Kate­go­rien

Inter­view Chef­sein: “Unter­nehmen meinen immer noch Zeit, nicht Leis­tung messen zu müssen”

Published On: 22. Februar 2012Cate­go­ries: Führung

Aufbauend auf meine gest­rige Betriebs­an­lei­tung Chef­werden habe ich heute einen rich­tigen Chef im Inter­view. Das Maschi­nen­bau­in­ge­nieur Thomas Hoch­ge­schurtz war Geschäfts­führer des tesa Werks in Offen­burg und arbeitet heute als Trainer für Führungs­kräfte in einer Part­ner­schaft mit Enrico Brie­gert, seinem ehema­ligen Stell­ver­treter. Sein Buch „Konse­quent“ führt Jung-Manager in Roman­form in die Kunst des Führens ein. Mir gefällt seine fort­schritt­liche und klare Haltung zum Beispiel zur Präsenz­kultur — weiter­lesen lohnt sich, und zwar für Manager und Mitar­beiter.

Was macht eine gute Leis­tung aus?

Letzt­end­lich die Pass­ge­nau­ig­keit zu den Erwar­tungen des Vorge­setzten. Einschät­zungen von Leis­tung sind Chef­sache. Die Schluss­fol­ge­rung: Mitar­beiter müssen die Erwar­tungen ihres Vorge­setzten kennen, um ein guter Mitar­beiter zu werden. Welche Ergeb­nisse erwartet der Chef? Und viel wich­tiger: Welche Verhal­tens­weisen bevor­zugt der Vorge­setzte?

In der Praxis erlebe ich, dass Mitar­beiter aber über­haupt nicht wissen, was der Chef will. Ein Manager sagte seinem Mitar­beiter, er sollte immer ein wenig weiter denken als er selbst. Damit war dieser Mitar­beiter über­for­dert.

Hoch­ge­schurtz: Eine solche Erwar­tung ist schwierig. Erwar­tungen müssen sinn­voll und nach­voll­ziehbar sein, diese ist es sicher­lich nicht. Theo­re­tisch setzt sich jeder Chef am Anfang der Arbeits­be­zie­hung mit seinen Mitar­bei­tern zusammen, um ausführ­lich seine Erwar­tungen zu disku­tieren. Sie kennen ihn jedoch — den Unter­schied zwischen Theorie und Praxis. Daher empfiehlt es sich, die rele­vanten Vorge­setzten direkt nach ihren Erwar­tungen an ihre Arbeits­weise und Arbeits­leis­tung zu fragen. Oft sind Vorge­setzte von der Frage nach den Erwar­tungen über­rascht. Mein Rat: Bleiben Sie hart­nä­ckig und erfor­schen Sie die bisher unge­schrie­benen Gesetze Ihres Chefs.

Leichter gesagt als getan… Der besagte Vorge­setzte konnte nicht konkre­ti­sieren, was er mit dem Voraus­denken genau meinte.

Hoch­ge­schurtz: Chefs sollten es ihren Mitar­bei­tern einfach machen. Erklären Sie als Chef auch den Sinn Ihrer Erwar­tungen. Viele tun das nicht. Erwar­tungen ohne Sinn führen zur Demo­ti­va­tion. Und nicht ohne Grund sind direkte Vorge­setzte der größte Demo­ti­vator im Unter­nehmen. Wenn Mitar­beiter zum Äußersten greifen und kündigen, kündigen sie häufig nicht die Zusam­men­ar­beit mit dem Unter­nehmen, sondern die Zusam­men­ar­beit mit ihrem Chef.

Ein anderer Chef ließ sich von seiner hoch­qua­li­fi­zierten Mitar­bei­terin jede E‑Mail vorlegen. Das erwar­tete der. Sie erfüllte die Erwar­tungen, aber war damit total unglück­lich.

Hoch­ge­schurtz: Bei dem Beispiel wird Führung mit Kontrolle gleich­ge­setzt. Führung bedeutet jedoch Verhal­tens­be­ein­flus­sung. Eine Führungs­kraft wirkt auf die Mitar­beiter so, dass diese die Unter­­neh­­mens- und Abtei­lungs­ziele errei­chen. Dabei hat die Führungs­kraft drei Möglich­keiten der Verhal­tens­be­ein­flus­sung: Vorbild sein, Einsicht schaffen, konse­quent sein.

Die meisten Führungs­kräfte denken eher, Sie müssten moti­vieren können…

Hoch­ge­schurtz: Mitar­beiter muss man nicht moti­vieren, wenn man ihnen Hand­lungs­spiel­räum lässt. Auto­nomie schafft Moti­va­tion. Das bedeutet, dass gute Vorge­setzte Verant­wor­tung über­tragen.

Gilt das aber nicht nur für Akade­miker? Brau­chen weniger ausge­bil­dete Menschen nicht eine straf­fere Vorgabe?

Es geht um Über­nahme von Verant­wor­tung statt Befehls­aus­füh­rung – das moti­viert auch Arbeiter. Früher war es der Taylo­rismus, heute ist es das Lean Manage­ment, dass die Frei­heits­grade der Mitar­beiter einge­schränkt. Deshalb tun Mitar­beiter Dinge nur noch für Geld oder werden krank. Der Mensch möchte sich einbringen und gebraucht werden. Er wird krank, wenn er sich in seiner Arbeit nicht wieder­findet.

Sie plädieren für mehr Vertrauen. In Ihrem Werk hatten Sie Vertrau­ens­ar­beits­zeit einge­führt. Fast schon revo­lu­tionär.

Hoch­ge­schurtz: Nicht revo­lu­tionär, nur Menschen­ver­stand. Stellen Sie sich vor, Ihr Sohn soll ange­lie­ferten Kies von der Straße in den Garten fahren. Wie arbeitet er, wenn der 10 € pro Stunde bekommt, schnell oder langsam? Und wie arbeitet er, wenn er ab der achten Stunde 25 Prozent Mehr­ar­beits­zu­schlag bekommt? Noch lang­samer? Und wie arbeitet er, wenn er für den gesamten Kies 100 € bekommt? Unter­nehmen meinen halt immer noch Zeit, nicht Leis­tung messen zu müssen.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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One Comment

  1. “Ich vertraue meinen Mitar­bei­tern, sie sind genauso auf Erfolg aus wie ich”. Dieses einfache Bekenntnis des Mana­ge­­ment-Vorden­kers Ricardo Semler sagt in wenigen und einfa­chen Worten, was Führung letzt­lich ausmacht: Vertrauen und ein posi­tives Menschen­bild. Es sind vermut­lich nicht oder nicht nur die komplexen psycho­lo­gi­schen Führungs­theo­rien und –modelle, sondern einfache, längst bekannte mensch­liche Grund­werte, welche die Führung letzt­end­lich erfolg­reich und glaub­würdig machen.

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