Kate­go­rien

Ich könnte alles tun, wenn ich nur wüsste, was….oder: Das Dilemma, zu viele Optionen zu haben

Published On: 25. Juni 2012Cate­go­ries: Führung

© vege — Fotolia.com

Wir haben die Wahl: Kinder, Karriere, beides, Mann, neuer Mann, Frau, neue Frau, Beruf, neuer Beruf. Man sollte meinen, dass uns all die Möglich­keiten glück­li­cher machen. Das Gegen­teil ist der Fall. Und, oh, Wunder, das betrifft ganz beson­ders uns Frauen. Nach­weis­lich machen uns Möglich­keiten unglück­li­cher als Männer! Denn das Thema Kind ja, nein, wann und wie viele verfolgt uns mit erbit­terter Härte und biolo­gi­scher Unnach­gie­big­keit. Welche der vielen Karriere-Optionen ist meine?  Verpasse ich etwas, wenn ich auf ein Kind verzichte? Verpasse ich etwas, wenn ich auf Karriere setze? Geht mir eine Chance durch die Lappen, wenn ich diesen Job mache und nicht jeden? Hätte, wäre, könnte. Da Männer bei der Jobwahl immer noch weit mehr an Exis­tenz­si­che­rung denken, trifft es uns Frauen mit voller Wucht. Und da wir bei der Jobsuche nicht nur an Exis­tenz­si­che­rung denken, haben wir heute nicht nur die Möglich­keit, einen gut bezahlten Job zu machen, sondern erwei­tern unsere Perspek­tive gleich um eine weitere: Die Suche nach einem sinn­erfüllten Job — und nicht nach irgend­einem.

Die weib­liche, aber teils auch männ­liche Zerris­sen­heit zwischen den vielen Möglich­keiten, die sich in einem nach­las­senden Glücks­ge­fühl spie­gelt,  bringt einer meiner Lieb­lings­au­toren, Bas Kast, in seinem Buch “Ich weiß nicht, was ich wollen soll” sehr schön mit Studi­en­ergeb­nissen belegt auf den Punkt. Das durch­schnitt­liche Glücks­ge­fühl, so schreibt er, gehe stetig zurück. Beson­ders betroffen seien so genannte “Maxi­mierer”, das sind Menschen, die immer denken, sie könnten noch mehr und besseres errei­chen. Im Buch gibt es dazu einen Test. Ich habe den leisen Verdacht, das Extrem-Maxi­­mie­rung mit einem hohen Wert bei Ziel- und Zweck­ori­en­tie­rung im Reiss-Profil korre­lieren könnte.

Je mehr Optionen wir haben oder besser noch: denken zu haben, desto weniger zufrieden sind wir. Wissen­schaft­liche Beweise, legt Bas Kast nahe, gibt es für diese These viele. Gut, besser, noch besser? Haben wir erst den Traumjob, ist der auch nicht gut genug.

Junge Frauen sehen ihre Möglich­keiten täglich im Fern­sehen, im Internet, außerdem wird vermut­lich mehr über Optionen geredet als früher. Mir wurden die vielen Möglich­keiten erst im fort­ge­schrit­tenen Alter bewusst, was es nicht besser macht. Turnus­mäßig nerve ich mein Umfeld mit der fixen Idee, ich müsse nun endlich promo­vieren, auf die Gala­­pagos-Inseln umziehen, mich für soziale Belange enga­gieren, ein Haus am See zur Beher­ber­gung junger Autoren kaufen oder den Roman schreiben, der mir seit Jahren in Frag­menten im Kopf rumspukt. Hinzu kommt die ewige Frage, ob ich nicht besser noch mal studieren sollte: Jura, Physik, Infor­matik oder Krimi­no­logie oder… Ja, Sie sehen, es ist keines­wegs so, dass eine erfolg­reiche Exis­tenz als Karrie­re­coach alle anderen Optionen so über­strahlt, dass sie unsichtbar werden. Glück­li­cher­weise habe ich ihm Maxi­mie­rertest nur einen mitt­leren Wert; relativ genügsam also.

Meine zahl­rei­chen Optionen stehen sich zeit­weise ziem­lich im Weg. Spiri­tuell ange­hauchte Coachs würden versu­chen, mit mir meinen echten und wahren Lebens­traum auszu­ar­beiten oder mir einreden, ich müsse ALLES reali­sieren. Für mich ist das ein Mythos, der geht wie alle: ein Mensch sucht nach der Wahr­heit, geht durch die Hölle der Erkenntnis und kommt mit dieser weiß gewandet und grund­le­gend geläu­tert zurück nach Haus. Das passiert, zuge­geben. Aber: Es passiert so gut wie nie OHNE zuvo­rige Hölle; ein Coaching reicht bei weitem nicht. Es passiert auf gar keinen Fall im Alltag, wenn es dir und mir gut geht und alles im Grunde ganz okay ist (wären da nicht die ganzen Optionen).

Barbara Sher hat Karrie­re­ge­schichte geschrieben und in den 1970er Jahren die ersten Bücher zur Berufs­ori­en­tie­rung geschrieben, 1992 erschien die engli­sche Ausgabe von „Ich könnte alles tun, wenn ich nur wüsste, was ich wollte“, bis heute über 700.000 Mal verkauft. Sher ist sowas wie die Erfin­derin der Traum­job­suche. Und es ist kein Wunder, dass diese Suche erst vor 20 Jahren so richtig Fahrt aufnahm — als die Möglich­keiten zunahmen, vor allem für uns Frauen. Traum­job­suche ist ein typi­sches Kenn­zei­chen von Gesell­schaften, die satt sind, weil die Menschen in ihnen zu viele Optionen haben. Ergo findet man sie derzeit kaum in Grie­chen­land und ein spani­scher Freund hat mir neulich bestä­tigt, dass in seinem Land kaum jemand auf die Idee kommt, nach Traum­jobs zu suchen. Als ich ihm von unseren deut­schen Zuständen erzählte, hat er ziem­lich oft „really?“ gefragt. Viel­leicht ist das ein Grund, dass die Spanier trotz aller wirt­schaft­li­chen Schwie­rig­keiten unterm Strich glück­li­cher sind. Wenn die Option des Traum­jobs wegfällt, ist es das schon mal eine Möglich­keit weniger und damit irgendwie auch weniger Ballast.

Ich finde, die meisten Menschen über­schätzen die Realität, was mögli­cher­weise ein Grund ist, so etwas wie den Traumjob nicht zu reali­sieren. Man sollte Jobs machen, die zeit­weise Freude machen und einen berei­chern. Es ist illu­so­risch anzu­nehmen, dies könne ein Leben lang vorhalten. Mit Traum­jobs sei es wie mit Traum­män­nern habe ich im Karrie­re­ma­cher­buch geschrieben: Der Zauber ist nach einer gewissen Zeit vorbei. Wenn man sich immer neu verlieben will, führt das zur Job-Promis­­kuität. Außerdem kann so eine Suche ganz schön anstrengen – und am Ende zu weniger führen als gar keine Suche. Wie passend, dass mir gerade Feli­citas Pomme­re­ning ihren Roman „weib­lich, jung, flexibel“ (Herder-Verlag) geschickt hat, der das Gefühl einer Gene­ra­tion aus meiner Sicht viel besser wieder­gibt als eine durch­ge­knallte Char­lotte Roche. Es geht in Pomme­re­nings Buch genau um dieses Thema: Zu viele Optionen. Pomme­re­ning ist Durch­schnitt, jemanden mit Gedanken wie ihren sehen wir in unserer Bera­tung öfter, Roche ist eine extreme Rand­er­schei­nung. Seltsam genug, dass Medien es bevor­zugen, Rand­er­schei­nungen zu Trends auszu­rufen.

Die Frauen in Pomme­re­nings Buch suchen und finden nicht, auch Pomme­reng selbst hat jähr­lich den Job und den Wohnort gewech­selt, bis sie selbst keine Lust mehr hatte… So etwas kann nur in einer Traum­job­kultur passieren.

Oft werde ich im Coaching gebeten, Spar­rings­partner beim Sortieren von Optionen zu sein. A oder B oder doch C? Man weiß aus der Hirn­for­schung, dass eine gute Entschei­dung eine fundierte Entschei­dung ist und die beste Intui­tion jene ist, die auf Erfah­rung beruht. Ich helfe gern, Entschei­dungen auf solide Funda­mente zu stellen. Das genaue Betrachten von Optionen, erhöht die Wahr­schein­lich­keit, eine zu treffen, hinter der man stehen kann. Oft kehrt man so zum ersten Impuls zurück, manchmal merkt man aber auch, dass der erste Impuls ein Zuschrei­bungs­fehler war oder auf Basis einer falschen Infor­ma­tion erfolgte.

Es gibt Genuss-Träume und Verderber-Träume. Ich bin ein Fan von Genuss-Träumen und finde es sehr gesund, rumzu­spinnen. Ich bin aber gegen die Verderber-Träume, die einem vorgau­keln, mit einem anderen Job hätte man ein schö­neres Leben gehabt. Die Verderber-Träume gilt es auszu­schalten. Dies gelingt bei genauerer Betrach­tung des „so ist es und es ist gut so“. Das nimmt ein paar der Optionen einfach wieder weg und erhöht damit das persön­liche Glücks­ge­fühl. Ein Kunde, Führungs­kraft, träumte davon, in einem Theater zu arbeiten. Er rief an und bekam auch prompt ein Angebot – für sieben Euro die Stunde. Aus der Traum, und das bei gutem Gefühl!

Ich muss dann keinen Träumen nach­hängen, wenn ich bewusste Entschei­dungen getroffen habe.  Ich habe mir neulich nach nüch­terner Pro-Contra-Betrach­­tung gesagt, dass ich den Blöd­sinn mit der Promo­tion erst mal zu den Akten legen sollte, denn eigent­lich könnte ich genauso gut ein neues Buch schreiben.

 

 

 

 

 

Beitrag teilen:

Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

Folgen Sie mir gerne auf Youtube und wenn Sie nichts verpassen wollen auch bei Linkedin.

 

3 Kommen­tare

  1. Paul Felz 12. Juli 2012 at 16:18 — Reply

    Ein wunder­barer Artikel Frau Hofert! Schreiben Sie ihr Buch , ange­sichts solcher Sätze wie
    “Traum­job­suche ist ein typi­sches Kenn­zei­chen von Gesell­schaften, die satt sind, weil die Menschen in ihnen zu viele Optionen haben.” (und der Tatsache dass Sie schon ein “paar” geschrieben haben) kann dieses ja nur gut werden 🙂
    Das mit der Zerris­sen­heit ange­sichts “zu vieler” Möglich­keiten kenne auch ich (als Mann) nur allzu gut. Und das fängt ja manchmal schon selbst mit solchen Bana­li­täten wie einem über­vollen Zahn­­pasta-/Käse-/Sonstwas-Regal im Laden an…

  2. Svenja Hofert 12. Juli 2012 at 16:38 — Reply

    danke, danke, das sind Blumen! Ja, das ist mit den Zahn­pas­ta­tuben echt so ne Sache. Ich meine mich zu erin­nern, dass man nicht mehr als 5 zur Ausfall haben sollte, dann ist man schon wieder über­for­dert (und kauft lieber nichts). Wie bei Marme­laden… Und Jobs 🙂

  3. Bianca 18. August 2012 at 0:03 — Reply

    Danke für diesen Artikel! Trifft mein Lebens­ge­fühl genau auf den Punkt (und das vieler meiner Bekannter nach dem Studium auch). Endlich ein Artikel, der einem das Gefühl gibt, verstanden zu werden (und nicht nur den lapi­daren Kommentar bei Zwei­feln: Sei froh, dass du einen Job hast).

Leave A Comment

Diesen Blog durch­su­chen