Kate­go­rien

Intro­ver­sion prägt, aber legt nicht fest: Inter­view mit Sylvia Löhken über leise Menschen

Published On: 13. Februar 2012Cate­go­ries: Karriere

Ich freue mich sehr, Sylvia Löhken für ein Inter­view gewonnen zu haben. Sie ist Kommu­ni­ka­ti­ons­be­ra­terin und Autorin des Buchs “Leise Menschen — starke Wirkung”. Das Inter­view baut auf meinem Artikel vom Samstag auf.

Was sind leise Menschen? Spre­chen die weniger als andere?

Ich mag die Bezeich­nung “leise Menschen”, weil für so viele der Begriff “intro­ver­tiert” negativ besetzt ist — zu Unrecht übri­gens! “Leise” bedeutet also “nach innen gewandt”, während extro­ver­tierte Menschen nach außen gewandt sind. Das heißt: Leise Intros zeigen messbar mehr Akti­vität im Kopf, während Extros mehr äußere Eindrücke und Rück­kopp­lungen brau­chen. Wie viel Sprache sie jeweils dabei benutzen, ist eine ganz andere Frage — ich bin z.B. eine intro­ver­tierte Viel- und Gern­red­nerin…

Warum wird Extra­ver­sion in der west­li­chen Welt – anders als etwa in Asien — als Ideal­zu­stand gesehen? Ich erin­nere mich an ein „Sie sind doch sicher extro­ver­tiert“ bei einem Auftrag­geber… Gehen nicht auch viele Vorur­teile mit der Kate­go­ri­sie­rung einher?

Ah, noch eine lebhafte Intro 🙂 Es stimmt, in der west­li­chen Welt verbinden viele die Eigen­schaft “extro­ver­tiert” mit durch­set­zungs­fähig, selbst­be­wusst und kommu­ni­ka­ti­ons­stark. Noch stärker als in deutsch­spra­chigen Ländern gilt das für die USA. Nur, wer ständig auf sich aufmerksam macht, ist angeb­lich erfolg­reich. Angeb­lich — denn das stimmt so nicht. Extros fallen ledig­lich mehr auf. Doch viele der erfolg­reichsten Poli­ti­ke­rinnen, Geschäfts­leute und Stars sind Intros, nutzen also leise Stärken. Barack Obama und Angela Merkel, Bill Gates und Avril Lavigne, Hillary Clinton und Günther Jauch: Das sind lauter leise Erfolgs­men­schen! Was sie auszeichnet ist, dass sie ihre eigenen Stärken nutzen und nicht auf die “Laut ist besser!”-Annahme herein­fallen. Das ist eine wich­tige Erkenntnis: Denn 30–50 Prozent der Gesamt­be­völ­ke­rung sind intro­ver­tiert.

Klar zu sein scheint, dass Intros weniger gern im Team arbeiten, sondern an eigenen Lösungen arbeiten. Unsere Kultur berück­sich­tigt das nicht. Bei meinem Sohn in der Klasse sitzen jetzt alle an Tischen und müssen gemeinsam arbeiten. Geht da nicht auch die Chance verloren, dass sich Talente allein entwi­ckeln?

Die Erkenntnis, dass beim Arbeiten allein in vielen Berei­chen mehr heraus­kommt als in der Gruppe, gilt auch für Erwach­sene. Der US-Wissen­­schaftler Anders Ericsson hat das in verschie­denen Studien mit hoch leis­tungs­fä­higen Menschen nach­weisen können. Meetings, Brain­stor­mings und Grup­pen­ar­beiten in der Schule kommen zwar dem extro­ver­tierten Bedürfnis nach Austausch entgegen, führen aber selten zu exzel­lenten Ergeb­nissen. Umso wich­tiger ist es, dass wir den leisen Menschen in unserer Umge­bung das ermög­li­chen, was sie beson­ders gern tun: in Ruhe und längere Zeit allein an einer Sache arbeiten, die gern auch komplexer sein darf. Ohne diese leise Stärke von z.B. Mark Zucker­berg und Albert Einstein gäbe es weder Face­book noch die Rela­ti­vi­täts­theorie.

In Ihrem Buch schreiben Sie von einem Konti­nuum zwischen Extra­ver­sion und Intro­ver­sion. Liegt die Wahr­heit nicht oft mitten­drin? Extro­ver­tierte wie Madonna entde­cken die (intro­ver­tierte) Kabbala und Intro­ver­tierte im Alter das Leben in einer Wohn­ge­meins­schaft 😉

Die Neigung zu Intro­ver­sion und Extro­ver­sion ist ange­boren — übri­gens auch die Ausprä­gung. Die meisten Menschen sind eher gemä­ßigt; der welt­ab­ge­wandte Einsiedler und die sehr welt­zu­ge­wandte Hella von Sinnen sind relativ selten. Und es stimmt, viele extro­ver­tierte Menschen gehen mit zuneh­mendem Alter mehr “nach innen” und beschäf­tigen sich mit Philo­so­phie, spiri­tu­ellen Rich­tungen oder der Frage nach der persön­li­chen Sinn­fin­dung. Auch die Kultur, in der wir leben, bestimmt den Grad, in dem intro­ver­tierte Verhal­tens­weisen gelebt werden. In den USA bringen manche besorgten Eltern ihre leisen Spröss­linge zum Psycho­logen, damit der sie “fixt”, während ein leiser Mensch in Japan respek­tiert wird.

Und nicht zuletzt entscheiden wir auch selbst, welche Seiten wir leben wollen. Obama war einst ein richtig mieser Redner — und weil er es wichtig fand, seinen poli­ti­schen Weg zu gehen, lernte er Stück für Stück, öffent­lich zu reden: mit Erfolg, wie wir gesehen haben.Introversion und Extro­ver­sion prägen uns zwar, doch sie legen uns nicht fest.

In unserer Kultur sind leise Menschen selten in Führungs­po­si­tionen. Warum eigent­lich? Es gibt doch Belege, dass Intro­ver­tierte gerade gut ausge­bil­dete Menschen effek­tiver führen.

Auch hier gilt: Es gibt reich­lich Menschen in Führungs­po­si­tionen — sie fallen nur weniger auf! Sogar in den extro­ver­tierten USA sind 40 Prozent aller Geschäfts­führer intro­ver­tiert. Einige Beispiele für erfolg­reiche Intros habe ich ja schon genannt. Die Liste ist seeeehr lang… Larry Page von Google, Julian Assange, Warren Buffet, Mitt Romney… 

Leise Führungs­kräfte haben, wie der Psycho­loge Adam Grant heraus­ge­funden hat, in unserer kompli­zierten Welt einen wich­tigen Vorteil: Sie ermu­tigen bei ihren Ange­stellten Unab­hän­gig­keit und persön­liche Entschei­dungs­fä­hig­keit. Extro­ver­tierte Führungs­kräfte bevor­zugen öfter Ange­stellte, die Anwei­sungen entge­gen­nehmen und ausführen. Solche Menschen sind aber in schwie­rigen Situa­tionen oft über­for­dert — und die Extro-Führungs­­­kraft kann ja nicht alles selbst machen, wenn es mal brennt!


Charisma wird oft mit Extro­ver­sion gleich­ge­setzt. Wie sehen Sie das?

Extros können beein­dru­ckend und mitrei­ßend wirken. Sie sind mit ihrer biolo­gi­schen Ausstat­tung beson­ders begeis­te­rungs­fähig und lieben es, Aufmerk­sam­keit zu bekommen. Viele sehr starke Leit­fi­guren sind extro­ver­tiert — nehmen Sie Tony Robbins oder Steve Jobs. 

Doch es gibt auch leise Methoden, andere Menschen nach­haltig zu prägen und zu beein­dru­cken.
Kann ich also auch als Intro Charisma entwi­ckeln?

Oh ja! Ich glaube, der Begriff Inten­sität trifft diese leise Wirkungs­kraft ganz gut. Inten­sität zeichnet so unter­schied­liche intro­ver­tierte Galli­ons­fi­guren wie Loriot, Gandhi und Mutter Theresa aus.

Können leise Menschen auch Unter­nehmen gründen? Oder sind Sie zu wenig bereit, nach außen zu gehen und zu verkaufen?

 Siehe oben: Es gibt uns schon längst überall 🙂 Dabei haben wir Leisen einen großen Vorteil: Dort, wo Extros stimu­la­­tions- und beloh­nungs­ori­en­tiert sind, ist uns die Sicher­heit beson­ders wichtig. Im Finanz­sektor, in der Lebens­mit­tel­branche, in der Medizin oder in der Verkehrs­pla­nung setze ich auf viele, ganz viele  einfluss­reiche Intro-Führungs­­­kräfte!

Haben Sie Akqui­se­tipps für Intros?

Suchen Sie einzelne Ansprech­partner. Bauen Sie trag­fä­hige Bezie­hungen auf. Sie punkten mit Vertrauen und der Fähig­keit, sich auf die Bedürf­nisse Ihres Gegen­übers einzu­stellen. Und: Bleiben Sie leise. Das macht Sie echt (und weniger anstren­gend als so manches Turbo-Heiß­­luft­­ge­­bläse :-). Die Hälfte Ihrer Kunden ist selbst leise und weiß all dies zu schätzen. Und die Extro-Hälfte weiß gutes Zuhören und verläss­liche Leis­tung zu schätzen…

Welche Bewer­bungs­tipps können Sie Intro­ver­tierten geben?

  1. Schauen Sie genau hin: Ist diese Arbeits­um­ge­bung für Sie “artge­recht”?
  2. Nehmen Sie sich vor dem Inter­view Zeit, Ihre leisen Stärken heraus­zu­finden. Welche Probleme und Anliegen Ihres mögli­chen Arbeit­ge­bers könnten Sie mit diesen Stärken beson­ders gut angehen? Schreiben Sie Ihre Antworten auf. Nutzen Sie sie im Inter­view.
  3. Punkten Sie mit genauem Hinhören und dem Aufbau von Vertrauen.

Sind Sie ein leiser Mensch? Hier finden Sie unter anderem auch einen Test.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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11 Kommen­tare

  1. Lars Lorber 14. Februar 2012 at 19:23 — Reply

    Inter­es­santes Inter­view zu einem Thema, dass langsam immer mehr Aufmerk­sam­keit gewinnt. Leider konnte ich das Buch von Frau Löhken noch nicht lesen.

    Vor zwei Wochen gab es zum Thema Intro­ver­sion einen Leit­ar­tikel in der Times: “The Power of Shyness” (der korrekt eigent­lich “The Power of Intro­verts” hätte heißen müssen, aber offen­sicht­lich wurde das Wort Schüch­tern­heit als zugkräf­tiger erachtet). Darim ging es eben­falls um die Stärken von Intro­ver­tierten, u.a. auch am Beispiel von Obama und Gates. Ich habe einen Blog­ein­trag über den Artikel geschrieben und nehme mir mal die Frei­heit, darauf zu verweisen: http://www.typentest.de/blog/2012/02/die-macht-der-schuchternheit-von-introvertierten/

    Abge­sehen davon lese ich gerne noch mehr zu diesem Thema!

    • Svenja Hofert 14. Februar 2012 at 19:39 — Reply

      danke für den Kommentar und den Link­tipp, Herr Lober. Schüch­tern­heit har NICHTS mit Intro­ver­tiert­heit zu tun, auch Extros können schüch­tern sein. Das hat der Redak­teur wohl nicht richtig recher­chiert. LG SH

  2. Lars Lorber 14. Februar 2012 at 19:30 — Reply

    Sorry, ein s zu viel: natür­lich war der Artikel nicht in der Times, sondern in der TIME…

  3. Lars Lorber 14. Februar 2012 at 21:22 — Reply

    Inter­es­san­ter­weise hat der Redak­teur sogar richtig recher­chiert, denn im Artikel wird dieser Unter­schied korrekt erklärt. Trotzdem wurde “Shyness” fürs Cover gewählt…

  4. Natalie Schnack 21. Februar 2012 at 13:47 — Reply

    Ja, um auf Ihre Frage ma Schluss des Arti­kels zu antworten, ich bin eine Intro. Und genau so wie Frau Löhken rede ich gern und bin gern mit anderen Menschen zusammen. Aller­dings nur dann, wenn es mir danach ist 😉
    Vielen Dank für das Inter­view und beson­ders die letzten beiden Punkte: Akqui­si­tion und Bewer­bungs­tipps. Mein Thema ist Selbst­mar­ke­ting und beson­ders span­nend für mich ist das leise Selbst­mar­ke­ting — ganz ohne “Turbo-Heiß­­luft­­ge­­bläse”.

    Herz­liche Grüße
    Natalie Schnack

  5. […] in unserem Kultur­kreis. Vor einigen Wochen hatte ich Sylvia Löhken hier zum selben Thema im Inter­view. Sie hat das Buch “Leise Menschen” geschrieben, das ich gerade mit viel Gewinn […]

  6. […] suchen, ich habe verschie­dene Inter­views mit Frau Löhken zusam­men­ge­tragen: Inter­view mit Agitano Inter­view mit Svenja Hofert Inter­view mit Exis­ten­zi­elle Inter­view mit Inno­­vativ-in Inter­view mit NRW.TV (Video in 4 Teilen) […]

  7. […] dem alten Modell von Keirsey/MBTI soll jeder ein entweder/oder sein. Zum Beispiel entweder extro­ver­tiert oder intro­ver­tiert. Die moderne Forschung weiß aber schon lange, dass wir alle irgendwo auf einer Skala zwischen […]

  8. […] sich ein viel diffe­ren­zier­teres Bild als es etwa der MBTI misst, der einfach nur aussagt, ob jemand Intro­ver­tiert oder Extra­ver­tiert ist. Die Unter­ka­te­go­rien sind Enthu­si­asmus, Kontakt­fä­hig­keit, Gesel­lig­keit, Führungs­im­puls und […]

  9. Gilbert 30. Juni 2012 at 11:02 — Reply

    Tolles Inter­view, vielen Dank dafür. Hat mich inspi­riert, bei der Autorin selbst mal nach­zu­fragen. Mein Inter­view mit Frau Löhken erscheint morgen bei Geist und Gegen­wart.

  10. Lena Ried­mann 31. Juli 2013 at 14:28 — Reply

    Was für ein span­nendes Inter­view! Ich finde Frau Löhkens Thema gene­rell sehr inter­es­sant. Auf unserem Online-Magazin kann manein Gratis-Video der Pink Univer­sity von Frau Löhken (http://www.roter-reiter.de/magazin/2013/07/19/video-der-pink-university-leise-menschen/) ansehen. Das liefert auch einen inter­es­santen Einblick in diese Thematik.

    Liebe Grüße
    Lena Ried­mann

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