Kate­go­rien

„Ich fühle mich berei­chert“: Wenn Manager mit über 40 noch studieren

Published On: 2. August 2015Cate­go­ries: Karriere

„Schaffe ich es ohne Studium bis zur Rente?“ Diese Frage stellen sich viele, die nicht studiert haben oder ihr Studium abbra­chen. Es sind häufig Prak­tiker, die es weit gebracht haben, beispiels­weise in der IT, der Produk­tion, aber auch im Vertrieb, mitunter auch im Marke­ting. In Forschung und Entwick­lung und dem Rechts­wesen ging es auch schon früher nicht ohne Studium. Nach wie vor ist der Vertrieb für Hands-on-Macher am offensten, doch die Luft wird dünner. Lohnt es sich also ein alter Student zu werden?

wissenistmacht_pixabay_adult-education-572269_640-1In den 1980er und 1990ern war es leicht, sich mit Fleiß und Enga­ge­ment hoch­zu­ar­beiten. Viele Prak­tiker sind heute in den 40ern und 50ern. Sie haben meist eine kauf­män­ni­sche Lehre oder eine Tech­ni­ker­aus­bil­dung, manche auch ein abge­bro­chenes Studium. In den 1990ern warben Unter­nehmen massen­weise Studenten ab und boten ihnen gute Gehälter. Da ich damals in der IT gear­beitet habe, kenne ich viele Geschichten, bei denen jemand aus der Uni geholt wurde. Auf den gesamten Karrie­re­le­bens­zy­klus betrachtet, wurde das meist irgend­wann zum Nach­teil und zu einem Stol­per­stein im Lebens­lauf. Und kommen Sie mir nicht mit berühmten Abbre­chern wie Bill Gates: Das war eine andere Zeit und hier geht es um Selbst­stän­dige. Wir spre­chen von Ange­stellten. Und ich meine speziell die, die noch mindes­tens 10 Jahre arbeiten müssen — nicht die Bildungs­stu­denten die in Rente sind und sich in, Geschichts­vor­le­sungen setzen.

Die kogni­tive Verzer­rung “Selbst­be­stä­ti­gungs­ten­denz” (wir suchen Bestä­ti­gung für unsere Haltung und blenden Gegen­be­weise aus) führt es mit sich, dass viele dieser Personen, über­wie­gend männ­lich, gute Argu­mente finden, sich nicht auf eine Studi­en­zeit einzu­lassen.

Happy retirees studyingDiese Argu­mente gegen ein Studium im Alter von 40–55 sind:

  • Ich habe prak­tisch genauso viel gelernt oder sogar mehr als meine studierten Kollegen (wirk­lich?)
  • Bilanzen etc. kann ich auch lesen, das lernt man eben on the job.
  • Mit der ganzen Theorie kommt man in der Praxis sowieso nicht weiter.
  • Das Wissen ist ja eh so schnell veraltet.

Übri­gens sind es die glei­chen Argu­mente, mit denen gegen klei­nere Weiter­bil­dungen, etwa im Projekt­ma­nage­ment gewet­tert wird. Da höre ich dann, dass das Wasser­fall­mo­dell eh Unsinn sei oder man sich agile Methoden auch mit einem Buch aneignen kann, was bis zu einem gewissen Grad sicher stimmt. Für Studi­en­gänge sehe ich die Buch­me­thode jedoch nicht, denn im Studium geht es ja nicht nur darum, sich Wissen anzu­eignen, sondern dieses auch anzu­wenden und sich einer Beno­tung zu stellen. Letz­teres ist der entschei­dende Unter­schied.

Im Grunde steckt hinter der Ableh­nung, sich auf die zwei, drei Jahre einzu­lassen auch viel Unsi­cher­heit (schaffe ich das?), mitunter Lern­faul­heit und ziem­lich oft der Unwille sich auf Verän­de­rungen einzu­lassen. Beson­ders im Fokus sind dabei die oft damit verbun­denen Einschrän­kungen, ob nun finan­ziell oder fami­liär und zeit­lich. Überall wird man zudem auf Freunde und Bekannte sowie andere „Gönner“, etwa Vorge­setzte, treffen, die einem abraten, in dem Alter noch zu studieren. Meist werden es Leute sein, die in einer ähnli­chen Situa­tion stecken. Denn es gibt ein inter­es­santes Phänomen, das ich hier schon einige Male thema­ti­siert habe: Man stellt gerne Menschen ein, die einem ähnlich sind, sei es, dass sie dasselbe studiert haben oder an der glei­chen Uni waren oder auch dass sie auch „Nur-Azubis“ waren.

Diese Menschen jedoch sterben aus, zumal an der Spitze von Unter­nehmen. Die Wahr­schein­lich­keit sinkt, Manager ohne Studium über­haupt anzu­treffen. Und sie wird in den nächsten Jahren immer weiter sinken. Damit verbunden sein wird ein Absenken der Akzep­tanz für Lebens­läufe ohne Studium in Führungs­po­si­tionen. Dieses Absenken beob­achte ich derzeit in fast allen Bran­chen, etwas weniger im Bereich Hotel und Gastro­nomie, wo die Hotel­fach­lehre immer noch ange­sehen ist.

Es gilt natür­lich immer den Einzel­fall zu betrachten. Aber meist ist das ein klares Argu­ment pro Studium.

Weitere Argu­mente für ein Studium im Alter von 40–55 Jahren sind:

  • Das Selbst­be­wusst­sein steigt: Wer es geschafft hat, ist am Ende glück­lich und zufrieden.
  • Aner­ken­nung ist sicher: Stille Bewun­de­rung ist einem nahezu sicher (auch derer, die diesen Weg eben nicht gehen wollten).
  • Die analy­ti­sche Denk­fä­hig­keit steigt: Fast alle, die mir in meiner Praxis begegnet sind, haben etwas Wert­volles gelernt. Fast alle finden, dass sie gelernt haben, analy­ti­scher, syste­ma­ti­scher und stra­te­gi­scher zu denken.
  • Gehirn­zellen werden erneuert: Wer im fort­ge­schrit­tenen Alter Neues lernt, schafft neue Gehirn­zellen und Verbin­dungen. Das fühlt sich nicht nur gut an, sondern macht auch geistig reger.
  • Man lernt mit der Gene­ra­tion Y zu arbeiten: Mit viel jüngeren Kollegen zu studieren kann anre­gend für beide Seiten sein. Manager lernen dabei oft ganz neue Seiten kennen und über­denken altge­wohnte Einstel­lungen.

Also, trauen Sie sich! Ein Studium ist heute nicht mehr auf viele Jahre ange­legt. Viel­fach besteht sogar die Möglich­keit, ohne Bachelor direkt einen Master zu machen. Die zwei bis drei Jahre sind fast immer gut inves­tiert. „Ich fühle mich berei­chert“, habe ich oft gehört. Und ein Happy End auf dem Arbeits­markt gibt es meis­tens auch. Manchmal schein allein aufgrund des gestie­genen Selbst­be­wusst­seins. Denn die Frage „warum haben Sie nicht studiert?“ nagt an einem – sowie der ewige Verdacht, dass Bewer­bungs­ab­sagen mit dem fehlenden Schein zu tun haben könnten.

Ich würde mich sehr freuen, wenn sich hier Perso­naler äußern und schreiben, wie sie das sehen.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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6 Kommen­tare

  1. Jochem Neysters 3. August 2015 at 16:49 — Reply

    Weiter­bil­dung durch ein Studium ist sicher nichts falsches für das die eigene Arbeit, das eigene Ego und für den Ruf. Habe aber erlebt, dass jemand der das gemacht hat keinen finan­zi­ellen Nutzen daraus ziehen konnte, was ihn ziem­lich frus­triert hat.

    • Svenja Hofert 4. August 2015 at 9:41 — Reply

      ich finde, der finan­zi­elle Nutzen sollte nicht im Vorder­grund stehen, sondern der persön­liche. LG Svenja

      • Chris­toph Burger 10. August 2015 at 10:56 — Reply

        Hallo Svenja, das genau ist für mich in der Bera­tung eben­falls der entschei­dende Punkt. Wer ein größeres Bildungs­vor­haben nur macht, um etwas Bestimmtes zu errei­chen — meist, weil sich gerade kein passender Job zu bieten scheint — ist auf dem Holzweg. Statt­dessen muss die Weiter­bil­dung an sich positiv bewertet werden.
        Beste Grüße,
        Chris­toph Burger

  2. Isabella Denz 8. August 2015 at 13:44 — Reply

    Ich kann Ihnen nur beipflichten. Mit 51 Jahren habe ich meinen ersten Master in Nonpro­fit­ma­nage­ment und dieses Jahr, mit 62 Jahren, meinen zweiten Master im Bereich Erwach­se­nen­bil­dung, beide an der Fach­hoch­schule für Wirt­schaft in Olten in der Schweiz abge­schlossen. Ich habe im beruf­li­chen und im persön­li­chen Bereich nur profi­tiert (übri­gens auch finan­ziell). Nach der obli­ga­to­ri­schen Schule habe ich eine Damen­schnei­de­rin­nen­lehre absol­viert, besitze keine Matura (Abitur) und habe auch keinen Bache­lor­ab­schluss. In die Master­aus­bil­dungen wurde ich “sur Dossier” zuge­lassen, d.h. Erfah­rung, Empfeh­lung, besuchte Weiter­bil­dungen. Schade, dass nicht mehr Ältere Menschen diesen Schritt wagen! Ich erlebe oft, dass jüngere Menschen begeis­tert sind über meinem Lebenslauf/Lebensverlauf. Ich habe fünf Kinder gross­ge­zogen, die alle im Bereich Aus- und Weiter­bil­dung aktiv unter­wegs sind — ein Vorbild haben ist immer noch etwas vom besten.
    Herz­liche Grüsse Isabella

  3. Stefan Gasser 12. August 2015 at 13:45 — Reply

    Guten Tag Frau Hofert
    Bin um ein Schmun­zeln nicht herum­ge­kommen, als ich ihr State­ment pro und gegen ein Studium las.
    Persön­lich habe ich nicht studiert, habe prak­ti­sche und lang­jäh­rige erfolge Vertriebs­er­fah­rung in verschie­denen Bran­chen. Für manche Bereiche kann ein Studium Sinn machen. Selbst habe ich jedoch in der Zusam­men­ar­beit mit soge­nannten Koli­phären, die sich einem Studium verschrieben haben, sei es privat oder beruf­lich nicht durch­wegs posi­tive Erfah­rungen gemacht egal auf welcher Hier­ar­chie­stufe. Sei es,dass soge­nannte Studierte nicht in der Lage sind auf Geschäft­lei­tungs­ebene Briefe zu lesen und kunden­ori­en­tiert positiv zu antworten respek­tive zu agieren. Nur weil irgend­einer ein BWL-Studium macht und sich zu höherem berufen fühlt, wird auch nicht auto­ma­tisch mehr Umsatz oder neue Geschäfts­felder gene­riert. Ein Bildungs­stand alleine sagt noch über­haupt nix aus, ob einer in einer Führungs­po­si­tion funk­tio­niert.

  4. […] Im Karrie­re­blog von Svenja Hofert ging es um Manager, die mit über 40 noch einmal studieren. Ihre Argu­mente dafür kann man eigent­lich ganz unab­hängig vom Alter anwenden, finde ich. […]

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