Kate­go­rien

“In der Arbeits­welt der Zukunft muss jeder an die Entwick­lung seiner Marke denken” — Inter­view mit Jürgen Salen­ba­cher

Published On: 1. November 2012Cate­go­ries: Führung

Jürgen Salen­ba­cher

In unserer sich rasant verän­dernden Arbeits­welt macht es keinen Sinn mehr in Titeln, Funk­tionen und der Kate­gorie der Karrie­re­leiter zu denken. Erfolg­reich ist der, der einer­seits versteht, kreativ zu handeln und ande­rer­seits, sich bewusst zu profi­lieren. “Crea­tive Personal Bran­ding” nennt das Jürgen Salen­ba­cher. Der Mann ist Vertreter der Gene­ra­tion X, von Haus aus Desi­gner und hat einen MBA an der EADA Busi­ness School in Barce­lona gemacht – laut Finan­cial Times Ranking eine der vier besten spani­schen Busi­ness Schools. Seit dem Abschluss vor sechs Jahren unter­richtet er seine Methode, gibt Work­shops und coacht. Mich sprach er aufgrund eines Spiegel-Online-Arti­kels an — dieselbe Wellen­länge. In den folgenden Wochen verschlang ich sein Buch auf meinem Ipad und freute mich: es ist wirk­lich gut. Keines dieser platten Karrie­re­rat­geber, die einem Regeln des letzten Jahr­hun­derts als Wahr­heit von heute verkaufen.

In Ihrem Buch veröf­fent­li­chen Sie eine Schät­zung, nach der im Jahr 2030 fast 50 Prozent aller Menschen selbst­ständig arbeiten werden. Ist es durch­ge­knallt, das zu glauben? Immerhin haben wir hier­zu­lande eine Zunahme frei­be­ruf­li­cher Tätig­keiten um „nur“ 4,6% pro Jahr, Ausgangs­basis sind indes etwa 1,21 Millionen Selbst­stän­dige in Deutsch­land (im Vergleich zu 34,1 Millionen Ange­stellten, Arbei­tern und Beamten). Da müsste noch ein ganz schöner Sprung kommen.*

Salen­ba­cher: Der Arbeits­markt verän­dert sich. Es gibt immer mehr Projekt­ar­beit, die auch mit Zeit­ver­trag erle­digt werden kann. Fest­an­stel­lungen haben eine immer kürzere Dauer. Schauen Sie sich an, was um uns herum passiert. In Deutsch­land, hier in Spanien und im Rest von Europa! Ein Freund von mir hat gleich drei Mal hinter­ein­ander inner­halb nur eines Jahres seinen Job verloren. Wir haben uns fast an diesen Wechsel gewöhnt. Wir wissen längst, den einen Job gibt es nicht. Wir arbeiten frei und wieder fest, wieder frei, wieder fest. Idea­ler­weise entwi­ckeln wir dabei unser Profil. Wir genießen viel­leicht auch Pausen zwischen zwei Anstel­lungen. In diesen studieren wir noch einmal. Doch der demo­gra­fi­sche Wandel wird dafür sorgen, dass die Pausen nicht lange dauern, denn gute Mitar­beiter werden gebraucht werden.

Aber es sind nicht die Fach­kräfte und Manager, die die Bundes­agentur für Arbeit hier in Deutsch­land auser­koren hat: Inge­nieure und Alten­pfleger. Ihr Personal Bran­ding geht ganz anders an das Thema. Erfolg hat, wer verschie­denes in sich verei­nigt.
Salen­ba­cher: Sehen Sie, es gab eine Zeit, in der ein Inge­nieur in einem großen Konzern eine große Karriere hinlegen konnte, vor allem wenn er dann seinen MBA machte. Der Gedanke: Erst was vom Fach verstehen, dann lernen, wie man zahlen­ge­trieben handelt. Was hier fehlt, ist Krea­ti­vität, die Inno­va­tion ermög­licht. Auch Werte wurden lange fast gar nicht gelehrt; das hat sich mitt­ler­weile gott­sei­dank geän­dert. Denn es ist doch logisch: Wenn der Sinn der Arbeit keine Versor­gung und Sicher­heit mehr ist, muss es einen anderen geben. Da kann es nicht mehr nur um betriebs­wirt­schaft­liche Opti­mie­rung gehen. Ich sehe deshalb immer mehr MBAs, die eine ganz tradi­tio­nelle Karriere hinter sich haben und plötz­lich umge­kehrte Wege gehen und sich Krea­ti­vität erschließen wollen, die sogar Design studieren – nach BWL.

Sie sagen, jeder Berufs­tä­tige, ob selbst­ständig oder ange­stellt, müsse sich branden, nach Ihrem Crea­tive Personal Bran­ding (CPB). Sie defi­nieren dazu die Kate­go­rien subs­tance, style, convic­tion und grace. Ich über­setze jetzt Grace einfach mit „Tole­ranz“.

Ja, die Analyse startet an dem Punkt, an dem ich mich frage: Was kann ich besser als andere? Wo bin ich über­durch­schnitt­lich? Das gilt es weiter­zu­ent­wi­ckeln. Das müssen nicht nur Fach­kennt­nisse sein. Es kann Bran­chen­wissen sein, eine unge­wöhn­liche persön­liche Kompe­tenz, ein Geschick oder Talent.

Ich erlebe viele Menschen, die dazu sagen: Ich bin nirgendwo über­durch­schnitt­lich. Meist stimmt das nicht, wenn man tiefer gräbt, findet man etwas … aber manchmal schon.

Ja, aber Sie können ja auch zu jedem Zeit­punkt beginnen, sich über­durch­schnitt­liche Kennt­nisse zu erwerben. Man sollte nur da anfangen, wo es einem leicht fällt. Und man muss sich irgend­wann mal entscheiden. Die Zukunft gehört defi­nitiv nicht jenen, die von allen ein biss­chen verstehen, sondern denen, die zudem auch spezi­fi­sches und tief­grei­fendes Know-how haben.

Es gibt Leis­tungs­sportler, die sind eigent­lich von Haus aus faul und bewegen sich nur, weil sie geliebt werden wollen. Das ist keine intrin­si­sche Moti­va­tion. Diese Menschenn strengen sich perma­nent an. Ich finde, man muss da anfangen, wo es einem leicht fällt.
Wenn jemand aber nun sein Feld gefunden hat, empfehlen Sie nicht, einfach alles auf eine Karte zu setzen, sondern Sie harmo­ni­sieren gut mit meinem agilen Slow­­Grow-Gedanken: Sie raten, sich einen Test­markt zu suchen. 

Genau. Wenn ich weiß, was ich gerne tun möchte und wo ich meine Substanz einbringen kann, ist die nächste Frage, wie ich dies ohne Millio­nen­in­ves­ti­tionen auspro­bieren kann. Bin ich der Meinung, der E‑Commerce in der Südsa­hara könnte durch die Verkauf von ener­gie­ef­fi­zi­enten Klima­an­lagen ange­kur­belt werden, sollte ich mir über­legen, womit und wodurch ich den Beweis erbringen kann.

Letzte Woche schrieb ich über Daniel Düsen­trieb als Role Model. Ist er das wirk­lich?
Die pure Krea­ti­vität genügt natür­lich auch nicht, es geht viel­mehr um die effzi­ente Kombi­na­tion aus Krea­ti­vität und klarem wirt­schaft­li­chem Mehr­wert. In der Welt, in der wir leben werden, wird sich jeder selbst steuern müssen und dazu gehört auch das Denken an die eigene Vermark­tung und die Weiter­ent­wick­lung der klar defi­nierten eigenen Produkte und Services. Design spielt dabei eine große Rolle, vor allem authen­ti­sches Design. Die Perso­nen­marke, und mehr und mehr wird jeder Mensch eine Marke werden, muss aussehen, wie sie ist und viel wich­tiger; halten, was sie verspricht!.

Ganz prak­tisch: Was tue ich denn nun, um mich persön­lich zu branden?

Ich habe in meinem Konzept vier Schritte entwi­ckelt: Reflect  bedeutet, dass ich mir über­lege, was ich kann, wo ich Substanz schon besitze oder entwi­ckeln möchte. Reframe heißt, dass ich das Ganze in einen neuen Rahmen stelle. Wo passt das hin, woran habe ich bisher nicht gedacht und wie kann ich es entwi­ckeln? Der nächste Schritt heißt Create, hier geht es um den Entwurf und Posi­tio­nie­rung der Marke, basie­rend auf der eigenen beruf­liche Kompe­tenz, der persön­li­chen Haltung und Werte als auch die soziale Kompe­tenz, da diese Frei­be­rufler, Entre­pre­neurs und Jung­un­ter­nehmer auch unter­ein­ander sehr stark kolla­bo­rieren werden. Da hilft es einfach gut zu verstehen wie der Andere wirk­lich helfen kann. Es folgen Grow, Diffe­ren­tiate und Go. Alle Kapitel sind mit vielen Fragen ange­rei­chert, die helfen, indi­vi­du­elle Lösungen zu finden.

Mir gefällt sehr gut, dass es Ihnen gelingt, das über­ge­ord­nete System und Zusam­men­hänge zu verdeut­li­chen und zugleich prak­ti­sche Anre­gungen geben können. Auch ist das Buch sehr schön gestaltet: klar und redu­ziert, wie es auch Ihre Worte sind. Für mich sind Sie auch ein weiteres Beispiel, dass man als Autor einen Verlag nicht unbe­dingt braucht. Viel Erfolg damit!

*ich werd das noch mal nach­rechnen, wie lange es mit diesen Zahlen dauern würde, aber falls ein IQ130+ unter uns ist oder jemand, der die Zahl aus der Hand schüt­teln kann: wäre nett 😉

 

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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4 Kommen­tare

  1. felix 1. November 2012 at 14:31 — Reply

    So ähnlich schrieb schon Davidow im Jahr 1993, sein eupho­ri­sches Buch über virtu­elle Unter­nehmen. Die Struk­turen lösen sich auf und Unter­nehmen werden zu flexi­blen Netz­werken. Es gibt keine Beschäf­tigten mehr, sondern nur noch Ich-Unter­­nehmer, die sich zu irgend­wel­chen diffus-schwam­­migen Netz­werk­ge­bilden Zusam­men­schließen, um ein Groß­pro­jekt zu bear­beiten usw.

    Im Jahr 1964 waren übri­gens 60% aller Deut­schen selb­ständig. Es gab jede Menge Bauern­höfe, Tante-Emma-Läden usw. Es gab nur wenige große Kauf­häuser fast keine Laden­ketten, somit war jeder Geträn­ke­la­den­be­sitzer selb­ständig. Das ist also nichts neues, wenn die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung “selb­ständig” ist.

    Die “Selb­stän­dig­keit” der Zukunft ist aber eine andere. Die Leute der Zukunft sind nicht mehr “selb­ständig”, weil sie ein Unter­nehmen gründen wollen oder einen freien Beruf ausüber oder einen Bauernhof betreiben. Die “Selb­stän­digen” der Zukunft werden nichts weiter sein, als Tage­löhner. Bereits heute werden zum Beispiel auf dem Bau ehemals beschäf­tigte Arbeiter in Schein­selb­stän­dig­keiten gedrängt. Damit stehlen sich große Bauun­ter­nehmen aus der Sozi­al­ver­si­che­rungs­pflicht und Fürsorge heraus. Im saiso­nalen Bauge­werbe werden die Leute dann nicht mehr arbeitslos, sondern sie bekommen einfach keine Aufträge mehr und sitzen auf der Strasse. Mangels Sozi­al­ver­si­che­rung müssen sie den Winter über in ein Obdach­lo­sen­heim ziehen.
    Die Selb­stän­digen der Zukunft wird eine Schar von schein­selb­stän­digen Rand­exis­tenzen sein, die keine Rechte mehr haben. Auftrag­geber können mit ihnen nach Belieben verfahren. Beispiel Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­un­ter­nehmen: Entstör­tech­niker waren noch bis vor wenigen Jahren Ange­stellte. Heute gibt es immer mehr Schein-Selb­­stän­­dige, die als Subun­ter­nehmer um Aufträge buhlen müssen. Dabei zwingt man ihnen Online­por­tale auf, in denen sie sich für Aufträge immer weiter im Preis unter­bieten müssen. Inzwi­schen ist es so, dass so ein “Selb­stän­diger” mehr Aufträge annehmen muss, als er bear­beiten kann, dass er wenigs­tens seine Miete zahlen kann. Das heißt, dass schon von Anfang an klar ist, dass er eine geiwsse Anzahl von Kunden “nicht antrifft”.

    Die Selb­stän­dig­keit der Zukunft wird ein Tage­löh­nertum auf Rech­nungs­basis sein — weiter nichts.

    • Svenja Hofert 1. November 2012 at 15:35 — Reply

      Hallo, vielen Dank für die gute Ergän­zung und das Deuten auf Schat­ten­seiten, die es fraglos auch gibt. Es sind viele Heraus­for­de­runge, der Punkt ist nur, dass sicher ist, dass sich sehr viel verän­dern wird. LG SH

  2. […] ”In der Arbeits­welt der Zukunft muss jeder an die Entwick­lung seiner Marke denken” – Inter… Jürgen Salen­ba­cher […]

  3. […] und führte daran im Anschluss ein inter­es­santes Inter­view mit dem Autor Jürgen Salen­ba­cher über Crea­tive Personal Bran­ding. In der Welt, in der wir leben werden, wird sich jeder selbst steuern müssen und dazu gehört auch […]

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