Kate­go­rien

„Hilfe, mein Mitar­beiter wählt die falsche Partei — darf ich was sagen?“ Mora­li­sche Über­zeu­gungen und was sie im Job (nicht) zu suchen haben

Published On: 16. August 2023Cate­go­ries: Aktuell, Führung

Neulich hörte ich in einem Führungs­kräf­te­work­shop einen Manager sagen: „Ich würde niemals mit jemanden zusam­men­ar­beiten, der die AFD wählt“. Sein Kollege, aus Ostdeutsch­land stam­mend, leitete die Filiale in Sachsen. Er erwi­derte nüch­tern: „Wie willst du das denn prak­tisch umsetzen?“

Es folgte eine lange Diskus­sion. Schließ­lich frage der ostdeut­sche Manager: „Und was sagt der Betriebsrat dazu, wenn du die Leute in den sozialen Medien stalkst?“

Er argu­men­tierte schließ­lich, natür­lich würde es in seinem Unter­nehmen AFD-Wähler geben. Das lege schon die Statistik nahe. Er halte es so: Politik gehöre nicht in den Job.

Ich merkte an, dass ich keine Arbeits­recht­lerin sei und nicht befugt diese Auskunft zu geben, aber: Die Frage nach poli­ti­scher Zuge­hö­rig­keit im Vorstel­lungs­ge­spräch sei mit ziem­li­cher Sicher­heit nur da erlaubt, wo dies eine unmit­tel­bare Rolle spiele. Arbeits­rechtler, die dies lesen, bitte ich freund­lich um ihre Einschät­zung.

Wo Politik, da ist auch Ideo­logie nicht weit

Tatsache ist: Nichts ist spal­tender und konflikt­träch­tiger als eine unter­schied­liche mora­li­sche Einstel­lung. Wo Moral da auch Politik. Und wo beides zusam­men­kommt, da auch Ideo­logie. Das ist der Ort, an dem Graben­kämpfe toben. Die Coro­na­pan­demie war für mich ein Lehr­stück nega­tiver Grup­pen­dy­na­miken und der Ausgren­zung des anderen Denkens.

Meine eigene Posi­tion entwi­ckelte sich und diffe­ren­zierte sich dabei aus. Dabei hilft mir eine wirk­lich tiefe Über­zeu­gung: Mir geht es um Verstän­di­gung, um die Frei­heit und Weiter­ent­wick­lung unseres Denkens. Und: Ich verab­scheue Ideo­logie. Okay, erwischt – ja, ich habe mora­li­sche Grund­über­zeu­gungen.

Erst kommt das Fressen, dann die Moral?

In der Tat ist oft zu beob­achten, dass exis­ten­zi­elle Bedürf­nisse stärker sind als vieles andere – aber eben auch nicht immer. Sonst würden manche Menschen eben nicht auf der Stresse landen…

Dass mora­li­sche Einstel­lungen ein Spal­tungs­po­ten­zial haben, zeigte die Coro­na­pan­demie. Aber auch in den Firmen ist zu beob­achten, dass mora­li­sche Haltungen explo­sives Konflikt­po­ten­zial bergen. Schließ­lich neigen sie dazu, sich poli­tisch aufzu­laden.

Die “Moral Foun­da­tions” oder “Moral­fun­da­mente” sind ein Konzept des Psycho­logen Jona­than Haidt. Er hat damit ältere Konzepte weiter­ent­wi­ckelt, etwa das des Moral­psy­cho­logen Lawrence Kohl­berg. Ihm ist die bekannte Eintei­lung in vorkon­ven­tio­nelle, konven­tio­nelle und post­kon­ven­tio­nelle Denk­lo­giken zu verdanken, die wiederum ihren Weg in die Ich-Entwick­­lung gefunden hat.

Es geht bei Haidt um Grund­lagen mora­li­scher Bewer­tungen und Vorstel­lungen in verschie­denen Kulturen und Gesell­schaften. Dabei muss man betonen: Seine Unter­su­chungen beziehen sich auf die USA. Hier haben Themen wie Libe­ra­lismus eine andere Tradi­tion als bei uns, so dass die verwen­deten Begriffe für uns oft andere Inhalte trans­por­tieren.

Haidt iden­ti­fi­zierte sechs Haupt­di­men­sionen oder “Moral Foun­da­tions”, die die Basis für unser mora­li­sches Denken und Verhalten bilden:

  • Schaden / Fürsorge (Care/Harm): Diese Dimen­sion bezieht sich auf Empa­thie und Sorge um das Wohl anderer. Menschen, die diese Moral Foun­da­tion stark betonen, legen Wert auf Mitge­fühl, Hilfe und den Schutz von Schwä­cheren. Korre­la­tionen mit den Big Five-Persön­­lich­keits­­mo­­dell bestehen bei der Dimen­sion Koope­ra­tion / Verträg­lich­keit. Das heißt diese Menschen sind tenden­ziell mehr auf andere Menschen und weniger auf sich und ihre Selbst­ver­wirk­li­chung bezogen.
  • Fair­ness / Betrug (Fairness/Cheating): Hier geht es um Gerech­tig­keit, Koope­ra­tion und den Umgang mit Betrug. Menschen achten darauf, dass Ressourcen fair verteilt werden und dass betrü­ge­ri­sches Verhalten vermieden wird. Big Five-Korre­la­­tionen bestehen mit der Dimen­sion Gewis­sen­haf­tig­keit, die die Subfa­cette Regel­ori­en­tie­rung enthält.
  • Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keit / Loya­lität (Loyalty/Betrayal): Diese Dimen­sion dreht sich um die Bindung an soziale Gruppen, wie Familie, Gemein­schaft oder Nation. Menschen mit einer starken Ausprä­gung dieser Foun­da­tion heben die Bedeu­tung von Loya­lität und Zusam­men­halt hervor. Auch hier korre­liert vor allem die Dimen­sion Koope­ra­tion / Verträg­lich­keit.
  • Auto­rität / Respekt (Authority/Subversion): Hierbei handelt es sich um die Akzep­tanz und den Respekt vor Hier­ar­chien, Auto­ri­täts­per­sonen und Tradi­tionen. Menschen, die diese Dimen­sion betonen, heben die Notwen­dig­keit von Respekt vor Auto­ri­täten und sozialen Normen hervor. Big Five-Korre­la­­tion besteht mit der Dimen­sion Gewis­sen­haf­tig­keit. Auffällig ist auch, dass in der Dimen­sion Offen­heit eine nega­tive Korre­la­tion besteht — diese Über­zeu­gungen sind also mir gerin­gerer Offen­heit verbunden.
  • Heilig­keit / Verlet­zung (Sanctity/Degradation): Diese Foun­da­tion betrifft das mora­li­sche Empfinden im Zusam­men­hang mit Rein­heit, Tabus und spiri­tu­ellen oder reli­giösen Werten. Menschen, die dies stark berück­sich­tigen, legen Wert auf die Bewah­rung von heiligen oder als heilig betrach­teten Aspekten. Auch hier besteht eine nega­tive Korre­la­tion zu Offen­heit.
  • Frei­heit / Unter­drü­ckung (Liberty/Oppression): Diese Dimen­sion bezieht sich auf die Beto­nung der Frei­heit und den Wider­stand gegen Unter­drü­ckung und Tyrannei. Menschen mit einer starken Ausprä­gung dieser Foun­da­tion vertei­digen indi­vi­du­elle Rechte und Frei­heiten. Big Five-Korre­la­­tionen konnte ich nicht finden. Diese Dimen­sion wurde später hinzu­ge­fügt und ist in der von mir genutzten Studie nicht vertreten.

Inter­es­sant: Konser­va­ti­vismus wurde bis vor kurzem oft in Zusam­men­hang mit einer gerin­geren Offen­heit gebracht — was in Bezug auf  die mora­li­sche Dimen­sion Autorität/Respekt auch zutrifft. Doch verschiebt sich das Verständnis gerade, so dass sich bewah­rende und die Tradi­tion schüt­zende Tendenzen meiner Meinung nach in allen Parteien finden. Es lassen sich nicht immer eindeu­tige Bezüge zu Parteien herstellen

Blicken wir auf Deutsch­land sehen wir auch kollek­tive Ausprä­gungen, die sich von anderen Ländern wie den USA unter­scheiden – und viel­leicht auch Ursache für den schlep­penden Kultur­wandel sind:

  • Die Beto­nung der Schaden / Fürsorge-Foun­­da­­tion könnte in sozialen Dienst­leis­tungen, dem Wohl­fahrts­staat und der Bereit­schaft zum Schutz von Minder­heiten und Schwä­cheren sichtbar sein. „Wir müssen allen mitnehmen“ höre ich in Bezug auf die Trans­for­ma­tion eigent­lich nur aus deut­schen Unter­nehmen.
  • Die Fair­ness / Betrug-Foun­­da­­tion spie­gelt sich mögli­cher­weise in der deut­schen Beto­nung von Gleich­heit, recht­li­cher Gerech­tig­keit und der Ableh­nung von Korrup­tion wider.
  • Die Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keit / Loya­­lität-Foun­­da­­tion könnte sich viel­leicht sogar im Staats­wesen und der Büro­kratie zeigen: Alle werden formell gleich­be­han­delt. Im Zweifel noch ein Formular.
  • Die Auto­rität / Respekt-Foun­­da­­tion könnte sich in Diszi­plin, Respekt vor Gesetzen und sozialen Normen spie­geln, weniger in Hier­ar­chien. Diese werden bei uns tradi­tio­nell „under­statet“. Das Streben nach Augen­höhe in der agilen Szene ist für mich ein Spiegel davon. Viele mögen es nicht, wenn jemand heraus­ge­hoben ist. Das ist ganz anders als in den USA wo man Menschen bewun­dert, die mehr leisten als andere.
  • Die Heilig­keit / Verle­t­­zung-Foun­­da­­tion mag in der Wert­schät­zung von Natur, Umwelt­schutz zugunsten der rück­läu­figen reli­giösen Werten zum Ausdruck kommen. Wir streben danach Vorreiter zu sein – und in der Tat hat das bisweilen reli­giöse Züge.
  • Die Frei­heit / Unter­­drü­­ckung-Foun­­da­­tion könnte in der deut­schen Beto­nung von Meinungs­frei­heit und demo­kra­ti­schen Werten erkennbar sein. Sie spie­gelt sich am ehesten dort, wo es um libe­rale Werte geht, in Extrem­fall viel­leicht im Recht auf „schnelles Auto­fahren“. Hier geht es auch um Themen wie Eigen­tums­rechte oder die Berufs­wahl­frei­heit.

Fazit: Appell für Tole­ranz und Klar­heit

Wenn Menschen zusam­men­ar­beiten, treffen sie stets auf unter­schied­liche mora­li­sche Über­zeu­gungen. Wir werden unwei­ger­lich mit Leuten zusam­men­treffen, die eine andere Über­zeu­gung als wir vertreten. Sie legt schon ganz nahe, jenseits unserer Bubbles. Haben wir das Recht andere als Mensch zu verur­teilen? Sicher nicht. Wir können immer nur Verhalten sehen. Ich verur­teile es klar, wenn jemand Plastik ins Meer schmeißt. Ich stelle diese Person zu Rede.

Aber es ist dann das Verhalten nicht der Mensch. Das sollten wir uns auch im Job zu eigen machen. Und dazu braucht es klare Prin­zi­pien – aber nicht eine einzige bestimmte mora­li­sche oder poli­ti­sche Über­zeu­gung.

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Weiter­füh­rend

  • Jona­than Haidt (2013): The righ­tous mind. Why good people are devided by Poli­tics and Reli­gion, Frage­bögen unter https://moralfoundations.org
  • Inter­net­portal, auf dem Sie auch die eigenen Über­zeu­gungen testen können, aber Vorsicht die Fragen sind zu ameri­ka­nisch für uns, hier
  • Hirsh, Jacob et al: Studie (2010) Compas­sio­nate Libe­rals and Polite Conser­va­tives: Asso­cia­tions of Agree­ab­leness With Poli­tical Ideo­logy and Moral Values, bei Rese­arch­gate

Foto von Anete Lusina: https://www.pexels.com/de-de/foto/frau-im-schwarzen-spaghettibugeloberteil-5723266/

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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