Kate­go­rien

Jobsuche: Langer Atem, viel Geduld und öfter mal ein “nein”

Published On: 15. Oktober 2012Cate­go­ries: Mensch & Orga­ni­sa­tion

Heute berich­tete mir  ein Kunde von seinem derzei­tigen “Bewer­­bungs-Wasser­­stand”: 20 offene Bewer­bungen, davon einige noch aus dem April! Ein halbes Jahr! Ist das noch normal? Leider ja. Demo­gra­fi­scher Wandel hin oder her, die Unter­nehmen lassen sich Zeit. Die Gründe:

  • man wartet vorsichtig ab, wie sich die Konjunktur entwi­ckelt
  • lieber hält man Kandi­daten noch mal einne Weile auf Vorrat, da es derzeit viele No-Shows (Bewerber, die den Job gar nicht antreten) und Abbre­cher (solche, die nach Tagen oder wenigen Wochen fest­stellen, das ist es nicht) gibt
  • man schaut, ob sich nicht doch ein besserer oder billi­gerer Bewerber, im Zweifel besser-billiger findet

Betreiben Sie Ihre Jobsuche deshalb mit Geduld und wie ein Projekt. Defi­nieren Sie ein Ziel, einen Anfang und ein geplantes Ende sowie Meilen­steine zwischen­drin. Erstellen Sie einen Ablauf­plan mit Ihren Akti­vi­täten. Wenn die Firmen schon nicht immer profes­sio­nell agieren, tun Sie´s. Irgend­je­mand muss ja mal anfangen 😉

Bleiben Sie bei der Einschät­zung der Dauer der Jobsuche und bei Ihren Zielen realis­tisch. Je höher, verant­wor­tungs­voller und spezi­eller Ihre vorhe­rige oder jetzige Posi­tion war bzw. ist, desto länger wird die Jobsuche dauern, sofern Ihnen das Glück nicht zufällig hold ist. Erst recht gilt das, wenn Sie für sich selbst Krite­rien defi­niert haben, die einschrän­kend sind: eine 80-Prozent-Stelle, ein Bran­chen­wechsel oder die Fokus­sie­rung auf einen Standort sind solche.

Realis­ti­sche Dauer

Waren Sie mehr als 8 Jahre bei einem Arbeit­geber ange­stellt, rechnen Sie ebenso mit einer längeren Suche. Sie haben dann oft ein spezi­el­leres, unter­neh­mens­spe­zi­fi­sches Profil entwi­ckelt und sind, geht es nicht um eine Stelle bei der unmit­tel­baren Konkur­renz, für neue Arbeit­geber erst einmal schwerer zu fassen. Hinzu kommt, dass Ihre Gehalts­vor­stel­lungen häufig über dem liegen, was Unter­nehmen zahlen wollen. Aber keine Sorge: Sie werden etwas finden – nur eben wahr­schein­lich nicht gleich morgen.

Ein, ja mitunter andert­halb Jahre Suche sind gerade auch dann, wenn Sie nicht jeden Job annehmen wollen, keines­wegs ein zu langer Jobsuche-Planungs-Zeit­raum. Even­tuell müssen Sie im Laufe Ihres Projekts “Jobsuche” auch Ihr Gehalt korri­gieren, wenn Sie fest­stellen, dass Sie über dem Markt­preis liegen. Zu früh “ja” sagen birgt die Gefahr einer zu starken Kurs­kor­rektur. Ein etwas langer Atem zahlt sich meist aus.

Viel schneller und leichter geht die Jobsuche, wenn Sie bislang weit­ge­hend stan­dar­di­sierte Tätig­keiten ausgeübt haben. Eine Vertriebs­mit­ar­bei­terin im Innen­dienst mit SAP-Kenn­t­­nissen kann unserer Erfah­rung nach drei bis sechs Monaten Erfolg melden, auch wenn sie schon 50 Jahre alt ist oder älter. Ähnli­ches gilt für Assis­tenz­stellen, Buch­halter oder andere Posi­tionen, die Kennt­nisse fordern, die sich leicht verglei­chen lassen und am Markt viel­fach vorhanden sind.

Erfolgs­kon­trolle

Voraus­ge­setzt, Ihr Profil stimmt, ist der Erfolg bei einer Jobsuche unserer Erfah­rung nach ein Ergebnis von Diszi­plin, der Fähig­keit zu  falschen Ange­boten „nein” zu sagen und eines regel­mä­ßigen Fein­tu­nings nach der entspre­chenden Erfolgs­kon­trolle.

Wie hoch ist die Einla­dungs­quote? – so lautet beim “Control­ling” diezen­trale Frage. Damit verbunden sind Detail­ana­lysen wie:

  • Wer lädt ein und warum? Sind es die Posi­tionen, mit denen Sie gerechnet haben oder sehen Unter­nehmen etwas in Ihrem Lebens­lauf, das Sie selbst so bisher nicht erkannt haben? Was ist die Konse­quenz daraus?
  • Sind die einla­denden Unter­nehmen die Unter­nehmen, für die Sie arbeiten möchten? Wenn ja, wunderbar. Wenn nein: Was müssen Sie tun, um das zu ändern? Brau­chen Sie eine Unter­la­gen­op­ti­mie­rung? Oder eine gene­relle Profil­schär­fung?

Mindes­tens 10 Prozent

Die Mindest­an­for­de­rung für erfolg­reiche Bewer­bungs­ak­tionen liegt unserer Erfah­rung nach bei 10 Prozent. Das bedeutet: Auf 10 Bewer­bungen erhalten Sie eine Einla­dung. Diese Quote gilt auch bei Initia­tiv­be­wer­bungen, sofern Sie sich nicht bei einem Wett­be­werber Ihrer derzei­tigen Firma bewerben (da sind Einla­dungen oft sicher) oder Absol­vent mit sehr breitem Profil sind (dann sind es oft schlechter aus). Auch im Marke­ting oder Personal können 10 Prozent ganz normal sein.

Haben Sie ein sehr gutes, spezia­li­siertes und aktu­elles Profil, sind aber auch bis zu 80 Prozent Einla­dungen denkbar. 100 Prozent errei­chen hingegen selbst Über­flieger selten. Bei allen mitt­leren Profilen – kein beson­deres, aber solides
Fach­wissen, keine Proble­ma­tiken wie schlechte Note oder Auszeiten im Lebens­lauf — rechnen Sie mit 20–30 Prozent (und wenn nicht denken Sie über Ihre Stra­tegie und eine Bewer­bungs­op­ti­mie­rung nach). Das gilt auch dann, wenn die Stelle sehr gut zu passen scheint. Viele Unter­nehmen handeln nach unge­schrie­benen Anfor­de­rungen, die hinter den Stellen stehen, aber nicht nieder­ge­schrieben sein dürfen — schließ­lich gibt es ja das Allge­meine Gleich­stel­lungs­ge­setz (AGG).

So werden manchmal auch Bewerber aussor­tiert, die eigent­lich passen würden. Weiterhin gibt es immer wieder den Fall, dass Unter­nehmen sich während des Auswahl­pro­zesses erst darüber klar werden, wen genau sie eigent­lich suchen. Bewerben Sie sich im Zweifel also lieber etwas breiter, und auch wenn die Stelle nur 80 Prozent passt, als zu eng und speziell. Zu oft haben wir erlebt, dass am Ende jemand einge­stellt wurde, der auf den ersten Blick so gar nicht passte…

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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4 Kommen­tare

  1. Jasmin 16. Oktober 2012 at 11:22 — Reply

    Vielen Dank für diesen mutma­chenden Artikel. Er gibt eine gute Über­sicht für mich, was normal ist und zeigt mir, dass meine bishe­rige Stra­tegie richtig ist.

  2. Monika 22. Oktober 2012 at 13:58 — Reply

    Hallo Frau Hofert,

    danke für diese Zusam­men­fas­sung. Ich würde nach persön­li­cher Erfah­rung auch 10 Prozent Erfolgs­quote bejahen. Als Bewerber ist einem nicht immer (oder besser gesagt: fast nie ;-)) klar, welche Krite­rien die Unter­nehmen ansetzen. Je länger man sucht, desto unsi­cherer kann man werden. Ich würde Ihrer Aussage auch zustimmen, dass man auf jeden Fall einen langen Atem braucht und nicht das erst­beste Angebot annehmen sollte, wenn man es nicht unbe­dingt nötig hat. Ich werde mir Ihren Blog jetzt genauer anschauen 🙂

  3. Anna 22. Oktober 2012 at 18:11 — Reply

    guten Abend Frau Hofert, Ihr Artikel trifft genau, was ich bei der Stel­len­suche erlebe. Schön, dass Sie es in Worte gefasst haben. Ich finde Ihre Artikel immer sehr span­nend, herz­li­chen Dank dafür. Herbst­liche Grüsse aus der Schweiz

  4. Greta 13. Oktober 2015 at 11:08 — Reply

    Beim Absagen nicht den Mut verlieren! das ist am wich­tigste! http://www.jobkralle.de

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