Kate­go­rien

“Kann die das?” Vertrauen — und wo es anfängt und aufhört

Published On: 13. Februar 2015Cate­go­ries: Führung

Two girls looking each other angryGrie­chen­land vertraut Tsipras, und Petra miss­traut Gülcan. Vertrauen ist Kleb­stoff für Bezie­hungen und Schmier­stoff für Erfolg. Und doch ist es leicht erschüt­terbar, labil und ungleich verteilt. Es kann naiv sein, dann ist es blindes Vertrauen. Oder gewachsen: dann ist es begrün­detes, erfah­rungs­ge­lei­tetes Vertrauen. Vertrauen ist für mich eines der inter­es­san­testen „Konstrukte“ über­haupt, weil es die Grund­lage für nahezu alles ist: für Leis­tung, für Kommu­ni­ka­tion, für Arbeits­zu­frie­den­heit. Team­work ohne Vertrauen funk­tio­niert genauso wenig wie eine Ehe oder eine Nach­bar­schaft in der Reihen­haus­sied­lung. Es lohnt sich also Vertrauen mal aus der Nähe zu betrachten.

Wem vertraue ich?

Die Maßstäbe für Vertrau­ens­wür­dig­keit sind indi­vi­duell verschieden. Soziale Erwünscht­heit macht sie manchmal unsichtbar. Es kann sein, dass jemand dunkel­haa­rigen Menschen weniger vertraut als blonden, Dicken weniger als Dünnen… So richtig zugeben wird das keiner. Und bewusst ist es oft auch nicht. Es gibt also offene und versteckte Krite­rien für Vertrauen. Wenn Sie mich direkt fragen, wem ich vertraue, dann sage ich, Menschen, die verläss­lich und  zuver­lässig sind. Aber ziem­lich sicher sind es auch andere Dinge, die eine Rolle spielen. Es gibt immer einen Subtext. Wenn Sie sich selbst fragen, was Ihr Vertrauen auslöst, so geben Sie viel­leicht eine andere Antwort als ich. Vertrauen ist nämlich viel­schichtig. Es ist einer­seits affektiv, andrer­seits kognitiv. Wenn mir jemand suspekt ist (affektiv), dann vertraue ich ihm auch nicht (kognitiv) – und ganz sicher finde ich dafür dann auch Gründe. Ich muss mich ja selbst darin bestä­tigen, dass ich nicht einfach einem diffusen Gefühl folge…Das ist beim Vertrauen nicht anders als bei der Bewer­ber­aus­wahl: Man folgt dem Subtext, aber man legt sich Argu­mente zurecht, warum man es tut.

Was ist über­haupt Vertrauen?

Vertrauen ist viel mehr als ein Gefühl. Mayer, Davis und Schoorman defi­nierten Vertrauen so: ‚The defi­ni­tion of trust (…) is the willing­ness of a party to be vulnerable to the actions of another Party based on the expec­ta­tion that the other perform a parti­cular action important to the trustor, irre­spec­tive of  the ability to monitor or control that other party.” Vertrauen ist also defi­niert als Umstand, bei dem ein Mensch ein Risiko eingeht, wenn er sich auf eine andere Person verlässt.

Wenn ich meine Mitar­beiter unter meinem Namen arbeiten lasse, dann muss ich ihnen vertrauen. Was wenn Sie sich nicht in meinem Sinn verhielten, die Dinge nicht so sähen und nähmen wie ich? Wenn Sie Konzepte einfach verän­derten? Das meint der obige Satz. Vertrauen hat mit dem Risiko zu tun, das jemand eingeht, wenn er einem anderen vertraut. “Wenn ich meinem Mitar­beiter dieses Projekt gebe, kann es meinen Chef­sessel kosten. Also suche ich mir einen, der.… (kompe­tent, fleißig, bei den Mitar­bei­tern aner­kennt etc.) ist.” Ich lege mir Krite­rien und Argu­mente zurecht.

Ist Vertrauen ein Zustand oder eine Eigen­schaft?

Vertrauen kann eine Persön­lich­keits­ei­gen­schaft, aber auch ein Habitus, also Verhalten sein. Es ist als Persön­lich­keits­ei­gen­schaft ein mehr oder weniger stabiler Zustand und als Verhalten situativ unter­schied­lich. Es gibt Menschen, die mehr vertrauen, und andere, die es weniger tun. Damit einher gehen Stärken, die umge­deutet auch Schwä­chen sein können: Vertrau­ens­volle Menschen gehen offener auf andere zu (Stärke). Sie hinter­fragen dagegen nicht (kann man als Schwäche sehen). Menschen, die zu Miss­trauen neigen, sind dagegen eher kritisch. Deswegen findet man sie öfter in Jobs, in denen eine kriti­sche Haltung auch Erfolgs­grund­lage ist, etwa im poli­ti­schen Jour­na­lismus oder im Bereich Recht, vor allem auch Straf­recht. Miss­traui­sche Menschen über­prüfen eher „stimmt das?“, was vertrau­ens­volle Menschen ganz schön anstrengen kann. Aber was wäre die Welt ohne kriti­sches Hinter­fragen? Ein Ponyhof, der auch ganz schön lang­weilig ist.

Pädagogen greifen gern in den Topf der Bindungs­theorie und sehen beim Vertrauen einen Zusam­men­hang mit den Bindungs­er­fah­rungen: Menschen, die eine so genannte sichere Bindung hatten, vertrauen mehr. Psycho­logen analy­sieren den Zusam­men­hang von Vertrauen mit anderen Faktoren, etwa der Kommu­ni­ka­tion. Dieser ist, wenig über­ra­schend, klar gegeben. So wie Vertrauen auch einer der Bausteine für erfolg­reiche Teams ist, wie ich hier geschrieben habe.

Die Stärke des Vertrauens

Die Stärke des Vertrauens ist, dass es frucht­bare Zusam­men­ar­beit erst ermög­licht. Wer in die Fähig­keiten des anderen vertraut, wird Komple­xität viel besser bewäl­tigen, weil der Kuchen gemeinsam geba­cken wird. Der eine tut Butter dazu, der nächste Mehl, ein anderer Zucker — und der der letzte rührt. Die Butter muss dem Mehl zutrauen, einen guten Job zu machen. Deshalb hat Vertrauen auch viel mit der Wahr­neh­mung von Stärken zu tun, den eigenen und denen der anderen. Dazu braucht es Kommu­ni­ka­tion – und Zeit.  Damit ich sagen kann „das ist eine Stärke von X, also vertraue ich X das Gebiet A an, weil .….“, muss ich eine Zeit­lang beob­achten können. Und auch reflek­tieren, was Stärken sind und woran sie sich zeigen.

Das Risi­ko­po­ten­zial von Vertrauen

Grie­chen­land vertraut Tsipras, weil er Hoff­nung macht. Obwohl das Volk “vulnerable” ist (siehe Defi­ni­tion von Vertrauen oben), der Schuss also nach hinten losgehen kann. Das deutet auf das Risi­ko­po­ten­zial, welches Vertrauen hat. Menschen vertrauen gern Menschen, die ihnen etwas verspre­chen, das ihnen nutzt. Sie biegen sich Argu­mente zurecht und sie beachten nur die Studien, die sie bestä­tigen. Wer vertraut, sollte deshalb seine Mecha­nismen kennen, danke für die inten­sive Forschungs­ar­beit in diesem Zusam­men­hang an Amor Tversky und Daniel Kahne­mann (“schnelles Denken”). In Unter­nehmen und Teams würde das Bewusst­sein der eigenen Wahr­neh­mungs­muster auch helfen, gefähr­li­ches Vertrauen von frucht­barem zu unter­scheiden und solche Phäno­mene wie Groupt­hink verhin­dern helfen.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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5 Kommen­tare

  1. Silke Loers 13. Februar 2015 at 9:40 — Reply

    Liebe Svenja,

    Wem vertraue ich? Vertrauen hat für mich auch ganz viel mit dem ersten Eindruck oder nennen wir es Intui­tion oder Bauch­ge­fühl zu tun. Meist weiß ich im ersten Kontakt, “ja, dem oder der kann ich vertrauen!” oder auch nicht vertrauen. Wenn ich wirk­lich konse­quent auf dieses erste Gefühl höre, fahre ich gut damit.
    Bei manchem Menschen schadet auch eine gesunde Portion Miss­trauen auch nicht, das macht aufmerksam.

    LG Silke

    • Svenja Hofert 13. Februar 2015 at 10:43 — Reply

      Hi Silke, bei mir ist es anders, sicher habe ich ein erstes Gefühl, aber ich über­prüfe es. Gute Insti­tu­tion braucht Beweise und viel Erfah­rung. Und ich bin mir stets bewusst, dass ich mich einlullen lasse, durch Aussehen, Namen, Botschaften.… Und das hinter­frage ich sehr stark. Damit fahre ich ziem­lich gut. LG Svenja

  2. Natalie Schnack 28. Februar 2015 at 11:15 — Reply

    Liebe Svenja, liebe Silke,

    ich habe eben­falls eine ausge­prägte Intui­tion. Mein. Bauch­ge­fühl ist sehr wichtig. Aller­dings hinter­frage ich das Bauch­ge­fühl auch immer wieder. Mir ist es wichtig, ein möglichst objek­tiven Eindruck von einer Aver­sion zu bekommen, jenseits meiner Projek­tionen und Trigger. Wwas natür­lich nur einge­schränkt leistbar ist, ich bin je (noch) nicht erleuchtet

  3. Natalie Schnack 28. Februar 2015 at 11:25 — Reply

    Huch, mein Kommentar ist nur zum Teil sichtbar und mit Freud­schen Verspre­chern?!

    Was ich tatsäch­lich dachte:

    Ich habe auch eine ausge­prägte Intui­tion, die ich aller­dings hinter­frage. Ich will einer Person möglichst objektiv begegnen, jenseits meiner Projek­tionen und Trigger, was nur einge­schränkt leistbar ist für mich als Nicht-Erleuch­­tete.

  4. Steffen 29. Januar 2022 at 21:47 — Reply

    Eine Studie der Uni Wien stellte fest, dass Vertrauen Kopf­sache ist und eine intakte baso­la­te­rale Amyg­dala notwendig ist, um einer Person Vertrauen zu schenken und sich in kriti­schen Situa­tionen auf den anderen verlassen zu können. In dieser Studie wurde ein Verhal­tens­ex­pe­ri­ment durch­ge­führt – das soge­nannte Vertrau­ens­spiel, bei dem Teilnehmer:innen bei ökono­mi­schen Inter­ak­tionen lernen, dass einer groß­zü­gigen Mitspie­lerin zu vertrauen ist und einer selbst­süch­tigen Mitspie­lerin nicht. Die Urbach-Wiethe-Patient:innen mit der baso­la­te­ralen Amyg­­dala-Schä­­di­­gung konnten das nicht lernen und haben sowohl die groß­zü­gige als auch die selbst­süch­tige Mitspie­lerin gleich­be­han­delt. Nicht etwa allge­meine Lern­pro­bleme oder der sozio­öko­no­mi­sche Status waren demnach für die Defi­zite bei der Vertrau­ens­bil­dung der Proban­dinnen verant­wort­lich.

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