 Monaten eigener Bemü­hungen. Nun mit über 50 Jahren suche ich im dritten Jahr. Während der Zeit im ALG I wurde ich von der Arbeits­agentur nach dem Motto behan­delt: Akade­miker bekommen spätes­tens nach 12 Monaten eine neue Stelle. Da ich als Produkt­ma­nager keine Perso­nal­ver­ant­wor­tung hatte und erst mit der letzten Tätig­keit als Leiter Entwick­lung und Kalku­la­tion Perso­nal­ver­ant­wor­tung bekam, wurde ich von einer entspre­chenden Fach­be­ra­tung der Arbeits­agentur ausge­schlossen. Am Ende dieser 12-Monats­frist wurden mir kurz­fristig Fort­bil­dungen im Social Media und Marke­ting geneh­migt, die mir bei der Suche jedoch keinen Nutzen brachten. Social Media Manager werden nur Prak­ti­kanten gesucht. Bevor ich dann ins ALG II, also Hartz IV, rutschte, suchte ich nach Jobs mit gerin­gerer Quali­fi­ka­tion, die an meine frühere Berufs­aus­bil­dung anknüpften. Hier sah man mich überall als Über­qua­li­fi­ziert an und sagte ab. So bemühte ich mich um eine Leih­ar­beit. Auch hier stand die Über­qua­li­fi­ka­tion im Wege. Mit Glück und Nach­druck gab man mir die Chance als Lager­ar­beiter für 9 Euro zu arbeiten. Hier bin ich in dem Umfeld, das Herr Schröder und seine Sozi­al­de­mo­kratie mit der Reform geschaffen hat. Meine Kollegen berichten von jahre­langen Leih­ar­­beits-Karieren, bevor man in Jahres­ver­träge kommt, die dann ggf. kurz­fristig verlän­gert oder gekün­digt werden. Als Leih­ar­beiter selbst ist man täglich vom Arbeits­platz­ver­lust bedroht. Diese unsi­chere Situa­tion ist für die gesamte Lebens­pla­nung, von Familie bis zur Rente, kata­stro­phal.

  2. […] habe heute einen sehr inter­es­santen Blog­ein­trag gelesen, und zwar bei Svenja Hofert: Hartz IV und die Rela­ti­vität der Faul­heit. […]

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