Kate­go­rien

Ich wollt so gern Profiler werden… oder: Wie wir dem Fern­sehen in die Falle gehen

Published On: 24. Juli 2011Cate­go­ries: Führung

Ich verrate Ihnen jetzt mal was, psst: Ich wollte Poli­zei­psy­cho­login werden, weil ich gern Dingen und Menschen auf den Grund gehe und Zusam­men­hänge entdecke. Da habe ich mich letzte Woche auch gegen­über meiner lang­jäh­rigen Büro-Part­­nerin geoutet.

Die hatte meinen Traumjob inne, bevor sie in die Diszi­plin Trai­ning und Coaching wech­selte. Natür­lich hat mich zwischen­zeit­lich längst der Realismus einge­holt, und mir ist klar – was sie bestä­tigen kann – dass der Job einer Poli­zei­psy­cho­login nicht annä­hernd so aussieht wie der der Frieda Jung (die leider inzwi­schen aufge­hört hat) beim Tatort Kiel. Und dass auch die Kollegen nicht halb so char­­mant-unbe­holfen-bärbeißig sind wie ein Axel Milberg, äh, Klaus Borowski —  nun ja, mit dem Alter steigt auch die Boden­stän­dig­keit…

Im Zuge der Recherche für ein 2012 erschei­nendes Buch habe ich mich in den letzten Monaten mit dem Entstehen von Berufs­wün­schen beschäf­tigt – und bin unter anderem auf das Fern­sehen gestoßen.  Dieses spielt bei der Berufs­ori­en­tie­rung junger Menschen eine zuneh­mend wich­tige Rolle. Wir sehen dort seit einigen Jahren eine ständig stei­gende Anzahl Profiler, die sich auf allen Sendern mit span­nenden Fällen, Massen­morden und anderen Schwer­ver­bre­chern ausein­ander setzen.

Immer öfter wird mir, teils verschämt, der Berufs­wunsch Profiler präsen­tiert.

Die Nach­frage nach diesem Beruf muss inzwi­schen so extrem sein, dass sich das Bundes­kri­mi­nalamt gezwungen sah, ein PDF auf seine Website zu stellen, in dem es den Job des Fall­ana­ly­ti­kers entmys­ti­fi­ziert. Es schreibt: „Zwischen den Wünschen und Hoff­nungen dieser jungen Leute [die das BKA anschreiben], die oft von den reali­täts­fernen Darstel­lungen der Medien gespeist werden und den tatsäch­li­chen Rahmen­be­din­gungen im poli­zei­li­chen Alltag liegen oftmals Welten.“

Tatsache ist laut BKA: Ausge­bildet zum Profiler werden ausschließ­lich Polizei-Mitar­­beiter. Und: Es gibt in Deutsch­land nur 50 Fall­ana­ly­tiker, und 40 weitere in Ausbil­dung. Der Bedarf ist damit, so sagt das BKA deut­lich, absolut gedeckt.

Es gibt noch viele andere Beispiele für Berufs­wün­sche, die vom Fern­sehen ausge­löst werden, Mode­rator und Fern­seh­re­dak­teur etwa. Die Paten­tante meines Sohnes hat diesen Job. Neulich sagte sie zu ihm nach einem 12-Stunden-Drehtag  “hoffent­lich wirst du was Vernünf­tiges.”

Romane spielen übri­gens eine ähnliche Rolle; ich vermute mehr noch bei Frauen, die bekannt­lich ja auch mehr lesen. Haben Sie jemals einen span­nenden Thriller mit einer Haupt­person gelesen, die als Inge­nieur oder Controller oder gar Leiter Rech­nungs­wesen tätig war? Sicher nicht. Die Roman­helden sind, wenn sie nicht Profiler sind, Jour­na­listen, Schrift­steller oder maximal Event­ma­nager. Ich finde, da besteht echter Nach­hol­be­darf in Sachen Realismus. Andrer­seits: Wer will schon Details von jemanden lesen, der Flug­zeug­flä­chen berechnet oder CAD-Zeich­­nungen für die Verka­be­lung von Innen­räumen des Airbus 360 anfer­tigt?

Wie Sie heraus­finden, wie realis­tisch ein Traumjob ist? Spre­chen Sie mit Menschen in dem jewei­ligen Beruf, und recher­chieren Sie in Primär­quellen. Vor Jahren hatte ich mal einen Lehr­auf­trag in wissen­schaft­li­chem Arbeiten, da spielte das Internet eine noch klei­nere Rolle als heute. Aber schon damals konnten die Studenten nicht wirk­lich zwischen Primär- und Sekun­där­quelle unter­scheiden (oder wollten es nicht — macht ja mehr Arbeit, in den Origi­nalen zu lesen). Nachdem das Wort “gutten­bergen” nun in den restrin­gierten Code der Jugend­sprache über­ge­gangen ist, besteht Hoff­nung… Oder?

Um das sicher­heits­halber doch noch mal kurz zu erklären: Eine Primär­quelle ist die des oben verlinkten BKA. Eine Sekun­där­quelle wäre dieser Beitrag, wenn ich einfach nur daraus zitiert hätte. Hätte ich ja falsch machen können. Also besser im Original lesen 😉

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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6 Kommen­tare

  1. Lars Hahn 24. Juli 2011 at 19:56 — Reply

    “Das Fern­sehen spielt bei der Berufs­wahl von Jugend­li­chen eine große Rolle…”

    Noch!

    Spätes­tens in zwei Jahren wirst Du sinn­gemäß schreiben: “Youtube, Face­book, Google+ und Co spielen bei der Berufs­wahl eine immer größere Rolle”.

    Na ja, sofern die genannten dann noch exis­tieren 😉

  2. Thomas Hoch­ge­schurtz 24. Juli 2011 at 20:38 — Reply

    Faktisch sind es Vorbilder, die den Berufs­wunsch erzeugen. Wenn wir Eltern aber keine Vorbilder sind, suchen sich unsere Kinder die Vorbilder selbst; im Fern­sehen, auf Youtube oder wo die Kinder sich “medial” oder “physisch” herum­treiben. Das in den Medien der Inge­nieur häufiger der Täter, als der Held ist, liegt wohl an den Dreh­buch­au­toren, die gerne Inge­nieur geworden wären, aber es nicht geschafft haben;-)

  3. Dr. Eva Reich­mann 24. Juli 2011 at 22:01 — Reply

    Aus disem Grund empfehlen wir (nicht nur) jungen Menschen immer, den Berufs­wunsch durch prak­ti­sche Erfah­rung, zu Beispiel Schnup­per­tage u.ae. zu ueber­prufen. (Bin grade in Grie­chen­land an einem Rechner ohn Umlaute…)

  4. Svenja Hofert 24. Juli 2011 at 22:17 — Reply

    Da hamm se recht, Herr Hoch­ge­schurtz. Die meisten Dreh­buch­au­toren träumten von einem Inge­nieur­stu­dium 😉 Und sagen wir mal so: Wenn ich mir die Dreh­buch­schreib­per­spek­tiven etwa im Bereich der Soaps so anschaue, würde ich im Zweifel doch eher dazu raten, Verka­be­lungs­sys­teme in Airbussen zu konzi­pieren, ist intel­li­genter…
    Im Ernst: Ich wollte heute Ihren Roman bestellen, weil, wenn ich Amazon richtig verstanden habe, ein Inge­nieur die Haupt­rolle spielt. Oder krieg ich ein Rezen­zi­ons­exem­plar und Sie demnächst eins von mir? Ich schwöre: Ich schreibe nur darüber, wenn ich´s gut finde. LG Svenja Hofert

  5. Svenja Hofert 24. Juli 2011 at 22:22 — Reply

    @Larshahn: Na, ich weiß ja nicht. Als alter Krimi- und Tatort-Fan kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie diese Leiden­schaft durchs Internet abge­löst werden kann… Neee, glaub ich nicht. Aber die Helden werden Social Media Manager sein! LG!

  6. Thomas Hoch­ge­schurtz 25. Juli 2011 at 21:54 — Reply

    Liebe Frau Hofert,
    Buch ist in der Post. Nehme Kritik sehr gerne entgegen, da ich gerade an der Fort­set­zung schreibe (soll im Dez. erscheinen).

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