Kate­go­rien

Jammert nicht! Wer langsam gründet, schafft´s auch ohne Zuschuss

Published On: 28. September 2011Cate­go­ries: Führung

Tschüss Grün­dungs­zu­schuss! In der Form wie es dich bisher gab, gibt´s dich in wenigen Wochen, Stichtag 1.11., nicht mehr. Nur noch sechs Monate zahlt die Bundes­agentur für Arbeit Grün­dungs­wil­ligen in Deinem Namen als “Exis­tenz­grün­dungs­zu­schuss” Arbeits­lo­sen­geld plus 300 Euro. Im SGB III wird sich das nach der Umfor­mu­lie­rung des jetzigen Para­grafen so lesen:

§ 93 Grün­dungs­zu­schuss

(1)    Arbeit­neh­me­rinnen und Arbeit­nehmer, die durch Aufnahme einer selb­stän­digen, haupt­be­ruf­li­chen Tätig­keit die Arbeits­lo­sig­keit beenden, KÖNNEN zur Siche­rung des Lebens­un­ter­halts und zur sozialen Siche­rung in der Zeit nach der Exis­tenz­grün­dung einen Grün- dungs­zu­schuss erhalten.“ Aus dem Geset­zes­ent­wurf.

Woran das “Können” gekop­pelt ist, steht im Geset­zes­ent­wurf nicht. Hier müssen die Arbeits­agen­turen Durch­füh­rungs­an­wei­sungen defi­nieren, denn will­kür­lich darf eine Ermes­sens­leis­tung  nicht sein, sondern muss auf nach­voll­zieh­baren Krite­rien beruhen. Die Töpfe schmelzen jeden­falls deut­lich:  auf nur noch 400 Millionen, und damit um satte 80%.

Bitter für die einen

Das eine Auge weint. Das andere lacht. Mit dem weinenden sage ich:  Das trifft vor allem die, die oft gar keine andere Alter­na­tive haben; und für diese Gruppe ist dieses Nicht-Wissen-ob´s‑Geld-gibt bitter.

Gegen den Trend

Unsere Arbeits­welt verän­dert sich nun mal, jedes Jahr 4,4% mehr Frei­be­rufler – und diese konzen­trieren sich viel­fach auf Medien‑, Kultur- und IT-Berufe. Gerade die ersten beiden Gruppen brau­chen den Grün­dungs­zu­schuss, weil üppige Hono­rare in diesen Bran­chen die Ausnahme sind. Und: Weil in den Medien und der Kultur viele Jüngere direkt oder bald nach dem Studium gründen (müssen).

Lachend

Mit dem anderen, dem lachenden Auge, sehe ich das so: Viel­leicht über­legen sich manche Grün­dungs­in­ter­es­senten demnächst mal besser, was sie tun. Busi­ness Plan schreiben reicht nicht und “was” im Bereich Bera­tung, Trai­ning, Coaching, Design, Internet, Recht etc. machen auch nicht.  Jemand, der frei­be­ruf­liche Dienst­leis­tungen anbietet, schafft es nicht von Null auf, sagen wir 2000, 3000 Euro Umsatz oder gar Gewinn im Monat in neun Monaten. Das dauert in den aller­meisten Fällen viel länger. Das muss ausge­spro­chen werden – wurde es in der Vergan­gen­heit aber nicht.

Nur Babys brau­chen nur 9 Monate

Kürz­lich sprach ich mit einer Grün­derin, die vorher von einem Kollegen in einem Seminar dazu inspi­riert worden war, Flyer zu gestalten  und Anzeigen zu texten, um Aufträge zu bekommen. Ich stellte eine einzige Frage: „Ab wann müssen Sie davon leben?“ Die Antwort war: „In einem halben Jahr.“  Ich: “Rück­lagen”. Sie: “Keine, allein­er­zie­hend.”

Leute…Berater…! Das funk­tio­niert nicht. Es ist doch ganz einfach: Wenn ich mich beispiels­weise als Trainer selbst­ständig mache, verkaufe ich das erste Seminar frühes­tens in einigen Monaten – und das ist dann auch nur ein Test­ballon.

Bleiben wir am Boden: So gut wie jeder Speaker, jeder Trainer hat eine mehr­jäh­rige Test­phase in brei­terer Selbst­stän­dig­keit vor sich, bevor er sich thema­tisch zuspitzt und hohe Hono­rare absahnt. In anderen Wissens­be­rei­chen ist es ähnlich. Archi­tekten schleppen sich anfangs als frei­be­ruf­liche Hiwis und dann von Auftrag zu Auftrag, bis sie viel­leicht irgend­wann DIE Idee haben oder aufgrund guter Kunden etabliert sind. Will sagen: Am Anfang fusst manch akade­mi­sche Dienst­leis­tungs­grün­dung auf einer nicht wirk­lich unter­neh­me­ri­schen Basis.

von Null-auf-Gründer

Deshalb brau­chen die meisten von Null-auf-Gründer einen Teil­zeitjob oder etwas Exis­tenz­si­cherndes, liegt nicht eine fette Abfin­dung auf dem Konto. Das hat der Grün­dungs­zu­schuss mit seinen neun Monaten, also fast einem Jahr, Unter­stüt­zung ein wenig über­deckt. Das Signal “nur sechs Monate” hört sich da schon etwas anders an — nach: muss schnell gehen, keine Zeit für lange “Aufstel­lungs­ar­beit”.

Es bleiben nur 5 Möglich­keiten, sofort oder binnen weniger Monate von der eigenen Selbst­stän­dig­keit leben zu können:

  1. Sie starten mit einem Rahmen­ver­trag, der am besten gleich über mindes­tens 2.000 Euro dotiert ist und die ersten Monate und noch besser das erste Jahr absi­chert. So habe ich es auch gemacht. Alter­nativ zu dieser Lösung haben Sie von Anfang mehrere Auftrag­geber, die Ihnen ein Volumen zusi­chern, das die Kosten mehr als deckt.
  2. Sie starten als Contractor, also über Projekt­ver­träge. Dabei werden Sie typi­scher­weise von Perso­nal­be­ra­tungen wie Hays, Agen­turen oder Anbie­tern wie Gulp vermit­telt. Das funk­tio­niert im Inge­nieurs­be­reich, bei Banken, bei ITlern und zuneh­mend auch bei nicht-tech­­ni­­schen Projekten. Nennt sich dann teils Inte­rims­ma­nage­ment. Am besten nur 60–80% der Zeit einsetzen, sonst haben Sie keine Zeit, noch etwas anderes aufzu­bauen.
  3. Sie starten mit einer rich­tigen Geschäfts­idee, in die Sie so gut wie immer auch richtig was rein­but­tern müssen, das geht selten ohne Kredite und meis­tens besser im Team.
  4. Sie starten mit einem Gemischt­wa­ren­an­gebot, das Sie nach und nach zum Fach­handel ausbauen. Alle erzählen das andersrum – aber das ist falsch, und die wahre Lösung heißt “breit an den Markt”. “Spitz“ zu beginnen bedeutet erst mal nichts zu verdienen. Mehrere Sachen machen bedeutet, sich auspro­bieren zu können und wenigs­tens Einkommen zu haben.
  5. Sie starten als neben­be­ruf­li­cher Selbst­stän­diger und fahren den anderen Job auf Teil­zeit runter – darauf haben Sie einen Anspruch, falls Ihr Betrieb mehr als 15 Mitar­beiter hat. Und Sie kündigen ganz, wenn Ihr Busi­ness gut genug läuft.

Bei all diesen Lösungen wäre der Grün­dungs­zu­schuss schön. aber man braucht ihn auch nicht unbe­dingt. Zurück zu meinem lachenden Auge: Es gibt „Luxus­gründer“, die mal ein wenig Selbst­stän­dig­keit schnup­pern wollen, aber nicht wirk­lich bereit sind, dafür das zu tun, was notwendig wäre oder gar zeit­weise finan­ziell klei­nere Bröt­chen zu backen.

Im letzten Beitrag habe ich Steve Wozniak zitiert; er sprach von Geduld und Konzen­tra­tion auf den jeweils nächsten Schritt und nicht auf ein fernes Ziel hin. Das ist die Lösung in allen Wissens­be­rufen! Probieren Sie aus, konzen­trieren Sie sich auf den jeweils nächsten Schritt und nicht auf das große Ergebnis am Schluss.

Schade, aber…

Ja, es ist einer­seits schade, dass der Topf für den Grün­dungs­zu­schuss jetzt so geschmolzen ist. Andrer­seits: Die, die jetzt gründen werden, werden sich das besser über­legen. Und auch wenn die Argu­men­ta­tion der von der Leyen-Admi­­nis­­tra­­tion krude ist und selbst das IAB von den Kürzungen abrät —  in diesem Aspekt sehe ich durchaus einen Gewinn für Gründer.

Wie Sie langsam wachsen, aber stetig erfolg­reich werden als Selbst­stän­diger? Dazu kommt in den nächsten Tagen mein Buch „Das Slow-Grow-Prinzip. Besser langsam wachsen als schnell unter­gehen“ auf den Markt. Es richtet sich nicht nur an Neugründer, sondern auch an alle, die den 2. und 3. Schritt gehen möchten.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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5 Kommen­tare

  1. Lars Hahn 29. September 2011 at 8:44 — Reply

    Span­nend: Gerade kommt ein Kunde zur Tür rein, Social Media Experte, emsig mit umfas­senden Projekten und üppigen Arbeits­zeiten und erzählt mir von seiner Situa­tion als gleich­zei­tiger Bezieher von Arbeits­lo­sen­geld II (Aufsto­cker). Solche Fälle kenn ich einige.

    Jetzt mag man denken, naja, der kann nicht mit Geld umgehen, ist halt ein Krea­tiver. Das scheint im Bereich von Kultur, Kunst und Kommu­ni­ka­tion ein System­pro­blem zu sein: Auftrag­geber oder Allge­mein­heit wollen die Leis­tung, aber am besten als Ehrenamt. Oder allein für die Repu­ta­tion des Ausfüh­renden.

    Jetzt kommt der Clou: Der Kunde sagte, er sehe Arbeits­lo­sen­geld II subversiv als eine Vorform des bedin­gungs­losen Grund­ein­kom­mens. Mögli­cher­weise sind wir wenigs­tens für einige Bran­chen tatsäch­lich auf dem Weg dorthin.

  2. Svenja Hofert 29. September 2011 at 10:16 — Reply

    Hi Lars, ja… das ist der Grund, warum ich das bedin­gungs­lose Grund­ein­kommen so wichtig finde. Es wird nun mal so, dass die gut bezahlten Jobs Technik- und Spezia­lis­ten­be­rufe bleiben — und das was Spaß macht schlecht bezahlt wird — nichts­des­to­trotz aber gebraucht wird. Ich halte nichts davon, den Staat abzu­zo­cken. Und Kontrolle für völlig sinnlos. Überall wo es staat­liche Gelder oder auch Gelder aus dem ESF, entstehen betrugs­nahe Struk­turen. Das kann man nur auflösen, indem man diese ganzen Subven­tionen streicht, die Kontrol­lierei aufgibt und den Leuten eine Basis­ver­sor­gung bietet. LG Svenja

  3. burk­hard reddel 30. September 2011 at 11:59 — Reply

    Hallo Frau Hofert,

    gut geschrieben. Ich gebe aber zu bedenken, wer sowieso keine Arbeit hat, kann auch nicht langsam gründen, auch nicht nebenbei, da die Einnahmen fehlen. Da greift nur ein Grün­dungs­zu­schuß und wenn der abge­schafft wird, ist das schlecht. Das entzieht dann nämlich Grund­la­gen­mög­lich­keiten sich eine Exis­tenz aufzu­bauen. Wenn das der Staat so will bitte, ist aber der falsche Weg!!!!

    B.R.

    • “wer sowieso keine Arbeit hat, kann auch nicht langsam gründen, auch nicht nebenbei, da die Einnahmen fehlen. Da greift nur ein Grün­dungs­zu­schuß und wenn der abge­schafft wird, ist das schlecht. Das entzieht dann nämlich Grund­la­gen­mög­lich­keiten sich eine Exis­tenz aufzu­bauen.” Das sehe ich ein wenig anders. Man kann sehr wohl nebenbei gründen und für den Lebens­un­ter­halt Arbeits­lo­sen­geld erhalten — sprich die Grund­la­gen­mög­lich­keiten sind bereits vorhanden: Stich­wort Grund­ein­kom­men­mo­dell — Hartz IV — und siehe: existenzgruenderinfo.de

  4. nina 30. Dezember 2011 at 1:57 — Reply

    mmmpf bin ich so schlau wie vorher!
    glaube muss drin­gend das buch lesen!

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