Kate­go­rien

HR-Barcamp 2015, Teil 2 — Active Sourcing oder: Erzie­he­rinnen triffst du bei Ebay und Program­mierer ganz hinten im Code

Published On: 1. März 2015Cate­go­ries: Mensch & Orga­ni­sa­tion
Eine Session, alle Blicke nach vorn

Eine Session, alle Blicke nach vorn

Der zweite Tag des Barcamps (gestern Teil 1) beginnt bei mir müde. Ich hätte früher ins Bett gehen sollen. Ich treffe Chris­toph Athanas vorm Früh­stücks­buffet (Top-Cate­ring!), der sich für meinen Beitrag bedankt. „Genau das ist übri­gens Barcamp – man weiß nie, wie eine Diskus­sion verläuft.“ Es sei essen­tiell, dass Perso­naler selbst Sessions geben. Und da ist halt manches nicht immer so perfekt. Da hat er Recht! Also, liebe Perso­naler, macht mit beim Barcamp 2016. Das Unper­fekte ist sowieso viel span­nender.

Ich erkenne am zweiten Tag, dass es offen­sicht­lich verschie­dene Barcamp-Vari­anten gibt. Manche stehen vorn, geben einen Impuls und mode­rieren eine Diskus­sion, andere veran­stalten Mini-Work­­shops.

Flieg weiter und mach nicht, was andere dir sagen

Martin Gaedts Session beginnt mit einer Übung, die Hunger auf mehr macht. Wir sollen Papier­flieger basteln. Wer am weitesten nach vorne schießen kann, hat „gewonnen“. Wir basteln alle brav Flieger. Dann stellen wir uns hinten in den Saal und werfen nach vorne. Und — wer kommt am weitesten? Na klar: Die die keine Flieger, sondern Kugeln gebas­telt hatten! Klasse Übung, tolle Erkenntnis: Mach nicht, was man dir sagt, sondern denk nach… Und auch: Unge­wöhn­liche Ansätze bringen es weiter. Danach geht es mit drei Übungs­runden voran. Ich habe eine Idee mitge­nommen: Schicke dem Bewerber ein Handy mit der Notiz „ich bin dein neuer Arbeit­geber“. Teure Sache, denke ich, funk­tio­niert sicher auch nicht bei jedem. Aber genau das ist ja auch die Botschaft überall hier – Recrui­ting und vor allem das neudeut­sche „Active Sourcing“ wird immer krea­tiver und diffe­ren­ziert sich aus. Die eine rare Fach­kraft steht viel­leicht auf Handys, die andere …Dazu später mehr.

Die Jagd nach Fach­kräften von kreativ bis gefähr­lich

Die Suche nach Fach­kräften wird in Teil­be­rei­chen aller­dings offen­sicht­lich eher zu einer unkrea­tiven Jagd. Das erfahre ich in infor­mellen Rand­ge­sprä­chen, in denen ich zum ersten mal etwas von der „bösen“ Seite dieser neuen Recrui­tin­g­welt erfahre, so genannten Staf­fing­agen­turen, die aus den USA kommend, bei uns alles andere als wert­schät­zend auf Fach­­kräfte-Beutezug gehen. “Sind die wirk­lich damit erfolg­reich?” will ich  wissen. Offen­sicht­lich. Diesem Thema gehe ich noch mal nach…

Wie man sein Image sicher kaputt­macht: Candi­dates Horror Cabi­nett

Das High­light an Tag 2 war für mich die Session von Wolf­gang Brick­wedde vom „Insti­tute for Compe­ti­tive Recrui­ting“ und Thomas Wölcken, die sich dem auf diesem Barcamp beliebten Thema „Candi­date Expe­ri­ence“ zuwen­deten. Zuerst durften wir alle destruktiv brain­stormen über das, was so schief läuft. Solche Aufgaben machen nicht nur mir eine hölli­sche Freude. Jobbe­dingt sehe ich mehr Horror­facetten als die Perso­naler, die nur ihre eigene Firma im Blick haben. Die hier Anwe­senden sind mutmaß­lich ohnehin die besseren und fort­schritt­li­cheren Unter­nehmen, zum Beispiel Startups wie Sofa­tutor, Groupon oder Game­Duell, deren HRler Rüdiger von Hennig bei dieser Session neben mir sitzt. Konzerne sind hier rare Ware, in einer anderen Session war jemand von Daimler.

Candi­dates Horror Cabi­nett? Ich bekomme täglich Geschichten zu hören, die meine Kunden auf der Reise zu einem neuen Job so erleben. Eine kleine Auswahl:

  • Absagen im CC:, zum Beispiel direkt an alle Bewerber. (siehe “Sie glauben doch nicht, dass wir alle Bewer­bungen lesen?” aus dem Jahr 2010)
  • Einla­dungen nach vorhe­riger Ausla­dung mit der Begrün­dung, da seien zu viele Bewerber gewesen und man habe keine Zeit für die Auswahl gehabt.
  • DUZ-Anzeigen, aber Eingangs­be­stä­ti­gungen und Vorstel­lungs­ge­spräche per Sie.
  • Total modern gestal­tete Karrie­re­webseiten und völlig verknö­cherte Unter­nehmen.
  • Schicke junge Damen in der Stel­len­an­zeige und “alte Knacker” im Vorstel­lungs­ge­spräch…

Nun soll es aber auch darum gehen, wie man es besser machen kann. Ehrlich sein? War schon am ersten Tag ein Thema und ist es hier wieder. Apropos: Boring is the  new sexy… (wenn da nicht diese Panik wäre, nur faule Konsorten anzu­spre­chen, wenn man ehrlich ist — die haben einige ganz offen­sicht­lich.)

Es geht auch oft darum, wie und wo man mit Hinweisen auf die Firma und krea­tiven Stel­len­an­zeigen Bewerber findet, die zum Unter­nehmen passen. Von Hennig, der Perso­naler der Berliner Spie­le­firma, findet sie im Program­mier­code, und zwar an Stellen, an die sich nur Profis vortasten.

Touch­points für Fach­kräfte finden!

Fach­kräfte! Fach­kräfte! Das ist überall Thema. Für mich bestä­tigt sich wieder die Schief­lage: Ich sehe Fach- und Führungs­kräfte, die enorme Probleme haben, etwas Neues zu finden. Hier höre ich: Ja, es gibt Fach­kräfte, die wirk­lich gesucht sind, offen­sicht­lich neben den Entwick­lern vor allem die nicht-akade­­mi­­schen Ziel­gruppen. Die finde man an ihren Touch­points, also dort wie sie sich aufhalten. Kräf­tige Männer, verrät mir ein Barcamp-Teil­­nehmer, finde man auf einschlä­gigen Portalen, habe er in einer anderen Session gelernt. Erzieher dagegen lassen sich bei Ebay-Klein­an­­zeigen locken. Wenn man meinen Sohn anwerben wollte, denke ich, müsste man auf Online-Fußball-Manager gehen.

Gegen 15 Uhr endet die Veran­stal­tung im großen Saal. Auf der linken Seite berichten Teil­nehmer, die zum ersten Mal dabei sind von ihren Eindrü­cken und rechts alte Hasen, für die dieses Jahr schon das vierte  Mal “on board” war. Zum Abschluss wird über den Content-King abge­stimmt… mit dem Pokal geht Ali von What­chadoo nach Hause, nicht ohne vorher anzu­kün­digen, dass er in einem halben Jahr ein Barcamp nach Wien bringen wird.

Danke an die beiden da unten: Jannis Tsalikis und Chris­toph Athanas.

jannisundchristoph

 

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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6 Kommen­tare

  1. […] Auch für Herwig Kummer drehte sich das Barcamp übri­gens um die zukünf­tige Rolle von HR und was dazu (anderes) getan werden muss. Und hier abschlie­ßend der zweite Teil von Svenja Hoferts Blog­be­richt zum HR Barcamp. […]

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  4. […] folgen lassen, sondern statt­dessen auf dieje­nigen von Stefan Scheller, Henrik Zabo­rowski, Svenja Hofert, Dirk Stein­metz, Herwig Kummer und Henner Knaben­reich sowie die Inhalts­zu­sam­men­fas­sung der […]

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