Kate­go­rien

Internet World Kongress 2008: Warum wir das mit den Videos völlig falsch sehen

Published On: 26. Oktober 2008Cate­go­ries: Führung

Am 22.10.2008 war ich Refe­rentin auf dem Internet World Kongress: vormit­tags Teil­neh­merin einer Diskus­si­ons­runde über Perso­nal­ent­wick­lung in der digi­talen Wirt­schaft unter der Leitung von BVDW-Vize­prä­­si­­dent Harald R Fort­mann, nach­mit­tags Mode­ra­torin einer Gesprächs­runde über eines der wich­tigsten Karrie­re­themen, gerade ange­sichts der Finanz­krise: über das Thema “Gehalt ist (nicht) alles”. Den Inhalt der Vormit­tags­runde hat der Blogger Martin Emme­rich akri­bisch nach­ge­zeichnet — danke (hat mich gefreut, dass wir uns einmal persön­lich die Hände schüt­teln konnten).

Nach­denk­lich gemacht hat micht eine Nach­­mi­t­­tags-Diskus­­si­ons­runde mit Lutz Altmann von Human­caps (einem Perso­nal­be­rater der sehr sympa­thi­schen Sorte, nebenbei gesagt). Im Rahmen einer Gesprächs­runde über Web 2.0‑Recruiting kam das Thema Bewer­bungs­vi­deos zur Sprache. Ich war bisher immer der Ansicht, dass Bewer­bungs­vi­deos, wenn man sie über­haupt einsetzt, entweder sehr kreativ oder extrem profes­sio­nell und damit teuer sein müßten. Entspre­chend verhalten bin ich gegen­über Webcam-Ange­­boten wie CVone. Doch eine teil­neh­mende Ameri­ka­nerin legte dar, dass es in den USA längst üblich sei, Bewer­bungen mit Videos zu verschi­cken — und zwar mit ganz normalen Videos aus der Webcam. Also nix da mit Profi-Schnick­­schnack. Ohne vorhe­riges Auftritts­coa­ching. Ist das nicht kontra­pro­duktiv? Sie meinte, nein: Sowohl HR-Veran­t­­wor­t­­liche als auch Bewerber würden diese Form der Bewer­bung als normal ansehen. Ich fragte, ob dies die Anti-Diskri­­mie­rung (in den USA ist kein Foto üblich) nicht aushe­bele, da man nun ja sofort sehe, ob jemand schwarz, weiß, alt, jung, attraktiv oder weniger attraktiv sein. Sie antwor­tete: Auch jemand, der weniger attraktiv sei, könne durch ein sympa­thi­sches und natür­li­ches Video punkten. Bleibt das Problem, dass es eine Menge Leute gibt, die ohne Trai­ning auch nicht sympa­thisch und erst recht nicht natür­lich rüber­kommen,  wenn man die Kamera auf sie hält.

Ich habe die voll­kommen irri­tierten Blicke der anwe­senden Personaler(innen) genau beob­achtet. Und mir war klar: Nein, bei uns läuft das so noch lange nicht. Wir sind das german Bewer­­bungs­­­foto-Land. Wir inves­tieren hunderte Euros in gestylte Portrait­fotos, die aus jedem Durch­schnitts­bürger ein Model machen. Ich habe das nie gut gefunden — war aber als Karrie­re­be­ra­terin immer gezwungen, Bewer­bern zu empfehlen, zum Profi-Foto­­­grafen zu gehen. Weil die anderen das auch machen. Und weil es nur manchmal sinn­voll ist, etwas anders zu machen als die anderen. Nein, Webcam-Videos würden bei uns einfach nicht funk­tio­nieren. Uns fehlt dieses Unkom­pli­zierte — sowohl den Bewer­bern als auch den Perso­na­lern, die nicht einfach sagen können “ja, cooles Video, mit dem probier ich´s, kommt gut rüber der Mann”. Andrer­seits: Gerade verän­dert sich eine ganze Gene­ra­tion. Die derzei­tigen Personaler(innen) sind über 30. Aber was passiert, wenn die jüngere Gene­ra­tion nach­rückt, die StudiZler und Youtubler, die ganz locker ihre Netz­werke offen legen und sich frei im Internet und in Videos bewegen? Dann könnte die american-style-Bewer­­bung bei uns viel­leicht doch die Zukunft sein.

Svenja Hofert

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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2 Kommen­tare

  1. jobmixer.com 6. November 2008 at 11:53 — Reply

    Es ist schon erstaun­lich welche großen kultu­rellen Unter­schiede bestehen. Das Bewer­bungs­foto ist hier tatsäch­lich das A und O und im Prinzip ein wahres Heiligtum. Sofern der Anspruch der Perso­naler hier aber so ist, bleibt einem nix anderes übrig, als diesem zu entspre­chen! Ob sich das in Zukunft noch ändern wird?

  2. Flug 18. Februar 2009 at 16:30 — Reply

    Amerika ist ja bekannt alles auf die Konserven Art zu regeln. Auf ansehn­liche Qualität wird nur wenig bis gar kein Wert gelegt (z.B. ist die benut­zung von papp­tel­lern Zuhause für die meisten ganz normal). Klar das das Plas­tik­land Webcam­vi­deos mit offenen Armen empfängt. Ich denke das es viel­leicht auch in Deutsch­land dazu kommen wird, aber höchstes erst in 10 Jahren. Das klas­siche Bewer­bungs­foto hat sich bewährt und wird von allen Betei­ligten glaube ich, sehr geschätzt. Aller­dings ist absehbar, dass der Trend zur digi­talen Selbst­dar­stel­lung geht. Heute ist theo­re­tisch jeder in der Lage seine Videos zu schneiden, oder sich per Photo­shop zu verschö­nern. Hat jezt weniger mit der Bewer­bung an sich zu tun, ist aber für diesen Bereich durchaus von Rele­vanz. In diesem Sinne… LG

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