Kate­go­rien

Home Office im Lang­zeit­ver­gleich: Weniger Effi­zienz durch mehr Koor­di­na­tion

Published On: 27. Juni 2021Cate­go­ries: Führung

Einige ameri­ka­ni­sche Top-Manager sind alles andere als Fans vom Home Office. Das sei eine “Anomalie”, die schnells­tens korri­giert werden müsste, sagt etwa David Solomon von Goldman Sachs. Manch einer berichtet auch von verlo­renen Kunden. Hier­zu­lande hört man eher unter der Hand, dass ja vieles gut und manches möglich sei — aber bloß nicht auf Dauer Home Office.

Das mag daran liegen, dass in der USA die Pandemie gefühlt schon länger vorbei ist. Zumin­dest in ihren dras­ti­schen Auswir­kungen auf die Arbeits­welt. So sieht man hier derzeit eher PR-wirk­­same Bekun­dungen wie die von SAP, die die totale Flex­bi­li­sie­rung erlauben wollen, verkündet von der Marke­­ting-Chefin – warum eigent­lich nicht vin HR?

Wie entwi­ckelt sich Effi­zienz bei der breiten Masse?

Persön­liche Einschät­zun­gern lauten oft, dass Home Office optimal für Leis­tungs­träger sei, die Low Performer aller­dings noch mehr ins Abseits brächte. Was zusam­men­passt mit Beob­ach­tungen, wonach die  besten 10% auch in Schule und Studium mithalten konnten oder sogar besser wurden – mindes­tens genau­so­viele aber deut­lich abge­hängt.

Aller­dings im Beruf kommt natür­lich noch der schöne Schein dazu: Wer im Busi­ness Theater nicht offi­ziell mitspielt, könnte ins Karrie­re­hin­ter­treffen geraten. Nach wie vor wird gelten: Aus den Augen, aus dem Sinn (was die Heraus­for­de­rung von Remote-Führung erahnen lässt).

Jeden­falls: Wie sich die Effek­ti­vität in der breiten Mitte entwi­ckelt hat, scheint unein­heit­lich. Wie sich Home Office auf dem “long run” auch auf Krea­ti­vität auswirkt, lässt viel­leicht die Geschichte erahnen: 2013 holte Marissa Meyer die bequem gewor­denen Yahoo-Mitar­­bei­­tenden ins Büro zurück. Sie hatten ihre Krea­ti­vität in  die Grün­dung eigener Startups gesteckt.

Arbeit­neh­me­rinnen haben andere Bedürf­nisse als Unter­nehmer und Führungs­kräfte

Studien erlauben inzwi­schen Beob­ach­tungen über einen immerhin mitt­leren Zeit­raum von mehr als einem Jahr. Es zeigt sich ein Gap: Arbeit­neh­me­rinnen lieben Home Office, sie wollen laut diverser Umfragen über­wie­gend nicht dauer­haft zurück. Führungs­kräfte und Unter­nehmer dagegen erkennen den Kommu­ni­ka­ti­ons­ver­lust, der vor allem da entsteht, wo viele Abspra­chen im Team nötig sind. Aller­dings: Führungs­kräfte wissen auch nicht genau, wie sie es machen sollen, denn Remote-Führung muss komplett anders aussehen und vor allem auf Befä­hi­gung zielen.

Mögli­cher­weise beruht die Wahr­neh­mung der Arbeit­neh­menden aber auch auf einer Wunsch­vor­stel­lung: Der, das die Effi­zienz im Home Office steigt. Dies mag in der Anfangs­zeit so gewesen sein, auf lange Sicht spricht auch einiges dagegen, dass Produk­ti­vität jenseits spezi­eller Einzel­jobs aufrecht erhalten werden kann. Und die Varia­blen und Perspek­tiven sind zahl­reich, Muster­er­ken­nung entspre­chend schwer. Einiges aber lässt sich sagen.

Führungs­kraft als Psycho­loge

So ist es kein Zufall, dass Top-Schüler und Top-Studenten gut mit der Corona-Pandemie zurecht­kommen und ‑kamen. Und konse­quent sind es auch die Leis­tungs­träger in den Orga­ni­sa­tionen, die im Home Office mögli­cher­weise sogar noch besser werden. Leis­tungs­träger sind aber nicht unbe­dingt auch die, die vertikal Karriere machen.

Und dann kommt ein Effekt dazu: Die schlechten werden schlechter, denn soziale Bindung ist für sie ganz beson­ders wichtig. Soziale Prägungen verstärken sich. Aus einer harm­losen Phobie kann plötz­lich größere soziale Angst werden. Aus kleinen Problemem könnten große geworden sein.

Die Führungs­kraft als Psycho­loge? Das könne soweit kommen, zumal Thera­pie­plätze rar sind.

30% Effi­zi­enz­ver­lust

Eine aktu­elle Studie der IZA deutet darauf, dass Home Office zu erheb­li­chen Produk­ti­vi­täts­ver­lusten führt — 30% weniger produktiv war die unter­suchte Gruppe im Home Office oder genauer: Um auf die gleiche Produk­ti­vität zu kommen wie im Büro brauchte sie 30% mehr Zeit.  Die geht vor allem für Koor­di­na­tion und Kommu­ni­ka­tion drauf.

Denn der schnelle Zuruf fehlt. Um einen profes­sio­nellen Infor­ma­ti­ons­aus­tausch zu gewähr­le­siten, muss man erfahren in der Team­kom­mu­ni­ka­tion sein. Und genü­gend Methoden kennen, um all die Biasse und Heuris­tiken der ZUsam­men­ar­beit sowie Noise einzu­dämmen.

Wissens­ar­beiter kolla­bo­rieren mehr

Offenbar sind Produk­ti­vität vor allem da, wo hoch­qua­li­fi­zierte Mitar­beiter tätig sind — und der Koor­di­na­ti­ons­auf­wand online steigt. Die Mitar­bei­tenden in der Studie aus dem Mai 2021 mussten im Home Office 30% mehr arbeiten, um auf die bishe­rige Effi­zienz zu kommen. Schuld daran ist vor allem… eben der erhöhte Kommu­­ni­­ka­­tions- und Koor­di­nie­rungs­auf­wand.

Die Studie “Work from Home & Produc­ti­vity: Evidence from Personnel & Analy­tics Data on IT Profes­sio­nals” von Michael Gibbs Frie­de­rike Mengel und Chris­toph Siem­roth unter­suchte einen inter­na­tio­nalen IT-Diens­t­­leister. Dieser beschäf­tigt ausge­bil­dete Fach­kräfte, die eine Arbeit mit erheb­li­chen kogni­tiven, inno­va­tiven und zwischen­mensch­li­chen Aufgaben ausüben.

Das steht im Gegen­satz zu früheren Studien über Produk­ti­vi­täts­ef­fekte, die vor allem den Bereich niedrig quali­fi­zierter Arbeit (Tele­ar­beit) unter­suchten oder/und sich auf die aller­erste Lock­­down-Phase bezogen. Oder auch zu oft über­schwäng­lich posi­tiven Erfah­rungs­be­richten klei­nerer Unter­nehmen mit tenden­ziell eben weniger Koor­di­na­ti­ons­auf­wand.

Mehr Arbeit für gleiche Produk­ti­vität

Der Produk­ti­vi­täts­rück­gang wurde durch Mehr­ar­beit kompen­siert, führte also nicht zu einem Rück­gang des durch­schnitt­li­chen Outputs, da die geleis­tete Arbeits­zeit dies kompen­sierte. Es wäre inter­es­sant zu sehen, ob diese Verän­de­rung über einen längeren Zeit­raum nach­haltig war, vor allem ange­sichts der Belege für die nega­tiven Auswir­kungen langer Arbeits­zeiten auf das Wohl­be­finden, die geis­tige und körper­liche Gesund­heit der Mitar­beiter.

Erhöhte Koor­di­na­ti­ons­kosten können bedeuten, dass Teams und andere Arbeits­be­zie­hungen gelitten haben. Mitar­beiter verbrachten weniger Zeit damit, sich unter­ein­ander und mit Personen außer­halb des Unter­neh­mens zu vernetzen.

Wir meinen

Home Office ist heraus­for­dernd, erst recht auf Dauer. Es erfor­dert unserer Erfah­rung nach sehr viel Know-how — auch und gerade bei der Führung. Um unge­plante Inter­ak­tionen bei Video­kon­fe­renzen zu erzeugen, braucht es eine ganz beson­dere Atmo­sphäre und viel Vertrauen. Dies fällt nicht vom Himmel, sondern wird typi­scher­weise langsam aufge­baut — und leichter, wenn man Zeit hatte, sich kennen­zu­lernen.

Dieser Beitrag erschein zunächst als Kolumne bei XING.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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4 Kommen­tare

  1. Pauk Brause 1. Juli 2021 at 10:09 — Reply

    Es wird von Arbeit­neh­me­rinnen gespro­chen. Wie sieht es denn grund­sätz­lich aus bzw. wie sehen es die männ­li­chen Arbeit­nehmer. Besser wäre natür­lich wenn man grund­sätz­lich eine Unter­su­chung über alle macht und nicht nur ein Geschlecht betrachtet.

  2. Erik Jung 23. Juli 2021 at 7:46 — Reply

    Bin über die Einschät­zung gerade der Wissens­ar­beiter über­rascht. Im HO mit den entspre­chenden Tools klickt man sein Team adhoc zusammen, bespricht sich und ist auf dem Lösungs­pfad. Im Büro wird erst eine Bespre­chung mit Kalen­der­ab­gleich anbe­raumt und man trifft sich dann “morgen”.
    Das soll kein unvor­ein­ge­nom­mene Blick aufs HO sein, die Neben­ge­spräche, in denen die Krea­ti­vität stimu­liert wird, entfallen leider.

  3. Rainer Stein 18. November 2024 at 12:02 — Reply

    Wäre ja schön, wenn man bei solchen Arti­keln auch die Quellen /Link nennen würde! Das ist jour­na­lis­ti­sche Sorg­falts­pflicht. Ansonsten ist die Aussage: 30% weniger effektiv nicht mehr wie eine Unter­stel­lung!

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