Kate­go­rien

„Ich will den Himmel garan­tiert“- oder von der Irra­tio­na­lität der Entschei­dungs­fin­dung

Published On: 3. April 2013Cate­go­ries: Karriere

Ab und zu haben wir es mit Klienten zu tun, die sich nicht entscheiden können. Ihre Wahl ist nicht die zwischen Himmel und Hölle, sondern zwischen mögli­chen Fege­feuern. Das heißt, sie haben das Problem, das wir alle haben, wenn wir nicht wissen, wohin uns eine Entschei­dung führt. Und das können wir nie wissen.

Im Ideal­fall entscheiden wir uns für etwas, was vor dem derzei­tigen Wissens­hin­ter­grund, vor der derzei­tigen Situa­tion und mit Blick auf die von der Entschei­dung betrof­fenen Menschen Sinn macht. Diese Sinn machende Entschei­dung in der Bera­tung heraus­zu­ar­beiten, ist mein Ansatz. So eine Entschei­dung wird man immer vertreten können, auch wenn man es später doch anders gemacht hätte. Man hat die beste Entschei­dung getroffen, die zu diesem Zeit­punkt möglich war. Was will ich mehr?

Es gibt Menschen, die wollen mehr. Die 100%ige Entschei­dung, die Garantie für den Himmel. Wer den Himmel geschenkt möchte, neigt zum Entschei­­dungs-Dele­­gieren. Solche Leute haben alles durch­dacht, wissen alles, kennen sich, die anderen, durch­schauen Inter­ak­tionen. Egal, in welche Rich­tung man fragend vordringt, dort waren sie auch schon. Es ist ein Kreis­ver­kehr ohne Ausfahrt. Es ist unmög­lich, mit ihnen Entschei­dungs­kri­te­rien zu defi­nieren, denn sie sind nicht in der Lage, sie zu gewichten. Das Bekenntnis zum einen bedeutet den Verzicht aufs andere.

Lisa ist so jemand: Sie hat eine Lehre gemacht und sie für schlecht befunden, ein biss­chen gear­beitet und das Arbeits­leben als „doof“ bewertet, bis jetzt vier Fächer anstu­diert, alle nach wenigen Semes­tern abge­bro­chen… Nun hat sie gerade das Physicum bestanden.  Sie über­legt wieder abzu­bre­chen, weil der Kran­ken­haus­ge­ruch sie nervt, um sich dann mit einem Foto­studio selbst­ständig zu machen.  Darin hofft sie ihre Beru­fung zu finden, denn danach sucht sie. Gleich­zeitig könnte sie ein Kind bekommen und eine Familie gründen  oder aber sich von ihrem Freund trennen, um sich einer Lieb­schaft zuzu­wenden. Sie könnte auch Krimis schreiben, weil andere ja auch damit bekannt geworden sind — Frauen, die weniger gut schreiben können als sie. Puh! Nicht mal die Wahr­sa­gerin konnte ihr etwas sagen, was sie nicht schon wusste. So kommt unterm Strich ein hübsches Sümm­chen für das Sich-Nicht-Entscheiden-Müssen zusammen.

Was geht in solchen Leuten vor?

  1. Sehr viele von ihnen sind neuro­tisch. Das heißt, sie kreisen sich um sich selbst, die Antennen für das Leid, das sie damit bei anderen verur­sa­chen, sind schwach wie Seiden­fäden. Sie entscheiden nicht, weil die Entschei­dung des einen der Verlust des anderen bedeuten würde.
  2. Sehr viele haben ein geringes Selbst­be­wusst­sein. Sie entscheiden nicht, weil sie von allen geliebt werden wollen. Sie sind abhängig vom Feed­back anderer und ständig damit beschäf­tigt, Kritik zu vermeiden. Deshalb hatten sie oft gute Noten und galten als Schüler, Student oder auch im Berufs­leben als sehr leis­tungs­stark (in einer Phase also, die wenige eigene Entschei­dungen erfor­dert). Einige sind zusätz­lich perma­nent damit beschäf­tigt, andere zu beneiden. Alle sind besser, bei schlech­teren (!) Voraus­set­zungen weiter gekommen, haben  mehr erreicht…

Natür­lich sind mindes­tens die unter 1. fallen, thera­peu­ti­sche Fälle, auch wer sich bei 2. wieder­findet, dürfte meist auch von einer Therapie profi­tieren (wobei es auch hier dieje­nigen gibt, die mehrere Thera­peuten zerschliessen haben, die alle nichts brachten…)  In jedem Fall gilt es bei 1. und 2. den eigenen inneren Kern zu stärken und damit auch die unge­sunde Abhän­gig­keit von anderen zu verrin­gern.

„Gut, dann mache ich eben einen Fehler. Aber ich habe entschieden, das ist einfach genial.“ Sich selbst, seine Fehler­angst oder den Vergleichs­neid ins Lächer­liche zu ziehen kann enorm hilf­reich sein. „Ich kann mich ja weiter mit Heidi Klum verglei­chen, aber ich habe nun mal 20 Zenti­meter kürzere Beine als sie. Das mit dem Model­werden kann ich knicken. Clown viel­leicht?“  Oder: „Klar können andere Krimis schreiben und berühmt werden, aber ich krieg halt nicht mal die erste Zeile aufs Papier.“

So eine Haltung, die man üben und immer wieder­holen kann, zieht die ganze Schwere aus der Entschei­dung und nimmt ihr das Ratio­nale. Irra­tio­nales kann nur irra­tional bekämpft werden, sagt der Begründer der Logo­the­rapie Viktor E. Frankl. Also, denken Sie nicht weiter nach, damit drehen Sie sich nur im Kreis. Lachen sie statt­dessen mal über sich selbst.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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3 Kommen­tare

  1. Norbert Müller 3. April 2013 at 16:56 — Reply

    Provo­kante Frage, Frau Hofert: Ist dieses Vorgehen wirk­lich immer sinn­voll?

    Sie schreiben: “Im Ideal­fall entscheiden wir uns für etwas, was vor dem derzei­tigen Wissens­hin­ter­grund, vor der derzei­tigen Situa­tion und mit Blick auf die von der Entschei­dung betrof­fenen Menschen Sinn macht. Diese Sinn machende Entschei­dung in der Bera­tung heraus­zu­ar­beiten, ist mein Ansatz.”

    Konstruk­ti­visten, wie Heinz von Förster, würden ihnen entschieden darin wider­spre­chen, dass dies möglich ist. Begrün­dung: Jede/r nimmt die Welt anders wahr, je nach ihren/seinen Eindrü­cken und Erfah­rungen. Durch diese Konstruk­tion von subjek­tiven Wirk­lich­keiten ist Ihr Ideal­fall, eine quasi objektiv rich­tige Entschei­dung finden zu können, zumin­dest sehr frag­lich. Mein Ansatz wäre, meinem Gegen­über darin zu unter­stützen, die für ihn/sie persön­lich stim­mige Entschei­dung zu finden. Und diese muss für mich persön­lich nicht unbe­dingt immer den größten Sinn machen.

    • Svenja Hofert 5. April 2013 at 11:13 — Reply

      Hallo Herr Müller, ich find das nicht provo­kant — und bin nicht sicher, ob ich mich richtig ausge­drückt habe. Natür­lich meine ich den Sinn vor dem indi­vi­du­ellen Hinter­grund, also auch durchaus objek­tiven Unsinn, sofern es Objek­ti­vität gibt. Dass jeder die Welt anders wahr­nimmt ist für mich nichts, was ich für beson­ders erwäh­nens­wert halte.… weil es so logisch ist. Oder? Spre­chen wir von unter­schied­li­chen Dingen oder de glei­chen? LG Svenja Hofert

      • Norbert Müller 21. April 2013 at 13:34 — Reply

        Liebe Frau Hofert, offen­sicht­lich haben wir da doch keinen großen Dissens. Ob Objek­ti­vität über­haupt exis­tiert, ist tatsäch­lich eine schwie­rige Frage. Dass subjek­tiver Sinn mit objek­tivem Unsinn — von einer Meta­ebene aus betrachtet, auf der es Objek­ti­vität gibt — konkruent sein kann, muss ange­nommen werden. Mit besten Grüßen ins schöne Hamburg. Norbert Müller

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